Verwundert reibt sich die verehrte Leserschaft die Augen. Was soll das jetzt wieder? Matilda in der Oper rät zur Abstinenz? Zum Reißaus? Ja und nein. Den vermeintlichen Widerspruch löse ich gleich auf. In den nächsten Wochen freuen wir uns auf so zauberhafte Musikabende, dass ich diesmal eine Lanze für drei Konzerte brechen: Allein die Namen der Akteure bürgen für deren Qualität. Denn seien wir ehrlich: Wem nützt eine Besprechung, wenn das Konzert nicht – wie eine Oper – für die ganze Spielzeit auf dem Plan steht?
La Gioconda von Amilcare Ponchielli
Benvenuto a Venezia! Strahlende Schönheit und dunkle Gassen, stolze Weltmacht mit morbiden Abgründen, Schauplatz für die Filmkaiserin Sissi mit ihrem Franzl genauso wie für trauertragende Gondeln. Und eben auch für die Oper La Gioconda, die auf dem Markusplatz, der Giudecca, einer unbewohnten Insel und auf einem Schiff in der Lagune spielt. Die Uraufführung erlebte der Komponist Amilcare Ponchielli am Teatro alla Scala 1876 in Mailand.
Marx in London – Another Day of Follies
Weltpremiere! So ein Ereignis feiert die Oper Bonn nicht alle Tage. Sie ließ Karl Marx wiederauferstehen und setzte dem Übervater des Kommunismus ein musikalisches Denkmal. Ja, vieles drehte sich um das Kapital, sowohl im Plot als auch in Marx‘ großer Arie zur Mitte der Tragikomödie in zwei Akten. Heiteres wechselte sich mit Schwerem ab, die Fallhöhe der Ikone bot reichlich Raum für Menschliches, allzu Menschliches.
David Parry – ein Dirigent von Weltruf für Marx in London
Zum dritten Mal hat ein Dirigent für ein Interview zugesagt. Im Spätsommer durfte ich eine wunderbare tea time mit dem up and coming ersten Kapellmeister Hermes Helfricht verbringen. Vor fast genau einem Jahr hatte der virtuose Dirk Kaftan ein Mittagsstünden Zeit für mich. Also „ganz jung“ war genauso vertreten wie der erfahrene Generalmusikdirektor. Und jetzt warte ich gespannt auf David Parry, eine „old hand“, wie man auf Englisch sagt, einen Dirigenten von Weltrang, der sich besonders mit Belcanto-Interpretationen einen Namen gemacht hat.
Marx in London – ein Auftragswerk für die Oper Bonn
Das Marx-Jahr zum 200. Geburtstag des großen Wissenschaftlers, Kapitalismuskritikers und Revolutionstheoretikers neigt sich dem Ende zu. Und wo Karl Marx ja schon sowieso einer von uns ist – er wohnte in Bonn in der Josefstraße, im Revoluzzerjargon nur einen Steinwurf entfernt von der Oper – erhält er auch hier ein Denkmal. Nicht eine überdimensional und -mächtige Statue wie in Trier, sondern eine Oper. „Bonn kümmert sich am kompetentesten um den Jubilar“ – so führte Generalintendant Bernhard Helmich mit einem Augenzwinkern in die Matinee ein.
Wagners Lohengrin – Glanz und Wonne
Der Lohengrin strahlt blau. Und nicht erst seit Bayreuth 2018; das wussten schon Friedrich Nietzsche und Thomas Mann. Wie viel von dieser Königsfarbe kam in Bonn zur Geltung? Wohltuend wenig, um mal mit Richard Wagner zu stabreimen. Was sich auf der Opernbühne im Theater Bonn darbot, überstieg die kühnsten Erwartungen. „Besser als Bayreuth“, „Besser als Stuttgart“, „Das Beste, was ich je auf der Bühne hier erlebt habe“ – so mehrten sich die Stimmen von wirklichen Opernkennern, die allesamt in höchstes Lob mündeten.
Marco Medved – Maestro del Coro
Mailand klingt auf Italienisch schon wie Musik. Milano, die vokalträchtige Hauptstadt der Lombardei und Marco Medveds Heimat. Da assoziieren wir gleich La Scala und Giuseppe Verdi. Wer es ganz gut mit Bonn meinte, nannte in den 80er Jahren unser kleines Opernhaus gerne die Scala am Rhein. Zu den Zeiten der Bonner Republik gaben Weltstars sich auf dieser Bühne die Ehre. Daran erinnern sich gern auch einige Chorsänger, die diese goldenen Zeiten selber miterlebt haben.
Lohengrin – ein Operngigant wirft seine Schatten voraus
„Es gibt ein Glück!“ So Elsa voller Zuversicht in der zweiten Szene des zweiten Aktes in Richard Wagners Lohengrin, also exakt auf der Mittelachse der Oper. Das Publikum applaudierte gerührt und gleichermaßen begeistert, als Anna Princeva im Duett mit Dshamilja Kaiser als Ortrud die Schlüsselszene als Kostprobe darbot. Der Lohengrin feiert in zwei Wochen Premiere und Operndirektor Andreas K.W. Meyer hatte zur Matinee geladen.
Hermes Helfricht, der neue erste Kapellmeister der Oper Bonn
Das Glück wohnt im Rheinland, titelt der General-Anzeiger am 12. Oktober 2018. Dies unterstreicht der neue erste Kapellmeister mit heftigem Kopfnicken. Glücklich schätzt er sich selbst, weil er hier in Bonn eine tolle Stelle, ein großartiges Orchester, wunderbare Menschen und ein nahezu mediterranes Flair in der schönen Stadt am Rhein angetroffen hat. Der Sommer ist so verliebt in uns wie wir in ihn: Er kann uns nicht lassen. Mitte Oktober sitzen wir im Straßencafé bei 26 Grad und nehmen uns zwei Stündchen zum Plaudern.
Xerxes – barocke Oper im Märchenland
Alle lieben Romilda. Die süße Zuckerpuppe hat ihr Herz an Arsamene, den Bruder des Königs Xerxes, verloren. Der Herrscher allerdings begehrt die hübsche Tochter seines Feldherrn Ariodat nun ebenfalls, nachdem die Raketenplatane seine Liebe nicht erwidert. Das liefe ja auf ein Duell der Platzhirsche hinaus, wenn da nicht Atalanta, Romildas Schwester, auch in Arsamene das Objekt ihrer Begierde sähe. Um dem Beziehungskarussell noch mehr Fahrt zu geben, spielt auch Xerxes‘ Verlobte Amastre eine (eifersüchtige) Rolle.