Lohengrin – ein Operngigant wirft seine Schatten voraus

„Es gibt ein Glück!“  So Elsa voller Zuversicht in der zweiten Szene des zweiten Aktes in Richard Wagners Lohengrin, also exakt auf der Mittelachse der Oper. Das Publikum applaudierte gerührt und gleichermaßen begeistert, als Anna Princeva im Duett mit Dshamilja Kaiser als Ortrud die Schlüsselszene als Kostprobe darbot. Der Lohengrin feiert in zwei Wochen Premiere und Operndirektor Andreas K.W. Meyer hatte zur Matinee geladen. 

Und knapp 200 Menschen fanden sich im Opernfoyer ein – darunter sicher die Fangemeinde und echte Wagnerianer. Die Treue zu diesem Komponisten gleicht mitunter einer Glaubensfrage, wie sie ähnlich auch in der Oper selbst thematisiert wird.

Eisermann_MeyerAber zunächst zu den Diskutanten auf dem Podium. David Eisermann, bekannt als Moderator vom Mosaik auf WDR3, gelang es vorzüglich, prägnant in die Kontextfülle des Lohengrin einzuführen. Wagner bediente sich zahlreicher Quellen, darunter eines überlieferten Märchens und der Gralssage Parzival von Wolfram von Eschenbach. Im mittelalterlichen Epos spielt der Sohn des Titelhelden nur eine marginale Rolle. Vielleicht hat das Wagner bewogen, dieser Figur seinen Stempel aufzudrücken, ihn mit der Heilsbotschaft zu versehen und damit für immer unsterblich zu machen.

Gleichzeitig öffnete er den historischen Zusammenhang. 1848/49 war das Jahr der bürgerlich-studentischen Revolutionen, eine Einigung des Reichs mit demokratischer Verfassung war noch nicht in Sicht. Wagner arbeitete als Kapellmeister in Dresden und sah sich als Teil der Aufständischen – wenn auch aus sicherer Distanz. Gewehrsalven und Kämpfen ging er wohlweislich aus dem Weg. Immerhin musste er die sächsische Landeshauptstadt verlassen – ein Steckbrief war auf seinen Kopf ausgestellt. In dieser Zeit entstand der Lohengrin. Brüche, Verunsicherungen, Gewalt, Zukunftszweifel – all das spielt in der Oper eine Rolle. 1850 dann die Uraufführung am großherzoglichen Hoftheater in Weimar.

Revolutionierte der Lohengrin die Oper, während ihr Schöpfer mit einer neuen Gesellschaftsordnung kokettierte? Auf jeden Fall ist sie das erste durchkomponierte Musikdrama und zweifellos präsentiert sie eine bis dato unerhörte Vielschichtigkeit und einen Reichtum an Facetten, die nun Marco Arturo Marelli erläutert. Er führt Regie, hat das Bühnenbild entworfen und gestaltet das Licht. Three-in-one? Marelli begann seine künstlerische Laufbahn in Bonn, trägt den Ehrenring der Wiener Staatsoper und darf sich mit Recht einer Weltkarriere rühmen. Seine außerordentliche Freude über Marellis Zusage, wieder in Bonn zu inszenieren, hatte der Operndirektor an anderer Stelle zum Ausdruck gebracht. Der Regisseur andererseits zeigte sich begeistert von der familiären Atmosphäre der Bonner Oper, den fantastischen Musikern und Sängerdarstellern.

Sich selbst sieht er als Medium, das die Komplexität des Stücks in der heutigen Zeit und für alle runterbricht. Von der historischen Belastung gerade des Lohengrin hat er sich gleich zu Beginn freigemacht, den fürchterlichen Ballast abgeworfen. Es ist bekannt, dass es sich um Hitlers Lieblingsoper handelt, dass die Nazis sie für ihre Blut-und-Boden, Treue-Gott-und-Vaterland-Ideologie missbraucht haben. Legendär der Knabe Gottfried 1936 mit dem hochgereckten rechten Arm in Bayreuth.

Anders als Märchen oder die Sage ist die Oper von Anfang an auf die Katastrophe hin programmiert. Wagner stattet seinen Protagonisten mit einem (narzisstisch übersteigerten) Sendungsbewusstsein aus. Er kommt in die Welt, um sie zu erlösen. Sofort assoziieren wir die christliche Heilsbotschaft. Hier sieht Marelli den Grundkonflikt zwischen den beiden Frauenfiguren: Elsa als Vertreterin des Christentums, die davon überzeugt ist, dass Gott ihr den rechten Mann schicken wird. Ihr gegenüber Ortrud, die mit den heidnischen Göttern im Bunde steht. Schön anzusehen und noch viel schöner anzuhören, wie Anna Princeva und Dshamilja Kaiser ihr Duett darbrachten. Der dunkle, böse, verschlagene Mezzo ganz in Schwarz, die (gut-)gläubige Elsa in Weiß mit strahlendem Sopran und voller Zuversicht.

Schon das Vorspiel mit seinen betörenden Sphärenklängen sei religiös, meint Marelli. Darin sehe er Elsa, eine faszinierende Figur mit einer Vision, dem Käthchen von Heilbronn und Johanna von Orléans ähnlich. Nur – bei der einen geht’s gut aus, bei der anderen ebenso tödlich. Ja, das Frauenbild im Lohengrin. Gehorsame Unterwerfung, fragloses Folgen, dem Manne ganz untertan. Da dreht sich modernen Frauen ja der Magen um. Und Männern auch, insbesondere dem GMD Dirk Kaftan, der noch eins draufsetzte: „Das ganze deutsche Gedöns mit Schwert und Reich und hastenichgesehen“ müssen wir heute doch gründlich gegen den Strich bürsten.

Wie Elsa und Lohengrin zum ersten Mal aufeinandertreffen und das „Regelwerk ihrer Beziehung“ etablieren, zeigen und singen Anna Princeva und der Tenor Mirko Roschkowski, darin natürlich die Schicksalsfrage, die Elsa alle Flügel kappt. Aber wie tritt dieser Fremde überhaupt auf? Steigt aus dem Schwanenboot und sagt dem König mal gleich den Sieg im Feldzug gegen die Hunnen voraus. Anmaßend, oder?  Alleswissend, alleskönnend, allesbestimmend. Fraglos eben, der Heilsbote unbefragt.

Kaftan_Mirko_2.jpg

Frage an Dirk Kaftan: „Kann er in der musikalischen Interpretation Ballast abwerfen?“  Bevor der GMD – wie schon öfter – Wagners geniale Handhabung der Tonartwechsel und der Modulation am Flügel demonstriert, stellt er fest. „Wir müssen das Werk ernstnehmen. Es steckt voller Archetypen der deutschen Kultur, und Musik bedeutet immer Dialog. Aber das Märchenhafte und das Mythische zu thematisieren und vor allem das Machotum als narzisstisch zu entlarven, das halte er für angemessen.  Das gleichermaßen Fesselnde wie Aktuelle dieser Oper sei der Sog, den die Musik erzeugt. Keine Nummer kommt zum Schluss, alles bleibt immer offen hängen …

In der Zwischenzeit hat Mirko Roschkowski alias Lohengrin im roten Sessel auf dem Podium Platz genommen. Er analysiert kurz die politische Implikation des Stücks: Lohengrin sagt dem König voraus, sein siegreicher Name werde ewig auf der Erde erhalten bleiben. Stopp. Der Gralsritter befindet sich doch auf Gralsmission. Sobald er Elsa gerettet hat, heißt es „mission accomplished“. Von Liebe und Heiraten war nicht die Rede. Im Gegenteil, die überirdischen Kräfte sind den Rittern ja wegen ihres keuschen Lebens und ihrer Gottgefälligkeit gegeben. Der Tenor fand es anfangs schwierig, als Deutscher so oft „Heil“ und so viel von Gott zu singen. Und obwohl die Oper für politische Zwecke so missbraucht wurde, sei doch der Auftrag auszuführen. Was Lohengrin mit viel Schneid erledigt.  Ihn als Sängerdarsteller beschäftigt immer, wie er das Menschenmögliche – also auch die Abgründe – auf die Bühne bringt und verkörpert. Im Lohengrin  menschelt es in der Hinsicht ganz gewaltig: Machttrieb, Ungerechtigkeit, Intrigen werden in dieser Oper auf die Spitze getrieben. Kunst betrachtet er als elementare Frage der Menschlichkeit.

Mit Eisermanns Frage nach der Logistik in dieser Oper kann Dirk Kaftan nichts anfangen. Er gibt stattdessen lieber Antworten auf die Frage: Was steht hinter den Tönen? Und jetzt gibt’s eine spontane Einführung in die Wagner-Lieblingstonart As-Dur über verschiedene Stufen hin zur Macho-Tonart C-Dur. „Wenn Sie nicht völlig hörverschmutzt sind, erkennen Sie diese Wechsel und ihre Bedeutung.“ So lockt Elsa immer wieder Lohengrin in ihre Tonart, allerdings ohne Happy-End.  Diese Tonarten  bilden Welten ab, so Kaftan. Das Vorspiel verheißt: Hier klingen Gefilde, wo wir von Trieben und Gier vollkommen erlöst sind, wo wir den Glanz des Vollkommenen durch den Nebel wahrnehmen, die finale Transzendenz.

Hier ergreift noch einmal Marelli das Wort. Die Menschen im Lohengrin sind Suchende, abgebildet zunächst in der Harmonie, aber auch optisch sichtbar. So erscheint Lohengrins Ort der Transzendenz blau leuchtend am Firmament. Elsa erhält einen eigenen Raum, um den herum sich das Chaos der Mobilmachung darstellt, in einem leeren, grauen Bühnenhaus, wo der Chor agiert. Mehr Details zur Inszenierung bleiben weiter verborgen.

Welche Erwartungen sind nun mit diesem Stück verknüpft? Dirk Kaftans Ehrgeiz besteht darin, zunächst einmal seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden (wie auch Mirko). Wir wissen, da legen beide die Latte ganz hoch. Aber Kaftan will mehr: das Publikum mitnehmen, anstiften, um mit den Ahnen ins Gespräch zu kommen und die Zukunft zu gestalten. Die geht uns schließlich alle an. Er nutzt das Schlusswort auch zu einem dringenden Appell. Einmalig in der Geschichte der BRD sei es, die Abschaffung der Oper möglicherweise einer Bürgerbefragung anheimzustellen und damit polemisch zu spalten: Kindergarten, Schwimmbad oder Oper. Absurd sei es zu behaupten, die Oper sei hoch subventioniert, damit „reiche, elitäre Säcke“ unter ihresgleichen ihren Spaß haben. Das Gegenteil sei der Fall. In die Kulturstätten fließt öffentliches Geld, damit alle dorthin gehen.

Sein Appell: Bringt Freunde mit und junge Leute! Ja, lieber Herr Kaftan, Ihre Adressaten sind ja gerade diejenigen, die die Botschaft bereits vernommen haben. Aber ich schließe mich ihm unbedingt an, weil ich sein Anliegen teile. Ich liebe die Oper und schreibe unter anderem auch diesen Blog, damit noch-nicht-Publikum hier liest, wie mitreißend, aufwühlend aber auch berauschend und beglückend Musiktheater auf uns wirkt.

Anna_Igor_Dshamilja.jpgDas beste Beispiel: die heutige Matinee. Kurzweilig, tiefgründig, lustig, spannend, vielstimmig, ergreifend. Wir haben gelernt und gelacht. Was willste mehr? Alle hatten Spaß wie Anna Princeva, Igor Horvat und Dshamilja Kaiser.  Oper ist auch jung und lustig, leidenschaftlich und mitunter albern. Darum auch mein Appell an die verehrte Leserschaft: Teilt die Blogbeiträge, erzählt allen von meinen Berichten, die ich für interessierte Laien schreibe.

Wir sehen uns – wie immer live in der Oper.

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