DER ZWERG – Kindergeburtstag in Köln

Partyyyy! Vor dem Auftakt Animateurinnen, die das Publikum einstimmen auf eine quietschbunte Show. Zuckerwatte statt Glühbirnen, Riesenlollis in Pastell, die Hofdamen in farblich darauf abgestimmten Outfits, allerdings in billigem Theatertaft. Schrill pinke Cupcakes servieren den Schampus auf dem Laufsteg, der hier in Köln die Welt bedeutet und mitten durchs erlauchte Publikum an den Bistrotischen führt. Eine Welt aus Botox, Hyaluron und dem Selfie-Wahn, instagrammable zu sein und zu bleiben.

TURANDOT – eine Eisprinzessin aus sagenhafter Vorzeit

Ganz großes Kino! Die Oper Köln präsentiert mit Turandot ein monumentales Spektakel. Die Kino-Metapher mag sich mittlerweile ein wenig abgenutzt haben, aber die Regisseurin Lydia Steier spielt selbst mit dem Begriff: KINO als riesige rote Zirkus-Leuchtschrift prangt zunächst über dem saalfüllenden Bühnenbild. 2017 feierte Giacomo Puccinis letzte und leider auch unvollendete Oper hier ihre Premiere. In der Zwischenzeit hat die Aktualität von Macht und Greueltaten, Unterdrückung und Gewalt eher zugenommen. Und das nicht nur in China!

ASRAEL – Dolby-Surround im Opernhaus

Kosmische Klänge und infernalische Teufelstänze – eine bombastische Musik zieht das Publikum in einen Bann, der sich erst im gigantischen Schlussapplaus löst. Was wie rheinische Übertreibung klingt, beschreibt das Stimmungsbild dieser Premiere in der Oper Bonn. Dort erlebt das Publikum die fast vergessene Oper Asrael des italienischen Komponisten Alberto Franchetti, der mit der Uraufführung in Reggio Emilia 1888 einen Sensationserfolg erzielte. Das Stück wurde auf vielen Bühnen in Europa und Amerika gespielt, bis es 1926 fast für immer in den Archiven versank. Franchetti war Jude und sein gesamtes Werk fiel in Deutschland ab 1933, in Italien dann fünf Jahre später den Rassengesetzen zum Opfer. Jetzt erfolgt die Renaissance am Theater Bonn, das sich mit der Reihe Fokus ’33 zum Anwalt zahlreicher verschütteter Opernpreziosen gemacht hat.

MIRANDA – Showdown in der Kirche

Ein Kirchenraum, ein Kammerspiel, die Kostüme thirty shades of black and grey. Naturalistisch im Hier und Jetzt die Vorbereitungen für eine feierliche Beerdigung mit weißen Lilien auf dem Sarg der Verstorbenen. Der graue Sichtbeton des Brutalismus als Rahmen für die sukzessive Entlarvung von Schuld und Verstrickung. So kehren die Figuren aus William Shakespeares letztem Drama The Tempest jetzt mit der Musik Henry Purcells auf die Opernbühne zurück. 2017 an der Pariser Opéra Comique uraufgeführt, begeistert Miranda nun in Köln zum ersten Mal an einer deutschen Oper das Publikum.

Les Troyens – Und Troja lebt in Rom weiter

Ein elegantes Pferd mit grazil ausschreitenden Hufen bahnt sich auf einer riesigen semi-transparenten Leinwand den Weg: Aus der temporären Opernspielstätte im Staatenhaus in Köln zieht es stolz hinaus in die Herbstnacht. Wie anders das mythologische trojanische Pferd, grob und ungeschlacht gezimmert, das mit waffenklirrenden Kämpfern im Bauch den Untergang Trojas einläutet. Für das Ungetüm reißen die Trojaner Mauern ein und ziehen mit eigenen Kräften das Danaergeschenk in die Festung ihrer zehn Jahre lang uneinnehmbaren Stadt.

Il Barbiere di Siviglia

Zunächst Avantgarde, dann Legende, heute Kult – was haben Otto Schenks Rosenkavalier, Ruth Berghaus‘ Il barbiere di Siviglia und die Rolling Stones gemeinsam? Die Strauss-Inszenierung aus Wien, Rossinis Top-Seller aus der Staatsoper Unter den Linden und die weltweiten Touren von Mick Jagger und seiner Band sind Bühnengiganten, die auch nach Jahren und Jahrzehnten mit Spitzenqualität aufwarten. Die Oper Köln gönnt sich und dem Publikum nun als glänzenden Abschluss für eine gleichermaßen faszinierende wie aufregende Spielzeit Gioacchino Rossinis Opera buffa Il barbiere di Siviglia ossia L’inutile precauzione, die seit ihrer Premiere 1816 zu den echten Repertoire-Rennern zählt.

Thilo Beu – Fotograf aus Leidenschaft

Urkundlich erwähnt wurde die Familie Beu bereits im 30-jährigen Krieg. Sie lebte in Königswinter und verlagerte so langsam ihren Lebensmittelpunkt genau 10 Kilometer rheinabwärts ins heutige Beuel. Dem Dorf auf der rechten Rheinseite verlieh die Familie seinen Namen – und noch heute tummeln sich dort viele Nachfahren mit dem Namen Beu. Mit einem Augenzwinkern beantwortet Thilo Beu meine erste Frage nach seiner Herkunft und schon ist klar: Das wird ein anregender Nachmittag. Denn ich höre gern gute Geschichten und bin davon überzeugt, dass sich die folgenden als deutlich wahrer entpuppen als diese kleine genealogische Flunkerei.

Li-Tai-Pe oder die Liebe zur Poesie

Trunkenbold, Bösewicht, Tunichtgut und Weiberheld – so urteilen die dienstbeflissenen hohen Beamten am Hof des Kaisers von China über Li-Tai-Pe. Das gemeine Volk allerdings, aus dem der liebenswerte Suffkopp stammt, erhebt den Poeten im Lobgesang zum Idol : „Der Welten Kaiser ist der Dichter.“ In dieses Gefälle platziert Clemens von Franckenstein seine kleine, feine Oper Li-Tai-Pe, uraufgeführt 1920 in Hamburg. Eine Preziose in der großen Schatzkiste all‘ jener Werke, die nach 1933 nicht mehr gespielt wurden und dann nach dem Krieg in Vergessenheit gerieten. Die Oper Bonn hat mehrfach richtige Coups gelandet, indem sie solche Schätze hob wie Penthesilea, Oberst Chabert oder Leonore 40/45.

Alles geplant, als wäre gar nichts – die Spielzeit 2022/23 am Theater Bonn.

In die Vollen gegriffen hat das Theater Bonn mit Oper und Schauspiel für die nächste Spielzeit. Acht Premieren und drei Wiederaufnahmen stehen auf dem Programm des Musiktheaters, ganze 14 Stücke will das Schauspiel präsentieren. Wenn, ja wenn … „Dieser Plan kann nur coronafrei realisiert werden“, so der Generalintendant Dr. Bernhard Helmich. Aber Optimismus zeichnet die Theatermacher aus: Die trotz Pandemie erfreuliche Entwicklung der Besucherzahlen gibt ihnen allen Grund dazu. Die Bonner Bürgerinnen und Bürger lieben ihre Kultureinrichtungen und zeigen in der Krise ihre Loyalität.