Guy Montavon und Hank Irwin Kittel zu Gast bei den Opernfreunden Bonn

Der Mann hat ein Anliegen. Und er hat etwas zu sagen. Und bringt spontan seinen Ausstattungsleiter mit. Im Klavierhaus Klavins in Bonn-Beuel fanden sich rund 30 Gäste der Opernfreunde Bonn ein, um sich auf die Doppelpremiere von Cavalleria Rusticana und Pagliacci einzustimmen. Der Erfurter Generalintendant Guy Montavon ließ eine wichtige Probe zu seiner aktuellen Regiearbeit hier an der Oper Bonn sausen und stand dem Moderator Dr. Benedikt Holtbernd Rede und Antwort, an vielen Stellen unterstützt von Hank Irwin Kittel, der für die Bühne der beiden italienischen Verismo-Opern verantwortlich zeichnet. Welche Geheimnisse gaben sie zweieinhalb Wochen vor der Premiere preis?

Die Referenz für alle folgenden Inszenierungen von Cavalleria Rusticana und Pagliacci bildet die legendäre Regie und der grandiose Erfolg der Aufführung unter Giancarlo del Monaco hier in Bonn 1995 – ein Meilenstein der Operngeschichte.  Zu der Zeit, als Bonn noch vom Ruf der „Scala am Rhein“ profitierte und Sänger von Weltruhm wie Placido Domingo oder René Kollo am Boeselagerhof zu hören waren. Damals war Guy Montavon Regieassistent des als schwierigen, ungezogenen, trotzigen, aber genialen Lehrmeister bekannten del Monaco an der Produktion beteiligt. Natürlich könne man die ästhetisch grandiose Inszenierung nicht neu auflegen – die Zeiten haben sich geändert und das Publikum auch. „Versuch’s mal!“ lautete der leicht süffisante Kommentar des Maestro, als er von Montavons Neuinszenierung hörte. „Wow!“ folgt dann auf dem Fuße, als del Monaco Details vom neuen Ansatz erfuhr. Was verleitete die Koryphäe zu so spontanem Zuspruch? Hatte doch Montavon dem hiesigen Generalintendanten Dr. Bernhard Helmich gegenüber verlauten lassen, bei dem Angebot  handle sich möglicherweise um ein Danaergeschenk. „Wer traut sich schon, in Bonn die Neuinszenierung in die Hand zu nehmen?“Präsentation1

Es wird nicht Sizilien! Es wird ein puristisches Bühnenbild. Den Prolog aus den Pagliacci (Der Bajazzo) stellen die  Macher beiden Werken voran. Handelt es sich doch um ein Manifest des Verismo. Für das Bühnenbild haben sie sich vom Vektor „Masken“ inspirieren lassen und formen zwei Totenmasken der beiden Komponisten, Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo. Die gibt es in Wirklichkeit nicht. Diese Masken bauen sie zu meterhohen Figuren auf, die schließlich nach hinten wegkippen und eine Landschaft bilden, in der die Menschen sich bewegen. Und die Kostüme? Wer auf Bauern, Weinhändler, fahrendes Volk hofft, wird enttäuscht. Hier tragen die Solisten und Chöre (!) Kostüme einer bürgerlichen Gesellschaft, in der die Menschen sonntags in die Kirche gehen.

Übrigens: Die Tatsache, dass sich das Eifersuchtsdrama in Cavalleria Rusticana am Ostersonntag ereignet, schlägt sich in der Oper nicht weiter nieder. Vom Auferstehungsgedanken keine Spur. Das Stück handelt nicht von Religion, schon gar nicht vom Katholizismus, sondern von Riten und Ritualen, von der Osterprozession oder von den kleinen fahrenden Gauklern und Wanderbühnen.

Aber es wird eindeutig Italien. Der Diskurs findet statt im Weiheraum vor einer Friedhofsmauer mit zahlreichen Kassetten statt wie in einem antiken Theater, einer Art Kolosseum. Und wie inszeniert man nun das Lokalkolorit? Das besorgt die Musik, sie stellt malerisch die Szenerie dar, symbolisiert die Farben der Region. Und dabei darf man sich getrost auf die Partitur verlassen – sie umzusetzen sei schwierig genug.

Nach 23 Jahren arbeitet Guy Montavon also zum ersten Mal wieder in Bonn. Er vermisst die Bonner Glanzzeiten, bescheinigt aber unserer Oper einen gut renommierten Platz im Ranking der bundesdeutschen Opernhäuser. Seine eigenen Meilensteine hat er mittlerweile in Erfurt gesetzt, wo er seit 15 Jahren als Generalintendant äußerst erfolgreich wirkt. Einem Glücksfall der Nach-Wende-Geschichte hat er es zu verdanken, dass er zu einem Neubau auf einer Industriebrache kam, in den damals erhebliches Geld floss. Diese Aussicht auf einen echten Start von Null habe ihn damals „geflasht“.

Was anders sei im Osten? Zunächst einmal habe er die große Aufgabe angepackt, einer Greueltat der DDR kreative Lösungen entgegenzusetzen. Die SED habe das Bildungsbürgertum, also die Menschen, die mit Literatur, Musik und Kunst vertraut waren und sich mit deren Gedanken kritisch auseinandersetzten, auszurotten versucht. Sie habe eine ganze Gesellschaft normiert und mit Zensur belegt. Diese Lücke gelte es aufzufüllen. Montavon zeigte sich zuversichtlich, dass in zwei Generationen nach dem großen Umbruch diese geistige Wende auch vollzogen sein werde.

Warum der Osten? Er wolle nirgendwo anders leben. In der rush hour benötige er von Beuel bis Siegburg eineinhalb Stunden! Erfurt war bis zum Krieg, das intellektuelle, künstlerische und kreative Zentrum Europas, genau in der Mitte zwischen den Niederlanden und Prag oder Budapest. Es gab kein Ost und West, sondern ein Kultureuropa!

Guy Montavon stammt aus der neutralen Schweiz. Er fungiert sogar als Generalkonsul für sein Heimatland in Thüringen. Und er ist ein sehr dezidiert politischer Mensch. Er verabscheut das Auseinanderdividieren von Kultur oder Sport durch politische Mandatsträger, die sich schließlich einen persönlichen Vorteil davon erhoffen. Die Aufgabe der Theater sei kultur- und sozialpolitisch, sie verstehen sich als Teil der Zivilgesellschaft, die für eine pluralistische Gesellschaft eintritt. Sein Anliegen und sein Auftrag: Man vertraute ihm ein neues Haus an und erwartete ein neues Programm. Dabei stellt er sich und dem Publikum immer wieder die Frage des Warum. Die Menschen wollen Erklärungen und dann freunden sie sich auch mit Uraufführungen und Neuentdeckungen an.

Seit drei Wochen proben Montavon und Kittel in Beuel – vom neuen Glanz der Sessel im Opernhaus auf der anderen Rheinseite haben sie noch nichts gesehen. Aber beide haben schon Pläne für den Premierenabend. Montavon setzt sich ins Restaurant gegenüber der Oper und gönnt sich etwas Gutes zu essen und zu trinken. Nach den langen Probenarbeiten „kann er das Stück nicht mehr sehen“ und würde doch nur bemerken, dass „der Tenor zu weit rechts steht.“ Er kokettiert natürlich mit seiner Abwehr. Tatsächlich hält er die Spannung nicht aus und wartet, bis der Applaus die Bühne umspielt. – Ganz anders Hank I. Kittel. Er sei masochistisch genug, im Parkett zu sitzen. Allerdings achte er nicht auf die Bühne – die Inszenierung muss nach der Generalprobe stehen. Er konzentriere sich vielmehr auf die Wirkung, die beim Publikum ankommt – ob die Menschen unruhig werden, in der Tasche kramen, schon mal das Handy checken.

Welche der beiden Opern ist der jeweilige Favorit? Kittel spricht sich klar für die Cavalleria Rusticana aus. Musikalisch (das Intermezzo!) sei das Stück hinreißend und ihm gefallen die lebensechten, saftigen Typen. Montavon dagegen favorisiert Pagliacci – die Charaktere seien vielfältiger und tiefgründiger angelegt, die ganze Bandbreite des menschlichen Handelns und Fühlens abgebildet.

Sprach’s, bedankte sich für den freundlichen Beifall – auch wenn er tatsächlich wenig von seiner Interpretation der immerhin 130 Jahre alten Stücke verlauten ließ – und setzte sich ans Klavier. Das Fagott, für das er ausgebildet wurde, spielt er schon lange nicht mehr.

 

Wer Lust bekommen hat auf diese Art von Background-Talk, sollte unbedingt Mitglied der Opernfreunde Bonn e.V. werden. Für einen geringen Jahresbeitrag lädt der Verein mindestens einmal im Monat zu Gesprächen mit den Fachleuten ein. 

Cavalleria Rusticana und Der Bajazzo (Pagliacci) sind wegen ihrer großen Arien, der Duette und der Chöre ganz in der italienischen Tradition sehr beliebt. Die beiden Opern werden meistens – nicht nur in Bonn – zusammen aufgeführt. Karten für die zahlreichen Vorstellungen (bis Ende Mai) gibt es hier.

Hermann Dechant und die Figuren im Rosenkavalier

Wer nicht dabei war, hat etwas verpasst. Ein echtes Wiener Urgestein gab sich wenige Tage nach der Premiere des Rosenkavalier von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss die Ehre. 20191008_193004Bereits mit 15 Jahren half Hermann Dechant als Flötist bei den Wiener Philharmonikern aus, absolvierte eine große Karriere als Soloflötist bei den Bamberger Sinfonikern, studierte außer Musikwissenschaft auch Kunstgeschichte, wurde Professor für Dirigieren und Orchesterleitung, gründete einen eigenen Musikverlag und rief  – gemeinsam mit seiner Frau Margit Haider-Dechant – das Joseph-Woelfl-Haus in Bonn-Lessenich ins Leben. Mit den Gästen der Opernfreunde Bonn beleuchtete er den Rosenkavalier als einmaligen Fall  der Operngeschichte. Warum?

Also Rosenkavalier! Der Teufel hol ihn!

Eine Komödie für Musik – so nannten Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal ihre heitere Oper, die der bedeutungsschweren Elektra folgte. In der Rekordzeit von 16 Monaten schufen sie ein Meisterwerk, das die Kritik seinerzeit verriss und das Publikum bis heute liebt. „Ochs auf Lerchenau“ oder „Der Grobian in Liebesnot“ waren ebenfalls  Titel in der engeren Auswahl. Aber Strauss‘ Gattin Pauline favorisierte den „Rosenkavalier“ – und dieser Name trieb Blüten bis hin zum Rosenkavalier-Sonderzug von Berlin nach Dresden, wo die Oper 1911 uraufgeführt wurde.

Die Hochzeit des Figaro – Mozarts toller Tag als Narropera

Warum lieben so viele Menschen Hörbücher, Hörspiele, Autorenlesungen und neuerdings podcasts? Warum bedeutet es einen heiteren Genuss, wenn ein Erzähler uns an die Hand nimmt und in die Welt spannender Geschichten entführt? Die Antwort liegt nahe: Schlagartig macht sich in uns das Gefühl von Gutenachtgeschichte, von kuscheligen Vorlesestunden auf dem Sofa breit. Eine kleine Reise in unsere Kinderwelt, wo wir voller Vertrauen lauschen und uns mit den Helden auf eine abenteuerliche Irrfahrt begeben. Und nun also eine erzählte Oper, solistisch vorgetragen die Handlung, musikalisch interpretiert von Geige, Flügel und Sopran.

Infinito Nero – Ekstasen in einem Akt für Stimme und acht Instrumente

Zu sehen ist zunächst einmal – nichts. Das unendliche Schwarz. Mit knappster Ansage instruiert der Regisseur das Publikum: Legen Sie jetzt ihre Augenmaske an. In kollektiver Blindheit erleben die Premierengäste die konzertante Version von Infinito Nero bis fine dell’opera nach 28 Minuten. Salvatore Sciarrino fordert zum Hören mit der Lupe auf. Wenn keinerlei visuelle Stimuli die akustischen Signale begleiten, dann entfalten Töne, Klänge, Geräusche und vor allem die zahlreichen Leerstellen ein „unerhörtes“ Eigenleben.

Louise Kemény – Lyric Soprano in Bonn

Für die Version auf Deutsch bitte nach unten scrollen. 

20190923_192134-2How to overcome stage fright? Go out into the street and busk. Sing a traditional Irish tune like „Oh Danny Boy“ or Schubert’s „Ave Maria“. Passers-by will get as close to you as no stage performance would ever allow. Alone with your tin box for the coins you experience praise and approval up close as well as ignorance and disdain. This is almost the opening line in Louise’s first interview and her approach to life on stage. She experienced busking herself and you can tell she enjoyed it. I feel extremely privileged that Bonn’s highly praised lyric soprano grants me two hours of her precious time in the middle of rehearsing for her debut as Sophie in Richard Strauss‘ Der Rosenkavalier.

Der Rosenkavalier – wahre Zukunftsmusik

Wie leicht verfallen wir im Rheinland doch dem Wiener Charme. Und um wieviel mehr, wenn er mit einer auskömmlichen Portion Schmäh gewürzt ist! Auf die Bühne, zu Gehör gebracht und verkörpert von Christoph Wagner-Trenkwitz, dem Chefdramaturgen der Volksoper Wien. In Österreich ein gleichermaßen kenntnisreicher wie eloquenter Musikjournalist und Klassikmoderator, leitet er nun die Dramaturgie für die erste Opernpremiere der Spielzeit 2019/20, Der Rosenkavalier von Richard Strauss.