Marco Medved – Maestro del Coro

Mailand klingt auf Italienisch schon wie Musik.  Milano, die vokalträchtige Hauptstadt der Lombardei und  Marco Medveds Heimat. Da assoziieren wir gleich La Scala und Giuseppe Verdi. Wer es ganz gut mit Bonn meinte, nannte in den 80er Jahren unser kleines Opernhaus gerne die Scala am Rhein. Zu den Zeiten der Bonner Republik gaben Weltstars sich auf dieser Bühne die Ehre. Daran erinnern sich gern auch einige Chorsänger, die diese goldenen Zeiten selber miterlebt haben.

Chor – mein heutiges Stichwort. Mir gegenüber sitzt Marco Medved, Maestro del Coro, der Chorleiter der Oper Bonn. DSC_0084Im italienischen Café am Münsterplatz versüße ich mir das aufmerksame Zuhören mit einer Torta della Nonna, einem Mandelkuchen mit Kremfüllung nach Großmutterart. Passt!

Rollen wir heute das Gespräch von hinten auf. In einer Woche feiert Lohengrin von Richard Wagner Premiere. „Der Chor hat die längste Partie in dieser Oper. Von den dreieinhalb Stunden singt er fast zwei Stunden – eine der größten Choropern überhaupt. Er bringt weder die Handlung nach vorne, noch fügt er folkloristische Elemente hinzu. Im Lohengrin spiegelt der Chor das Geschehen wie im antiken griechischen Drama.“

Wir wissen, dass Wagner sich zu der Zeit, als er in Dresden Kapellmeister war und am Lohengrin arbeitete,  intensiv mit Sophokles und der Griechischen Tragödie beschäftigte. Der Chor als moralische Instanz, als Vermittler zwischen göttlichem Plan und menschlichem Handeln, zwischen Moral und Abgrund, flankiert dort die Akteure. Auf Kothurn Schuhen erheben sie sich über die Handlung; sie haben nur geringen Anteil am Geschehen. Hat Wagner das 1:1 übernommen? „Nein, aber er überträgt dem Chor die eigentliche Klangfarbe der Oper, die Gefühlssphären und den Dialog mit dem Publikum.“

Hier kommt auch gleich die „Schicksalsfrage“. Verdi oder Wagner? Wie hält es ein Italiener, bei allem Stolz auf seine nationale Musikkultur, mit den beiden tief verfeindeten Zeitgenossen?

„Mit der deutschen Klaviermusik bin ich aufgewachsen und habe eine große Liebe zu ihr entwickelt. Die Oper kam erst später in mein Leben. Verdi und Wagner – das sind zwei verschiedene Welten. Verdi schreibt Opern, um das Publikum zu unterhalten. Er muss sich dessen Gunst sichern und legt großen Wert auf eine spannende Handlung und mitreißenden Rhythmus. Wagner hingegen gestaltet einen metaphysischen Zusammenhang und beleuchtet die philosophischen Auswirkungen des Geschehens. Verdi liegt mir am Herzen und im Blut, er ist für mich einer der bedeutendsten Opernkomponisten. Wagners Musik fasziniert mich genauso, wie mich seine Persönlichkeit beeindruckt. Er hat himmlische, lyrische und tief-magische Momente in seinen Werken geschaffen. Dafür verzeihen wir ihm, dass sie manchmal etwas zu lang geraten sind.“ – Was für eine Liebeserklärung!  An beide! Und der Lohengrin? – „Das Werk trägt in sich noch einige melodische Elemente und die Cantabilitá, die an die italienische romantische Oper erinnern.“ Sehr diplomatisch, der Herr Chorleiter.

Ein kleiner Exkurs. Sprache kristallisiert sich als Thema heraus. „Wir singen den Lohengrin und die Zauberflöte auf Deutsch, proben schon für Marx in London auf Englisch. Die Wiederaufnahme von Jerusalem steht auf dem Probenplan – die singen wir auf Französisch, wie Verdi sie nach der italienischen Vorlage I Lombardi alla prima Crociata komponierte. Zu Neujahr dann hört ihr La Gioconda, konzertant aufgeführt, auf Italienisch.“

Knapp 40 Männer und Frauen bilden den Chor, fast die Hälfte davon hat eine andere Muttersprache als Deutsch. Was bedeutet das für die Einstudierung der Chorpartien? Konsequentes Sprachtraining! Marco besuchte im Sommer die Festspiele in Bayreuth und erhielt Gelegenheit, bei den Chorproben zu hospitieren. Er war sehr beeindruckt von der perfekten Diktion auf Deutsch: ausdrucksvoll, farbig, präzis und gleichzeitig dramatisch. Diese Eindrücke brachte er mit nach Bonn. Und für mich gab’s  eine Kostprobe. „… wwwie wwwunderbar! Wwwwwelchhh ssseltsamesss Gebaren!“

Drei Monate probt der Maestro del Coro im Chorsaal, bevor die ersten zwei musikalischen Proben mit dem GMD Dirk Kaftan und dem Orchester stattfinden. „Ich freue mich immer auf die wunderbare Zusammenarbeit mit Dirk. Bei ihm weiß ich den Chor in guten Händen.“ Ebenso vertrauensvoll gestaltet sich das Zusammen“spiel“ mit der Regie. Marco Arturo Marelli von der Wiener Staatsoper  inszeniert den Bonner Lohengrin; er widmet sich allen Choristen einzeln, um jeden Schritt und jede Geste abzustimmen. „Es ist einfach großartig. Wir alle bringen unsere Leidenschaft mit ein und kreieren gemeinsam große Emotionen.“

Mit Lohengrin verbindet ihn eine lange Geschichte. 2002 – damals noch Korrepetitor beim Festival dei due Mondi von Spoleto – führte der Gründer dieses Festivals Regie, der große Komponist Giancarlo Menotti. DSC_0101Stolz präsentiert Marco seinen handsignierten Klavierauszug. Per Marco con amicizia e gratitudine – in Freundschaft und Dankbarkeit. Giancarlo. 

Dann studierte er 2012 das Werk ein als Chordirektor in Erl. Dort war er sechs Jahren  tätig und erarbeitete sämtliche Wagner-Opern zusammen mit Gustav Kuhn. Nächste Station? Eine weite Reise und ein Abenteuer bildeten die folgende Biografie-Etappe.  Er stand noch unter Vertrag am Theater Sankt Gallen, als ein Angebot aus China ihn erreichte. Ob er als Chorleiter den Wagner vorbereiten wolle? Si, con piacere! Also auf nach China und zusammen mit Giancarlo del Monaco den allerersten Lohengrin dort auf die Bühne gebracht. „Ganz naturalistisch, mit ‚Schwan und Kahn‘. Die Chinesen kannten ja die Geschichte überhaupt nicht, also musste die Handlung auf der Bühne leicht nachvollziehbar sein.“ Und jetzt eben in Bonn. „Lohengrin begleitet mich und meine Musikerkarriere. Das muss doch etwas bedeuten, oder?“

Genau, wie fing denn alles an? Als Marco Medved alle Ausbildungen aufzählt, schwindelt mir leicht. Mehrere Studiengänge, mehre Diplome, zahlreiche Meisterkurse. Ausgebildet als Konzertpianist und Liedbegleiter spielte er in großen Konzerten und in Kammermusik-Ensembles. „Als Pianist bin ich mit den Deutschen großgeworden. Bach, Beethoven, Mozart, Schumann. Vielleicht mal eine Klaviersonate von Scarlatti, das ganze Gradus ad Parnassum von Clementi, aber ansonsten nichts Italienisches.“ Dann der Tipp von Giancarlo Menotti, auch eine Ausbildung als Dirigent zu absolvieren – nebenberuflich. Denn sein Geld verdiente er als Korrepetitor und arbeitete mit berühmten Sängerinnen und Sängern zusammen. Und da Gesang auch zu seinen Leidenschaften gehörte, schloss er häufig mit den Leitern der Meisterklassen einen Deal. Für zwei, drei Einzelstunden mit den Solisten wünschte er kein Honorar, sondern eine Meisterstunde privatissime. „So hatte ich die wunderbare Gelegenheit, sogar bei Magda Olivero Gesangsunterricht zu nehmen.“

Wie hart das Studium war, das beschäftigt ihn noch heute. 27 Jahre lang blieb er dran, mit fünf Jahren begann seine musikalische Erziehung. „Marco, du musst immer alles geben!“ empfahl sein Professor für Chordirigieren, Franco Monego. Nicht ein einziges Mal lobte er ihn. „Er war Schüler von Sergiu Celibidache und Antonino Votto gewesen –  eine echte Autorität.“  Für ein Examen hatte Marco eine Stunde Zeit zur Vorbereitung – fremdes Stück, fremder Chor. Nach 55 Minuten war er fertig. Das Stück saß, die Vorstellung war prima. Nicht die volle Punktzahl, obwohl technisch alles einwandfrei gelungen war. „Aber Maestro, ich war doch sogar 5 Minuten vor der Zeit fertig.“ Diesen Einwand ließ der gerade nicht gelten. „Wenn du diese Minuten genutzt hättest, dann hätte es noch besser werden können.“

DSC_0073Ich spüre, dass ihn diese harte Schule immer noch beschäftigt. Versöhnt hat ihn erst das Diplom, als der Maestro vor Freude weinte. Marco Medved war sein letzter Schüler vor der Pensionierung und sein bester gewesen. Im Umgang mit seinen eigenen Sängerinnen und Sängern leitet ihn die Liebe zur Musik, sein Respekt und die Wertschätzung Menschen gegenüber. Ihm ist allzu klar, dass der Chor hier mit 40 Personen in manchen Stücken den Klang von 50 und mehr an den großen Häusern erzeugen muss. „Das gelingt nur, weil wir hier wirklich tolle Sänger haben und hart arbeiten. Disziplin muss sein, aber Geduld und Nachsicht, auch ein Lob, gehören unbedingt dazu.“

Mich beschäftigten ja immer noch Milano und die Scala. „So ab 18 Jahren war ich sicher 20 Mal im Monat in der Oper. Ich habe alle Weltstars singen gehört, fantastische Konzerte erlebt, schöne Inszenierungen bewundert.“ Da bleibt mein Ohr hängen. „Wir Italiener lieben die Schönheit, die Ästhetik. Wenn ich in einer italienischen Stadt spazieren gehe, dann haben die Palazzi perfekte Proportionen, die Renaissance bildet Vollkommenheit ab. Davon sind auch Opernregisseure und das Publikum geprägt. Eine Inszenierung sollte die Sinne ansprechen und … fügt er lächelnd hinzu,  … ästhetischen Genuss bieten.“

Was wäre Italien ohne kulinarischen Genuss? Marco Medved legt in seiner Freizeit gern ein bisschen Jazz auf und kocht, am liebsten mit Fisch und viel Gemüse. Momentan sucht er ein neues Domizil. „Die Küche war winzig, einfach viel zu klein.“ Also wird nichts aus der schönen Wohnung mit fabelhafter Aussicht auf Rhein und Siebengebirge. La cucina è piu importante.

 

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