Marx in London – ein Auftragswerk für die Oper Bonn

Das Marx-Jahr zum 200. Geburtstag des großen Wissenschaftlers, Kapitalismuskritikers  und Revolutionstheoretikers neigt sich dem Ende zu. Und wo Karl Marx ja schon sowieso einer von uns ist – er wohnte in Bonn in der Josefstraße, im Revoluzzerjargon nur einen Steinwurf entfernt von der Oper – erhält er auch hier ein Denkmal. Nicht eine überdimensional und -mächtige Statue wie in Trier, sondern eine Oper. „Bonn kümmert sich am kompetentesten um den Jubilar“ – so führte Generalintendant Bernhard Helmich  mit einem Augenzwinkern in die Matinee ein.

Wie kommt man denn überhaupt auf die Idee, dem Weltstar des Kommunismus eine musikalische Reverenz zu erweisen? Das erläuterte Jürgen R. Weber, der bereits zweimal in Bonn inszenierte. In Chemnitz – formerly known as Karl-Marx-Stadt – arbeiteten Bernhard Helmich, Jonathan Dove und er zusammen. Es habe eine Weile gedauert, bis er Dove von der Idee habe überzeugen können, gemeinsam eine Oper über diese Ikone zu schaffen. Das ist sieben Jahre her. Cool sollte sie werden, familienfreundlich, lustig und menschlich tiefgründig.

Das Libretto nahm Charles Hart in seine kompetenten Hände, der sich international und für alle Zeit als Librettist des Phantom of the Opera einen Namen machte. Allerdings erwies sich die ursprüngliche Idee, das Werk mehrsprachig anzulegen (Italienisch für die Aufständischen, Deutsch für Engels und Englisch für Tussi) als nicht produktiv. Was er nun in seiner Muttersprache Englisch schuf, bedient sich klassischer Opernelemente. Die Verse sind durchgehend gereimt, Duette stehen neben großen, ergreifenden Arien. Vielleicht ließ Hart sich auch von Marx‘ ureigener, vielleicht unbewusster Neigung inspirieren: Marx wäre wohl am liebsten selbst Dichter gewesen! 

Jürgen R. Weber

„Künstler sind Diebe“, bemerkte Jürgen R. Weber zum Entwurf der Handlungselemente. „Wir klauen Material und verpacken es neu.“ In dem Fall stand Mozarts Figaro Pate, dessen turbulente Handlung (inklusive Sprung aus dem Fenster) eine Fundgrube für Plot-Details bildete. „Ein Tag im Leben des …“ erinnert natürlich auch an Solschenizyn und James Joyce, ist also ein beliebter Topos, um Ort, Zeit und Handlung kongruent zu gestalten. Doch halt – das wäre für Marx in der Oper zu kurz gesprungen. Die Regie gestaltet Neben- und Gleichzeitigkeit, die Meta-Ebene wird auch durch das Bühnenbild zum Ausdruck gebracht. 

Hank Irwin Kittel stellt Eisenbahnwaggons in Aussicht, wo echte Komparsen richtig malochen. Es wird oben und unten, vorne und hinten geben: Marx Arbeitszimmer, das Wohnzimmer, die British Library. Wir dürfen gespannt sein, wie die Regie das im Bühnenbild und in der Ausstattung umsetzt. 

Zurück zur Hauptfigur. War und ist er lange in Russland eine unantastbare Ikone, nutzen Weber, Dove und Hart alle Mittel, um ihn sowohl als eine zutiefst menschliche, aber auch tragische Figur zu zeichnen. Wie das so ist in (Tragik-) Komödien: Erst eine respektable Fallhöhe erlaubt den größtmöglichen Absturz. Marx – mit der Adligen Jenny von Westphalen verheiratet – lebte wie ein echter Bourgeois. Er hatte laufend Affären, einer mit der Haushälterin Helene entstammt der illegitime Sohn Freddy Demuth. Friedrich Engels finanzierte eine Adoptionsfamilie, im proletarischen Milieu erlernte er den Beruf des Büchsenmachers. Dieses Detail wird in der Opernhandlung eine entscheidende Rolle spielen. 

Schon sind wir mittendrin, Marx nicht retrospektiv historisch, sondern aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Dazu diente eine musikalische Kostprobe. Mark Morouse als Titelheld und Johannes Mertes als Friedrich Engels sangen das Duett „My friend“. Das Ende vom Lied, im wahrsten Sinne des Wortes? „Poor Karl is in a fix.“ Er sitzt in der Klemme. Denn so brillant er die Zustände analysiert, so wenig hält er solidarisch zu den ausgebeuteten Massen. Er sieht klar die Übermacht des Kapitals, benennt die Folgen des technologischen Wandels. Heute vollzieht dieser sich leise und smart, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ratterten die Maschinen, zischte der Dampf, war alles rußig und stinkend. 

Das schlägt sich in der Musik nieder. Mark Morouse bezeichnete sie als tonal, aber wahnsinnig schwierig zu lernen. Es gibt rasante Taktwechsel, von denen allerdings das Publikum nichts merkt, weil die Musik so schön fließt. Sie ist modern, aber eingängig, sie macht Spaß, hat aber auch dumpfe, tiefe Stellen. Yannick Muriel Noah wirkte selbst ergriffen, als sie ihre große Arie „Now the dark is closing in“ darbot. Sie handelt von verlorenen Kindern und dunklen Ängsten. Auch das findet seinen Platz in einer komischen Oper!

Außer dem Bühnenbildner, dem Regisseur, dem Titelhelden und dem Moderator Bernhard Hartmann_Bernhard Helmich.jpgBernhard Hartmann vom General-Anzeiger Bonn saß auch David Parry, der Dirigent, auf dem Podium. Er hat langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Jonathan Dove’s Musik. Plastisch und perfekt sei sie an der Oberfläche, darunter aber komplex und vielschichtig. Dove gelänge es, Menschlichkeit -und damit auch die Fehlbarkeit – in Musik auszudrücken. Marx sei für ihn so etwas wie ein „holy fool“, wie wir ihn aus Verdis Falstaff kennen, der wiederum auf Shakespeares Komödie zurückgreift. 

„Wir waren uns natürlich der Realismusfalle bewusst“, sagte Weber. Man kann das Stück anhand von Fotos und Dokumenten in die Zeit setzen. Wir haben uns aber für Komik entschieden, zu der auch Karikaturen aus der Zeit dienten. Was in der Überzeichnung auf Papier gelingt, erfordert auf der Bühne das perfekte Timing. Entwickeln sonst die Sängerinnen und Sänger durch ihre eigene Emotionalität und künstlerische Tiefe den Ausdruck, bedarf das komische Spiel minutiöser und sekundiöser Absprachen. Blicke müssen synchron laufen, Aktionen sowieso. Als Modell haben durchaus auch die West Side Story und filmische Elemente gedient. Wer das Libretto bereits gelesen hat, weiß: Hier kommt auch Slapstick wie bei Stan & Ollie ebenso zum Zuge wie Elemente der screwball comedy.

Wird das harmlos? Oder beliebig? Hier bekamen „moderne“ Komponisten von Jürgen R. Weber ihr Fett weg. Was kompliziert klingt, und was kein Schwein versteht, zeuge noch lange nicht von Qualität, sondern von egozentrischer Eitelkeit. „Einfach heißt doch nicht, dass es nicht clever ist.“ Da sekundierte Parry: „Man muss Mut haben, um heute so schöne Musik zu schreiben.“

Der Schluss der Matinee gehörte Marx‘ Lieblingstochter Tussi, zum Zeitpunkt des Operngeschehens 16 Jahre alt. Eigentlich heißt sie Eleanor, alle nennen sie Tussi. Das macht Kopfkino von einer abschätzig konnotierten, nicht gerade geistig frischen jungen Frau. In der Oper ist sie frech, neugierig, mit Lust auf  unbekannte Abenteuer ausgestattet. Im richtigen Leben war Tussi Marx eine außerordentlich begabte und gebildete Zeitgenossin. Sie übersetzte Ibsen und Flaubert, veranstaltete Lesungen mit G.B. Shaw und versuchte sich als Hobbyschauspielerin. Im Inneren allerdings war sie zerrissen. Als Gegenpol zum revolutionär-politischen Elternhaus hatte sie ein Faible für reaktionäre Literatur. Die Abnabelung vom starken Vater fiel ihr schwer, schließlich nahm sie sich im Alter von 38 Jahren das Leben. Es war halt nicht leicht, Marx‘ Tochter zu sein.

In Marx in London verkörpert Marie Heeschen die Tussi. Schwärmerisch verliebt sie sich in Freddy, vermutet gar in ihm einen Attentäter, der ihrem Vater nach dem Leben trachtet. Im Duett mit Christian Georg heißt es „You are an original young lady“. Am Ende löst sich alles auf. All’s well that ends well heißt es beim Barden aus Stratford. Alle sind ernüchtert (auch das im wahrsten Sinne des Wortes, der Alkohol fließt reichlich). Und Karl Marx, der so viel über das Kapital schreibt und selbst über so wenig davon verfügt, wird entzaubert. Jürgen R. Weber resümiert „Tussi merkt, dass auch Revolutionäre nur mit Wasser kochen.“ 

Nach einer guten Stunde amüsanten Plauderns über das große Ereignis, das ins Haus steht, und den wie immer großartig vorgetragenen amuses gueules der musikalischen Art belohnte das Publikum die Akteure mit einem sehr freundlichen Applaus, den alle wie bei einer vorgezogenen Premiere Hand in Hand entgegennahmen. Mit dabei auch Igor Horvat, der mit sichtlicher Freude am Spiel die Sängerinnen und Sänger begleitete.

Die Premiere findet am Sonntag, den 9. November 2018, statt. Karten gibt es wie immer hier.

 

 

 

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