Wagners Lohengrin – Glanz und Wonne

Der Lohengrin strahlt blau. Und nicht erst seit Bayreuth 2018; das wussten schon Friedrich Nietzsche und Thomas Mann. Wie viel von dieser Königsfarbe kam in Bonn zur Geltung? Wohltuend wenig, um mal mit Richard Wagner zu stabreimen. Was sich auf der Opernbühne im Theater Bonn darbot, überstieg die kühnsten Erwartungen. „Besser als Bayreuth“, „Besser als Stuttgart“, „Das Beste, was ich je auf der Bühne hier erlebt habe“ – so mehrten sich die Stimmen von wirklichen Opernkennern, die allesamt in höchstes Lob mündeten. 

Nie war das Foyer nach viereinhalb Stunden Oper so voll, selten die Stimmung so gelöst. Dicht gedrängt stand das Publikum, um einen nahen Blick auf die Solisten zu werfen und für ein Selfie zu posieren. Wie immer würdigte Dr. Bernhard Helmich die einzelnen Leistungen pointiert, witzig, charmant. Warum der immer wieder aufbrausende, begeisterte Applaus, begleitet von anerkennenden Pfiffen und Johlen?

Wagners Lohengrin nötigt den Beteiligten Höchstleistungen ab. Große Partien, schwierige Passagen, anspruchsvolle Texte, von lyrisch bis dramatisch. Und das Stück so bekannt, dass es von Lohengrins Leitmotiv bis zum Hochzeitsmarsch oft bis zum Abwinken verballhornt wurde. „Nie sollst du mich befragen“ und „treulich geführt“ als Geheimrezept für eine liebe- und vertrauensvollen Ehe? Der Gatte ein Mysterium und die Liebste an seiner Hand, widerspruchslos?

Schließlich trägt auch das Publikum Vorbehalte ins Opernhaus. Übler historischer Ballast lastet auf diesem Werk, dazu die respektable Länge von knapp vier Stunden Spielzeit. Das kann auch mal seeeehr laaaang werden.

Marelli_Kaftan_2Alle Befürchtungen allerdings fegten die Akteure beiseite. Zunächst einmal erzählt Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli die Geschichte sehr stimmig und treibt die Handlung konsequent nach vorne. Längen? Fehlanzeige! Langeweile? Keine Sekunde. Dafür geht die Oper zu sehr unter die Haut. Das Publikum verzichtete vollkommen auf jegliches Rascheln, Flüstern, Husten und Räuspern. Höchste Konzentration! Denn Marelli inszeniert die alte Geschichte punktgenau auf die Musik. Wirklich wunderbar!

Heute verzichten wir mal auf die Skizze der Handlung; sie erfreut sich dank Gralssage und Märchen gleichermaßen großer Bekannt- wie Beliebtheit. Was gab es denn – zunächst – zu sehen? Ein 6 x 6 Meter großes weißes Quadrat, darauf ein Bett – Elsas jungfräuliche Kemenate, in der sie inbrünstig betet. Das ist ihr Refugium, um das herum sich der Schlachtenaufmarsch später gruppiert. Hier bieten etliche schräge Holzpaletten Raum für Chor und Extrachor, die nahezu ständig auf der Bühne präsent sind und die größte Partie bewältigen. Seitlich ist die Bühne unbegrenzt – vielleicht hätten Wände die Sänger zusätzlich unterstützt und eine größere Klangtiefe erzeugt. Zum Gesang später mehr.

So ergab sich die Illusion von Weite – auch nach hinten. Hier setzt Marelli gleich zu Beginn ein Element des epischen Theaters ein. Der Künstler ist anwesend. Ein Wagner-Komponist-Lohengrin-Erlöser beugt sich über einen Flügel. Will sagen: Ihr seht und erlebt ein Kunstprodukt, alle Ungereimtheiten sind Poesie und Magie.

Tragen die Chorsänger anfangs noch 15 vielleicht je fünf Meter lange Uecker-Nägel als Symbol für die Wehrhaftigkeit, aber auch die Abschottung gegen die „Bedrohung aus dem Osten“ mit sich, so knallen die speergleichen Metallstäbe im dritten Akt mit großer Wucht von oben in spezielle Halterungen; diesmal mit der Spitze nach unten. Wie gut, dass dies zu einem instrumentalen Zwischenspiel erfolgt. Auf der Bühne sollte dann niemand sein!

Marellis Herz schlägt für seine Elsa, die Reine. Vom Nachthemdchen bis zum Brautkleid – ganz in weiß. Und auch ihr Retter-Ritter steigt in der puren Farbe der Unschuld aus der blauen Transzendenz herab – sie bilden ein schönes, würdiges Paar, beide den edelsten Motiven verpflichtet. So viel Edelmut schreit nach einem hässlichen Gegenpart. Da ist Telramund, der die Herrschaft über Brabant an sich reißen möchte. Ein Militär, grün gekleidet, offensichtlich am Gängelband seiner Frau. Diese wiederum bringt nun im wahrsten Sinne des Wortes Farbe ins Spiel. Trägt einen bordeaux-roten Kaftan unter einem viereinhalb Meter langen blauen Umhang: die Farben einer Renaissance-Madonna. Was will Marelli uns damit sagen? Diese Figur legt Wagner ganz eindimensional an, sie entwickelt sich nicht und wehrt Elsas Kruzifix-Geschenk heftig ab. Ortrud fleht Wotan und Freia um Hilfe an, will die alten Götter re-institutionalisieren. Und das im Raffael-Look?

König Heinrich trägt den Mantel, der die Provinzen unter seiner Herrschaft abbildet. Und im Mund trägt er die nahezu triefenden Wagner-Texte zum deutschen Reich und deutschen Schwert. Wie sagte Helmich dazu? So viel Aufgeladenes muss der Sänger mit Noblesse interpretieren – was Pavel Kudinov kultiviert meisterte. Und damit sind wir bei der Musik.

In den ersten acht Minuten des Vorspiels erzählt Wagner die ganze Geschichte. Es ertönen Sphärenklänge, die aus Himmelshöhen herabsteigen (der Retter, der Ritter, der Zauber des Grals), zarteste Geigenklänge begleiten diese traumhafte Erscheinung. Dann geht es in grummelnde Tiefen – hier passiert Bedrohliches, Unergründliches.  Flirrend beginnt es, im Machtkampf bewegen wir uns in düstere Gefilde, die Todesszenen irisierend.

Schließlich die hellen Bläser, als sich herausstellt, dass Gottfried verwandelt in dem Schwan steckt.  Blechbläser bilden seit jeher die untrüglichen Zeichen der Majestäten; Posaunen begleiten die himmlischen und irdischen Herrscher. Die Königstrompeten tönen von verschiedenen Positionen; auf der Bühne im Chorkostüm oder in der Loge und auf den Rängen als Schweizer Garden. Marelli und der Vatikan-Katholizismus!

GMD Dirk Kaftan und sein Beethoven Orchester Bonn. Was für eine musikalische Einheit! In höchstem Maße verdient der donnernde Applaus für Graben und Pult – eine Meisterleistung, Maestro! Und der Zauber dieses Lohengrin getragen von Sängerinnen und Sängern, die ausgezeichnet harmonierten und W a g n e r auf die Bühne brachten: dieses ewig Fortgehende, wo es keine Kadenzen gibt, die einen Schluss ziehen.

Mirko RoschkowskiBeginnen wir mit dem weißen Traumpaar, das bereits vor Jahren in Benvenuto Cellini gemeinsam überzeugte. Mirko Roschkowski sang die Titelpartie, die ihm zwar nicht in die Wiege gelegt, aber stets von seiner Gesangslehrerin prophezeit wurde, wenn sie ihn zu höherer Leistung anspornte. „Sie werden den Lohengrin singen! Wagner!“ Et voilà. Vom ersten Schwan so zart und lyrisch über die dramatischen Passagen hin zum zweiten Schwan voller Abschieds- und Entsagensschmerz – sehr fein gesungen, wobei der Gesang sich über den Verlauf steigerte. Ein brillantes Wagner-Debüt mit einem fantastisch-fabelhaften Tenor!

Wie Mirko sang auch Anna Princeva als Elsa ihre erste Wagnerrolle. Sie debütierte auch auf Deutsch, wo sie sonst im italienischen Fach zu Hause ist. Das Publikum erlebte eine neue Dimension ihres Könnens. Hatte sie in den Foscari als leidenschaftliche Lucrezia brilliert, zeigte sie jetzt das unschuldige Mädchen, das angestachelt von der intriganten Bosheit der Ortrud ihr Leben(sglück) verspielt. Aus heiterem Himmel (out of the blue!) war die Anfrage erst im Sommer gekommen. Und dann flossen Tränen. Zunächst, weil sie so spontan zugesagt hatte und dann weil die Musik sie so tief berührte.  Kollege Mirko kolportierte diese Anekdote bei der Matinee. Auf der Bühne war sie ganz erfüllt von ihrem Himmelslicht, das sie hier so ephemerisch machte.  Elsas Schicksal und Annas Gesang und Spiel berührten zutiefst. Großartig, wie vom letzten Drittel des zweiten Akts an bis zum Ende alle Muskeln der Erschöpfung und Enttäuschung nachgaben; ihre Spannung löste sich zum Zugucken auf. Bravissima, Anna.

Dshamilja_Anna Wie kann ein durchtrieben böses Weib so viel Beifall bekommen? Wenn Dshamilja Kaiser die Ortrud gibt! Auch sie eine Wagner-Novizin, aber den Bonnern seit der Penthesilea im vorigen Jahr als dramatische Mezzosopranistin in ausdrucksstarker Erinnerung. Am Faust-Preis schrammte sie in diesem Jahr haarscharf vorbei. Doch Helmich war sich sicher: Den bekommt sie nächstes Jahr für die Ortrud. Was macht sie so einzigartig? Ihre starke Stimme, ihre überragende Bühnenpräsenz. Wie sie am Ende des zweiten Aktes einfach nur dasteht. Vorhang. Die Kaiser! Wie facettenreich sie spielt, wie differenziert sie ihre Partie moduliert. Every inch a queen – aber eben nur fast und in ihren Plänen. Auch sie am Ende tot am Bühnenrand – ihre Bosheit hat sie zu Tode erschöpft.

Wo Mirko Roschkowski und Anna Princeva als Tenor und Sopran einander so wunderschön ergänzen, da kreuzen Elsa und Ortrud die stimmlichen Klingen. Herrlich die Szene zum Kirchgang, die im Duktus völlig dem Streit der Königinnen aus dem Nibelungenlied gleicht. Dort machen Brünhild und Kriemhild einander den Rang und den Vortritt streitig.

 

Tomas Tomasson.jpg

Eine der schwierigsten Wagner-Bariton Partien sang Tomas Tomasson als Friedrich von Telramund: von kantig zu macho zu unterwürfig. Zunächst mit seiner Ortrud auf Augenhöhe, aber dann erkennt er in ihr das „fürchterliche Weib“. Er fällt von Lohengrins Hand, hat Ehre und Ruhm eingebüßt. Wie das so ist mit dem Bariton. Er bildet auf der Negativseite die Schablone dafür, dass das Traumpaar umso strahlender glänzt.

Und schließlich noch ein Wagner-Debüt. Ivan Krutikov gab den Heerrufer des Königs sehr souverän. Seine Stimme hat Volumen und trug aus allen Richtungen. Ganz beachtlich – wie bei allen Solisten die Textverständlichkeit. Chapeau besonders für diejenigen, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben.

Marco_Medved_Lohengrin_2

Der Chor? Die Chöre! Der Lohengrin eine Choroper vom Aller-, Allerfeinsten. Da stimmen die Schritte, da passt jeder Einsatz, da schwellen die Stimmen zu überwältigender Fülle, da springen alle Funken über. Hier liefert Marco Medved mit seinem Chor und Extrachor sein Meisterstück ab, auf dem sicheren Fundament von viel Erfahrung mit Wagner. Ein kurzer, aber glockenhell gesungener Auftritt des Kinderchors. Fein und klein, aber so wichtig für die Unschuldsszene.

Fazit: Dem Sog dieser Oper entzieht sich niemand. Ab der Hälfte häufen sich die Gänsehautmomente. Wenn es einem Komponisten gelingt, die Herz- und Seelenkammer mit fantastischer Musik, dem Wechsel von Gesang und Zwischenspielen, dem Auf und Ab von Drama und lyrischen Passagen, zu berühren, dann Wagner. Extreme Gefühle! Das meinte Marco Medved, als er sagte: „Mit unserer Leidenschaft im Orchester, mit den Solisten und dem Chor kreieren wir gemeinsam große Emotionen.“

Wagner droht schon mal in märchenhaften Kitsch abzurutschen. Da bestand heute keine Gefahr. Glanz und Wonne allenthalben. Eindrückliche Bilder, wunderbar beleuchtet, zauberhaft choreografiert.  Und den Schrecken, den Wehrmachtssoldaten mit dem hochgestreckten rechten Arm kurz verbreiteten? Gleicht Marelli gleich wieder aus. Er lässt die Soldaten mit Stahlhelm auch die linke Faust recken. Warum? Das ist doch eine sehr faschistische Oper, sagte er wörtlich. Und das dürfe man auch zeigen.

Am Ende entschwebt der Schwanenritter, lässt drei Tote zurück: Telramund, Ortrud und Elsa. Die Insignien der Gralsmacht allerdings hält nun fasziniert der unschuldige Pyjamaknabe – wie neu geboren aus der Tiefe – in Händen. Schwert, Horn und Ring.  Gottfried heißt der Junge. May the force be with him!

Noch 11 Mal steht der Lohengrin auf dem Spielplan. Wagner-Skeptikern wie Wagner-Fans gleichermaßen empfohlen. Ein Muss! Karten gibt es hier.

Und ganz zum Schluss noch eine Quizfrage. Aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt bedeutet Lohengrin „der im Wald weint“. Wer weiß, welche Bewandtnis es damit hat, den lade ich zu einer Tasse Tee ein. 

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