Xerxes – barocke Oper im Märchenland

Alle lieben Romilda. Die süße Zuckerpuppe hat ihr Herz an Arsamene, den Bruder des Königs Xerxes, verloren. Der Herrscher allerdings begehrt die hübsche Tochter seines Feldherrn Ariodat nun ebenfalls, nachdem die Raketenplatane seine Liebe nicht erwidert. Das liefe ja auf ein Duell der Platzhirsche hinaus, wenn da nicht Atalanta, Romildas Schwester, auch in Arsamene das Objekt ihrer Begierde sähe. Um dem Beziehungskarussell noch mehr Fahrt zu geben, spielt auch Xerxes‘ Verlobte Amastre eine (eifersüchtige) Rolle.

Nun bringen ein Argentinier und ein Italiener die Oper Xerxes des sächsischen Engländers Georg Friedrich Händel auf die Bühne. Da heißt es am Ende: Alle lieben den König, weil die Chilenin Luciana Mancini den amourös zeternden Zwerg so hinreißend singt und spielt. 

Pink & purple in zauberhaften Licht- und Hallenbögen bilden den Grundton der Inszenierung. Wie von Kinderhand gemalt die weißen Schäfchenwölkchen an Himmelblau. Niedlich – dabei haben es alle am Bäumchen-wechsel-dich-Beteiligten faustdick hinter den Ohren. Davon zeugen zahllose Stopps im Spiel- und Sangesfluss. Wann immer eine Figur etwas mitzuteilen hat, das dem oder der anderen verborgen bleiben sollen (aside), schlägt sie die Hände ineinander und wischt mit langer Armbewegung den oder die anderen in ein still/freeze. Die Figur verharrt urplötzlich in der Pose, das Cembalo spielt dazu im hohen Register, das Rezitativ – secco oder accompagnato – erfolgt, das Klatschen, die Wischbewegung. Clap & Swipe, weiter im Text. Kinderkram? Nein, ein Regietrick, um die Absichten, aber auch die Ambivalenzen der Figuren transparent zu machen. Sie knipsen einander an und aus. 

Und das in einer Barockoper? Wo bleibt denn da das Historische, das Originale? Im Orchestergraben! Dort hat der Spezialist für Alte Musik, der Dirigent Rubén Dubrovsky, ein Kammerorchester versammelt. Symmetrisch angeordnet von links das Cembalo mit mancini_dubrovsky_strelchenkoder großartigen Julia Strelchenko, die einfühlsam und punktgenau das musikalische Geschehen strukturiert. Gleich daneben die Theorbe, eine barocke Langhalslaute. Davor ein Kontrabass, ein zweiter auf der ganz rechten Position. In der insgesamt 20 Mann-und-Frau Besetzung weitere Streicher, zwei Blockflöten, ein Fagott. Alles, was das Beethoven Orchester – immerhin kein Barockensemble – braucht, um die Musik von 1738 leichtfüßig und temperamentvoll zu spielen. 

Was wir sehen, entpuppt sich als die Welt eines größenwahnsinnigen Machos, eines selbstverliebten Potentaten, ins Verhältnis gesetzt zum Rüschenmädchen mit Seifenblasen. Ist die eine verführerisch und voller Liebreiz, baut der große persische Herrscher eine Pappwelt seiner Großmannssucht auf.  Der historische Perserkönig ging in die Geschichte ein als Aggressor, der die Weltmacht Griechenland (Sparta) in einem Eroberungsfeldzug angriff und in der Schlacht bei den Thermopylen von Leonidas vernichtend geschlagen wurde. Der Regisseur Leo Muscato lässt ihn sein Ego weiter aufblasen. Seine Stellvertreter sind keine Puppen à la mini-me, sondern  auf der Bühne posieren Pappkameraden als riesige Xerxes-look-alikes. Also eher mega-me.

Sein Machtsymbol stellt ein pinker Panzer dar, als Herrscher der östlichen Welt lässt er gleich den Globus auffahren. Wem kommt da noch der Gedanke an Charlie Chaplin im Großen Diktator, wo er, mit der Weltkugel spielend und tanzend, die einzigartige Rede über die Menschlichkeit hält?

Willkommen also in der fabelhaften Welt des Xerxes!  ABER: „Der will doch nur spielen“ – damit wäre Xerxes zu oberflächlich gedeutet. Leo Muscato bezeichnet sich selbst als Feminist und wir dürfen sicher davon ausgehen, dass er hinter Spiel und Spaß eine aktuelle politische Ebene impliziert.  Kim Jong Un, Nordkoreas Schreckensherrscher, mag die Schablone bieten. Militärische Aufmärsche, narzisstische Wesenszüge, die Persönlichkeit auf der „will-ich-haben-Stufe“ eines kleinen Jungen stehengeblieben. Dabei ein bisschen schlicht gestrickt, im schwarz-weiß und alles-oder-nichts verhaftet, ohne Empathie und nur auf den eigenen Vorteil aus.

Diese Sichtweise legt Andrea Belli im Bühnenbild an, verkörpert aber wird sie von der phänomenalen Luciana Mancini. Luciana Mancini.jpgIhr Kostüm – eine Gardeuniform in lila und rot, den Farben der Kardinäle – erhebt die zierliche Person. Ihre Stimme für eine so zarte Frau ganz groß, einfach überwältigend. Gleich zu Beginn setzt sie den Maßstab mit der Arie Ombra mai fu, einem von Händels sicher am häufigsten gespielten Stücken. Messa di voce – sie lässt den Ton vom zartesten Anklingen zu ungeahnter Stärke anschwellen. Sieben Arien insgesamt hat ihr Xerxes; die beste als „rex furioso“. Allein auf der Bühne lässt der König seiner Wut und seinem Zorn freien Lauf: All‘ seine Pläne sind zunichte. Er, der die Welt beherrschen will, versagt dabei, das treu liebende, standhafte Mädchen Romilda zu erobern – auch nicht mit dem bling-bling Klunker, zu dem das Halleluja aus dem Messias als Zitat erklingt.  Er scheitert an Moral, Anstand und Tugend … und einer Finte.  Ist das Märchen- und Traumhafte ein Gegenentwurf zum America-first von D. Trump, der auch ständig mit seinem Potentatengehabe zum Rumpelstilzchen mutiert?

Die Regie legt sich auf eine konsequente Ebene fest: Leo Muscato inszeniert einen Comic-Strip, knallig, farbig, eindeutig, fetzig, überzeichnet, sehr, sehr witzig und komisch, mit angeklebten Bärten und vertauschten Identitäten, die das Publikum miterlebt. Anklänge an den Taj Mahal, den Liebespalast, an 1000 und 1 Nacht. Orient und Opulenz. Die Musik liegt bei Rubén Dubrovsky in den besten Händen. Dank der erhöhten Grabenbühne sehen wir ihn gleichermaßen temperament- wie liebevoll mit den Musikern interagieren. Da klingt Barock heutig und swinging. 

Marie Heeschen.jpgBonn, du hast es – vielleicht nicht immer besser – aber gut. Sehr gut sogar. Ein Ensemble, das mit lauter großartigen Sängerdarstellern glänzt. Komik können die! Und singen erst! Marie Heeschen als freche Intrigantin, tippelt und trippelt wie weiland Marilyn Monroe, schwingt den Po und schmollt gleichermaßen beleidigt wie sie konspirativ gurrt. Ihre berühmte Arie Si, si, mio bien  zauberhaft in Cyrano-de-Bergerac Manier (für Romilda) toll gespielt und gesungen. Atalanta geht am Ende leer aus, der dicke Fisch ist ihr durch’s Netz geflutscht.  Romilda und Arsamene werden ein Paar.

Apropos. Auch der König und seine Verlobte kriegen sich.  Xerxes leistet bei Amastre Abbitte. Und das kleine Biest Atalanta flirtet keck mit Elviro, dem vertrottelten Diener, der alles vermasselt. Händchenhalten und zarte Blicke. Der Gärtner, der Brief, die ausgeplauderten Botschaften – all das sehen wir rund 50 Jahre später im Figaro wieder. Hier gibt Martin Tzonev mit seiner schönen Stimme und seinem liebenswerten Spiel den Elviro.

Kathrin LeidigNächste Hosenrolle, bitte. Ganz in Gelb Kathrin Leidig als Arsamene, dem nun zwei Frauen … nunja ergeben sind. Die eine in Liebe, die andere als kokett-freche Rivalin. Wie alle in den Koloraturen ganz sicher, wird sie eins mit der Rolle.Sie tritt stärker auf als

 

Amastre, die  Susanne Blattert so zuverlässig wie leicht leidend, aber Susanne Blattert.jpgstilistisch souverän interpretiert. Gib dieser Sängerin eine Handtasche! Niemand erzeugt mit einem einzigen Requisit so viel Komik wie sie. Bisher zu erleben in den Geisterrittern und im Figaro. Herrlich. Leonard Bernad spielt und singt Ariodat (schöne Basskoloraturen) und ergänzt das Familiensetting als Romildas und Atalantas Vater.

Im Kleid, in Lagen von lila Tüll, die süße Romilda. Das Kostüm kennzeichnet sie als (lila) Teil des Hofes, aber ihr (kühler) Kopf steckt in einer gelben Lockenperücke. Sie gehört zu ihm, zu Arsamene, dem Bruder des Königs. Himmlisch ihre Solo-Arie, die sie knieend, als kindliche Kaiserin darbietet. Vom ersten Ton die Königin der Herzen, unerschütterlich in ihrer Liebe zu Arsamene, allen Nachstellungen zum Trotz. Louise Kemeny, neues Ensemblemitglied, entpuppt (!) sich gleich in der ersten Produktion als Glücksgriff. Zu ihrem mädchenhaften Duktus gesellt sich ein Sopran, der sogleich Duftmarken setzt. Fabelhafte Koloraturen!

Um gut eine Stunde kürzer als im Original kommt das Werk auf die Bühne – Werktreue für Dubrovsky und Muscato nicht das Top-Kriterium. Auf den Chor verzichten sie komplett, Rezitative und Arien, die den spritzigen Spielfluss hindern, streichen sie.  In ihrer kongenialen Kooperation bescherten sie dem Premierenpublikum einen Opernabend vom Allerfeinsten, verzückend und beglückend. Szenenapplaus für die Glanzleistungen, fröhliches Lachen angesichts der Situationskomik und dann … frenetischer Beifall für Regie, Dirigat, Bühne, Kostüme, Cembalo, BOB, die Solisten. Stehend, selbstredend.  

Noch 12 weitere Vorstellungen. Gönnt euch dieses im wahrsten Sinne des Wortes bezaubernde Opernvergnügen. Termine & Tickets  hier.

 

 

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