Keine Frage, dieser Barbier von Bonn wird zum Kassenschlager der Saison! Mehr als 200 Jahre hat das Stück auf dem Buckel und reißt nun mit einer rüschenbefreiten Show das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Platz da (Largo al factotum) für einen fantastischen Figaro, der in seinem Barber Shop die Strippen zieht und am Ende dem Liebespaar zu seinem keck erschwindelten Eheglück verhilft. Weniger Mädchen für alles und mehr Hans Dampf in allen Gassen!
Die Ameise – Weiße Blume des Gesangs
Debüt für alle! Vor 56 Jahren fand nämlich die letzte szenische Aufführung von Peter Ronnefelds Oper Die Ameise am Landestheater Linz/Österreich statt. Nun hat die Oper Bonn dieses schubladisierte Stück im Rahmen der Reihe Fokus |’33| neu auf die Bühne gebracht. Das Publikum feierte die Premiere mit lautem Jubel und stehenden Ovationen. Was fasziniert an dem filigranen Tierchen, das es titeltauglich fürs Musiktheater macht?
Saul – Barock in magischen Bildern
Champions League! Das spontane Urteil eines Besuchers der grandiosen Premiere von Georg Friedrich Händels Oratorium Saul an der Oper Köln trifft absolut zu. Königsklasse fürwahr! Knapp 300 Jahre alt ist diese Komposition, und der australische Regisseur Barrie Kosky* haucht dem Stück einen Atem ein, der vor Vitalität nur so strotzt. Ein barockes Fest der Sinnlichkeit zaubert er auf die Bühne, ein Fest für die Augen und die Ohren. Vor genau 10 Jahren riss exakt dieser Saul das Publikum in der idyllischen Glyndebourne Opera** in East Sussex zu Begeisterungsstürmen hin, in Köln drückte sich der Enthusiasmus in Jubel und Trampeln aus.
Die Frau ohne Schatten – Macht, Moral und Mafia
Was für eine Räuberpistole im Mafia-Milieu! Zunächst Schüsse. Vier Vertreter offensichtlich verfeindeter Mafia-Clans tauschen Koffer mit großen Geldbeträgen, dann liegen Leichen auf der Bühne rum. Die Ouvertüre von Die Frau ohne Schatten setzt mit dem berühmten absteigenden Keikobad-Motiv ein. Dem Regietheater-Altmeister Peter Konwitschny hat die Oper Bonn das Stück anvertraut, der die märchenhafte, symbolistisch aufgeladene Erzählung des kongenialen Dichter-Komponisten Duos von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in ein drogengeschwängertes Gewaltmilieu transplantiert.
Alessandro Scarlatti zum 300. Todestag
Wann, wenn nicht an Allerheiligen, also am 1. November, wäre ein angemessenerer Tag, um dem Brückenbauer zwischen Barock und Klassik Alessandro Scarlatti die musikalische Ehre zu erweisen. Der sizilianische Komponist starb am 24. Oktober 1725 in Neapel. Grund genug für das Ensemble Paper Kite, dem ungemein produktiven Opern-, Oratorien- und Kantatenkomponisten in einem Sonderkonzert: Außerordentlich eine barock-moderne Hommage zu widmen.
Nabucco – Hass, Gewalt und Kampf der Machthaber
Will Humburg hat sein Versprechen eingelöst. Giuseppe Verdis Nabucco (1842) und das vermeintlich ständige Hmtata hat er an der Oper Bonn mit frischen, nie gehörten Akzenten versehen. Aus dem Rohdiamanten von Verdis erstem erfolgreichen Frühwerk schleift er mit dem Beethoven Orchester Bonn ein fein ziseliertes, facettenreiches Juwel. Seine Phrasierungen, der Wechsel zwischen forte und piano, Fermate und die Einsätze der Soloinstrumente machen sein Dirigat dieses Repertoirerenners zu einem Ereignis. Das Publikum feiert ihn und das BOB mit frenetischem Applaus.
Manon Lescaut – Wenn Schönheit zum Verhängnis wird
Aller guten Dinge sind drei! Erst mit seiner dritten Oper Manon Lescaut gelang Giacomo Puccini der Durchbruch – nicht nur in Italien, sondern weltweit. Diese Chronologie des Erfolgs teilt er mit Giuseppe Verdi, der ebenfalls nach zwei Flops erst mit seinem gefeierten Nabucco* den Grundstein legte für seine beispiellose Karriere als Komponist. Die Stabübergabe oder -nahme erfolgte tatsächlich im Jahr 1893, in dem Verdi die Premiere seines letzten Meisterwerks Falstaff als commedia lirica erlebte und Puccini Manon Lescaut als dramma lirico, gleichzeitig also das heitere Alterswerk hier und das tragische Drama des neuen, jungen Stars dort. Viva l’opera italiana, aber mit neuen, veristischen Vorzeichen.
Die letzten Tage der Menschheit – Karl Kraus‘ Monumentalwerk auf der Bühne der Oper Köln
Heute auf den Tag vor 111 Jahren – am 28. Juni 1914 – wurden in Sarajevo der österreichische Kronprinz Franz Ferdinand und seine Frau Sophie erschossen. Das Attentat war Auslöser für den 1. Weltkrieg; die europäischen Konflikte allerdings schwelten im Hintergrund bereits seit Jahren. Der Nationalchauvinismus der Zeit sorgte zunächst auch bei Intellektuellen wie Albert Einstein oder Siegmund Freud für Kriegsbegeisterung, die allerdings schnell einer schockierenden Ernüchterung wich. Mit dem Vergissmeinnicht am Bajonett war die Sache nicht in zwei oder vier Wochen erledigt. Es entwickelte sich eine grausame Materialschlacht, für die ständig neue Kampfarten erfunden und verfeinert wurden: Gas kam zum Einsatz, Feuerwalzen, U-Boote und Luftfahrzeuge brachten innerhalb von vier Jahren rund 17 Millionen Menschen den Tod.
Maria de Buenos Aires – Ein Mythos in 17 Bildern
Am Ende führt Maria ein schönes, neunjähriges Mädchen mit langen schwarzen Zöpfen an der Hand. Auch nach ihrem Tod lebt die Idee dieser vielschichtigen Marienfigur bildlich weiter. Mit Maria de Buenos Aires haben Astor Piazzolla und sein Textdichter Horacio Ferrer einen Mythos geschaffen, der seine künstlerische Form – musikalisch und dichterisch – in dieser „Tango Operita“, also einer kleinen Tango-Oper, findet. 1968 feierte das schwer durchdringliche, surreale Stück in Buenos Aires Premiere, am Schauplatz des Geschehens. Damit begann der weltweite Aufstieg des „tango nuevo“ als Ausdrucksform für Leid und Leidenschaft, Melancholie und Lebenslust. Als stimmtragendes Instrument steht das Bandoneon im Mittelpunkt, das der Krefelder Musiker Heinrich Band in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfand.
La Passion de Simone – Ein Kreuzweg in Musik
Eine Oper? Ein Passionsspiel? Ein Oratorium? La Passion de Simone, das Werk der hochgeschätzten finnischen Komponistin Kaija Saariaho mit einem Libretto von Amin Malouf, feierte in Wien 2006 seine Weltpremiere. Zur Oper fehlt dem Bühnenwerk die dramatische Handlung, der Konflikt. Im Passionsspiel werden die Leidensstationen von Jesus Christus nachgezeichnet und im Oratorium stehen biblische Ereignisse oder Evangelisten im Mittelpunkt der Handlung. Beide Einordnungen in die christliche Musikliteratur schlagen fehl. Die Oper Köln zeigt nun das zeitgenössische Stück – vier Jahre nach der hier begeistert aufgenommenen Oper L’amour de loin und zwei Jahre nach dem Tod von Kaija Saariaho – als die Leidensgeschichte oder den musikalischen Weg einer realen Person in 15 Etappen, das kurze Leben und Sterben der Französin Simone Weil.