Marie Heeschen – Sopran an der Oper Bonn und vieles mehr

5Einfach machen, sich ausprobieren, etwas Neues gestalten, sich fröhlich auf unbekanntes Terrain vorwagen – all das gehört zu Marie Heeschen wie ihr wunderbarer lyrischer Sopran und ihre wuscheligen schwarzen Locken. So frisch, wie sie in allen Opern auf der Bühne spielt und singt, so herrlich locker fühlen sich die zwei Stunden privatissime mit ihr an. Die überaus vielseitige Sängerin punktet mit Humor und Natürlichkeit. Da entwickelt sich das Gespräch aufs Heiterste und Schönste wie von selbst.

Das Wichtigste gleich vorweg. Am Vormittag hat sie ein paar Stunden Schuberts Winterreise geprobt.  Warum dieses weltberühmte Stück aus der männlichen Domäne hervorholen? „Wir möchten die Lieder für uns und die Konzertgäste erzählen, nah miteinander musizieren.“, erläutert sie. „Wenn ich wirklich ein Idol habe, dann Christine Schäfer, die den ganzen Zyklus mehrfach gesungen und als CD eingespielt hat. Es geht hier nicht um männlich oder weiblich, sondern darum, den Liedern Leben einzuhauchen und die Seelenlage des Individuums in Musik zu kleiden.“ Julia Strelchenko, Studienleiterin an der Oper Bonn, begleitet sie am Hammerflügel, dem authentischen Instrument aus Schuberts Schaffenszeit. „Wir orientieren uns an der historischen Aufführungspraxis. Deshalb musizieren wir auch nicht auf der Podestbühne im Foyer, sondern am Eingang zur Bar 65, die ‚Bühnenfarben‘ in klarem Rot und Schwarz und Glas. Dort ist die Decke niedriger, die Stühle stehen in einem intimen Kreis. Ich könnte mir sogar schön vorstellen, wenn wir kleine Arrangements mit Tischen stellen und die Gäste ihr Weinglas mitbringen. Ganz so wie in dem Gemälde von Julius Schmid.“

Woher stammte die Idee zu dieser Soiree? Zur diesjährigen Familienoper Die Schneekönigin boten die beiden jungen Künstlerinnen dem Opernchef Andreas K.W. Meyer das Konzert für die Reihe …UND AUSSERDEM … an und stießen gleich auf große Gegenliebe. Am Montag, den 18. März 2019, um 19:30 Uhr sind die beiden zu hören und zu sehen. Marie schwärmt von der Zusammenarbeit mit Julia Strelchenko, von deren feinem Gespür für Nuancen, für Einsätze, für Bögen. „Julia ist ’ne Wucht! Wahnsinnig musikalisch, unglaublich einfühlsam.“ 

4Wie kommt denn die Hanseatin Marie Heeschen an den Rhein? In Hamburg geboren und aufgewachsen, studierte sie zunächst an der Musikhochschule Lübeck. Diese heftete sich als Auszeichnung ans Revers, als erste Hochschule den Studiengang Musik auf Bachelor und Master umgestellt zu haben. Ein zweifelhafter Ruhm, wie Marie findet. „Für den Bachelor habe ich 35 Wochenstunden absolviert: Musikwissenschaft, Musikpädagogik, Musikgeschichte. Zum Singen kam ich da gar nicht. Es war schlicht nicht drin, mal einen Probenraum zu buchen und auszuprobieren.“ Sängerin war schon immer ihr Traumberuf, die Oper kam erst später hinzu. 

Zunächst aber wechselte sie zum Masterstudium an die Hochschule für Musik und Tanz in Köln, um bei Professor Christoph Prégardien zu studieren. Zusätzlich absolvierte sie Kurse in Neuer Musik und Konzertgesang in Köln. Da war sie schon mal ihrer jetzigen Wirkungsstätte entschieden näher gerückt. Von dort aus war es nur noch ein kleiner Sprung ins Ensemble der Oper Bonn – zunächst als Stipendiatin des Deutschen Musikrats, dann als Mitglied. 

Schnell ist sie zum Publikumsliebling avanciert. Fühlte sie sich als Musetta in La Bohème selber noch nicht ganz zu Hause, machte sie gleich als Nichte in Peter Grimes mehr als bella figura. Ihren ganzen Jungmädchencharme spielte sie als Ella in Die Geisterritter aus, an der Seite von David Fischer. Da blitzen Maries Augen. „Von David bin ich ganz begeistert. Im Marx in London bin ich ja als Tussi gar nicht in Freddy verknallt, sondern in David als Spion. Er verkörperte das unbekannte Wesen, dem ich immer auf der Spur bin.“

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Wer die Oper gesehen hat: Dort schwebt der Spion immer über dem Geschehen und vermeldet nach Berlin den aktuellen Stand der Dinge. Regelmäßig wirft er – im Stück vorgesehen – dann Papierflieger ab, die wie Ahornsamen zu Boden trudeln. Diese fängt Tussi auf – und liest sie. ABER: Immer stehen andere kleine Botschaften drauf, die sie zum Lachen bringen. Sehr süß – vor allem, wenn sie in ihrer Rolle bleiben muss! 

Ihre Spontaneität – im Ausdruck, im Spiel, im Gesang – will sie sich auf jeden Fall erhalten. Ein echter, authentischer Lacher, ein Staunen, ein Augenverdrehen – da spürt das Publikum, wer auf der Bühne sich ganz auf das Spielen einlässt. „Die erfahrenen Kollegen haben natürlich Vorteile. Sie wissen genau, wie sie ihre stimmlichen Ressourcen einsetzen und welche Bühnenhandlungen einfach funktionieren. Schließlich müssen wir alle auch gut haushalten mit unserer Energie.“ Andererseits fokussiert sie sich flexibel auf den Sinn einer Bühnenaktion. „Wenn der Regisseur will, dass ich die Bühne durchmesse und mir bei meinem Gegenüber einen Schal hole, dann bin ich nur beim Schal, überhaupt nicht beim Gehen. Ich versuche auf jeden Fall, schauspielerische Schablonen zu vermeiden.“

Marie liebt deshalb die unverbrauchten Uraufführungen. Die Geisterritter erblickten in Bonn das Licht der Welt, Marx in London ebenfalls, wo sie als Tussi die Herzen des Publikums im Sturm eroberte. Das war in Philip Glass‘ Echnathon und in Händels Xerxes dezidiert anders. Als anmutige Pharaomutter Teje war sie zu sehen, als ausgekochte, frivole Atalanta in der Barockkomödie und als Barbarina in der Hochzeit des Figaro auch. Marie Heeschen kann Komik – bekanntlich die schwierigste Aufgabe für die Sängerdarsteller im Musiktheater. Den unschuldig-jungfräulichen und dennoch verführerischen Charme der Zerlina erleben wir demnächst in der Wiederaufnahme des Don Giovanni. In diese Figur war Mozart wohl am meisten verliebt, deshalb hat er sie mit so viel Liebreiz, aber auch burschikoser Entschlossenheit ausgestattet. Seien wir gespannt!

Wo wir schon mal bei Mozart gelandet sind. Alle diese fabelhaften Frauenrollen würde sie sehr gern in der Zukunft singen, vielleicht auch bald einmal als Gilda in Rigoletto debütieren oder auch die tragische Geschichte vom Aufstieg und Fall der Lulu in Alban Bergs gleichnamiger Oper. Ihre Interessen sind breit gestreut – ihr Weg in viele Richtungen offen. 

Marie erzählt von ihrem Bruder, der einen Beruf „backstage“ anstrebt. „In meinem Freundeskreis sind alle Berufe rund um ein Theater vertreten. Zu gern würde ich mit diesen Leuten mein eigenes Theater aufziehen und verrückte Sachen machen, experimentieren, inszenieren.“ Ich freue mich an Maries Enthusiasmus und sie sich an meinem spontanen Angebot, die Presse- und PR-Arbeit für das Projekt zu übernehmen. Wir halten die verehrte Leserschaft natürlich auf dem Laufenden über den Fortgang unserer Ideen. 

6.jpgGanz ernst stellt Marie ihre Experimentierfreude dar. „Stell dir vor, du hast fünf oder sechs Türen vor dir. Du darfst alle benutzen und durchschreiten. Hinter einer verbirgt sich ein langer Gang ins Ungewisse. Hinter einer anderen nur ein einziger Raum, in dem du etwas erledigst. Eine andere Tür öffnet das Entree zu weiteren Türen. Und wieder eine andere ist verbarrikadiert. Da läuft gar nichts.“ Ein schönes Bild für die Optionen am Beginn einer großartigen Karriere. 

Die junge Sopranistin hat zwei eigene Ensembles, eins für Alte und eins für Neue Musik, paper kite und BRuCh. Letzteres wurde im August 2018 für ein Jahr zum „Folkwang Ensemble in Residence“ gekürt, eine „Auszeichnung und Würdigung für kammer-musikalische Interpretationen und Qualität des Spiels auf höchstem Niveau.“* Darauf dürfen Marie und ihre Co-Musikerinnen mit Recht sehr stolz sein. In einer Projektwerkstatt erarbeitet sie hier mit Sally Beck, Flöte, Ella Rohwer, Cello, und Claudia Chan, Klavier, mit jungen Studierenden der Kompositionsklasse für Neue Musik innovative musikalische Wege. Dabei lernen und erforschen sie gemeinsam die Möglichkeiten und Potenziale der instrumentalen und stimmlichen Entfaltung.  Mit dem fünfköpfigen Ensemble paper kite (Papierdrachen) spielte sie 2017 ihre erste CD ein „felice un tempo.“

Viel beschäftigt, die 32-jährige, äußerst talentierte Sopranistin, dabei mit einer fast eisernen Gesundheit gesegnet. Zweimal erst in ihrer ganzen Karriere hat sie bisher eine Vorstellung absagen müssen. Wie schützt sie sich vor Infekten, vor all‘ den Viren, die ständig zirkulieren? „Wir Sängerinnen und Sänger haben vermutlich eine höhere Selbstbeobachtung. Sobald sich in den Nebenhöhlen etwas festsetzen will, ruhen wir, trinken Tee, geben dem Körper Zeit und Muße, schnell mit dem Unbehagen fertig zu werden. Und vielleicht sind wir auch wirklich im Hals sportlicher trainiert als andere.“

5Training! Zweifellos richtig fit, die Marie. Sie kommt gerade von einem Mallorca-Urlaub, Hotel mitten in Palma. „Wir fahren leidenschaftlich gern Rennrad. Dazu sind die mallorquinischen Berge bestens geeignet. Außerdem haben wir viele kulturelle Interessen, die wir natürlich in der Stadt selbst erkunden.“ Zusammen mit ihrem Partner Felix Schönherr, einem Kirchenmusiker, Chorleiter und Pianisten, lebt sie in der Bonner Südstadt. Dort gehört zur Wohnung ein kleiner Garten, wo Marie sich in bescheidenem Rahmen Ackerbau und Viehzucht widmet. Drei Hühner scharren herum und legen brav jedes jeden Tag ein Ei. Mit der Blumen- und Gemüsezucht läuft es eher mäßig. „Leider ein Schattengarten!“ Die Leidenschaft fürs Gärtnern hat Marie Heeschen von ihrer Mutter geerbt, „aber eher nicht deren grünen Daumen.“

Das wird, ganz gewiss! Wie alles andere in Maries Leben bisher schönste Früchte getragen hat. Mit 17 das erste Konzert gesungen, es folgten Kantaten, Requiems, Passionen und Mahler 8. Jetzt ein Stern am Himmel des Bonner Musiktheaters – und vielleicht irgendwann eine selbstständige Künstlerin, die ihre Engagements frei wählt. 

*Pressemitteilung der Folkwang Universität der Künste vom 20. August 2018

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