Daniel Johannes Mayr – Dirigent mit Mut, Kraft und Freude

Im Graben ist er der Größte. Jedenfalls was sein Gardemaß angeht. Von Daniel Johannes Mayr sieht das Publikum beim Dirigieren nicht nur, wie er den Taktstock durch die Luft sausen lässt, sondern auch seinen markanten Kopf. Und wenn er sich dem Publikum zuwendet, um es zu begrüßen, lächelt er wie bei einem Date, auf das er sich nun freut.

Der Taktstock, der Baton oder la baguette, wie er auf Französisch tatsächlich heißt, rückt gleich in den Mittelpunkt unseres Gesprächs. Schon bei seinem Figaro Debüt passierte ihm das Missgeschick, das alle Dirigenten fürchten. Gleich in der Ouvertüre beim ersten forte-Einsatz brach das Holz durch den heftigen Impuls und übrig blieb ein Stumpf von drei oder vier Zentimetern. Die Spitze vollzog mehrere Salti in der Luft vor den staunenden Blicken der Musiker und landete schließlich in den Celli. Ein besonders schönes Stück war das, aus Holz, edel gearbeitet und bestens ausbalanciert. Schade. Die aufmerksame Inspizientin ließ ihm durch die Reihen der Musiker einen neuen Taktstock anreichen. Jahrelang im Anschluss an dieses Malheur nahm Daniel Mayr immer einen zweiten Taktstock mit. Als Reserve. Just in case. 

Wir lachen beide – bei allem Respekt für den großen Maestro – über Jean-Baptiste Lullys Tod durch den Taktstock. Schwer vorzustellen, dass der Dirigent im Barock den Takt mit einem langen Stock auf den Boden stampfte. Dabei stach der Komponist am Hofe Ludwigs des XIV so heftig zu, dass er sich den Fuß durchbohrte und an den unbehandelten Folgen der Verletzung starb. „Überleg mal, mit welcher Kraft Lully den Stock in seinen Fuß gerammt haben muss.“, sinniert Daniel und freut sich, dass sein „Arbeitsgerät“ gefällig in einer Hand liegt. 

Um das zu veranschaulichen, zaubert er seinen Taktstock samt Partitur für Die Fledermaus aus dem Rucksack. Am Sonntag, den 8. März 2020, feiert die Operette in der Oper Bonn Premiere, die Bühnenproben haben gerade begonnen. „Mit diesem Taktstock arbeite ich am liebsten“, sagt er. „Ich habe ihn schon viele Jahre und es handelt sich um ein einfaches, sehr preisgünstiges Modell.“ Er ermuntert mich, den Taktstock selbst mal in die Hand zu nehmen. Er ist ungefähr 24 cm lang, läuft an einem Ende sehr spitz und schon ziemlich abgenutzt zu und mündet am anderen Ende in einen ovalen Korkgriff. Dieses Modell besteht aus Fiberglas. Zu Hause warten andere auf ihren Einsatz. Darunter auch ein teures, handgefertigtes Stück aus Holz, mit seinem Namen unterhalb des Knaufs eingraviert. Ein Geschenk von Kollegen. Aber typisch Daniel Mayr: Der alte, abgewetzte, vertraute Taktstock ist sein ständiger Begleiter. 

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er nun am Theater Bonn und zeigt sich von der Stadt, dem Orchester, den Sängerinnen und Sängern ganz begeistert. Aber ein Rheinländer wird er nie. DSC_0776_cropDazu liebt er seine Heimat, das Allgäu, viel zu sehr. In der Nähe von Kempten ist er geboren und Daniel besuchte ein humanistisches Gymnasium mit musischem Zweig im Internat St. Stephan in Augsburg. Obwohl selber keine Musiker, legten die Eltern großen Wert darauf, dass alle vier Kinder ein Instrument lernten. Für Daniel wurde es das Klavier. Gleichzeitig spielte er Tenorhorn in der örtlichen Blaskapelle und Pater Anselm, sein Musiklehrer in St. Stephan, ermunterte ihn, auch Orgel zu lernen. Der Schulchor brauchte eine musikalische Begleitung.

Er sang in einer Männergruppe und war Drummer in einer Rockband. Später kamen Horn und Kontrabass, Schlagzeug und Pauke dazu, Nach seinem Jahr in Brasilien gesellte sich der Samba zu seinem musikalischen Spektrum. Ein musikalisches Talent ja, resümiert Daniel, aber beileibe kein Wunderkind. Er hatte auch keinerlei Ambitionen, als Solist mal groß rauszukommen. Sein Berufswunsch hatte sogar zunächst gar nichts mit Musik zu tun. „Etwas Soziales“ hätte es genauso gut werden können – zumindest dachte er das nach dem Abitur. Er absolvierte ein soziales Jahr in Brasilien, wo er mit Straßenkindern arbeitete. Das Projekt: raus aus der Stadt, weg von den Drogen und der Gewalt. Rückzug in eine ländliche Umgebung mit einer Hühnerfarm, mit Getreideanbau, mit Gemeinschaft leben, singen und Theaterspielen.

„Dieses Jahr hat mir so viele wertvolle Erfahrungen vermittelt, die ich so zu Hause nie hätte machen können. Das hat mich sehr geprägt. Es gab Not, Elend, auch Tod, tiefe emotionale Täler und oft ein Gefühl der Ohnmacht.“ Oh je, das hört sich nach einer wirklichen Herausforderung für einen 19-Jährigen an. Daniel beschwichtigt: „Demgegenüber standen eine quirlige Lebensfreude und unbedingtes Ja zum Leben, ein tolles Gemeinschaftsgefühl und zahlreiche individuelle Erfolge. Viele der Kinder haben große Fortschritte gemacht und das Projekt entwickelte sich sehr erfolgreich. Und … es gab jede Menge Samba.“

Nach einem halben Jahr im Einsatz fuhr Daniel eines Tages mit einer kleinen Gruppe in die Stadt, um ein Keyboard zu kaufen. Im Geschäft stand ein Klavier. – Pantomimisch erlebt er die Situation noch mal: Den Deckel heben, die Hände und Finger, zwar ziemlich steif und aus der Übung, strecken und mit Chopins Klavierkonzert loslegen. Mit diesem Stück hatte er im Abikonzert geglänzt und nun liefen die Tränen. „Ich habe nur noch geflennt“, erzählt Daniel, „der Moment ging mir so ans Herz. Da wusste ich, ohne Musik kann ich nicht leben.“

Den Eltern war es sehr recht, dass er sich zunächst für Schulmusik einschrieb an der Hochschule für Musik in Würzburg. Der brotlosen Kunst am Theater hatte er nun vorerst einen „ordentlichen“ Beruf entgegenzusetzen. Noch vor dem Examen allerdings bewarb er sich ebenfalls in Würzburg für das Dirigentenstudium, schaffte die Eingangsprüfung und bewältigte nun zwei Studiengänge parallel. Sollte also irgendwann einmal seine Dirigentenkarriere einknicken, nähme man ihn an der Schule mit Kusshand.

In seinem ersten Engagement als stellvertretender Chorleiter an der Komischen Oper Berlin gleich mit Kirill Petrenko zusammenarbeiten zu dürfen, bezeichnet er als großen Glücksfall. „Das waren zwei tolle Jahre. Ich habe von Petrenko, vielen anderen Dirigenten, Chorsolisten, Sängern und Musikern und auch Regisseuren so viel lernen können. Aber besonders Petrenko bei der Arbeit zu beobachten, seine Musikalität, seine Schlagtechnik, die Art, wie energetisch er Musik aus den Menschen rausholt – einfach wunderbar.“ Wenn Daniel so schwärmt, dann vermittelt sich, was ihn wirklich von Herzen leitet. Ihm gehe es weniger darum, ein Stück intellektuell zu sezieren. Er sucht eher den emotionalen Zugang zu einem Werk, den er zunächst dem Orchester, den Solisten und dem Chor vermittelt. Mut, Kraft und Freude leiten ihn dabei. 

Diese Freude an zwei oder drei Stunden Operngeschehen ans Publikum weiterzugeben betrachtet er als seine Aufgabe. In der Fledermaus, deren Premiere nun ansteht, beginnt die Ouvertüre mit genau drei Tönen, die zweimal hintereinander erklingen. Daniel singt (!) mir verschiedene Variationen vor. Das muss so spritzig gespielt werden, so „hallo-wach“, wie ein Versprechen, dass es heute Abend immer wieder überraschend und immer wieder neu zugehen wird. Das sind die richtigen Stichworte. „Johann Strauss verblüfft uns mit den raschen und nicht endenden Taktwechseln in rasantem Tempo. Du kannst zum Beispiel die Arie „Mein Herr Marquis“ ganz gerade durchspielen oder als Wiener Walzer gestalten mit der frühen zwei und manchmal sogar einer späten drei variieren und mit Verzögerungen und Beschleunigungen sehr witzig artikulieren.“ 

Bei einer Sitzprobe am Tag unseres Gesprächs kamen zum ersten Mal das Orchester und die Solisten zusammen. DSC_0780Daniel Mayr bat Marie Heeschen (die die Adele singt und spielt), diese herausfordernden, etwas schaukelnden Akzentuierungen vorzusingen, um im Orchester ein noch besseres Gespür für das Abweichen vom „Normalen und immer Wiederkehrenden“ zu vermitteln. Denn auszurechnen oder verbal zu erklären ist das kaum. Wir dürfen gespannt sein, wie viel Champagnerlaune, wie viele Walzer- und Trippelschritte und lebhafte Betonungsvarianten zu hören sein werden. 

Für die komische Kongruenz von Musik aus dem Graben und dem Singen und Spielen auf der Bühne sorgt Regisseur Aron Stiehl. „Die Zusammenarbeit läuft super!“ Aron zeichne sich durch sein hohes Maß an Musikalität aus. „So einfühlsam bringen Theaterregisseure das nur selten mit. Er beherrscht sein Handwerk wie wenig andere. Er provoziert gern und produziert daraus komische Situationen. Einfach toll!“ So viel Lob und Anerkennung von dem Kollegen, der ihn kürzlich als „nur ein Bayer“ titulierte? „Klar doch. Was sich liebt, das neckt sich. Er kann ja nix dafür, dass er aus Hessen kommt.“

Strauss & Strauss – das sind für Daniel Johannes Mayr die größten Herausforderungen dieser Spielzeit. imageBeim Rosenkavalier von Richard Strauss vertrat er GMD Dirk Kaftan zweimal am Pult. Vorher hatte er das Stück nie dirigiert, musste es sich also ganz neu erarbeiten. Was denn der Unterschied sei zwischen seinem und dem GMD-Dirigat? Jeder Mensch arbeite anders, die Mimik, die Gestik, die ganze Physis unterscheiden sich natürlicherweise stark. Man sagte mal, Mayr führe das Orchester etwas sanfter, der Ton sei geschmeidiger. „Diese Art von Vergleich überlassen wir am besten wirklich den Fachleuten und dem Publikum. Ich stelle nun mit ein paar Jahren Berufserfahrung fest, dass meine Gesten kleiner geworden sind.“

Er halte es da ganz mit Leonard Bernstein, den er auch sehr verehrt. Wie sein Vorbild setzt Daniel sich mit der Partitur hin und erforscht, was sie ihm mitteilen möchte. Manchmal bis in kleinste Einheiten. Er tritt also in Kommunikation mit dem Werk und lässt sie durch sich selbst wie durch ein Medium fließen. Vermittelt sich Daniel so das fin de siècle Gefühl des späten 19. Jahrhunderts? Historisch festmachen will e das nicht. Nein, es gehe in der Fledermaus „eher um die Allgemeingültigkeit des Werks. Es gibt immer Leute, die anderen einen Streich spielen. Und solche, die dafür ihre süße Rache nehmen.  Ehemänner sind schon immer fremdgegangen. Ehefrauen auch.  Und Maskeraden haben schon immer kleine Alltagsfluchten erlaubt. Und dann – Schwamm drüber. Glücklich ist, wer vergisst …“ Das neureiche Gesellschaftsspiel interessiert ihn und die nun reife Erkenntnis, wie unendlich viele Facetten des Lebens und der Menschen es gibt. 

Dirigieren ist wie Kraftsport, wie ein Marathon. Deswegen gehören ein oder wie im Rosenkavalier auch zwei frische Frackhemden dazu und zwei Bananen. Wer viel Flüssigkeit von sich gibt, braucht direkt Nachschub an Magnesium und Kalium. Auf die glücksbringende Wirkung eines Talismans verzichtet Daniel. Aber er hat Rituale. Gleichgültig, was an Aufregung noch entsteht, kurz bevor der Vorgang sich öffnet, er zieht sich für ein paar Minuten zurück. Völlige Stille. Atemübungen, den Kopf leer machen, volle Konzentration, die Freude aufkommen und sich ausbreiten lassen für die Schönheit der Musik und des Stücks, das nun gleich beginnt. Dann gut gelaunt zum Orchester, das ihn voller Spannung erwartet und sich auf ihn freut. Mir kommt gleich das Bild vom Kapitän auf einem Schiff, der weiß, wo die Reise hingeht und der sicher navigiert.

Er schaut auf die Uhr. Zur Theaterkasse muss er noch vor der Abendprobe und zum Maßnehmen für ein neues Kostüm. Wie? Schneidert das Theater den Frack nach Maß? Nein, Daniel hat in Staatstheater von Mauricio Kagel auch einen kleinen szenischen Auftritt. Und fürs Jackett fehlen der Gewandmeisterei offensichtlich seine Maße. Ein Blick aus dem Fenster: Es schneit! In Bonn. Schifahren war er schon seit drei Jahren nicht mehr, aber eine anspruchsvolle Bergtour muss jedes Jahr sein. Geht er dann auf Risiko? Wäre das auf seinen Berufsweg übertragbar? Zwei Jahre Berlin, sieben Jahre Bremen, jetzt Bonn. Wie lange wird er bleiben? „Erst mal bin ich hier. Gut angekommen und angenommen. Auf absehbare Zeit stell ich mir keinen Umzug vor. Ich bin gern an einem Ort heimisch.“

Mir gegenüber sitzt ein sportlicher Daniel Mayr, der auch im Schneegestöber mit dem Fahrrad fährt und erst mal aus der Regenhose schlüpft. So ein charmanter, freundlicher Outdoor-Typ, dem man den Musiker und Dirigenten nicht auf den ersten Blick ansieht. Nicht nur musikalisch stellt er sich entschlossen auch größeren Herausforderungen. So bewältigte er eine Fahrradtour durch Island mit seinem Bruder. Viel Regen gab’s, noch mehr Wind, Kälte und Nebel, gefährliche Touren und wenig Komfort. Ja, er geht schon mal an die Grenzen, auch physisch. Klingt genauso authentisch wie alles, was er in zwei Stunden erzählt. Ich nehme ihm den akribischen Musiker genauso ab wie die achtsame und respektvolle Führungsfigur, den herzlichen Familienmenschen und verlässlichen Freund, den vertrauens- und humorvollen Gesprächspartner und den bodenständigen Bayern, der mit voller Bodenhaftung zu musikalischen und künstlerischen Höhenflügen ansetzt und sicher wieder landet. 

 

 

 

 

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