LA CENERENTOLA – Prinz sucht Frau

Triumpf der Tugend – den feiern Musik, Gesang, Tanz und Spiel in Gioachino Rossinis La Cenerentola an der Oper Bonn. Das Volksmärchen Aschenputtel, seit der Antike weit verbreitet und in unzähligen Opern, Theaterstücken und Filmen bearbeitet, hat sich zum beliebten kulturellen Allgemeingut entwickelt. Zu schön ja auch die Geschichte von der missliebigen Tochter, die in Ruß und Asche die schmutzige Arbeit im Haus des Vaters und der beiden Schwestern verrichtet. Ihr gutes Herz, ein wenig Engels-Magie und ein, zwei Prisen Zauberstaub verschaffen ihr den Platz an der Seite des Prinzen. 1817 in Rom uraufgeführt, sprüht die Oper auch heute, mehr als 200 Jahre später, vor guter Laune und Lebenslust.

„Weltherrscher der Musik“ nannten die Zeitgenossen Rossini, bis Wagner und Verdi ihm den Rang abliefen. Seine musikalische Ausbildung begann er als Sänger und genau deshalb schrieb er seinen Primadonnen und Primi Uomini fantastische Koloraturen und traumhafte Melodien in die Stimmen. Leonardo Muscato, in seiner Heimat Italien ein renommierter Theater-, Film- und Opernregisseur, legte den Grundstein für seinen künstlerischen Werdegang als Schauspieler. Mit diesem tiefen Verständnis für Ausdruck, Gestik, Mimik, für Schritte und Drehungen, für das Miteinander in der Darstellung lädt er die Sängerinnen und Sänger zu ihrem exzellenten Spiel der physical comedy ein.

Mit Händels Xerxes begeisterte Muscato das Bonner Publikum vor exakt drei Jahren. Agrippina, bislang nur via video stream zu erleben, kehrt live und in Farbe im Frühjahr 2023 auf die Bühne zurück. Muscato ist ein Teamplayer, er verlässt sich gern auf gut eingespielte Crews. An seiner Seite der maestro di scena, der Bühnenbildner Andrea Belli. Er verwandelt die Bonner Bühne in zwei Anwesen mit rotierender Renaissance Treppe und einer Balustrade. In Sekundenschnelle wechselt der Schauplatz zwischen dem Lustschloss des Prinzen Don Ramiro und dem eher schlichten Haus des Don Magnifico. Das romantische Ambiente erhält Licht und Glanz durch die farbenfrohe Illustration von Max Karbe.

Als kongenialen Partner hat Muscato Rubén Dubrovsky am Pult zur Seite. Der argentinische Dirigent, eigentlich ein Spezialist für Barockmusik, betreibt die unerschöpflichen Crescendi, das kontinuierlich sich hochschraubende Anschwellen der Musik, und die zarteren Diminuendi, das Pendant im Zurücknehmen des Orchesters, mit spürbarer Lust an diesem Auf und Ab. Das Beethoven Orchester hier bei Rossini fast auf ein Minimum geschrumpft: mit je zwei Flöten, Piccoloflöten, Oboen, Fagotten und Klarinetten, Hörnern, Trompete und Posaune und den Streichern, die oft genug die Saiten mit dem Bogen schlagen und so den typischen Klang erzeugen. Durch die gesamte Oper „führt“ Elia Tagliavia am Hammerklavier.

Eine herzliche Freundschaft verbindet Regisseur und Dirigent, für das Premierenpublikum deutlich sichtbar in der glückseligen Umarmung beim überschwänglichen Schlussapplaus, standing ovation inklusive. Dieser frenetische Beifall wuchs allerdings selbst wie ein Crescendo an. Nach der ersten Szene bereits großer Applaus, der sich bei jedem Wechsel wiederholte und steigerte – weshalb die Vorstellung knapp 10 Minuten länger dauerte als geprobt. Aber sehr zu recht lösten Humor, Komik (nie Klamauk!) und vor allem der makellose Gesang ein solches Maß an Seh- und Hörfreude bei den Menschen im Saal aus.

Wie allgemein bekannt gehören sprechende Tiere zum Personal von Märchen. Niemand wundert sich darüber; es drückt einen Teil des non-realistischen Kerns der Erzählung aus. Leo Muscato versammelt nun eine farbenprächtige Menagerie auf der Bühne, die alle Figuren mit liebevollen Details (Kostüme von Margherita Baldoni) charakterisiert. Es treten auf die schmetterlings-flatterhafte Clorinde und die pfauen-eitle Tisbe, die beiden ewig wettstreitenden Töchter des Don Magnifico. Dieser intellektuell etwas unterbelichtete Wichtigtuer (magnifico = großartig), der Baron di Fiascone (Herr von der dickbauchigen Flasche) träumt, er sei ein Esel. Und so ist seine Kutte grau mit langen Ohren.

Die höfische Gesellschaft bilden der Prinz Don Ramiro, der als Zeichen der Verbundenheit mit seinem treuen Diener Dandini eine Leibbinde mit dem gepunkteten Fell eines Dalmatiners trägt, und Dandini, der in der Verkleidung zunächst als der Prinz auftritt und an seiner Stelle Taubenfedern auf der Brust hat. Im Happy End tauschen sie natürlich in einen Schoßrock im Dalmatiner-Look und eine weiße Ausgehuniform mit weißen Federn (la paloma bianca). Schließlich umfliegen in Bonn offensichtlich die Engel alle Krisenherde. Hatte schon Monsieur Émile in Leonore 40/45 das Liebesglück zu einem guten Ende geführt, übernimmt hier Alidoro, der Prinzenerzieher, die Regie in Gefahrenzonen. Er vertritt als Eule die Weisheit mit goldenen Flügelrevers seines Gehrocks, ganz mit schwarzen Federn gefüttert, die – wenn er zaubert – golden aufleuchten. Genauso übrigens wie der Bilderrahmen, der zum Eintritt ins märchenhafte Geschehen einlädt und die gesamte Bühne umschließt.

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Francisco Brito und der Herrenchor, © Thilo Beu

Drei Frauen und 30 Männer in La Cenerentola – das wäre schon ungewöhnlich genug. Hätte nicht Leo Muscato sich hier einen genialen Regietrick vorbehalten. Der Hofstaat des Prinzen, i cavalieri, kommen als Pferde in die Manege geritten. Die Chorherren „reiten“ – je nach Temperament des eigenen Pferdchens – in perfekter Dressurhaltung, mit chilligem Groove oder mit Discofieber in den Beinen. Selten oder nie hat dem Publikum ein Regiestreich solches Vergnügen bereitet, das im Laufe des Abends mit Applaus bedacht wird, noch bevor die Choristen die Stimmen erheben. Marco Medved, der maestro del coro, erschien zum Abschluss ebenfalls im Hopserlauf auf der Bühne – Chorpferdchenspaß scheint ansteckend zu sein.

Vor genau 19 Jahren wurde La Cenerentola zum letzten Mal in Bonn aufgeführt. Damals debütierte ein junger Bass, ein hoffnungsvolles Talent, das die Herausforderung, den Don Magnifico zu singen, nicht scheute. Martin Tzonev hat sich mittlerweile als Bühnenliebling der Bonner etabliert und nimmt diese Rolle erneut in Angriff. Und … wächst über sich hinaus! So lustvoll hat man ihn nie spielen sehen! Er agiert so komisch, dass Don Ramiros „che buffone!“ als Kompliment dienen sollte. Sein Bass hat genau die Leichtigkeit, die dem besoffenen Barone genauso wie dem subalternen Vater heiratswilliger Töchter und dem Machtwort über den Zickenkrieg exakt die angemessene Spielbass-Stimme verleiht.

Charlotte Quadt, Martin Tzonev, Marie Heeschen
© Thilo Beu

Seinen beiden Töchtern Clorinde und Tisbe verleihen Marie Heeschen und Charlotte Quadt Gesang und Spiel. Zwei ausgezeichnete Sängerinnen und top-talentierte Komödiantinnen. Sie sind einander in herzlicher Abneigung zugetan und sitzen doch im selben Boot. In ihren fantastischen Kostümen bestens ausgestattet für den Heiratsmarkt, versuchen sie sich gegenseitig ständig wegzuschubsen, zu übervorteilen, den Rang abzulaufen. Das geht bis zum Schlussapplaus weiter, wo sie sich noch den besten Platz streitig machen. Marie Heeschen gehört mit ihrem schönen Sopran zu den beliebtesten und vor allem vielseitigsten Sängerinnen des Bonner Ensembles, schauspielerisch in der Spitzenliga. Jeder Augenaufschlag, jeder Schmollmund, ein Trippeln mit den Füßen oder ein kühner Ritt auf dem Treppengeländer – eine großartige Bühnenpräsenz. Charlotte Quadt punktet mit ihrem Mezzosopran und der Rolle der kühleren der beiden Schwestern. Der morgendliche Blick in den Spiegel löst bei ihr Entsetzensschreie aus – ein Instagram Filter würde das Problem heute sofort lösen. In ihrer Hartherzigkeit, ihrem völligen Mangel an Empathie und ihrer Herablassung dem Aschenputtel gegenüber sind sie sich allerdings einig. Und im legendären Katzenduett, das sie in einer Umbauphase mit über dem Graben baumelnden Beinen darbieten. Der Katzenjammer nach dem Ball beim Prinzen ist riesig und dieser Frust lässt sich prima im Maunzen unzähliger Miaus ausdrücken.

Die großen Solopartien der Herren besetzt die Oper Bonn mit Gästen. Alle drei sangen und spielten sich unmittelbar in die Herzen des Bonner Publikums. Carl Rumstadt, der zweite Bass dieser Oper, kommt mit der Leichtigkeit des stets auf einen Flirt bedachten Kammerdieners daher. Er sondiert das Feld für seinen Herrn und fühlt sich offensichtlich sehr wohl in dieser Rolle. Eine junge und bewegliche Stimme, wie geschaffen für den Dandini. Der argentinische Bassbariton Lisandro Abadie gibt den Alidoro, den Goldjungen. Bruno Ganz in Der Himmel über Berlin inspirierte Leo Muscato nach eigenem Bekunden für diese Figur. Die sanfte Weisheit, mit der die Liebe über Standesgrenzen, von der Asche auf den Thron, hinweg möglich wird, verkörpert er vollkommen. Wir nehmen ihm jede Magie ab, bis zum kindlichen Pusten von Zaubersand in die Augen der Liebenden. Geschmeidige Bewegungen geben ihm etwas Schwebendes, eben Engelhaftes.

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Francisco Brito, Luciana Mancini, Lisandro Abadie
Mit freundlicher Genehmigung der Oper Bonn, © Thilo Beu

Als Traumpaar glänzen am Ende der argentinische Tenor Francisco Brito, der einen reichen Erfahrungsschatz und unzählige Auftritte in dieser Rolle aufweist, und Luciana Mancini, in Bonn als Xerxes und Maria de Buenos Aries gefeiert. Brito gibt den Don Ramiro so einfühlsam und geschmeidig, wie es einem lyrischen Tenor im besten Fall gelingt. Zu beobachten war, dass er bei der Schlussarie seiner Braut, der Cenerentola, von innen heraus strahlte – kein Schauspiel, sondern echt. Denn eine überragende Leistung vollbrachte Luciana Mancini. Ihre „Auftrittsarie“, die Ballade vom einsamen König, der sich eine Frau sucht (Una volta c’era un re), lässt alle die Ohren spitzen. Was für eine Stimme! Diese zarte Person, schauspielerisch und sängerisch gleichermaßen überzeugend im ärmlichen Gewand am offenen Feuer wie im Ballkleid, bietet ein Spektrum an Stimmmodulation, das seinesgleichen sucht. Brava, bravissima!

Auch La Cenerentola beweist, dass alle Talente und Sangeskünste gemeinsam ein beglückendes Ganzes ergeben. Immerzu möchte man dem Quintett, Sextett und Septett lauschen, bei denen die Solistinnen und Solisten in individuelle Lichtkegel getaucht sind. Wenn dann im Schlussbild die lustige Reiterei des Herrenchors mit einstimmt und ein überschäumendes Tutti darbietet, fügt sich alles zu einem großen Ganzen. Einfach wunderbar!

Der Gattung Märchen zutiefst zu eigen sind traditionell die großen Gefahren, denen die Menschenkinder ausgeliefert sind. So enthält auch La Cenerentola Kaltherzigkeit, Hass, Gewalt, Bedrohliches, Machtmissbrauch, Ränkespiele, die in der Gewitternacht kulminieren. Alidoro zur Seite gestellt hat Leo Muscato fünf Engel, junge Laiendarstellerinnen aus Bonn. Sie bedienen, von grässlichen Blitzen und Orchestergetöse begleitet, die Windmaschine und das Donnerblatt für alle sichtbar auf der Bühne. Das Gewitter als die Urkraft, die die Luft reinigt. Und als Eingriff in die Bosheit der Menschen. Herrlich anzusehen, wie derangiert Clorinde und Tisbe am Morgen danach „in den Seilen hängen.“ Und gut zu wissen, dass auch die dunkelste und bedrohlichste Nacht sich bei den Engeln in guten Händen befindet.

Die Oper Bonn spielt La Cenerentola noch 11 Mal bis zum 19. Februar 2022. Infos und Tickets hier.

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