BRuCH – neue Musik in der Kunst-Station Sankt Peter in Köln

In asketischer Gotik empfängt die Kirche der Jesuiten Sankt Peter Köln ihre Gäste. Minimalismus in jeder Hinsicht. Keine Kirchenbänke, 20200516_125243kein Schmuck, keine Seitenaltäre zur Anbetung der Heiligen. Im hillije Kölle eine Ausnahme! Zwischen Volkshochschule, Rautenstrauch-Joest-Museum und der Stadtbibliothek Köln, also in einem abgezirkelten Kulturdreieck, reichen zehn Schritte, um gut 500 Jahre in der Zeit zurückzugehen. Und das lohnt sich.

Sankt Peter beherbergt die Kunst-Station, ein Eldorado für Menschen mit einem Faible für zeitgenössische Musik, Kunst und Literatur. Ganz nebenbei: Hier wurde Peter Paul Rubens getauft, der in Siegen, rund 100 km östlich von Köln, zur Welt kam. Genau hier hat das Ensemble BRuCH nach exakt 10 Wochen der Auftrittsabstinenz zum Lunchkonzert eingeladen.

Werbung? Nur über die sozialen Medien! Erfolg? Ja, alle Stühle waren besetzt. Eintritt? Steht jedem und jeder frei – Spenden willkommen. Sicherheit? Klar doch, Maske auf und Abstand halten. Stimmung? Auf-BRuCH. Endlich wieder eine live performance! Werke? Voices and cellovon Morton Feldman und eine freie Improvisation.

Die karge, graue Kühle des Kircheninneren20200516_125358 und der zwei-Meter Radius um jeden Menschen herum bewirkte ein – für Konzerte – völlig ungewohntes auf-sich-gestellt-Sein. Mit doppelt so großem Abstand positionierten sich die Musikerinnen vor dem nackten Altar, einer Steinbank: Sally Beck Flöte, Ella Rohwer Violoncello, Marie Heeschen Sopran. Die Pianistin Claudia Chan saß in Australien fest. Ihr Beitrag erklang via Bluetooth in der Improvisation.

Deshalb galt für alle im Publikum, das Smartphone auf Flugmodus umzustellen. Damit war Bluetooth auf allen Geräten deaktiviert und Interferenzen waren ausgeschlossen. Insgesamt drei dieser handlichen Boxen lieferten Elemente der performance, zunächst einmal nur Vogelgezwitscher, das  live Vogelsänge und Baustellenlärm von draußen untermalten.

Es war ein „erstes Mal“ – nicht nur für mich und nicht nur wegen der sorgsam arrangierten Zuhörerschaft. Marie interpetiert die Feldman-Komposition gesummtgesungen. Einzelne Töne im Dialog mit dem Cello oder der Flöte. Die Akustik des Kirchenschiffs beschert ihr einen Hall und eine Tonfülle, wie sie nur hier und nur so eine Solostimme erzeugt. Was macht den Zauber aus? Der Klang einer Mantra-Meditation? Der Gesang der Wale? Die Pausen, in denen die Augen der Flötistin Sally Beck und der Sopranistin mit Blicken Musik erzeugen? Zwei Minuten Stille, in die niemand mit voreiligem Applaus hineinklatscht?

Wie ein Blasebalg, der seine Luft ablässt, haucht die Flöte aus und auch die menschliche Stimme. Atempausen. Und dann rummst das Cello in das idyllische Vogelzwitschern. Die Flöte gibt gleichermaßen mit einzelnen Tönen Energie ab. Die Analogie zum abrupten Stillstand stellt sich leicht her. Eine halbe Stunde Musik wie heute beflügelt alle, sich langsam wieder aus der Schockstarre zu lösen.

Aus der dritten Box erklingen nun O-Töne von Betroffenen und Protagonisten der Krise. Existenzielle Fragen tragen diese Stimmen in den Raum, begleitet von Maries ätherischem Gesang. „Is my work needed? Hard to tell.“ – Da macht Ella Rohwer mit dem Cello deutlich auf die Urkraft ihres Instruments aufmerksam. „Protecting the lives of others must be the most meaningful thing we’ve been asked to do.“ Der Sopran bäumt sich auf, denn „Erregungsgrad hoch“. Allmählich geht Angela Merkels ruhige Stimme in der Polyphonie oder Kakophonie unter. „Wir sind in Not, wollt ihr unseren Tod?“ ist auszumachen aus dem Stimmengewirr, nachdem „Strukturelle Hilfe. Sichern.“ den Sturm vor der Ruhe auslöst. „An der Hoffnung arbeiten“ und „Kindern Kultur vermitteln, unabhängig von Elternhaus & Einkommen“ als Ziele auf dem Weg, „neue Plattformen zu finden“.

Die Impro, aktuell aus der Zeit entstanden, schmiegte sich nahezu natürlich an die minimalistische Komposition von Morton Feldman an, der mit John Cage  befreundet war und bereits 1987 starb.

Auch für die drei Musikerinnen 20200516_133411war dieses Konzert „ein erstes Mal“. Alle drei Bühnenprofis, die sich an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln kennenlernten und sich nun in ihrer Band leidenschaftlich neuer Musik widmen. Marie Heeschen – mit allen Bühnenwassern gewaschen, von Händel über Beethoven und Mozart, von James Reynolds und Jonathan Dove, in der Fledermaus und im Figaro – berichtete von einem mulmigen Gefühl, nach so langer Zeit wieder dem „handverlesenen“ Publikum so direkt gegenüber zu stehen.

Ella Rohwer, die mit klassischer Ausbildung am Cello eine ausgeprägte Vorliebe für neue, experimentelle Musik hat, kämpfte mit mehr als dem üblichen Lampenfieber. Schon aus der S-Bahn hatte sie das gespenstische Gefühl von Maske und Isolation mitgebracht. Aber sobald das Auftritts-Adrenalin sie flutete, fremdelte sie nicht länger mit den versprengten Zuhörern in der Kirche.

Die Flötistin Sally Beck – Absolventin der Royal Academy of Music – reichte Marie Heeschen förmlich auch gesungene Töne an. Lautmalerisch blies sie auf ihrem Instrument, bis hin zum schnöden „Pustekuchen.“ Spielfreude paarten sich mit einer innigen Kommunikation mit den beiden anderen, bis hin zum liebevollen Blinzeln, bevor sie die Pausenstille wieder aufhoben und erneut einsetzten.

Aus dem kühlen Kircheninneren lockte die Maisonne zur entspannten Nachlese im Innenhof. Heitere Gesichter bei den drei Musikerinnen und den Konzertbesuchern. Welch ein Glück für die Band, wieder gemeinsam Musik zu machen und für das Publikum, dieses Revival zu erleben!

*Aufnahme auf YouTube

2 comments

Add Yours
  1. Bom Franke

    Liebe Mechthild, ich habe mich sehr darüber gefreut, mal wieder von Dir zu hören: Danke für den – wieder einmal – sehr netten und informativen Bericht! Es war sicher etwas ganz Besonderes. Ich habe zwar keinen Zugang zur neuzeitlichen Musik, aber unter den gegebenen Umständen sicherlich sehr schön. Und Marie ist ja auch eine Klasse für sich!! LG Barbara

    Von meinem Xperia Smartphone von Sony gesendet

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  2. Kerstin Christen

    Liebe Mechthild,
    ich bekam beim Lesen Deiner wieder so wunderbar verfassten Zeilen das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Ganz liebe Grüße vom Bodensee

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