Die Fledermaus – frisch und frech wie anno 2020

Die Königin der Operette berauscht sich am Champagner, dem König der Weine. Na, das kann ja heiter werden in Baden bei Wien, wo die Möchtegern-Schickeria eine harmlose Intrige, ein Souper mit Balltanz und völlig verkatert den nächsten Morgen erlebt. Vor nahezu auf den Tag genau zwei Jahren feierte Johann Strauss‘ Operette Die Fledermaus Premiere in der üppig-opulenten Inszenierung von Aron Stiehl und mit Daniel Johannes Mayr am Pult. Damals bejubelte das voll besetzte Opernhaus den glänzenden Auftakt dieses springlebendigen Stücks und dann war lange Zeit Pause. Aus den bekannten Gründen. Jetzt flattert sie wieder, die Fledermaus …

… und präsentiert eine fabelhaft leichte, beschwingte, auf den Punkt gebrachte musikalische Interpretation der Strauss-Operette. Dynamisch ja, aber nicht im Galopp, mit einem Schuss Nostalgie, aber ohne Zuckerguss. Prickelnde Erotik musste, ein bisschen Sado-Maso durfte. Verschiedene Spielarten der alten Geschichte Wer-mit-wem-und-wie.

Was genau geschah? Eigentlich nichts. Also nichts Verwerfliches. Dumme-Jungen-Streiche im neureichen Wiener Vorstadtmilieu. Da nimmt Dr. Falke Rache an Gabriel von Eisenstein, weil er ihn vor Jahren einmal dem Gespött der Markthändler preisgab. Sturzbetrunken ließ er ihn nach durchzechter Nacht in einem Fledermauskostüm  auf der Strauße zurück. Dazu gesellt sich eine Amourette. Der Tenor Alfred findet sich völlig überraschend im Hause Eisenstein ein, um seine alte Schwärmerei für Rosalinde aufzuwärmen. Aber er kommt nicht wirklich zum Zuge – dem Intervenieren des Gefängnisdirektors Frank geschuldet. Der dritte Handlungsstrang: Eisenstein muss eine Gefängnisstrafe absitzen, weil er einen österreichischen Beamten beleidigt hat. Mon dieu, möchte man beschwichtigen. Das regelt man doch unter Freunden, mit ein paar Scheinen oder mit einer Einladung zum … grand souper?

Johannes Mertes als Gabriel von Eisenstein, © Thilo Beu

Also das Eigentliche findet nicht statt. Lässt die Ouvertüre, die alle Themen anspielt, noch auf eine große Oper schließen, zerfließen die dramatischen Konflikte wie Liebe, Leidenschaft, Rache hier ungelöst. Und zwar in reichlich Champagner. Der ist schließlich an allem Schuld. Und bildet die flüssige Grundlage für die klug gestaltete Situationskomik. Am Ende ruckelt sich die heile Welt zurecht, die allerdings auf den wackligen Beinen des Alkohols steht. Die heiße Luft der Anfangskonstellation ist verpufft, statt Neubesinnung ein walzerndes Weiter-so. 

Das Publikum der Uraufführung 1874 erkannte die Protagonisten der Gründercrash-Opfer auf den ersten Blick. Die Neureichen, die durch das Desaster der Weltausstellung ihr Geld verloren hatten. Die mittelmäßig Gebildeten, die ihr Französisch nur in Phrasen plappern und einander in dümmlichen Reimen beschimpfen. Das wäre in Wien, der Weltstadt, dezidiert anders. Weil die Sehnsucht nach dem Großbürgerlich-Adligen die Attitüde der Vorstadt-Möchtegerns so prägt, muss ja im zweiten Akt ein russischer Prinz her. A bissel ominös, der Herr Prinz, und a bissel androgyn obendrein und mit einem exotischen erotischen Faible. Einer, der die Befindlichkeiten des Bürgers (Eisenstein) und des Beamten (Frank) ad absurdum führt. Sehr hübsch, wie Prinz Orlofsky das Bornierte und Blasierte vorführt.

Marie Heeschen als Adele und Chor, © Thilo Beu

Aber damit sind wir natürlich schon im Gartensalon des Prinzen, den der Kapellmeister mit „pomp and circumstance“ ankündigt. Er fordert er das Publikum auf, sich zu majestätischen Tönen zu erheben. Aber hier wachsen die Bäume wahrhaftig nicht in den Himmel, sondern das Dschungelgrün hängt von der Decke  und Beethoven persönlich spielt zum Csárdás der ungarischen Gräfin alias Rosalinde von Eisenstein auf. Allerdings schwebt er mit seinem Pianoforte in der Luft. Er steht halt über den Dingen. 

Nicht einmal 24 Stunden beträgt die gespielte Zeit; die drei Akte zeigen drei Schauplätze. Zunächst das Haus Eisenstein, in dem die Zimmer wie Waben in einem Bienenstock eng aneinander liegen. Hier bedient sich das Stubenmädchen frech an den Goodies der Gnädigsten,  hier wirft sich die Hausherrin vor dem Tenor mit dem hohen A willig nieder, hier hecken Eisenstein und Dr. Falke ihre nächtliche Eskapade aus. Und hier kocht die Dame des Hauses persönlich die Suppe: Sie zerhackt genüsslich eine Aubergine, das Emoji der virilen Potenz, und allerlei phallisches Gemüse. Mit einer ordentlichen Prise Rattengift bereitet sie dem verlogenen Gatten eine Henkersmahlzeit zu. Eine ironische Brechung des engstirnigen Bourgeois-Lebens, das sich Freiheiten in Form von Po-Tätscheln und hormonell gesteuertem Wiehern gönnt, garniert mit köstlichen Tanzeinlagen.

Im zweiten Akt wird der Raum weit, die Szene in Partylicht getaucht. Der Gartensalon im prinzlichen Palais. Hier tun sich Abgründe auf im „Ball Verkehrt“: Der devote Sexsklave des zwielichtigen Prinzen (oder ist er doch eine Frau?), die Ballettratten, bei denen die Frauen im Glitzeranzug und die Männer im Feder-Tutu tanzen. Ja ist denn schon Karneval? Oder Fasching? Und setzt sich hier die Choreografie der Ouvertüre fort, wo Genderregeln aufgehoben sind und das Oben und Unten ebenfalls?

THEATER BONN: DIE FLEDERMAUS
Christoph Wagner-Trenkwitz als Frosch, © Thilo Beu

Schließlich funktionieren im dritten Akt die Waben der Vorstadtvilla als Zellen im Gefängnis. Hier löst sich alles auf und die „fidelen Säue“ der fehlarrangierten Leuchtschrift aus dem Revue-Theater bilden abschließend wieder korrekt DIE FLEDERMAUS. Vorher schlägt die Stunde des Frosch. Christoph Wagner-Trenkwitz gilt in Österreich als wahres Multitalent: Schauspieler, Moderator, Dramaturg, Intendant, ein Bühnenmensch durch und durch. Als Frosch darf er kalauern, Wörter verdrehen und das Publikum zu seinem Verbündeten machen. Zuvor natürlich sein legendärer Monolog, gespickt mit Anspielungen: Wie ihm die rheinische Sprache ein Rätsel bleibt. „Rut sin de Ruse“ oder eine Band namens „Bläck Fööss“.

Etwas Gutes sei dennoch aus der Region nach Wien exportiert worden: Seit 1923 entsorgen die Wiener ihren Kehricht in Mistkübeln der Firma Colonia aus Köln. Der Frosch hat die proletarisch-versoffene Distanz zur Haute Volée. „Verlogene Gelegenheitsalkoholiker“ nennt der philosophierende Slivovitz-Trinker im Hausmeisterkittel die ganze Bagage.

Genau! Hier lügen alle, hier spielen alle ein doppeltes Spiel. Und Olga alias Adele spricht es aus: „Ich bin nicht das, was ich scheine.“ Als Kammerzoferl träumt sie vom Theater, arrangiert ihr eigenes Casting und zwingt Gefängnisdirektor Frank förmlich, sie als ihr Sugar Daddy zu sponsorn. Rosalinde spielt die schöne unbekannte ungarische Gräfin nur, um ihren Mann der Untreue zu überführen. Was beweist ihre Herkunft? Die exotische Maskerade und „derrrr Múuusiek!“, wie sie mit slawischem Akzent gurrt. Stimmt. Die Musik betrügt nicht.

Diese Operette fordert sehr charmant zum Mitmachen auf. Das Publikum erhebt sich folgsam von den Sitzen, als der Prinz auftritt. Es singt begeistert die quasi-Hymne „Do simmer dabei, dat is prima … mit, als Alfred sie im Knast anstimmt. Schließlich spielt das Orchester auf Froschs Wunsch den Radetzkymarsch vom „anderen“ Strauss als Soundtrack für die Morgengymnastik der Knackis. Die büchsen dann prompt aus und rennen aus dem Saal. Und das Publikum? Klatscht wie beim Neujahrskonzert im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins begeistert mit. Ein bisschen böse hier, der Aron Stiehl. Hält er uns doch den Spiegel vor: Möchten wir nicht alle da auch einmal dabei sein,  rubbing shoulders with the rich and famous? Wie sagte der Frosch doch gleich? Der Schauplatz „Baden bei Wien“ spricht der Österreicher „Boen bei Wean“ aus. Und da simmer schon ganz nah dran, an Bonn, und auf jeden Fall dabei.

Anna Princeva als Rosalinde, © Thilo Beu

Wie der Champagner in die Gläser perlen die Evergreens nur so aus den Kehlen des Bonner Ensembles. Arien? Eher Lieder, denen die großen Gefühle der Oper fehlen, die aber dafür mit eingängigen Melodien zum Mitschwingen einladen. Marie Heeschen glänzt als das von allen begehrte Stubenmädchen Adele mit „Mein Herr Marquis“ und „Spiel ich die Unschuld vom Lande“ als kecke und selbstbewusste Zofe mit einer leicht kapriziösen Interpretation. Vincenzo Neri agiert als Strippenzieher Dr. Falke alias Fledermaus. Er arrangiert das Zusammentreffen der Figuren und beschwört mit seinem Trinklied „Brüderlein und Schwesterlein“ die Freundschaft für die Ewigkeit. Die erste große Rolle, die der junge Bariton hier in Bonn mit voll tönender Stimme präsentierte.

Der Prinz eine klassische Hosenrolle für den Mezzo-Sopran. Ingrid Bartz in sensationeller Maske und ausgetüfteltem Kostüm überlässt „chacun à son gout“  mit adlig-gelangweilter Libertinage. Johannes Mertes wächst als Gabriel von Eisenstein schier über sich hinaus. Er spielt, er singt („Dieser Anstand, so manierlich“), er tanzt (!), dass es eine wahre Freude ist. Anna Princeva glänzt ein weiteres Mal mit souveräner Stimmführung und leicht überzogenem Slapstick-Spiel. So will es die Rolle. Den übertölpelten Gefängnisdirektor Frank gibt Martin Tzonev, dem so speiübel vom Champagner schwindelt. Er war gut bei Stimme nach einem temperamentvollen Don Magnifico in La Cenerentola am Abend vorher. Josef Michael Linnek „stottert“ sich als Advokat durch die Rolle des Dr. Blind. Den Alfred gab Sántiago Sánchez mit einer quasi-Karikatur des etwas unterbelichteten Tenors. Vom Lockenkopf über den spießigen Morgenmantel und die fragwürdige Unterwäsche zu grünen Socken und Pantoffeln eigentlich das Gegenteil vom Latin Lover und seinem legendären Charme. Seine „Rosita“ betet er an, er flicht spanische Gassenhauer ein und ein mildes Fluchen äußert sich in „madre mia“. Er singt sich quer durch die Tenorliteratur: Von Tamino bis Florestan und natürlich mit dem „Täubchen, das entflattert ist“ und „Trinke, Liebchen, trinke schnell“.

In sensationell schönen Kostümen sang und tanzte sich der Bonner Opernchor durch das Stück. Marco Medved hatte seine Damen und Herren wieder exzellent vorbereitet und dementsprechend herzlich war der Applaus für alle. Dabei auch bewundernswert, dass die Herren am Abend zuvor die possierlichen Pferdchen in La Cenerentola gegeben hatten.

Aron Stiehl pflegt seinen eigenen Stil“, möchte man im Wortspiel der Operette formulieren. Besser natürlich: Seine Inszenierungen tragen seine individuelle Handschrift, mit überbordender Bildlichkeit und Liebe zum Detail. Das treibt mitunter schrille Blüten und verzichtet nie auf Tanzeinlagen. Ob im Terzett, im großen Chor der Ballgesellschaft, im Ballett oder beim Workout der schweren Jungs – feinst choreografierte Bilder der Tänzerin Bärbel Stenzelberger zeichnen diese Fledermaus aus.

Eine geschickt konstruierte Bühne für das kästchenkleine Innenleben der Figuren, tolle Kostüme, witzige Requisiten, fulminante Musik der Solisten und des Chors machen diesen Operettenabend  zu einem Fest. Der Katzenjammer, neudeutsch der hangover, am nächsten Tag verkehrt sich in eine heile (Schein-)Welt. Adele wird Künstlerin, alimentiert von Gefängnisdirektor Frank, Gabi und Rosi gehen vergnügt nach Hause, Dr. Falk ist Eisenstein wieder gewogen. „Die Rache braucht einen G’scheiten und einen Dummen“, sagt er. Nur eine kleine Badener Farce? Gewiss, denn Alfred mit seinem sonnigen Gemüt hat Trost parat: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“

Das Publikum belohnte diese Neu-Premiere mit Standing ovations; es war ein toller Theaterabend. Also schnell (!) Karten kaufen, anschauen, miterleben und ganz glücklich aus dem Theater nach Hause gehen. Termine, Karten und Infos hier.

Anmerkung: Dieser Artikel „live aus der Oper“ ist eine überarbeitete Fassung meines Blogposts vom 9. März 2020

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