Marie Heeschen – Sopranistin zwischen Dada-Bäumchen und Barock-Canzonetta

Ausgezeichnet – diese Prädikat trifft auf jede Performance der Sängerin Marie Heeschen immer und in jedem Genre zu. Ausgezeichnet wurde sie nun mit dem Preis der Opernfreunde Bonn 2023. Für die Ehre bedankte sie sich mit einem außergewöhnlichen Konzert, einem exquisiten Liederabend. Am Flügel begleitet von Sandra Urba, mit der sie offensichtlich eine im wahrsten Sinne des Wortes harmonische Freundschaft verbindet.

Marie Heeschen überrascht immer wieder mit der großen Bandbreite ihres künstlerischen Schaffens. An der Oper Bonn erfreut sie als – im klassischen Opernjargon gesprochen – entzückende Soubrette. Das Publikum liebt sie als Oscar in Ein Maskenball, Clorinda in La Cenerentola, Tussy in Marx in London, Susanna in Die Hochzeit des Figaro, Atalanta in Xerxes oder Poppea in Agrippina. Händel, Rossini, Mozart, Verdi, Dove – fast 300 Jahre große Opernliteratur hat sie im Repertoire. Schauspielerisch haben für feinstes Timing und physical comedy berühmte Regisseure wie Aron Stiehl und Leo Muscato sie geprägt. Schelmisch, kokett, naiv, verführerisch, ein Schulterblick, ein Augenzwinkern, ein Hüftschwung – das hat sie gekonnt drauf. Ihre Stimme führt sie fein, höhensicher und mit jugendlicher Leichtigkeit durch oft akrobatische Koloraturen. Für Marie Heeschen jedoch ist die Schublade „Soubrette“ viel zu eng, die Decke zu niedrig, der Auszug klemmt.

Ihre Liebe zur Musik spannt den Bogen viel weiter: von der Barockmusik bis hin zu zeitgenössischen, digital ergänzten Kompositionen. Zusammen mit ihrem Ensemble paper kite widmet sie sich den Preziosen der Alten Musik, woraus bereits zwei CD-Aufnahmen entstanden sind, felice un tempo und Abend-Andacht. Im Sommer 2022 glänzte sie als fein modulierende Sopranistin in dem Film & Konzert Projekt Et in Arcadia ego – nahezu entrückt in der elegischen Musik. Gleichzeitig musiziert sie leidenschaftlich gern mit ihrer Frauengruppe BRuCH, die mit Flöte, Cello und Klavier sowie ihrer eigenen Stimme moderne, selbst komponierte und arrangierte Stücke präsentiert.

Für ihr Preisträgerkonzert entführte Marie Heeschen das Publikum in einen den meisten bis dahin völlig unbekannten Kosmos der Musik des 20. Jahrhunderts. Sie erforscht neues Terrain, um es musikalisch-sängerisch zu erkunden. Dabei stellt sie Zusammenhänge her, die nur ihre ureigene Liebe zu auch entlegenen Kompositionsschätzen erspüren. Den Auftakt macht sie mit einem Kunstlied der Französin Lili Boulanger, die leider 1918 mit nur 25 Jahren starb. „Parfois je suis triste“ handelt – wie die meisten traurigen Lieder – von einer verlorenen Liebe mit einem Blick auf Lindenbäume, auf denen im Frühjahr die Blüten fehlen.

So eingestimmt führt Marie Heeschen als die Moderatorin ihrer eigenen Show durch das knapp einstündige Konzert. Höchst professionell baut sie einen Rapport mit ihrem Publikum auf, weist auf Lesarten und Besonderheiten hin, unterstützt beim aktiven Zuhören, und ermuntert zum tapferen Durchhalten. „Können Sie noch?“ fragt sie ins erstaunte Publikum, nachdem sie sich selbst bei der Récitation 8 von Georges Aperghis fast verausgabt hat. Diese Rezitation wirkt wie ein spätes Dada-Werk, 1977 komponiert und mit höchsten Ansprüchen an die Sopranistin. Einzelne Silben addieren sich wie im Spiel „Ich packe meinen Koffer und nehme … mit“, Notenwerte sind angegeben, die Tonhöhe streckenweise, es gibt Pausen- und Atemzeichen. Drei „Strophen“ bilden drei Bäumchen, die logischerweise durch die Erweiterung der höchst unterschiedlichen Silben nach unten immer breiter werden. Ob das anstrengend zu singen sei? – Ja, erwidert sie mit roten Wangen, aber lachend, der Beruf der Sängerin sei eben anstrengend.

Als „musikalisches Schmankerl“ präsentiert sie ein Werk von Robin Hoffmann aus dem Jahr 1970: oehr, für Hören solo. „Wir hören nie nichts. Absolute Stille gibt es nicht.“, so führt sie in das zuhörerzentrierte Stück ein. Mithilfe einer Grafik und methodisch klar veranschaulicht Marie Heeschen den Gebrauch der Ohren für diese Komposition, bei der kein einziger Ton durch Stimme oder Instrument erzeugt wird. Man möge „stets nach außen hören“ und die rechte Hand in einem großen Bogen ganz melodisch ans rechte Ohr führen. Das sei auch für den Genuss der weiteren Beiträge des Konzerts geeignet.

Biografische Daten und Lebensumstände der einzelnen Komponisten flicht Marie gekonnt als Übergänge zwischen den einzelnen Gesangsstücken ein. Besonders interessant der Ursprung der 7 Haikus von Maurice Delage, der als Fachmann für Schiffsreisen auf allen Meeren angeblich die Originalversionen der traditionellen kleinen japanischen Texte mit drei Sätzen mitbrachte: fünf Silben in der ersten Zeile, sieben in der zweiten und fünf in der dritten. Das ist nicht belegt, wohl aber Marie Heeschens wunderbar einfühlsame Übersetzungen aus dem Französischen und ihre pointierte Darbietung der kleinen Wendungen in diesen Kunst-Miniaturen. Für die äußerst anspruchsvollen Fünf Gesänge von Erwin Schulhoff kann heute kein Textdichter mehr ausgemacht werden, aber die einfühlsame Interpretation von Marie und ihrer Pianistin Sandra Urba berühren unmittelbar.

Auf die quatro liriche di Antonio Machado von Luigi Dallapiccola bereitet Marie auch mit ihrer selbst übersetzten Textvariante vor. Allein beim Sprechen entwickelt sie dabei eine Melodie, die gleichzeitig die Bedeutung der Verse transportiert. Auch als Rezitatorin, die gekonnt den provisorischen Bühnenraum im Foyer der Oper Bonn nutzt, besticht sie durch ihr hohes Maß an Verständnis für und Empathie mit dem lyrischen Ich. Wie sie dann im wortlosen Einverständnis mit Sandra Urba die Lieder in wunderbarem Einklang auch ohne Taktangaben präsentiert, hat mich zu Tränen gerührt. Vielleicht andere auch?

Am Ende noch einmal zurück in Marie Heeschens geliebte Musik des Barock. „Stellen Sie sich eine Pietà vor“, fordert sie das Publikum auf. Die Gottesmutter, die ihr Neugeborenes wiegt und die erwachsene Maria, die ihren toten Sohn zum letzten Mal im Arm hält. Diese Muttergefühle, die dem Sohn einen stillen Schlaf und einen ewigen Frieden vermitteln, begleitet in der Canzonetta sopra alla nanna von Tarquino Merula (1595 – 1665) im Original eine Laute. Woher nun also einen Lautenisten oder Gitarristen nehmen? Der Vorstandsbeisitzer der Opernfreunde Bonn e.V. Roland Schilling erzeugte mit der Bordunpfeife den tiefen Halteton ohne Melodie als Begleitung für die Canzonetta. Bühnenprofi Marie Heeschen nahm nahe neben ihm Platz und schaffte so – fast ungeprobt – die Grundlage für eine gelungene, schöne Darbietung.

Begeisterten Applaus spendeten die Konzertgäste der Preisträgerin, Sandra Urba und Roland Schilling. „Jetzt kommt als Zugabe noch was Schönes“, kündigte Marie Heeschen zum Schluss an und bewegte die Herzen des Publikums mit einem Lied, das als Inbegriff der deutschen Romantik gilt. Das Gedicht „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff, vertont von Robert Schumann. Eindringlich und doch federleicht schwebend – fabelhaft!

Mondnacht

Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

2 comments

Add Yours
  1. Barbara Franke

    Danke für die umfassende, nette, informative und lebendige Beschreibung des Konzerts mit Marie Heeschen, an dem ich wegen einer Bronchitis leider nicht teilnehmen konnte.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s