Will Humburg hat sein Versprechen eingelöst. Giuseppe Verdis Nabucco (1842) und das vermeintlich ständige Hmtata hat er an der Oper Bonn mit frischen, nie gehörten Akzenten versehen. Aus dem Rohdiamanten von Verdis erstem erfolgreichen Frühwerk schleift er mit dem Beethoven Orchester Bonn ein fein ziseliertes, facettenreiches Juwel. Seine Phrasierungen, der Wechsel zwischen forte und piano, Fermate und die Einsätze der Soloinstrumente machen sein Dirigat dieses Repertoirerenners zu einem Ereignis. Das Publikum feiert ihn und das BOB mit frenetischem Applaus.
Manon Lescaut – Wenn Schönheit zum Verhängnis wird
Aller guten Dinge sind drei! Erst mit seiner dritten Oper Manon Lescaut gelang Giacomo Puccini der Durchbruch – nicht nur in Italien, sondern weltweit. Diese Chronologie des Erfolgs teilt er mit Giuseppe Verdi, der ebenfalls nach zwei Flops erst mit seinem gefeierten Nabucco* den Grundstein legte für seine beispiellose Karriere als Komponist. Die Stabübergabe oder -nahme erfolgte tatsächlich im Jahr 1893, in dem Verdi die Premiere seines letzten Meisterwerks Falstaff als commedia lirica erlebte und Puccini Manon Lescaut als dramma lirico, gleichzeitig also das heitere Alterswerk hier und das tragische Drama des neuen, jungen Stars dort. Viva l’opera italiana, aber mit neuen, veristischen Vorzeichen.
Die letzten Tage der Menschheit – Karl Kraus‘ Monumentalwerk auf der Bühne der Oper Köln
Heute auf den Tag vor 111 Jahren – am 28. Juni 1914 – wurden in Sarajevo der österreichische Kronprinz Franz Ferdinand und seine Frau Sophie erschossen. Das Attentat war Auslöser für den 1. Weltkrieg; die europäischen Konflikte allerdings schwelten im Hintergrund bereits seit Jahren. Der Nationalchauvinismus der Zeit sorgte zunächst auch bei Intellektuellen wie Albert Einstein oder Siegmund Freud für Kriegsbegeisterung, die allerdings schnell einer schockierenden Ernüchterung wich. Mit dem Vergissmeinnicht am Bajonett war die Sache nicht in zwei oder vier Wochen erledigt. Es entwickelte sich eine grausame Materialschlacht, für die ständig neue Kampfarten erfunden und verfeinert wurden: Gas kam zum Einsatz, Feuerwalzen, U-Boote und Luftfahrzeuge brachten innerhalb von vier Jahren rund 17 Millionen Menschen den Tod.
Maria de Buenos Aires – Ein Mythos in 17 Bildern
Am Ende führt Maria ein schönes, neunjähriges Mädchen mit langen schwarzen Zöpfen an der Hand. Auch nach ihrem Tod lebt die Idee dieser vielschichtigen Marienfigur bildlich weiter. Mit Maria de Buenos Aires haben Astor Piazzolla und sein Textdichter Horacio Ferrer einen Mythos geschaffen, der seine künstlerische Form – musikalisch und dichterisch – in dieser „Tango Operita“, also einer kleinen Tango-Oper, findet. 1968 feierte das schwer durchdringliche, surreale Stück in Buenos Aires Premiere, am Schauplatz des Geschehens. Damit begann der weltweite Aufstieg des „tango nuevo“ als Ausdrucksform für Leid und Leidenschaft, Melancholie und Lebenslust. Als stimmtragendes Instrument steht das Bandoneon im Mittelpunkt, das der Krefelder Musiker Heinrich Band in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfand.
La Passion de Simone – Ein Kreuzweg in Musik
Eine Oper? Ein Passionsspiel? Ein Oratorium? La Passion de Simone, das Werk der hochgeschätzten finnischen Komponistin Kaija Saariaho mit einem Libretto von Amin Malouf, feierte in Wien 2006 seine Weltpremiere. Zur Oper fehlt dem Bühnenwerk die dramatische Handlung, der Konflikt. Im Passionsspiel werden die Leidensstationen von Jesus Christus nachgezeichnet und im Oratorium stehen biblische Ereignisse oder Evangelisten im Mittelpunkt der Handlung. Beide Einordnungen in die christliche Musikliteratur schlagen fehl. Die Oper Köln zeigt nun das zeitgenössische Stück – vier Jahre nach der hier begeistert aufgenommenen Oper L’amour de loin und zwei Jahre nach dem Tod von Kaija Saariaho – als die Leidensgeschichte oder den musikalischen Weg einer realen Person in 15 Etappen, das kurze Leben und Sterben der Französin Simone Weil.
Oper Bonn – Programm der Spielzeit 2025/26
Ironie kann er, der Generalintendant des Theaters Bonn, auch augenzwinkernde Selbstironie. Eine „digitale Revolution“ verkündete Dr. Bernhard Helmich: In der neuen Spielzeit sei es möglich, auch die Abos online zu buchen. Aber im Ernst. Was steckt denn drin im neuen, wie immer sehr schlicht – wenn nicht minimalistisch – und sachlich gehaltenen Printprogramm des Theater Bonn für die Spielzeit 2025/26?
Vespertine – Am Abend
Im Opernführer lässt sich nichts zu Vespertine nachlesen. Diese Oper nach einem hochgelobten Pop-Album der isländischen Künstlerin Björk erregte zu ihrer Weltpremiere 2018 am Nationaltheater Mannheim ein solches Aufsehen, dass sogar die Tagesschau berichtete. Ein Novum der Musikgeschichte also, die knapp 60 Minuten einer intimen Seelenerkundung mit sphärischen Klängen von Synthesizer und digital erzeugten Tönen auf der Bühne spiel- und sichtbar zu machen. Dieser Herausforderung hat sich am Theater Bonn das Künstlerkollektiv Kommando Himmelfahrt gestellt – gewagt und gewonnen!
Oper Köln – neue Spielzeit, neues Team, alte Spielstätte
Nun endlich, aber wirklich und definitiv … soll der Umzug der Oper Köln von der langjährigen Interimsspielstätte im Staatenhaus ins angestammte Haus am Offenbachplatz stattfinden. Rechtzeitig für die Spielzeit 2026/27 wohlgemerkt. Im August 2025 bricht also die letzte Spielzeit op d’r Schäl Sick an. Da aber ab Sommer bereits die Umbauten für die zukünftige Nutzung der ehemaligen Messegebäude beginnen, wird die Oper für räumliche Engpässe Kompromisse finden müssen. Höchste Ansprüche also an Technik & Team, um den Wandel möglichst geräuscharm zu vollziehen.
Carmen in Köln – Fünf Jahre später
Ausverkauftes Haus, wenn die Oper Köln auf der großen Bühne des Staatenhauses die Wiederaufnahme von Carmen feiert. Georges Bizet hat den Weltruhm seiner Oper nicht mehr erlebt. Er starb nur Monate nach der Uraufführung, die leider beim Publikum durchfiel. An gebrochenem Herzen ob des Misserfolgs, wird kolportiert. Im November 2019 inszenierte die amerikanische Opernregisseurin Lydia Steier eine erste „feministische“ Version dieses Repertoire-Renners und erregte prompt begeistertes bis empörtes Echo.
Der Liebestrank – Augenschmaus und Ohrenweide
Amor tritt persönlich auf, zupft einen Federkiel aus seinen weißen Flügeln und kündigt eine große Liebesgeschichte an. Was es dazu braucht? Poesie, Hoffnung und Naivität und ab und zu, im richtigen Moment, einen gut platzierten Schuss mit einem seiner spitzen Pfeile. Die Liebe zu Zeiten der Tinder Profile präsentiert die Oper Bonn nun in einer hinreißenden Cartoon Oper mit L’elisir d’amore, dem Liebestrank, von Gaetano Donizetti.