Wir schreiben die Jahre 1890 und 1892. Italien sucht den Superstar. Also den Superkomponisten. Die wichtigste Regel für die Wettstreiter: Ein Einakter muss es sein. Und da treten aus der zweiten Reihe zwei Jungstars auf, die sich mit ihren volksnahen Geschichten von Liebe, Eifersucht, Rache, Tod und Teufel auf das Siegerpodest katapultieren. Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo wurden mit ihren one-hit-wonders Cavalleria Rusticana und Pagliacci (Der Bajazzo) über Nacht berühmt. Die beiden Opern errangen – meist zusammen aufgeführt – Spitzenplätze auf der Bestenliste des Opernrepertoires.
Opernfestspiele & Klassikfestivals – ein Merian-Band der Spitzenklasse
Merian – allein der Name bürgt für Qualität. Trägt doch das renommierte Reisemagazin den Namen des Basler Kupferstechers Matthias Merian, der bereits im 17. Jahrhundert Städtereliefs in feinsten Details für die Zeitgenossen,
aber vielleicht mehr noch für uns Nachgeborene gestochen hat. Ein Reisemagazin für gehobene Ansprüche, das auf einzigartige Weise Region und Religion, Kultur und Kunst, Essen und Trinken, Geschichte und Gebräuche des jeweiligen Ziels beschreibt und bebildert. Seit über 70 Jahren – also seit bereits kurz nach dem zweiten Weltkrieg – zeichnen sich die Hefte durch journalistische Qualität, das heißt gründliche Recherche und sprachliche Finesse aus. Nun also eine Mottoreise zu 50 ausgewählten Zielen rund um den Globus – in einem prächtigen, fest gebundenen Buch.
(Bildnachweis © Getty Images: Jan Hetfleisch, mit freundlicher Genehmigung des Gräfe und Unzer Verlags)
Guy Montavon – Generalintendant am Theater Erfurt und Opernregisseur zwischen Bonn und Bilbao
Ein Gefühl wie beim speed-dating.
Eine knappe Stunde ist Guy Montavon und mir vergönnt, um schnell seine aktuelle Arbeit am Theater Bonn, die Neuinszenierung von Cavalleria Rusticana und Pagliacci, zu beleuchten. Wie kostbar seine Zeit ist und wie glücklich ich mich schätzen kann, lässt sich am unablässigen Ping und den zahlreichen Jingles für eingehende Nachrichten und Mails ablesen. Ein Uhren-Mini-Computer am Handgelenk hält ihn ständig auf dem Laufenden. Zur Premiere von Don Pasquale im eigenen Haus am darauffolgenden Samstag reist er zwischen den Hauptproben hier in Bonn quer durch Deutschland. Das unstete Leben der Theaterleute!
Cavalleria Rusticana und Pagliacci – wie siamesische Zwillinge der Opernliteratur
Was war so revolutionär an den beiden Opern von Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo? Haben Sie wirklich eine gemeinsame DNA? Sind sie untrennbar miteinander verbunden oder gerade im Gegenteil „postnatal“ historisch zusammengefügt? Was macht bis heute die Faszination der beiden mit am meisten auf den Bühnen dieser Welt gespielten Opern aus? Wie gestaltet sich der Verismo in den Werken von zwei Preisträgern eines Komposionswettbewerbs?
Hank Irwin Kittel – Bühnenbildner mit Liebe zur Oper
Nie sollst du mich befragen … Allen Opernfans klingeln sogleich das Leitmotiv und die Schicksalsfrage aus Wagners Lohengrin im Ohr.
Ähnlich wie die verunsicherte Elsa und doch ganz anders frage ich meinen Gesprächspartner nach seinem Namen. Wie kommt ein Mann, Anfang der 60er Jahre in der Nähe von Heilbronn geboren und aufgewachsen, an einen niederländisch-englisch anmutenden Namen? Ganz einfach – in einer Laune seiner studentischen Künstlergruppe, die im „Brimborium“ tagte und feierte, erfand eine Kommilitonin diese doch leicht exotische Kombination. Flugs warf er den bürgerlichen Namen (Helmut? Günter? Hans-Peter?) über Bord und blieb für immer bei diesem neuen Nomen. Ob er auch Omen ist? Als „Herrscher des Hauses“, wie das Namenslexikon verrät?
Guy Montavon und Hank Irwin Kittel zu Gast bei den Opernfreunden Bonn
Der Mann hat ein Anliegen. Und er hat etwas zu sagen. Und bringt spontan seinen Ausstattungsleiter mit. Im Klavierhaus Klavins in Bonn-Beuel fanden sich rund 30 Gäste der Opernfreunde Bonn ein, um sich auf die Doppelpremiere von Cavalleria Rusticana und Pagliacci einzustimmen. Der Erfurter Generalintendant Guy Montavon ließ eine wichtige Probe zu seiner aktuellen Regiearbeit hier an der Oper Bonn sausen und stand dem Moderator Dr. Benedikt Holtbernd Rede und Antwort, an vielen Stellen unterstützt von Hank Irwin Kittel, der für die Bühne der beiden italienischen Verismo-Opern verantwortlich zeichnet. Welche Geheimnisse gaben sie zweieinhalb Wochen vor der Premiere preis?
Hermann Dechant und die Figuren im Rosenkavalier
Wer nicht dabei war, hat etwas verpasst. Ein echtes Wiener Urgestein gab sich wenige Tage nach der Premiere des Rosenkavalier von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss die Ehre.
Bereits mit 15 Jahren half Hermann Dechant als Flötist bei den Wiener Philharmonikern aus, absolvierte eine große Karriere als Soloflötist bei den Bamberger Sinfonikern, studierte außer Musikwissenschaft auch Kunstgeschichte, wurde Professor für Dirigieren und Orchesterleitung, gründete einen eigenen Musikverlag und rief – gemeinsam mit seiner Frau Margit Haider-Dechant – das Joseph-Woelfl-Haus in Bonn-Lessenich ins Leben. Mit den Gästen der Opernfreunde Bonn beleuchtete er den Rosenkavalier als einmaligen Fall der Operngeschichte. Warum?
Also Rosenkavalier! Der Teufel hol ihn!
Eine Komödie für Musik – so nannten Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal ihre heitere Oper, die der bedeutungsschweren Elektra folgte. In der Rekordzeit von 16 Monaten schufen sie ein Meisterwerk, das die Kritik seinerzeit verriss und das Publikum bis heute liebt. „Ochs auf Lerchenau“ oder „Der Grobian in Liebesnot“ waren ebenfalls Titel in der engeren Auswahl. Aber Strauss‘ Gattin Pauline favorisierte den „Rosenkavalier“ – und dieser Name trieb Blüten bis hin zum Rosenkavalier-Sonderzug von Berlin nach Dresden, wo die Oper 1911 uraufgeführt wurde.
Was für eine anmutige Sitte, im adligen Milieu in Österreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen vertrauenswürdigen „Cousin“ als Brautwerber zu engagieren – möchte man meinen. Nachdem Mitgift und Morgengabe mit dem Brautvater arrangiert waren, sollte eine silberne Rose nun auch das Herz der jungen Braut gewinnen. Liest sich wie steife, höfische, über-Eck-Kommunikation, althergebracht und ein bisschen überkommen. Weit gefehlt: Hofmannsthal erfand dieses Ritual schlicht und ergreifend. Ein genialer Einfall, der dem Operngeschehen den entscheidenden Spin verleiht und sich bis heute als Symbol (Der Bachelor!) erhalten hat.
Welcher Plot füllt denn die 3 ¼ Stunden auf der Bühne? Zunächst einmal ein plastisch präsentierter Liebesakt mit jubelnden Höhen, kleinen Schwächen und neckischen Zärteleien. Sex auf der Bühne? Flashback in die 70er? Nein, keineswegs. Viel subtiler gestaltet Strauss stürmisches Drängen und selige Ermattung (bis die Vögel zwitschern, als der Tag anbricht) in der Musik. Wir hören aus dem Graben, was auf der Bühne – zumindest vor gut 100 Jahren – absolutes no-go gewesen wäre. Zensur! Sittenpolizei! Zuchthaus! Auch die Vorspiele zu den beiden anderen Akten haben es in sich. Vor dem Finalakt breitet Strauss die ganze Vielfalt der modernen Musik im Rosenkavalier aus – farbenreich, voller Finesse, feinste Instrumentalisierung.
Nun also zur Handlung. Marie-Theres Fürstin Werdenberg, Gattin des Feldmarschalls, trägt nicht nur den Namen der Kaiserin im Jahre 1740, sondern firmiert als Marschallin an ihrem eigenen fürstlichen Hofe. Sie amüsiert sich mit einem jungen Liebhaber, dem Grafen Rofrano, den sie allerdings mit allerlei Kosenamen bedenkt: Quin-Quin, das Taverl, mein lieber Bub, Octavian. Mit gerade mal 32 hadert sie mit dem Alter(n) und ahnt, dass der junge Lover von 17 Jahren und 2 Monaten ihr wohl nicht mehr lange erhalten bleibt. Wir erleben das herrschaftliche Lever, die ganze Bagage von Händlern, Bittstellern, halbseidenen Gestalten, einem fahrenden Sänger, den Lakaien und Hausmädchen sowie dem Friseur. Allerdings missliebt der Dame das Styling und sie löst die Coiffure, weil sie sich mit hochgestecktem Haar wie eine alte Frau fühlt.
In diesen bunten Reigen, der alle Stände im Boudoir der Marschallin vereint, platzt der Cousin Ochs auf Lerchenau, der zunächst einmal mit seiner Potenz protzt. Tausend Geliebte werden es wohl gewesen sein (wer hier an die Registerarie im Don Giovanni denkt, liegt ganz richtig), im Mai geht es wohl los mit seinen Gelüsten, im Sommer gibt’s die besten Nächte und die böhmischen Erntehelferinnen behält er bis November. Lerchenau’sches Glück ist für ihn was Warmes im Bett oder im Heu. A bisserl eindimensional orientiert, der Herr Baron. Oder doch ein schlauer Lump, der das Beste aus seinem Stand und seiner Geldgier macht und sich kurz vor dem Untergang der Donaumonarchie so durchschlawinert?
Nun, der Ochs will sich mit einem 15-Jährigen Mädchen vermählen, frisch von der Klosterschule. Ohne Mutter wächst sie auf, dafür mit einem Vater, der sie für die adlige Verwandtschaft richtiggehend verschachert und seine Tochter lieber ins Kloster schickt, als einen Rückzieher von diesem Hochzeitsarrangement zu machen. Reich geworden ist er durch Waffenlieferungen an den Hof, aber nur ein Parvenu-Adel ist dabei rausgesprungen. Wie wunderbar stellt er sich dagegen die Aufnahme in die Entourage des echten, alten Adels vor – gleichgültig, wie abstoßend er selbst die lockere Moral des Ochs findet. Wir Heutigen schütteln amüsiert den Kopf. So viel Herzleid für eine Ambition, die das Ende des 1. Weltkriegs völlig zunichte macht. 1919 schafft Österreich alle Adelstitel ab. Ob Strauss und Hofmannsthal das konkret ahnten? Oder hier die Stimmung, den wehmütigen Abschied von etwas Altem und den verunsicherten Blick in eine unbestimmte Zukunft, brillant darstellen?

Ein Mittelsmann muss her. Die Marschallin schlägt Octavian vor und zeigt dem Ochs ein Medaillon mit dessen Bild. Während all dieser Zeit ist dieser wiederum präsent, weil er sich aus Angst vor dem Feldmarschall ruckzuck als Kammerzofe Mariandl verkleidete. Und so nimmt der tolle Tag (Ja, wie bei Mozart, diesmal Figaro, Medaillon und drei Waisen siehe Zauberflöte) seinen Lauf. Ochs wirft ein begehrliches Auge auf Mariandl/Octavian und lädt sie auf ein Schäferstündchen ein. Das männliche Begehren lässt die Marschallin in Wehmut verfallen. Ihr wird klar: Die Zeit vergeht und wir in ihr. Alles ist Wachsen, Werden und Vergehen. Vanitas-Motive an der Wand von dem Schmetterling samt Raupe und Kokon, der Rose (erotisch einladend weit geöffnet), dem Totenschädel, dem umgestoßenen Glas bis zu den angelaufenen, halbblinden Spiegeln versinnbildlichen den Barock-Topos „Es ist alles eitel“ nach dem Sonett von Andreas Gryphius, das wiederum auf den weisen Prediger Salomon im Buch Kohelet zurückgeht. „Ein jegliches hat seine Zeit.“ Wie sagt die Regieanweisung im Original-Libretto am Ende des ersten Akts? MARSCHALLIN stützt den Kopf in die Hand und bleibt so in träumerischer Haltung bis zum Schluss.
Apropos Regie. Josef E. Köpplinger, Intendant des Gärtnerplatztheaters in München, inszeniert zum ersten Mal in Bonn. Seine Regie hält sich nahezu werkgetreu an die Hoffmansthalsche Vorlage. Herrlich barock die Auf- und Abgänge, sinnstiftend die Positionen von Solisten, Chor und Kindern, heiter und amüsant die die Slapstick-Einlagen oder die Spukszene im Beisl. Der Rosenkavalier verlangt wie wenig andere Opern von allen auf der Bühne komödiantisches und darstellerisches Talent, das sich in Köpplingers Regiehänden wirksam entwickelt.
Diese Inszenierung entfaltet sich überzeugend im Bühnenbild von Johannes Leiacker, der vor zwei Jahren in Bonn so abstrakt wie bildlich die Penthesilea von Othmar Schoeck auf 10 Quadratmeter weiße Fläche mit zwei Flügeln brachte. Für den Rosenkavalier schafft er drei Interieurs für drei Akte, die ganz wunderbar Musik, Gesang und Handlung widerspiegeln und ergänzen. Aus dem griechischen antiken Theater entlehnt er das Sturkturelement der Periakten, dreiseitige, meterhohe bemalte Prismen, die die Akteure auf der Bühne selber drehen. Mit zwei Sets von je vier Säulen zeichnet er ein sehr flachwinkliges Dreieck, dessen Schenkel in einen goldenen Bilderrahmen münden. Er macht klar: Hier gibt es ein (Sitten-)Gemälde des Barock zu sehen, das ich allerdings in die Entstehungszeit der Oper verlege. Die halbblinden Spiegel fußen auf einem spiegelblanken Boden, der insbesondere die blütenweiße Bettstatt des Liebesgeschehens (Ehebruchs) zur Geltung bringt.
Der zweite Akt führt ins Palais Faninal, dem stolzen Besitz des Vaters der Braut. Hier wischt und wienert das Personal, bemüht sich emsig um einen Saubermann-Schein. Sophie tritt auf in jungfräulichem Weiß und fällt aus allen Wolken, als sie zunächst den Brautwerber Octavian und später ihren Zukünftigen erblickt. Die Zeit steht still, sie ist wie vom Blitz getroffen, als der schmucke Octavian, nun weder in Unterwäsche, noch im Dientsmädchenschürzchen, sondern samt Degen im Justaucorps, dem eleganten Gehrock des 18. Jahrhunderts, erscheint. Hier lässt der Barock erneut grüßen – ein Zitat wie auch das Menuett bei den musikalischen Anklängen an die Zeit. Der leibhaftige Bräutigam jedoch versetzt sie in Angst und Schrecken. Nein, diesen Grobian heiratet sie nicht! Der Vater tobt, der Vater schlägt, der Vater schwitzt – und Ochs, seiner Sache ganz sicher, ergeht sich im schönsten Walzer, der zum echten Hit avancierte. „Ohne mich …“ Das „Still“ am Ende des zweiten Aktes? Die Vorhänge laufen auf einen bräsigen, sich seiner erotischen Wirkung nur allzu sicheren, breitbeinigen Ochs zu, der sich genüsslich eine Zigarette anzündet und trällert. „Mit mir, mit mir keine Nacht dir zu lang!“
Dann überschlagen sich die Ereignisse. Wechsel vom hochherrschaftlichen Hof über das neureiche Palais rüber ins Beisl, wo in einem in einen Nebenraum ein „mordsmäßig großes Bett“ steht. Hier findet sich nun alle Stände ein. Warum? Ein Höfling names Valzacchi, eine intrigante Hofschranze, hat in Absprache mit Annina, seiner Nichte, das Rendezvous von Ochs mit Mariandl arrangiert. Auf halber Strecke aber wechselt er die Pferde und sorgt nun dafür, dass er Ochs über einen derben Spaß und Spuk eine Lektion lernt. So entpuppt sich dann Octavian nicht als Mariandls Vetter, sondern als er selbst, da löst der Herr Papa die Verlobung seiner Tochter und erlaubt das junge Glück. Und dann tritt die Marschallin auf. Nicht in Tüll und madonnenblauem Mantel wie Sophie, nicht im Straßenanzug wie Octavian, sondern als schwarze Witwe im Jugendstil-Mantel. Großmütig verzichtet sie auf ihren Geliebten und schickt sich in das Unausweichliche. Mit „Hab mir’s gelobt ihn lieb zu haben in der richtigen Weis“ setzt das traumhafte Terzett von Sophie, Octavian und der Marschallin ein. Auch jetzt bleibt die Zeit für einen Moment stehen. Musik in Vollendung. Herzschmerz und Schwelgen vereint.
Aber halt – eine Komödie für Musik steht auf dem Programm. Für Tragik kein Platz. Machen wir uns keine Sorgen um die Marschallin – Octavian war nicht ihr erster Liebhaber und wird auch nicht ihr letzter sein. Lassen wir den Ochs in Frieden abtreten. Er hat die Chuzpe, als Sieger vom Schauplatz der Farce, dieser wienerischen Maskerade zu gehen. Und blicken wir noch einmal kurz auf das junge Glück. Irgendwie ist der Octavian ja auch mit dem Ochs verwandt. Wird er auch so ein Kerl, der sich sich ein wenig grobschlächtig mit den Gegebenheiten arrangiert? War der Ochs vielleicht mal adrett und liebenswert? Und Sophie, das unschuldige Kind, das – nach herablassendem Urteil de Marschallin – hübsch genug ist, um wenig sagen zu müssen … verliebt sich ja auch als züchtige Braut stante pede in den jungen Rosenkavalier.
Zarter, weißer, unschuldiger Bühnenschnee berieselt das Hänsel-und-Gretel Glück am Ende. „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, dass wir zwei beieinander sein, beieinand‘ für alle Zeit und Ewigkeit!“ Ein Lacher am Ende löst die romantische Szene auf. Der kleine dunkelhäutige Lakai Mohammed gönnt sich mit Mariandls Unterrock einen kindlichen Scherz und winkt mit dem Taschentuch ins Publikum.

Drei Debütantinnen und ein Platzhirsch – so sind die Hauptrollen besetzt. Bei Franz Hawlata als Ochs reimt sich Lerchenau auf Rampensau. Souverän segelt er durch die äußerst umfangreiche Partie. Sein 613. Ochs ging über die Bühne, die Rolle, mit der er an der Metropolitan Opera debütierte. Das Parlando, der Sprechgesang, kommt seinem Bass sehr entgegen und das tiefe E, über sechs Takte gehalten, beeindruckt nach wie vor. Man darf gespannt sein, wie das neue Ensemblemitglied Tobias Schabel die Partie meistert.
Die philosophisch und psychologisch fein ziselierte Rolle des Stücks verkörpert Martina Welschenbach als Marschallin. Sie entblättert mit dem Blick in den Spiegel, mit den Einsichten zum Festhalten und Loslassen und mit der Noblesse des Verzichts wirklich edle Züge. Ein wundervolles Debüt, vom Seidenhemdchen und barfuß zu Beginn bis zum schwarzen Witwenmantel am Ende eine überzeugende Interpretation dieser schwierig zu singenden raschen Taktwechsel vor dem Hintergrund des Riesenorchesters bis hin zu den kammermusikalischen Anteilen.

Wer noch die höchsten Höhen der Königin der Nacht übertrifft, der singt wie die spontan verliebte Sophie „Ist wie ein Gruß vom Himmel“, diese silberne Rose, mit persischem Rosenöl verführerisch beträufelte Brautwerbung. Louise Kemény setzt an und lässt ihren lyrischen Sopran aufsteigen. Sie gewinnt auf der ganzen Linie, auch wenn sie sich im Schlussterzett gegen den überragenden Mezzosopran von Emma Sventelius durchsetzen muss.

Sehr zu recht feierte die junge Schwedin Premierenpublikum sie als Titelfigur mit begeistertem Applaus. Sie gehört auch zu einer neuen Generation von fantastischen Bühnendarstellern mit toller Stimme. Ihre Präsentation einer Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau spielt, war in allen Kostümen absolut überzeugend. Da kommt noch mehr Vorfreude auf die Wiederaufnahme der Hochzeit des Figaro auf, mit ihr als Cherubino.
Diese drei Sopranistinnen bereichern nun das Ensemble der Oper Bonn – und gleichzeitig erwies sich gestern noch einmal die große Anzahl an wirklich guten Solistinnen und Solisten als Glück für das Haus. Yannick Muriel Noah als Duenna (Anstandsdame), die Jungfer Marianne Leitmetzerin, Anjara Bartz als Annina, Johannes Mertes als verschlagener Valzachhi, Giorgos Kanaris als der Herr von Faninal, Martin Tzonev als Kommissar, Egbert Herold als Notar … und natürlich George Oniani, der seine Belcanto-Arie als italienischer Tenor zu Gehör bringt. Sie zeigten einmal mehr, wie viel Spiel- und Singfreude in diesem Ensemble steckt. Bravi tutti! Große Szenen mit Chor und Kinderchor verleihen der Produktion dieses plastische Durcheinander und den albernen Witz dieser Komödie.
Im Rosenkavalier geht es ganz wesentlich um das berühmte Textverständnis. 
100 Musikerinnen und Musiker versammelt Dirk Kaftan um sich im Graben. Meisterlich dämpfte er die großen Bögen, bändigte das Volumen hin zum kammermusikalischen Konversationston im dritten Akt. Dafür gab es in der Premiere begeisterten Applaus, als beim fünften Vorhang das komplette Orchester mit dem Maestro auf der Bühne stand.
In Kürze. Alles Walzer oder was? Eine Kehrtwende in die selige Walzerdrehung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts? Wie kritisch geht die Produktion mit dem riesigen #metoo Potenzial um? Lässt sie die zahlreichen sexuellen Übergriffe und Diskrimierungen für sich stehen? Muss nicht der Ochs wie ein Trump noch fieser gezeichnet werden? Wer genau hinhört, spürt das eigentliche Thema. Die Menschen altern und reifen, der Walzer mit ihnen. Der Bilderrahmen zeigt: So war’s. Aufbruch in eine neue Zeit, in der wir solch ein Geschehen wie ein altes Gemälde betrachten. Weg mit Samt und Brokat. Die Ambivalenz und die Latenz ausleuchten. Das Alte ist Vergangenheit und das Neue ist noch nicht ganz angekommen.
In Kürze. Alles Walzer oder was? Eine Kehrtwende in die selige Walzerdrehung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts? Wie kritisch geht die Produktion mit dem riesigen #metoo Potenzial um? Lässt sie die zahlreichen sexuellen Übergriffe und Diskrimierungen für sich stehen? Muss nicht der Ochs wie ein Trump noch fieser gezeichnet werden? Wer genau hinhört, spürt das eigentliche Thema. Die Menschen altern und reifen, der Walzer mit ihnen. Der Bilderrahmen zeigt: So war’s. Aufbruch in eine neue Zeit, in der wir solch ein Geschehen wie ein altes Gemälde betrachten. Weg mit Samt und Brokat. Die Ambivalenz und die Latenz ausleuchten. Das Alte ist Vergangenheit und das Neue ist noch nicht ganz angekommen.
Und außerdem … Die einzigartige literarische Qualität des Librettos aus der Feder von Hugo von Hofmannsthal lädt dazu ein,
Und außerdem … Die einzigartige literarische Qualität des Librettos aus der Feder von Hugo von Hofmannsthal lädt dazu ein, es entweder einmal ganz und gründlich zu lesen oder als Hörstück mit Sprechern und kleiner musikalischer Begleitung zu genießen.
11 weitere Termine stehen auf dem Spielplan der Oper Bonn. Tickets und weitere Details hier.
Die Hochzeit des Figaro – Mozarts toller Tag als Narropera
Warum lieben so viele Menschen Hörbücher, Hörspiele, Autorenlesungen und neuerdings podcasts? Warum bedeutet es einen heiteren Genuss, wenn ein Erzähler uns an die Hand nimmt und in die Welt spannender Geschichten entführt? Die Antwort liegt nahe: Schlagartig macht sich in uns das Gefühl von Gutenachtgeschichte, von kuscheligen Vorlesestunden auf dem Sofa breit. Eine kleine Reise in unsere Kinderwelt, wo wir voller Vertrauen lauschen und uns mit den Helden auf eine abenteuerliche Irrfahrt begeben. Und nun also eine erzählte Oper, solistisch vorgetragen die Handlung, musikalisch interpretiert von Geige, Flügel und Sopran.
Infinito Nero – Ekstasen in einem Akt für Stimme und acht Instrumente
Zu sehen ist zunächst einmal – nichts. Das unendliche Schwarz. Mit knappster Ansage instruiert der Regisseur das Publikum: Legen Sie jetzt ihre Augenmaske an. In kollektiver Blindheit erleben die Premierengäste die konzertante Version von Infinito Nero bis fine dell’opera nach 28 Minuten. Salvatore Sciarrino fordert zum Hören mit der Lupe auf. Wenn keinerlei visuelle Stimuli die akustischen Signale begleiten, dann entfalten Töne, Klänge, Geräusche und vor allem die zahlreichen Leerstellen ein „unerhörtes“ Eigenleben.