Die Hochzeit des Figaro – Mozarts toller Tag als Narropera

Warum lieben so viele Menschen Hörbücher, Hörspiele, Autorenlesungen und neuerdings podcasts? Warum bedeutet es einen heiteren Genuss, wenn ein Erzähler uns an die Hand nimmt und in die Welt spannender Geschichten entführt? Die Antwort liegt nahe: Schlagartig macht sich in uns das Gefühl von Gutenachtgeschichte, von kuscheligen Vorlesestunden auf dem Sofa breit. Eine kleine Reise in unsere Kinderwelt, wo wir voller Vertrauen lauschen und uns mit den Helden auf eine abenteuerliche Irrfahrt begeben. Und nun also eine erzählte Oper, solistisch vorgetragen die Handlung, musikalisch interpretiert von Geige, Flügel und Sopran.

Erfunden hat die Narropera (von englisch narrate = erzählen) Haydn Rawstron. Er hat die verflixt-verwickelte Handlung des Figaro entwirrt und bietet sie mit einem charmanten englischen Akzent im ansonsten makellosen Deutsch dar. Eine „Märchenstunde für Erwachsene“ nennt er sein neues Operngenre und auf geht’s ins – für das 18. Jahrhundert – ferne Land Spanien, in die Nähe von Sevilla. In der andalusischen Stadt selbst spielte sich die Vorgeschichte zum Opernplot ab, die Opernfans als Giachino Rossinis Der Barbier von Seviglia kennen.  Anders für diejenigen der rund 200 Gäste im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses, die nicht ganz so bewandert sind in der Opernliteratur. Für sie diente die Vorgeschichte als Schlüssel für das Verständnis der Räuberpistole von Erpressung, Geldforderung, Eheversprechen und möglichem Inzest (dass der Sohn die eigene Mutter heiratet!)

Und dann entspinnt sich im zunehmenden Tempo ein erzählendes Crescendo. Je verrückter die Handlungsstränge sich umeinander winden, umso intensiver Mr Rawstrons Artikulation und umso schneller geht die Fahrt. Chapeau! Das will erst mal in 90 Minuten ent-wickelt, formuliert, moduliert und präsentiert sein. Nachdem die Zuhörer mit ihrem Maî­t­re de Plai­sir sicher im Handlungsfeld landen, geht’s los mit den Turbulenzen an Figaros Hochzeitstag. 

Hier umschwärmen jetzt die fein gesponnenen Fäden des Librettos von da Ponte Mozarts Musik. Der Erzähler wirft beim Hinsetzen galant die Rockschöße über den Hocker am Flügel, die Sopranistin Dorothee Jansen betritt mit filigraner Anmut die Bühne und als Dritte ergänzt Floriane Peyecelon mit der Violine das Narropera-Trio. So viel Oper in so kleiner Besetzung – wer hätte das für möglich gehalten? 

Pointiert veranschaulichen die Arien, die Rawstron für den „kleinen Figaro“ ausgewählt hat, seine Perspektive auf das Handlungsgeschehen. So kann der Graf Almaviva von seinem Diener Figaro noch jede Menge an Kniffen und Tricks für das höfische Ränkespiel lernen („Se vuol ballare, signor contino“). Oder Figaro macht Susanna die Vorteile des ehelichen Schlafzimmers zwischen denen der Herrschaften schmackhaft („Se a casa madama“). Klar, hier liegen auch aktuelle Bezüge auf der Hand. Die #metoo Debatte oder eine Prinzessin der jüngeren englischen Geschichte, die in einem ikonischen Interview konstatierte, dass eine Ehe zu dritt ihre Liebe zerstört habe. 

Natürlich kommt der von hormonellen Pubertätswehen gesteuerte Cherubino zu Wort. Er wildert in des Grafen Revier, geht den Bediensteten und schließlich der Gräfin an die Wäsche. (Non so più cosa son, cosa faccio“ – „Neue Freuden, neue Schmerzen“). Wie kommentiert der Erzähler? Am Ende des ersten Aktes finden wir uns in einer ebenso unklaren, heillos verworrenen Situation wie Großbritannien beim Brexit. 

Von der Politik zurück zu den wirklich wichtigen Themen: Liebe und Eifersucht. Die Gräfin sehnt sich  nach den Tagen, als der Contino sie begehrte („Porgi, amor, qualche ristoro …“). Dann geht’s im Galopp weiter mit den abenteuerlichsten Intrigen und Verwirrspielen – der Erzähler nennt die Billets und zugezwinkerten Verabredungen #fakenews. Willkommen auch in der US-Welt! Und wo wir gerade schon fast im White House oder am spanischen Königshof sind: Es ist nur ein kleiner Schritt vom Jäger zum Schürzenjäger. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. 

„Wie ein Fallbeil“ gehe der Vorhang am Ende des 2. Aktes nieder, so der Erzähler. Naja, noch leben alle, aber allerlei Ungemach droht. Der Graf, vorgeführt und erniedrigt, hat einen „wirklich miesen Tag“, er, der mächtige Adlige, wird zum Spielball seiner Untergebenen und seiner Frau. Unerhört für einen „heißblütigen Autokraten und blaublütigen Aristokraten“. Denn auch das ist ja bemerkenswert: Figaro widersetzt sich dem Anspruch des „jus primae noctis“ seines Herrn, Susanna dirigiert die Contessa und bekommt im 4. Akt eine herrschaftliche Arie. Die Aufklärung ist zwar noch nicht am Habsburger Hof angekommen, aber die Aufhebung der Stände liegt eindeutig in der Luft. 

Ein Höhepunkt der musikalischen Narropera zweifellos eine der schönsten Arien der Opernliteratur „Dove sono i bei momenti“, von Mozart drei Jahre nach der Uraufführung stark überarbeit und stimmiger gestaltet, ebenso wie die Arie der Susanna im 2. Akt. Mit dem „Grafen im Gebüsch“ geht es weiter bis – ja bis Cherubino, Figaro und Susanna den Grafen um Verzeihung bitten. Und daraufhin der Conte auf die Knie geht und mit dem  zum Niederknien bewegenden „Contessa, perdono“ die Wende herbeiführt (leider nur im Original, nicht in der Narropera). Des Erzählers Kommentar? Der vollkommenste Moment aller Mozartopern zeigt sich hier im Edelmut der Gräfin. 

„Questo giorno di tormenti, di capricci, e di follia, in contenti e in allegria solo amor può terminar“ – auch der Erzähler sagt alle Arien in Italienisch an. So viel Irrsinn kann nur die Liebe zu einem Ende führen. Wie wahr!

Man reibt sich nun doch verwundert die Augen. Bass, Bariton, Sopran – alle umgeschrieben für die einzige Sängerin auf der Bühne? So ist es! Ein Augen- und Ohrenschmaus, wie die wunderbare Dorothee Jansen mit Stimme, Mimik und Gestik der Oper Leben einhaucht. Eine bühnenerfahrene Sopranistin, die mit großer Professionalität in die unterschiedlichen Rollen, deren emotionale Befindlichkeit und Situation eintaucht. Brava! 

Kongenial begleiten sie die Violonistin Floriane Peycelon, die in England lebt und als Konzertmeisterin arbeitet, und Haydn Rawstron, der als Erzähler und Pianist seine Doppelaufgabe liebevoll und souverän meistert. Bravi tutti! 

Das Konzept der Narropera geht auf – man muss es selbst erleben! Im Publikum erfreuen sich viele junge Menschen und offensichtlich viele, die nicht regelmäßig in die Oper gehen, an dieser heiteren Präsentation von klassischer Musik. Das nennt man wohl niedrigschwelligen Einstieg – und die Resonanz war toll. Begeist20190928_214753ert von der kompakten Darstellung voller Spielwitz und Spielfreude äußerten sich die Gäste beim Verlassen des so gediegen schönen Ambiente des Kammermusiksaals. „Wir haben das sehr genossen und freuen uns auf eine weitere Oper aus dem Repertoire des Narropera Trios.“ 

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