Opernfestspiele & Klassikfestivals – ein Merian-Band der Spitzenklasse

Merian – allein der Name bürgt für Qualität. Trägt doch das renommierte Reisemagazin den Namen des Basler Kupferstechers Matthias Merian, der bereits im 17. Jahrhundert Städtereliefs in feinsten Details für die Zeitgenossen, Cover_300dpi_RGBaber vielleicht mehr noch für uns Nachgeborene gestochen hat.  Ein Reisemagazin für gehobene Ansprüche, das auf einzigartige Weise Region und Religion, Kultur und Kunst, Essen und Trinken, Geschichte und Gebräuche des jeweiligen Ziels beschreibt und bebildert. Seit über 70 Jahren – also seit bereits kurz nach dem zweiten Weltkrieg – zeichnen sich die Hefte durch journalistische Qualität, das heißt gründliche Recherche und sprachliche Finesse aus. Nun also eine Mottoreise zu 50 ausgewählten Zielen rund um den Globus – in einem prächtigen, fest gebundenen Buch. 


(Bildnachweis © Getty Images: Jan Hetfleisch, mit freundlicher Genehmigung des Gräfe         und Unzer Verlags)

Was für ein Format! In Layout und Inhalt, in Text und Bild! Schwer liegt es in der Hand und die natürliche Reaktion verlangt nahezu, sich erst einmal in den Sessel zu begeben und zu blättern, zu schwelgen, der Sehnsucht freien Lauf zu lassen und musikalische Reisepläne zu schmieden. Das Titelfoto zeigt in Nachtblau und strahlendem Weiß Puccinis Turandot auf der Seebühne in Bregenz. Gut gewählt hat hier die Redaktion. Bestechend schön, löst es fast einen Pawlow’schen Reflex aus: Lust auf Sommer, Oper, open-air und am besten sofort und am liebsten viel und oft. 

Einen echten Lesegenuss bereiten die Autorinnen und Autoren der 50 Beiträge, alle ausnahmslos ausgewiesene Kennerinnen und Kenner der Musik- und Opernszene.  Die Vitae der zehn Beitragenden finden sich auf den letzten Seiten: Die Crème de la crème aus Musikwissenschaft und Journalistik gibt sich die Ehre. Da paart sich Sachkompetenz mit Könnerschaft – und das erfreut die Opern-, Musik- und Literaturfreundin.

Die echten und vor allem weit gereisten Opernfans überprüfen vermutlich in der Inhaltsübersicht als erstes, wie viele der insgesamt 50 Festival-Orte sie bereits selbst besucht haben.* Im Buch rangiert Bayreuth an erster Stelle und die Liste führt bis hin zu Musikkreuzfahrten. Also die üblichen Verdächtigen in der pole position und dann rangmäßig abfallend? Nein, die Festspiele und Festivals gruppieren sich nach Kategorien. Da heißen die nach Händel, Bach oder Janacek benannten „monothematische“ Festspiele, die in Salzburg, Verona oder Bregenz „historisch konnotiert.“ Ein Kapitel widmet sich den Operetten, ein anderes der Alten Musik: Dazu gehören Mörbisch am See und Urbino in Italien. Donaueschingen findet sich hier bei Witten in den Festivals für neue Musik oder Musiktheater, daneben sind Heidelberg oder Schwarzenberg bei der Kammermusik eingeordnet. 

Und was Komponisten, Themen oder Musikrichtungen recht ist, soll Orten und Regionen billig sein: Da steht Glyndebourne in derselben Staffel wie Ludwigsburg, das Schleswig-Holstein Festival neben Aix-en-Provence. Musikerpersönlichkeiten, die einem Festival ihren Namen verliehen, sind unter anderen Gidon Kremer für Lockenhaus und Benjamin Britten für Aldeburgh. „Sonstiges“ führt in einer Riesenkurve vom Ruhrgebiet (Triennale) über Beirut, Venedig, Paris, Berlin, Montreal nach „Weltweit“, die bereits genannten Musikkreuzfahrten. 

Dieser Merian birgt Qualitäten wie eine verführerische Musik selbst. Die Seiten öffnen sich und transportieren die Leser in Sehnsuchtswelten. Die bekannten Festivals lassen  Erinnerungen hochkommen – darüber hinaus gibt es aber so viel Neues zu entdecken. Wer war schon in Lviv/Ukraine, um Mozart zu erleben, in Savonlinna/Finnland beim Opernfestival, in Wooster/Ohio eigens für die Operette, auf der Insel Lovön in Schweden als Freund der Alten Musik, in Jerusalem, um Kammermusik zu hören, im windigen Westen Irlands beim Wexford Opera Festival oder im sächsischen Erzgebirge bei den Silbermann-Tagen, in Marvao/Portugal, vom Dirigenten Christoph Poppen initiiert?

Fazit: Der Merian-Musikreiseführer Opernfestspiele & Klassikfestivals präsentiert „50 musikalische Erlebnisse, die eine Reise wert sind“. Es handelt sich um einen wunderschön gestalteten Lustmacher, der das Fernweh weckt, einen Ideen- und Ratgeber, der zum Schmökern und zum Reisen in musikalische Gefilde ver- und entführt.  Eine fantastische Lektüre an zahlreichen trüben Novembertagen (an allen anderen Tagen selbstredend auch) und ein wunderbares Geschenk für Menschen mit Reiselust und Musik im Herzen. 

Der „ultimative Reisebegleiter für Liebhaber klassischer Musik“ ist bei Gräfe und Unzer erschienen und kostet 29,90 EUR.

*Drei von fünfzig lautet meine Bilanz. Ich war bei den Seefestspielen in Bregenz, bei den Schlossfestspielen in Ludwigsburg und in Glyndebourne in England. Ich vermute, die meisten von euch kommen auf weitaus mehr als 3/50. Lasst hören, ich freue mich auf Kommentare. 

 

 

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