Also Rosenkavalier! Der Teufel hol ihn!

Eine Komödie für Musik – so nannten Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal ihre heitere Oper, die der bedeutungsschweren Elektra folgte. In der Rekordzeit von 16 Monaten schufen sie ein Meisterwerk, das die Kritik seinerzeit verriss und das Publikum bis heute liebt. „Ochs auf Lerchenau“ oder „Der Grobian in Liebesnot“ waren ebenfalls  Titel in der engeren Auswahl. Aber Strauss‘ Gattin Pauline favorisierte den „Rosenkavalier“ – und dieser Name trieb Blüten bis hin zum Rosenkavalier-Sonderzug von Berlin nach Dresden, wo die Oper 1911 uraufgeführt wurde.

Was für eine anmutige Sitte, im adligen Milieu in Österreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen vertrauenswürdigen „Cousin“ als Brautwerber zu engagieren – möchte man meinen. Nachdem Mitgift und Morgengabe mit dem Brautvater arrangiert waren, sollte eine silberne Rose nun auch das Herz der jungen Braut gewinnen. Liest sich wie steife, höfische, über-Eck-Kommunikation, althergebracht und ein bisschen überkommen. Weit gefehlt: Hofmannsthal erfand dieses Ritual schlicht und ergreifend. Ein genialer Einfall, der dem Operngeschehen den entscheidenden Spin verleiht und sich bis heute als Symbol (Der Bachelor!) erhalten hat. 

Welcher Plot füllt denn die 3 ¼ Stunden auf der Bühne? Zunächst einmal ein plastisch präsentierter Liebesakt mit jubelnden Höhen, kleinen Schwächen und neckischen Zärteleien. Sex auf der Bühne? Flashback in die 70er? Nein, keineswegs. Viel subtiler gestaltet Strauss stürmisches Drängen und selige Ermattung (bis die Vögel zwitschern, als der Tag anbricht) in der Musik. Wir hören aus dem Graben, was auf der Bühne – zumindest vor gut 100 Jahren – absolutes no-go gewesen wäre. Zensur! Sittenpolizei! Zuchthaus! Auch die Vorspiele zu den beiden anderen Akten haben es in sich. Vor dem Finalakt breitet Strauss die ganze Vielfalt der modernen Musik im Rosenkavalier  aus – farbenreich, voller Finesse, feinste Instrumentalisierung. 

Nun also zur Handlung. Marie-Theres Fürstin Werdenberg, Gattin des Feldmarschalls, trägt nicht nur den Namen der Kaiserin im Jahre 1740, sondern firmiert als Marschallin an ihrem eigenen fürstlichen Hofe. Sie amüsiert sich mit einem jungen Liebhaber, dem Grafen Rofrano, den sie allerdings mit allerlei Kosenamen bedenkt: Quin-Quin, das Taverl, mein lieber Bub, Octavian. Mit gerade mal 32 hadert sie mit dem Alter(n) und ahnt, dass der junge Lover von 17 Jahren und 2 Monaten ihr wohl nicht mehr lange erhalten bleibt. Wir erleben das herrschaftliche Lever, die ganze Bagage von Händlern, Bittstellern, halbseidenen Gestalten, einem fahrenden Sänger, den Lakaien und Hausmädchen sowie dem Friseur. Allerdings missliebt der Dame das Styling und sie löst die Coiffure, weil sie sich mit hochgestecktem Haar wie eine alte Frau fühlt. 

In diesen bunten Reigen, der alle Stände im Boudoir der Marschallin vereint, platzt der Cousin Ochs auf Lerchenau, der zunächst einmal mit seiner Potenz protzt. Tausend Geliebte werden es wohl gewesen sein (wer hier an die Registerarie im Don Giovanni denkt, liegt ganz richtig), im Mai geht es wohl los mit seinen Gelüsten, im Sommer gibt’s die besten Nächte und die böhmischen Erntehelferinnen behält er bis November. Lerchenau’sches Glück ist für ihn was Warmes im Bett oder im Heu. A bisserl eindimensional orientiert, der Herr Baron.  Oder doch ein schlauer Lump, der das Beste aus seinem Stand und seiner Geldgier macht und sich kurz vor dem Untergang der Donaumonarchie so durchschlawinert? 

Nun, der Ochs will sich mit einem 15-Jährigen Mädchen vermählen, frisch von der Klosterschule. Ohne Mutter wächst sie auf, dafür mit einem Vater, der sie für die adlige Verwandtschaft richtiggehend verschachert und seine Tochter lieber ins Kloster schickt, als einen Rückzieher von diesem Hochzeitsarrangement zu machen. Reich geworden ist er durch Waffenlieferungen an den Hof, aber nur ein Parvenu-Adel ist dabei rausgesprungen. Wie wunderbar stellt er sich dagegen die Aufnahme in die Entourage des echten, alten Adels vor – gleichgültig, wie abstoßend er selbst die lockere Moral des Ochs findet. Wir Heutigen schütteln amüsiert den Kopf. So viel Herzleid für eine Ambition, die das Ende des 1. Weltkriegs völlig zunichte macht. 1919 schafft Österreich alle Adelstitel ab. Ob Strauss und Hofmannsthal das konkret ahnten? Oder hier die Stimmung, den wehmütigen Abschied von etwas Altem und den verunsicherten Blick in eine unbestimmte Zukunft, brillant darstellen?

Ein Mittelsmann muss her. Die Marschallin schlägt Octavian vor und zeigt dem Ochs ein Medaillon mit dessen Bild. Während all dieser Zeit ist dieser wiederum präsent, weil er sich aus Angst vor dem Feldmarschall ruckzuck als Kammerzofe Mariandl verkleidete. Und so nimmt der tolle Tag (Ja, wie bei Mozart, diesmal Figaro, Medaillon und drei Waisen siehe Zauberflöte) seinen Lauf. Ochs wirft ein begehrliches Auge auf Mariandl/Octavian und lädt sie auf ein Schäferstündchen ein. Das männliche Begehren lässt die Marschallin in Wehmut verfallen. Ihr wird klar: Die Zeit vergeht und wir in ihr. Alles ist Wachsen, Werden und Vergehen. 20190923_194739Vanitas-Motive an der Wand von dem Schmetterling samt Raupe und Kokon,  der Rose (erotisch einladend weit geöffnet), dem Totenschädel, dem umgestoßenen Glas bis zu den angelaufenen, halbblinden Spiegeln versinnbildlichen den Barock-Topos „Es ist alles eitel“ nach dem Sonett von Andreas Gryphius, das wiederum auf den weisen Prediger Salomon im Buch Kohelet zurückgeht. „Ein jegliches hat seine Zeit.“ Wie sagt die Regieanweisung im Original-Libretto am Ende des ersten Akts? MARSCHALLIN stützt den Kopf in die Hand und bleibt so in träumerischer Haltung bis zum Schluss. 

Apropos Regie. Josef E. Köpplinger, Intendant des Gärtnerplatztheaters in München, inszeniert zum ersten Mal in Bonn. Seine Regie hält sich nahezu werkgetreu an die Hoffmansthalsche Vorlage. Herrlich barock die Auf- und Abgänge, sinnstiftend die Positionen von Solisten, Chor und Kindern, heiter und amüsant die die Slapstick-Einlagen oder die Spukszene im Beisl. Der Rosenkavalier verlangt wie wenig andere Opern von allen auf der Bühne komödiantisches und darstellerisches Talent, das sich in Köpplingers Regiehänden wirksam entwickelt.

Diese Inszenierung entfaltet sich überzeugend im Bühnenbild von Johannes Leiacker, der vor zwei Jahren in Bonn so abstrakt wie bildlich die Penthesilea von Othmar Schoeck auf 10 Quadratmeter weiße Fläche mit zwei Flügeln brachte. Für den Rosenkavalier schafft er drei Interieurs für drei Akte, die ganz wunderbar Musik, Gesang und Handlung widerspiegeln und ergänzen. Aus dem griechischen antiken Theater entlehnt er das Sturkturelement der Periakten, dreiseitige, meterhohe bemalte Prismen, die die Akteure auf der Bühne selber drehen. Mit zwei Sets von je vier Säulen zeichnet er ein sehr flachwinkliges Dreieck, dessen Schenkel in einen goldenen Bilderrahmen münden. Er macht klar: Hier gibt es ein (Sitten-)Gemälde des Barock zu sehen, das ich allerdings in die Entstehungszeit der Oper verlege. Die halbblinden Spiegel fußen auf einem spiegelblanken Boden, der insbesondere die blütenweiße Bettstatt des Liebesgeschehens (Ehebruchs) zur Geltung bringt. 

Der zweite Akt führt ins Palais Faninal, dem stolzen Besitz des Vaters der Braut. Hier wischt und wienert das Personal, bemüht sich emsig um einen Saubermann-Schein. Sophie tritt auf in jungfräulichem Weiß und fällt aus allen Wolken, als sie zunächst den Brautwerber Octavian und später ihren Zukünftigen erblickt. Die Zeit steht still, sie ist wie vom Blitz getroffen, als der schmucke Octavian, nun weder in Unterwäsche, noch im Dientsmädchenschürzchen, sondern samt Degen im Justaucorps, dem eleganten Gehrock des 18. Jahrhunderts, erscheint. Hier lässt der Barock erneut grüßen – ein Zitat wie auch das Menuett bei den musikalischen Anklängen an die Zeit. Der leibhaftige Bräutigam jedoch versetzt sie in Angst und Schrecken. Nein, diesen Grobian heiratet sie nicht! Der Vater tobt, der Vater schlägt, der Vater schwitzt – und Ochs, seiner Sache ganz sicher, ergeht sich im schönsten Walzer, der zum echten Hit avancierte. „Ohne mich …“ Das „Still“ am Ende des zweiten Aktes? Die Vorhänge laufen auf einen bräsigen, sich seiner erotischen Wirkung nur allzu sicheren, breitbeinigen Ochs zu, der sich genüsslich eine Zigarette anzündet und trällert.  „Mit mir, mit mir keine Nacht dir zu lang!“

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Wechsel vom hochherrschaftlichen Hof über das neureiche Palais rüber ins Beisl, wo in einem in einen Nebenraum ein „mordsmäßig großes Bett“ steht. Hier findet sich nun alle Stände ein. Warum? Ein Höfling names Valzacchi, eine intrigante Hofschranze, hat in Absprache mit Annina, seiner Nichte, das Rendezvous von Ochs mit Mariandl arrangiert. Auf halber Strecke aber wechselt er die Pferde und sorgt nun dafür, dass er Ochs über einen derben Spaß und Spuk eine Lektion lernt. So entpuppt sich dann Octavian nicht als Mariandls Vetter, sondern als er selbst, da löst der Herr Papa die Verlobung seiner Tochter und erlaubt das junge Glück. Und dann tritt die Marschallin auf. Nicht in Tüll und madonnenblauem Mantel wie Sophie, nicht im Straßenanzug wie Octavian, sondern als schwarze Witwe im Jugendstil-Mantel. Großmütig verzichtet sie auf ihren Geliebten und schickt sich in das Unausweichliche. Mit „Hab mir’s gelobt ihn lieb zu haben in der richtigen Weis“ setzt das traumhafte Terzett von Sophie, Octavian und der Marschallin ein. Auch jetzt bleibt die Zeit für einen Moment stehen. Musik in Vollendung. Herzschmerz und Schwelgen vereint. 

Aber halt – eine Komödie für Musik steht auf dem Programm. Für Tragik kein Platz. Machen wir uns keine Sorgen um die Marschallin – Octavian war nicht ihr erster Liebhaber und wird auch nicht ihr letzter sein. Lassen wir den Ochs in Frieden abtreten. Er hat die Chuzpe, als Sieger vom Schauplatz der Farce, dieser wienerischen Maskerade zu gehen. Und blicken wir noch einmal kurz auf das junge Glück. Irgendwie ist der Octavian ja auch mit dem Ochs verwandt. Wird er auch so ein Kerl, der sich sich ein wenig grobschlächtig mit den Gegebenheiten arrangiert? War der Ochs vielleicht mal adrett und liebenswert? Und Sophie, das unschuldige Kind, das – nach herablassendem Urteil de Marschallin – hübsch genug ist, um wenig sagen zu müssen … verliebt sich ja auch als züchtige Braut stante pede in den jungen Rosenkavalier. 

Zarter, weißer, unschuldiger Bühnenschnee berieselt das Hänsel-und-Gretel Glück am Ende. „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, dass wir zwei beieinander sein, beieinand‘ für alle Zeit und Ewigkeit!“ Ein Lacher am Ende löst die romantische Szene auf. Der kleine dunkelhäutige Lakai Mohammed gönnt sich mit Mariandls Unterrock einen kindlichen Scherz und winkt mit dem Taschentuch ins Publikum.

Drei Debütantinnen und ein Platzhirsch – so sind die Hauptrollen besetzt. 20191006_233804Bei Franz Hawlata als Ochs reimt sich Lerchenau auf Rampensau. Souverän segelt er durch die äußerst umfangreiche Partie. Sein 613. Ochs ging über die Bühne, die Rolle, mit der er an der Metropolitan Opera debütierte. Das Parlando, der Sprechgesang, kommt seinem Bass sehr entgegen und das tiefe E, über sechs Takte gehalten, beeindruckt nach wie vor. Man darf gespannt sein, wie das neue Ensemblemitglied Tobias Schabel die Partie meistert. 

Die philosophisch und psychologisch fein ziselierte Rolle des Stücks verkörpert Martina Welschenbach als Marschallin. Sie entblättert mit dem Blick in den Spiegel, mit den Einsichten zum Festhalten und Loslassen und mit der Noblesse des Verzichts wirklich edle Züge. Ein wundervolles Debüt, vom Seidenhemdchen und barfuß zu Beginn bis zum schwarzen Witwenmantel am Ende eine überzeugende Interpretation dieser schwierig zu singenden raschen Taktwechsel vor dem Hintergrund des Riesenorchesters bis hin zu den kammermusikalischen Anteilen. 

20191006_234501-1Wer noch die höchsten Höhen der Königin der Nacht übertrifft, der singt wie die spontan verliebte Sophie „Ist wie ein Gruß vom Himmel“, diese silberne Rose, mit persischem Rosenöl verführerisch beträufelte Brautwerbung. Louise Kemény setzt an und lässt ihren lyrischen Sopran aufsteigen. Sie gewinnt auf der ganzen Linie, auch wenn sie sich im Schlussterzett gegen den überragenden Mezzosopran von Emma Sventelius durchsetzen muss.

Sehr zu recht feierte 20191006_231527die junge Schwedin Premierenpublikum sie als Titelfigur mit begeistertem Applaus. Sie gehört auch zu einer neuen Generation von fantastischen Bühnendarstellern mit toller Stimme. Ihre Präsentation einer Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau spielt, war in allen Kostümen absolut überzeugend. Da kommt noch mehr Vorfreude auf die Wiederaufnahme der Hochzeit des Figaro auf, mit ihr als Cherubino. 

Diese drei Sopranistinnen bereichern nun das Ensemble der Oper Bonn – und gleichzeitig erwies sich gestern noch einmal die große Anzahl an wirklich guten Solistinnen und Solisten als Glück für das Haus. Yannick Muriel Noah als Duenna (Anstandsdame), die Jungfer Marianne Leitmetzerin, Anjara Bartz als Annina, Johannes Mertes als verschlagener Valzachhi, Giorgos Kanaris als der Herr von Faninal, Martin Tzonev als Kommissar, Egbert Herold als Notar …  und natürlich George Oniani, der seine Belcanto-Arie als italienischer Tenor zu Gehör bringt. Sie zeigten einmal mehr, wie viel Spiel- und Singfreude in diesem Ensemble steckt. Bravi tutti! Große Szenen mit Chor und Kinderchor verleihen der Produktion dieses plastische Durcheinander und den albernen Witz dieser Komödie. 

Im Rosenkavalier geht es ganz wesentlich um das berühmte Textverständnis. Orchester
100 Musikerinnen und Musiker versammelt Dirk Kaftan um sich im Graben. Meisterlich dämpfte er die großen Bögen, bändigte das Volumen hin zum kammermusikalischen Konversationston im dritten Akt. Dafür gab es in der Premiere begeisterten Applaus, als beim fünften Vorhang das komplette Orchester mit dem Maestro auf der Bühne stand. 

In Kürze. Alles Walzer oder was? Eine Kehrtwende in die selige Walzerdrehung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts? Wie kritisch geht die Produktion mit dem riesigen #metoo Potenzial um? Lässt sie die zahlreichen sexuellen Übergriffe und Diskrimierungen für sich stehen? Muss nicht der Ochs wie ein Trump noch fieser gezeichnet werden? Wer genau hinhört, spürt das eigentliche Thema. Die Menschen altern und reifen, der Walzer mit ihnen. Der Bilderrahmen zeigt: So war’s. Aufbruch in eine neue Zeit, in der wir solch ein Geschehen wie ein altes Gemälde betrachten. Weg mit Samt und Brokat. Die Ambivalenz und die Latenz ausleuchten. Das Alte ist Vergangenheit und das Neue ist noch nicht ganz angekommen.

Und außerdem … Die einzigartige literarische Qualität des Librettos aus der Feder von Hugo von Hofmannsthal lädt dazu ein, es entweder einmal ganz und gründlich zu lesen oder als Hörstück mit Sprechern und kleiner musikalischer Begleitung zu genießen.

11 weitere Termine stehen auf dem Spielplan der Oper Bonn. Tickets und weitere Details hier. 

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