Aron Stiehl – ein Porträt des Opernregisseurs

Aron Stiehl empört sich. Seit knapp drei Wochen probt er jetzt in Bonn Die Fledermaus und erlebt hautnah mit, wie die Debatte über die Oper Bonn gerade wieder Fahrt aufnimmt. Statt Argumenten bringen die Gegner populistische Phrasen aufs Tapet, als ob sich Kultur gegen Sport, Schwimmen gegen Oper aufrechnen ließe. Für grotesk hält er die Diskussion, die sich den Werten einer freien, pluralen Gesellschaft rein fiskalisch nähert. Ein Theatermensch durch und durch, setzt er sein Schaffen dafür ein, dass alle Menschen auf der Bühne ein Stück ihrer eigenen Lebenswirklichkeit gespiegelt sehen. Gleichzeitig wünscht er sich einen Erkenntnisprozess, der durch exquisite Unterhaltung initiiert wird. Den aufklärerischen Wahlspruch der Dichter des 18. Jahrhunderts „nützen und erfreuen“ (nach dem „prodesse et delectare“ des Horaz) unterschreibt er ganz. 

Noch bevor wir uns seiner aktuellen Regiearbeit widmen, bezieht er noch einmal eindeutig Stellung pro Oper Bonn. „Das Theater genießt einen ausgezeichneten Ruf. Es ist eines der besten in der ganzen Republik. Vom Generalintendanten zu verlangen, er soll weiter Personal abbauen, kommt einem gestalterischen Kahlschlag gleich.“ Auch als wir uns über die Kennedybrücke der Oper nähern, flammt sein Zorn noch einmal auf. Allein die Idee, dieses demokratische Zeugnis der Bonner Republik aus dem Jahr 1965 mit seiner Durchlässigkeit zwischen Parkett und Rang, mit seiner in der Zeit modernen Architektur abzureißen, ist einfach unfassbar.“

Dabei zeigt sich der 51-jährige Regisseur als geduldiger und eher sanftmütiger Gesprächspartner. Das mag ihm in die Wiege gelegt worden sein. Die Eltern waren von John Steinbecks Roman East of Eden so begeistert, dass sie ihm den Namen Aron mit auf den Lebensweg gaben. Die große amerikanische Familiensaga qualifizierte den Autor für den Nobelpreis – und zahlreiche Analogien zur biblischen Geschichte sind auszumachen. So heißen die ungleichen Söhne des Urpaares in Anlehnung an Kain und Abel Cal und Aron – der eine unbeherrscht und neiderfüllt, der andere gottgefällig und sanft. 

Die Bonner haben Aron Stiehl 20200214_155145als Regisseur der hintergründig komischen Inszenierung von Mozarts Die Hochzeit des Figaro in bester Erinnerung. Man sah ihn nie ohne Hund. Der gute alte Pancho erreichte ein stolzes Hundealter von 14 Jahren; nun sind Moses & Aron ein Team. Der entzückende Cocker-Spaniel erobert mit seinem Zirkuspferd-Puschel auf dem Kopf, den lockigen Ohren und seinem freundlichen Wesen jeden Besucher im Nu.

Er wollte immer zum Theater, entweder als Schauspieler auf der Bühne oder als Regisseur. Deshalb nahm er nach dem Abitur in Wiesbaden sein Studium an der Hochschule für Musik und Theater auf und schloss den Studiengang Musiktheater-Regie mit Auszeichnung ab. Zu seinen Lehrern gehörten Götz Friedrich und Harry Kupfer, er hat mit Peter Konwitschny und mit dem Weltklasse-Regisseur Richard Jones zusammengearbeitet. Von diesen Genies habe er am meisten gelernt, paare heute solides Handwerk mit Werktreue und der leichten Hand der englischen Regie. „Ich liebe den intelligenten englischen Humor, den Wortwitz, den Esprit, der sich aus der Sprache Shakespeares entwickelt hat.“

Nun also Die Fledermaus von Johann Strauß, im Jahre 1874 in Wien uraufgeführt. Die Weltausstellung im vorherigen Jahr war ein Riesenflop: Österreich und Wien blieben auf einem großen Haufen Schulden sitzen. In diese Stimmung hinein komponiert der Walzerkönig Johann Strauß eine Operette, die es in sich hat. „Mit ihrer Champagnerlaune gehört die Operette natürlich in die Silvesternacht oder in den Fasching,“ sagt Aron Stiehl. „Das Stück stellt höchste Ansprüche an Regie, Solisten und Orchester. Nichts ist, wie es scheint. Alles nur Makulatur, die pure Ironie, wo das Gesagte nie das Gemeinte ist. Die neureichen Parvenus in einer Wiener Vorstadt tun alle nur so, als ob. Und am Ende übernimmt niemand Verantwortung für das Durcheinander, das sich sowieso nur mit reichlich Alkohol ertragen lässt.“ 

Die Finesse einer Komödie misst sich ja daran, dass sie jederzeit in die Tragödie abzurutschen droht. Sonst wäre sie oberflächlicher Klamauk, dem die zweite Ebene fehlt. Wie genau wird das Publikum das erleben? 20200214_155021_hochkantIn ein paar Details weiht Aron mich ein – aber darüber schweigen wir natürlich vorläufig noch. Der Regisseur zeigt sich völlig begeistert vom großartigen Ensemble. „Es ist für mich ein Privileg, mit so fantastischen Solisten zusammen zu arbeiten.“ Offensichtlich arbeiten die Sängerinnen und Sänger hart an den anspruchsvollen Texten, den gesprochenen und gesungenen gleichermaßen. „So eine Wiener Operette hat ihren ganz eigenen Dreh. Der schnelle Wechsel zwischen angedeuteten echten Gefühlen und dem oberflächlichen Wegwischen zeigt die Brüchigkeit dieser bürgerlichen Welt.“ Diese Qualität unterscheidet die österreichische „kleine Oper“ ganz wesentlich von der deutschen oder der französischen. Wo ein Jacques Offenbach frecher und erotischer aufspielen lässt, zeigt sich die „Berliner Luft“ kritischer und kantiger. 

Und der Walzer? Die Seligkeit? – „Da stellt uns der Johann Strauß eine Falle. Sobald das Publikum schon fast mitdreht, bricht er ab … Hier wird nichts zu Ende gedacht oder gebracht.“ Für die Musik steht diesmal Daniel Johannes Mayr am Pult, von dem Aron Stiehl wirklich schwärmt. „Er ist ja nur ein Bayer, aber dafür besonders toll“, sagt der Regisseur augenzwinkernd. Dieser Tanz auf dem Vulkan verlangt auch vom Orchester äußerste Sorgfalt und Präzision in der Gestaltung. „Operette bedeutet eine größere Herausforderung als Oper“, so Arons kurze Quintessenz. 

Was hat denn das Musiktheater dem Publikum zu bieten? Unterhaltung. Gute, geistreiche Unterhaltung, auf jeden Fall. Und was bietet es als nützliche Lehre? Aron Stiehl hält einen Moment inne und stützt den Kopf in beide Hände. „Die Erkenntnis, dass wir Menschen uns immer wieder ausrichten, dass wir nach unseren Werten leben.“ Denn eins sei ja klar: Genauso wie der Graf Almaviva im Figaro macht Gabriel von Eisenstein nach dieser Caprice einer Nacht so weiter wie bisher. Heißt es bei Mozart „corriam tutti (a festeggiar)“, so entlässt die Fledermaus mit dem Welthit-Evergreen-Best-of-Wunschkonzert-Nummer „Glücklich ist, wer vergisst …“ die Spielfiguren als auch das Publikum aus der Verantwortung. Nach der nächsten Feier und Festivität stellt sich die gleiche Wirrnis aus Mangel an Richtung ein. 

Politik ist Macht ohne Verantwortung, heißt es ja landläufig schon mal. Und das mündet in die Groteske, so Aron. Die USA, Großbritannien, Ungarn – da regieren ungebildete, (neu-) reiche Emporkömmlinge ohne Gewissen und Moral. Davor schützen Kultur und Kunst – und beides müsse allen Menschen offen stehen. Es wundert kaum, dass Aron Stiehls Plan B lautete, evangelischer Pfarrer zu werden. Seine Augen leuchten, als er von seinem ersten Orgelkonzert in einer Kirche erzählt. So kam er zur Musik. Und als Schauspieler betrat er in der Theater-AG seines Gymnasiums die Bühne. Seine erste Rolle die Thisbe im Sommernachtstraum, die mit ihrem geliebten Pyramus nur durch eine Mauer Botschaften austauschen kann. 

Heute füllen seine Bühnenvisionen Opernhäuser in ganz Deutschland, der Schweiz, Österreich und Israel. Fünf Jahre war er Spielleiter an der Bayerischen Staatsoper, danach knapp 20 Jahre gut gebucht freiberuflich unterwegs. Bis er im November 2019 einen 5-Jahres-Vertrag als Intendant am Stadttheater Klagenfurt unterschrieb. „Als Intendant mache ich dann pro Jahr nur noch eine Regie an einem anderen Haus. Für diese neue Stelle habe ich alle anderen Verpflichtungen abgesagt. Außer Bonn! Ich liebe die Arbeit am Rhein.“ – Aber Klagenfurt? Kärnten? Haider-Land? Er transportiert ja auch seine politische Haltung. „Das Theater dort ist gut ausgestattet. Eine Diskussion wie hier in Bonn gäbe es in Österreich nicht.“ Und selbstverständlich wird er seine Möglichkeiten nutzen, gutes Theater für alle Menschen vor Ort zu machen. 

Der Rhein – wie er den täglichen Gang über den großen Strom liebt. Als Junge ist er schon auf dem Rhein gerudert. DSC_0758Heute strebt er 10 Kilometer zu Fuß jeden Tag an. Am liebsten im Wald, mit dem Schweigen der Bäume und seinem geliebten Moses an der Seite. Viereinhalb km bin ich heute mit ihm gelaufen. Und er macht dieselbe Strecke am selben Tag noch mal. Stimmt also! Von der Probebühne in Beuel begleite ich ihn zum Opernhaus. Hier tritt er dann später den Rückweg an zur Abendprobe. Heute steht der Frosch-Monolog auf dem Plan. Christoph Wagner-Trenkwitz und Aron haben ihn gespickt mit Lokalkolorit, mit Frotzeleien, mit Sprachspielen und ein bisschen Karnevals-Fasching (einschließlich der Schlachtrufe Alaaf und Helau) kommt auch drin vor. Aber wie gesagt – wir verraten noch nichts.

Das Bergfest steht an – zur Hälfte der gesamten Probenzeit. Aron Stiehl sieht man an, dass er im Moment viel arbeitet. Die Fledermaus-Proben fordern den ganzen Mann; gleichzeitig bereitet er sich auf die Intendanz vor, wo nun Budget- und Personalverantwortung auf ihn zukommen. Ganz gespannt wird er bei der Bonner Premiere seiner Fledermaus am 8. März 2020 im Parkett sitzen und intensiv die Reaktionen des Publikums wahrnehmen. „Gerade eine Komödie lebt von der Kommunikation mit den Menschen. Deshalb plädiere ich auch immer dafür, die Proben zu öffnen. Wir müssen in Echtzeit das Timing erarbeiten. Stell dir vor, der Dirigent lässt weiterspielen, noch bevor der Sängerdarsteller seine Beute einfahren kann. Er oder sie will doch genießen, dass die Leute den Gag mit ihrem Lachen belohnen.“ 

Selten hat sich im Künstlergespräch gleich so eine freundschaftliche Vertrautheit eingestellt. Ganz beschwingt trete ich meinen Heimweg an, nachdem ich Aron schon jetzt toi, toi, toi für die Premiere und eine erfolgreiche und fruchtbare Zeit in Klagenfurt wünsche. 

Noch wenige Karten für die Premiere am 8. März 2020 gibt es hier. Für die weiteren sieben Termine sind noch Karten in allen Kategorien verfügbar.

 

2 comments

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  1. DIE FLEDERMAUS – Der Champagner und seine Folgen – live in der oper

    […] Aron Stiehl pflegt seinen eigenen Stil möchte man im Wortspiel der Operette formulieren. Besser natürlich: Seine Inszenierungen tragen seine individuelle Handschrift. Die treibt mitunter schrille Blüten und verzichtet nie auf Tanzeinlagen. Ob im Terzett, im großen Chor der Ballgesellschaft, im Ballett oder beim Workout der schweren Jungs – feinst choreografierte Bilder der Tänzerin Bärbel Stenzelberger, die selbst als besonders zierliche Ida mit auf der Bühne agierte, zeichnen diese Fledermaus aus. […]

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