Leonore 40/45 – eine Nachkriegsoper erwacht zu neuem Leben

Gewagt und gewonnen! Mut, Liebe, Musik und eine Prise magischer Kräfte verschaffen der Geschichte um Yvette und Albert ein glückliches Ende. Als Gewinner des Abends allerdings trägt die Oper Bonn den Preis davon. Nachdem Leonore 40/45 für mehr als sechs Jahrzehnte vom Spielplan verschwand, feierte sie nun eine fulminante Auferstehung. Die Zwölftonkomposition von Rolf Liebermann mit dem Libretto von Heinrich Strobel erzählt als opera semiseria vordergründig eine Liebesgeschichte mit märchenhaften Zügen. Tatsächlich greift sie ein Einzelschicksal heraus, um den Irrsinn des „Zirkus Hitler“ nicht als Geschichtsstunde, sondern als historische Metapher für Krieg, Leid, Hunger, Gewalt, Elend und schließlich für auch heute noch herrschenden Formalismus zu veranschaulichen.

Der schwere rote Samtvorhang hat lange Risse, oft nur dilettantisch genäht oder geklammert: als Sinnbild für die Verletzungen aller Kriegsparteien, die zwar langsam heilen, deren Narben aber deutlich sichtbar sind. Sicher der status quo des Jahres 1952, als Leonore 40/45 in der neutralen Schweiz uraufgeführt wurde. Im ehemals faschistischen Italien und auch in Deutschland ereigneten sich Tumulte angesichts der Thematik. Und so fand 1959 die letzte Aufführung statt.

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Pavel Kudinov, Santiago Sánchez, Barbara Senator, Susanne Blattert, © Thilo Beu

Jürgen R. Weber, bekannt für seine politischen Inszenierungen und seine skurrilen Einfälle, bringt nun diese vergessene, beinahe bereits begrabene Oper auf die Bonner Bühne. Und das gelingt ihm außerordentlich gut. Subtilität ist seine Sache nicht; er verleiht Ausstattung, Bühne, Requisiten und Kostümen eindeutige Aussagen. Darüber hinaus bereichert er die offene Bühne mit einem riesigen Bilderrahmen, in dem er Aufstieg und Fall des „Zirkus Hitler“ persifliert. Das ist liebevoll lustig gemacht bis hin zum Happy End, als Dürers Hase und der gallische Hahn aus dem Zauberhut aufsteigen und sich küssen.

Apropos Zauberei. Der Prolog des ange gardien, des Schutzengels Monsieur Émile, klingt zunächst wie das Verismo Statement aus I Pagliacci. Aber anstatt nur aus dem wahren Leben das Schauerliche herauszugreifen, agiert dieser Spielführer omnipräsent und omnipotent. Wenn die autori Fehler machen oder das Tribunal aus Richtern, Soldaten und gemeinem Volk das glückliche Ende vereiteln wollen, greift er kurzerhand ein mit gefälschten Dokumenten. Ein deus ex machina, der Yvette auch mal auf seinen Flügeln durch die Nacht trägt. Er verkörpert die ironische Brechung des Tragischen.

Was passiert in dieser Oper? Kein klassischer Figurenkonflikt, nirgends. Im Gegenteil, die junge Liebe zwischen dem deutschen Soldaten und der französischen Klavierlehrerin spielt sich harmonisch ab innerhalb des großen Konflikts, dem zweiten Weltkrieg. Der Musikstudent Albert erhält 1939 seine Einberufung und marschiert so mit der deutschen Wehrmacht 1940 in Paris ein. Bei Liszts Rêve d’amour entdecken sie ihre Zuneigung, nachdem sie vorher der modernen Dodekaphonie (Zwölftonmusik) eine deutliche Absage erteilen. Die „Feinde“ sind sich in ästhetischen Fragen einig.

Mit ihrer Liebe zu Albert macht sich Yvette zur collaboratrice. In drastischen Bildern zeigen Videosequenzen nicht nur, wie die Franzosen den Frauen, die Verhältnisse mit den deutschen Besatzern eingingen, die Haare schoren. Ein besonders eindringlicher Blick einer Frau mit einer auf die Stirn tätowierten Swastika richtet sich ins Publikum. Verhöhnt und verstümmelt der Liebe wegen!

Im August 1944 zieht die Wehrmacht ab, von den Alliierten besiegt. Albert landet als Kriegsgefangener zunächst im Lager, dann im Arbeitsdienst bei dem Instrumentenbauer Lejeune in Épernay. Dorthin gelangt auch Yvette auf den Schwingen von Monsieur Émile, weil Lejeune eine deutsch-französisch bilinguale Sekretärin benötigt. Seine Blasinstrumente sind besonders in Deutschland und Österreich gefragt. Bebildert auch das mit bizarren Details: eine Geige mit aufgepflanztem Bajonett, ein Fagott mit Zielfernrohr, eine Oboe als überdimensionerter Penis.

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Santiago Sánchez, Sarah Rölli, Joachim Goltz ©Thilo Beu

Klar ist hier auch Sex im Spiel. Und klar kriegen sie sich. Der Froschkönig wird zum Prinz und als kindliches Bild der aufkeimenden und blühenden Liebe fungiert ein roter Luftballon, der immer wieder und schließlich auch im Parkett aufsteigt. Genauso nah am Kitsch das rote Herzchen am Hosenboden von Lejeune. Der macht schnell wieder Geschäfte mit den ehemaligen Feindstaaten. Handel und Gewinn über Ideologie. Zum Schluss vereinen sich Hermann, Germaine, Albert und Yvette zum Quartett, das Monsieur Émile zum Quintett ergänzt.

Und damit zurück zum Anfang. Beethovens Leonore aus Fidelio stand (Namens-)Patin, das berühmte Quartett erklingt aus dem Volksempfänger und über die quasi Landes- und Nationalitätengrenzen hinweg, von Sozen-Wohnung zu biedermeierlicher Bürgerlichkeit singen auch Eltern und Kinder im Quartett. Da schließt sich auch der musikalische Kreis.

Jede Sorge vor unerträglichen Dissonanzen fegt diese Leonore 40/45 hinweg. Der Gesang ist melodisch, die klassische Ouvertüre und das Zwischenspiel eine Ohrenfreude. Johannes Daniel Mayr am Pult hat das Stück bereits während der Corona-Zwangspause einstudiert und so lag die Produktion abrufbereit „auf Halde“. Das Orchester spielt hinter der Bühnenrückwand, die Solisten sind nur via Monitor mit dem Dirigenten verbunden. Der Chor – endlich wieder ein Chor! – singt unsichtbar rechts und links der Seitenwände. Das Gesamterlebnis stimmt nachdenklich und traurig, wirkt gleichzeitig mitreißend und erheiternd.

Dazu tragen selbstredend die hervorragenden Solistinnen und Solisten bei. Barbara Senator gelingt der Kraftakt, nach der Hauptrolle in Arabella vier Tage vorher hier die Yvette mit ihrem lyrischen Sopran auszustatten. Die Strauss-Oper ist zwar nur 19 Jahre jünger, aber zwischen beiden Werken liegen musikalische Welten. Zurecht wird ihre Leistung mit Riesenapplaus belohnt. An ihrer Seite Santiago Sánchez, mit großer Spielfreude und klarem, jungem Tenor. Er genießt das Agieren auf der Bühne und sein komisches Talent kommt beim Wiedersehen mit Yvette in Lejeunes Werkstattbüro sehr schön zum Ausdruck.

Immer mit einer großartigen Bühnenpräsenz, schönem Schauspiel und flexiblem Mezzo Susanne Blattert. Auch sie wenige Tage nach der anspruchsvollen Rolle der Adelaide in Arabella in Top-Form als mütterliche Germaine. Sein Part in der Strauss-Oper war beträchtlich kleiner als jugendlicher Liebhaber, aber auch Pavel Kudinov zeigt sich „im Alter“ schauspielerisch und sängerisch stark. Eine kleine Buffo-Rolle hat der Bass Martin Tzonev inne. Er gibt den pragmatischen Instrumentenbauer Lejeune gewohnt professionell und auch bei ihm keinerlei Müdigkeit in der Stimme so kurz nach der Arabella. Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt der Bariton Joachim Goltz. Tolle Textverständlichkeit, ein Hauch Mephisto, eine Portion abgehobene Ironie in der Stimme. Großartig!

Maske und Kostüme fangen den Zeitgeist sehr anschaulich ein. Die Bühne mit den zahllosen, fast zärtlich arrangierten Gimmicks und circensischen Elementen verdankt die Inszenierung Hank Irwin Kittel, der an der Oper Bonn zuletzt das Bühnenbild für Cavalleria Rusticana, I Pagliacci und Marx in London entworfen hat. Dieser mit leichter Hand gestreute Zauber trägt wesentlich dazu bei, dass Leonore 40/45 das Publikum mit guter Unterhaltung verwöhnt.

Das Stück liefe sonst möglicherweise Gefahr, in allzu ernste Sentenzen zu verfallen. Selbstredend geht es um starke, mutige Frauen. Ohne Zweifel gilt die Trias Libertéégalitéfraternité der Französischen Revolution als Postulat uneingeschränkt – auch für alle aktuellen Freiheitskämpfe weltweit. Nicht von ungefähr treten die französische Marianne mit der Jakobinermütze und entblößter Brust und Ludwig van Beethoven in Kontakt. Dessen Freiheitsoper erschien exakt 25 Jahre nach der Französischen Revolution. Diese Werte äußern sich auch in der vox humana und dem Schlusschor „Alles wendet sich zum Guten in der besten aller Welten. Alles wendet sich zum Guten in der allerbesten Welt.“ Dabei spielt es keine Rolle, ob dies von Voltaire, dem Franzosen, oder dem Deutschen Leibniz stammt.

Offen bleibt die Frage, ob Liebermanns Oper vielleicht diese utopischen Ziele (musikalisch) ad absurdum führt. Mit der identischen Tonfolge im Anfangs- und Schlussquartett schließt sich ein Kreis. Drehen sich die Ansprüche an ein menschliches Miteinander im Kreis?

In seinem Festvortrag „Vom Kanon zum Einerlei – warum die Oper ihre Vielfalt liegenlässt“ fand Professor Thomas Bauer einen treffsicheren Begriff für Stücke, die nicht dem A(ida), B(ohème), C(armen) des Opernrepertoires entsprechen: Kassengift. Der Operndirektor Andreas K.W. Meyer hat erneut in den „Giftschrank“ der Opernliteratur gegriffen und (Wieder-)Geburtshilfe bei Leonore 40/45 geleistet. Das Stück hat jede Aufmerksamkeit verdient. Also: Möge das Publikum es zum Kassenschlager machen. Der Besuch einer Vorstellung lohnt sich!

Mein Tipp: Unbedingt eine Stunde vor Beginn in die Oper am Rhein kommen und das Programmheft, ach was, Programmbuch erwerben. Es enthält außer dem kompletten Libretto eine Vielzahl von Begleittexten, die zum Verständnis der Oper von Liebermann und Strobel sehr Aufschlussreiches beitragen.

Das Theater Bonn spielt die Oper noch drei Mal: am 15., 17. und 22. Oktober 2021. Infos auch zur Einbettung in die Reihe Fokus 33 und Karten gibt es hier.

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