Der Tanz um das Goldene Kalb findet im Künstleratelier statt. Es fehlen die vier nackten Jungfrauen, die 70 Greise und die Sexorgie in der zentralen Szene von Arnold Schönbergs Oper Moses und Aron, die jetzt in der Inszenierung von Lorenzo Fioroni am Theater Bonn Premiere feierte. Eine extrem vielschichtige Präsentation eines Werks, dessen Realisierung nur wenige Häuser wagen. Minutenlanger, frenetischer Applaus für die Solisten und die Chöre. Diese Interpretation des alttestamentarischen Stoffs und die Szenografie von Paul Zoller – ein Opernereignis!
DIE LUSTIGE WITWE – Her mit den Milliarden!
Es ist was faul im Staate … Pontevedro. Die Finanzen sind erschöpft, es droht der Staatsbankrott. Ausgerechnet in Paris soll der pekuniäre Rettungsschirm aufgespannt werden. Hier, wo das Fin de Siècle alle Lustbarkeiten bereithält, wo Amüsement als Lebenselixier und Lebensmotto gilt. Die spannungsreichen Kontraste zwischen dem nur lasch als Pontevedro kaschierten, ländlich-folkloristischen Montenegro und der mondänen französischen Metropole als the place to be packen Franz Lehár und seine beiden Librettisten Victor Léon und Leo Stein dramatisch und musikalisch in ihre Operette Die lustige Witwe. 1905 dirigierte der Komponist selbst die Uraufführung dieser Tanz- und Nummernrevue im Theater an der Wien und begründete damit eine Erfolgsstory, die ihresgleichen sucht. In Köln kam nun dieses Stück der leichten Muse mit Tiefgang auf die Bühne im Staatenhaus.
DER LIEBESTRANK als Strandparty auf der Kölner Opernbühne
Sex on the beach – Im Cocktailglas oder als (fast) vollzogener Akt auf der Opernbühne im Kölner Staatenhaus! Partydrogen aller Art: neben Alkohol auch fette Joints, LSD-Pillen oder mal eine Linie Koks. Das kunterbunte Partyvolk tummelt sich an einem spanischen Strand, um die Bar Adina herum. Viel nackte Haut, Yoga, Pilates und Aerobics zur Körperoptimierung und reichlich Sonnenmilch, mit der kernige Typen attraktive junge Frauen eincremen. Bistro-Tische, Sonnenschirme, Luftmatratzen – alles so schön bunt hier! Von allem viel in diesem Wimmelbild der guten Laune.

Gaetano Donizettis bekannteste Oper Der Liebestrank (L’elisir d’amore) in der superquirligen Inszenierung von Damiano Michieletto kommt in Köln (nach Madrid, Valencia, Brüssel und Graz) zum ersten Mal in Deutschland auf die Bühne, gut 10 Jahre nach der ersten Aufführung. Und das Publikum feiert in den aktuell dunklen, krisengeschüttelten Zeiten diese Hüpfburg-Schaumparty als vermutlich sehr willkommene Abwechslung.
Rigoletto – Bonn buht und jubelt
Zu Herzen geht sie, die Geschichte vom Vater, der für seine Tochter nur das Beste will und sie schließlich tot in den Armen hält. 1851 erbebt das Teatro La Fenice in Venedig, als zum ersten Mal die Oper Rigoletto von Giuseppe Verdi aufgeführt wird. Hochdramatische Musik, schaurige Schauplätze und der Blick auf eine dekadente höfische Gesellschaft waren der Zensur ein Dorn im Auge. Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave machten Zugeständnisse und so konnte schließlich die Opernadaption des Romans Le roi s’amuse von Victor Hugo das Licht der Bühne erblicken. Rigoletto begründete Verdis Weltruhm und gilt im Triple mit La traviata und Il trovatore, alle drei innerhalb von zwei Jahren uraufgeführt, als erste Hochphase im Schaffen des Komponisten.
The Strangers – Eine Zeitreise
Aus der Dunkelheit Musik wie ein heftiger Schlag ins Gesicht: schrill, laut, dissonant beginnt die Ouvertüre zur Oper The Strangers des Amerikaners Frank Pesci.

In der Mitte des schwarzen Raums ein abgetrenntes Rondell, das Platz für 16 Musiker eines Kammerorchesters bietet. Kein Graben, keine Bühne. Stattdessen gruppieren sich um die orchestrale Insel herum sechs Schauplätze, deren Form und Besetzung sich ständig wandeln. Eine mobile Show, die dem Publikum – in dem fast intimen Raum finden 300 Zuschauer Platz – immer wieder neu Perspektiven, immer neu Nähe und Distanz zum Geschehen vermittelt.
Die Frau ohne Schatten – ein seltener Genuss
Ein seliges Happy End in bombastischer Strauss-Musik! Wie im Vorjahr mit Les Troyens eröffnet die Oper Köln die neue Spielzeit mit einem Stück, das eigentlich als unspielbar gilt, Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss. Reine Spielzeit knapp dreieinhalb Stunden, allerhöchste Ansprüche an Sängerinnen und Sänger, den Chor und das gesamte Orchester. Darüber hinaus eine hochkomplexe Handlung, die eine enorme Herausforderung für Regie, Bühne, Dirigat und Licht bildet. Soviel vorweg: Alle Beteiligten durchdringen Musik und Text bis in die feinsten Nuancen und begeistern das Premierenpublikum. Standing Ovations!
DER SINGENDE TEUFEL – das Gespenst mit den weißen Zähnen
Für Spezialisten und das breite Publikum sei diese Oper geschaffen – so Franz Schreker im Disput mit seinem Verlagshaus Universal Edition, das sich strikt weigerte, die Partitur der Oper Der singende Teufel zu drucken. Die Uraufführung am 10. Dezember 1928 an der Staatsoper Berlin hatte die Kritik nämlich gründlich verrissen und so Schrekers vorletztem Bühnenwerk ein schnelles Aus beschert. Nun, nach fast 100 Jahren, bringt das Theater Bonn die Originalfassung – ohne Striche – im Rahmen der Reihe Fokus|’33| auf die Bühne. In der Tat mischten sich im Parkett und auf den Rängen eine ungewohnte Melange aus Premierenpublikum, Musikjournalisten und internationalen Experten. In den dreieinhalb Tagen vor der Wiederbelebung des Stücks diskutierten Forschende der Musikwissenschaft und -geschichte im Symposion DIS|KONTINUITÄTEN die Entwicklung der Oper zwischen und nach den Weltkriegen. Als Höhepunkt und Abschluss der Tagung erlebten sie die Premiere mit. Alle Anwesenden aber saßen im selben Boot: Niemand hatte die Oper nach der förmlich massakrierten Inszenierung von 1989 in Bielefeld so je live gesehen und gehört.
Giulio Cesare in Egitto – Exquisite barocke Sangeskunst an der Oper Köln
Die Heldenpartie des großen Imperators Julius Cäsar schrieb Georg Friedrich Händel dem seinerzeit berühmtesten Kastraten Senesino in die Kehle und auf die Stimmbänder. Bis ihn der divo assoluto Farinelli ablöste, galt der italienische Alto als Inbegriff des Schöngesangs, der auf Riesenerfolge in seinem Heimatland, in Deutschland und England blickte. Vor ziemlich genau 300 Jahren begann Händel die Arbeit an dieser Oper, bis sie dann 1724 in London uraufgeführt wurde. Der Oper Köln glückt nun der spannungsreiche Spagat zwischen absolut barock und absolut zeitgenössisch.
Die Spielzeit 2023/24 am Theater Bonn – Jetzt auch zum Hören

Kurz und kompakt präsentiert das Theater Bonn sämtliche Bühnenereignisse der kommenden Spielzeit auf 64 Seiten. Oper, Schauspiel, Tanztheater, Quatsch keine Oper und alle Abo-Angebote finden sich dort. Warum haben die Macher die Infos zum umfangreichen Programm und zu Abonnement und Service auf ein solch schmales Print-Format runtergedampft? Es gibt eine neue, digital zugängliche Informationsquelle zum Programm. Ab sofort bringen Originalstimmen aus dem Ensemble des Schauspiels Bonn Details zu den einzelnen Produktionen zu Gehör. Jeweils drei Minuten dauern die akustischen Trailer. Ausprobieren kann man es gleich hier mit der Kamera des Smartphones.
DIE LUSTIGE WITWE – Ein frech-frivoles Vergnügen
Eine heimliche Hauptfigur verleiht der Salon-Süße dieses Stücks die ironische Leichtigkeit. Nicht die Titelfigur selbst, die pontevedrinische Millionenerbin Hanna Glawari, setzt den Ton, sondern der etwas einfältige, aber rechtschaffene Njegus, der aber in seinen Intermezzi mit Esprit glänzt. Vom Mittelscheitel über die Ärmelschoner prima vista ein subalterner Tölpel, der, froh um einen Reim, als Kanzlist aus dem Komponisten fix den Franz List macht. Dabei waren es natürlich Franz Lehár und seine beiden Librettisten Leo Stein und Victor Léon, die mit der Walzer-Operette Die Lustige Witwe 1905 einen wahren Coup landeten. Im Theater an der Wien nahm das Publikum diese unterhaltsame Mischung aus Walzerseligkeit, schwül-schlüpfriger Erotik und politischem Kabarett begeistert auf.