„Lyrische Szenen“ nannte Pjotr Tschaikowsky sein Bühnenwerk Eugen Onegin, das ihm nach der Uraufführung 1879 in Moskau endlich den lang ersehnten Erfolg bescherte. Als Quelle nutzte er das russische Nationalepos von Alexander Puschkin mit demselben Titel. Der Dichter zeichnete in seinem „Roman in Versen“ ein ironisch gebrochenes Gesellschaftsbild im Russland des frühen 19. Jahrhunderts, das insbesondere die tiefe Kluft zwischen dem Französisch sprechenden Hochadel in den Metropolen, dem einfachen Landadel und den Massen an bitterarmen Bauern und Leibeigenen auf dem Land veranschaulichte. Die Titelfigur erscheint dabei als versnobter Mann von Welt, der die spontane Liebe eines jungen Mädchens als die Schwärmerei eines Teenagers abtut. Nun inszeniert der russische Regisseur Vasily Barkhatov die Oper in Bonn.
Idomeneo – Das Trauma des antiken Kriegshelden
„La vita il figlio e il genitor la pace“ – der Sohn möge leben und der Vater Frieden finden. Um diese beiden Desiderate kreist Mozarts frühe Oper Idomeneo. Das eine erzählt die antike Geschichte um ein Menschenopfer, das andere stellt die psychischen Qualen des Titelhelden dar. Als junger Mann von 24 Jahren komponierte Mozart dieses packende Drama aus der Folgezeit des Trojanischen Kriegs, dessen bestürzende Aktualität Floris Visser an der Oper Köln in Szene setzt.
FLIGHT – Stillstand am Airport
„Willkommen in Bonn, Köln/Bonn“ – so lautete viele Jahre lang am Flughafen CGN die Begrüßung der Fluggäste als James-Bond-Persiflage. Nun also heißt die Oper Bonn ihre Gäste willkommen in einer Abflughalle dieses Airports – einer Welt für sich, in der ansonsten Fremde einander nur flüchtig begegnen. Aber wie in Il Decamerone von Boccaccio oder Il viaggio a Reims von Rossini bilden die Reisenden für eine begrenzte Zeit eine Schicksalsgemeinschaft. Die Pest hier oder der Mangel an frischen Pferden dort zwingt sie zum unfreiwilligen Verweilen in einem geschlossenen Raum, während in der Oper Flight von Jonathan Dove ein Schneesturm den gesamten Flugbetrieb lahmlegt. Zusammen mit seiner Librettistin April de Angelis schuf Dove dieses Auftragswerk für das Glyndebourne Opera House in Südengland, das 1998 dort uraufgeführt wurde.
MOSES UND ARON – Ein Opernereignis
Der Tanz um das Goldene Kalb findet im Künstleratelier statt. Es fehlen die vier nackten Jungfrauen, die 70 Greise und die Sexorgie in der zentralen Szene von Arnold Schönbergs Oper Moses und Aron, die jetzt in der Inszenierung von Lorenzo Fioroni am Theater Bonn Premiere feierte. Eine extrem vielschichtige Präsentation eines Werks, dessen Realisierung nur wenige Häuser wagen. Minutenlanger, frenetischer Applaus für die Solisten und die Chöre. Diese Interpretation des alttestamentarischen Stoffs und die Szenografie von Paul Zoller – ein Opernereignis!
DIE LUSTIGE WITWE – Her mit den Milliarden!
Es ist was faul im Staate … Pontevedro. Die Finanzen sind erschöpft, es droht der Staatsbankrott. Ausgerechnet in Paris soll der pekuniäre Rettungsschirm aufgespannt werden. Hier, wo das Fin de Siècle alle Lustbarkeiten bereithält, wo Amüsement als Lebenselixier und Lebensmotto gilt. Die spannungsreichen Kontraste zwischen dem nur lasch als Pontevedro kaschierten, ländlich-folkloristischen Montenegro und der mondänen französischen Metropole als the place to be packen Franz Lehár und seine beiden Librettisten Victor Léon und Leo Stein dramatisch und musikalisch in ihre Operette Die lustige Witwe. 1905 dirigierte der Komponist selbst die Uraufführung dieser Tanz- und Nummernrevue im Theater an der Wien und begründete damit eine Erfolgsstory, die ihresgleichen sucht. In Köln kam nun dieses Stück der leichten Muse mit Tiefgang auf die Bühne im Staatenhaus.
DER LIEBESTRANK als Strandparty auf der Kölner Opernbühne
Sex on the beach – Im Cocktailglas oder als (fast) vollzogener Akt auf der Opernbühne im Kölner Staatenhaus! Partydrogen aller Art: neben Alkohol auch fette Joints, LSD-Pillen oder mal eine Linie Koks. Das kunterbunte Partyvolk tummelt sich an einem spanischen Strand, um die Bar Adina herum. Viel nackte Haut, Yoga, Pilates und Aerobics zur Körperoptimierung und reichlich Sonnenmilch, mit der kernige Typen attraktive junge Frauen eincremen. Bistro-Tische, Sonnenschirme, Luftmatratzen – alles so schön bunt hier! Von allem viel in diesem Wimmelbild der guten Laune.

Gaetano Donizettis bekannteste Oper Der Liebestrank (L’elisir d’amore) in der superquirligen Inszenierung von Damiano Michieletto kommt in Köln (nach Madrid, Valencia, Brüssel und Graz) zum ersten Mal in Deutschland auf die Bühne, gut 10 Jahre nach der ersten Aufführung. Und das Publikum feiert in den aktuell dunklen, krisengeschüttelten Zeiten diese Hüpfburg-Schaumparty als vermutlich sehr willkommene Abwechslung.
Rigoletto – Bonn buht und jubelt
Zu Herzen geht sie, die Geschichte vom Vater, der für seine Tochter nur das Beste will und sie schließlich tot in den Armen hält. 1851 erbebt das Teatro La Fenice in Venedig, als zum ersten Mal die Oper Rigoletto von Giuseppe Verdi aufgeführt wird. Hochdramatische Musik, schaurige Schauplätze und der Blick auf eine dekadente höfische Gesellschaft waren der Zensur ein Dorn im Auge. Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave machten Zugeständnisse und so konnte schließlich die Opernadaption des Romans Le roi s’amuse von Victor Hugo das Licht der Bühne erblicken. Rigoletto begründete Verdis Weltruhm und gilt im Triple mit La traviata und Il trovatore, alle drei innerhalb von zwei Jahren uraufgeführt, als erste Hochphase im Schaffen des Komponisten.
The Strangers – Eine Zeitreise
Aus der Dunkelheit Musik wie ein heftiger Schlag ins Gesicht: schrill, laut, dissonant beginnt die Ouvertüre zur Oper The Strangers des Amerikaners Frank Pesci.

In der Mitte des schwarzen Raums ein abgetrenntes Rondell, das Platz für 16 Musiker eines Kammerorchesters bietet. Kein Graben, keine Bühne. Stattdessen gruppieren sich um die orchestrale Insel herum sechs Schauplätze, deren Form und Besetzung sich ständig wandeln. Eine mobile Show, die dem Publikum – in dem fast intimen Raum finden 300 Zuschauer Platz – immer wieder neu Perspektiven, immer neu Nähe und Distanz zum Geschehen vermittelt.
Die Frau ohne Schatten – ein seltener Genuss
Ein seliges Happy End in bombastischer Strauss-Musik! Wie im Vorjahr mit Les Troyens eröffnet die Oper Köln die neue Spielzeit mit einem Stück, das eigentlich als unspielbar gilt, Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss. Reine Spielzeit knapp dreieinhalb Stunden, allerhöchste Ansprüche an Sängerinnen und Sänger, den Chor und das gesamte Orchester. Darüber hinaus eine hochkomplexe Handlung, die eine enorme Herausforderung für Regie, Bühne, Dirigat und Licht bildet. Soviel vorweg: Alle Beteiligten durchdringen Musik und Text bis in die feinsten Nuancen und begeistern das Premierenpublikum. Standing Ovations!
DER SINGENDE TEUFEL – das Gespenst mit den weißen Zähnen
Für Spezialisten und das breite Publikum sei diese Oper geschaffen – so Franz Schreker im Disput mit seinem Verlagshaus Universal Edition, das sich strikt weigerte, die Partitur der Oper Der singende Teufel zu drucken. Die Uraufführung am 10. Dezember 1928 an der Staatsoper Berlin hatte die Kritik nämlich gründlich verrissen und so Schrekers vorletztem Bühnenwerk ein schnelles Aus beschert. Nun, nach fast 100 Jahren, bringt das Theater Bonn die Originalfassung – ohne Striche – im Rahmen der Reihe Fokus|’33| auf die Bühne. In der Tat mischten sich im Parkett und auf den Rängen eine ungewohnte Melange aus Premierenpublikum, Musikjournalisten und internationalen Experten. In den dreieinhalb Tagen vor der Wiederbelebung des Stücks diskutierten Forschende der Musikwissenschaft und -geschichte im Symposion DIS|KONTINUITÄTEN die Entwicklung der Oper zwischen und nach den Weltkriegen. Als Höhepunkt und Abschluss der Tagung erlebten sie die Premiere mit. Alle Anwesenden aber saßen im selben Boot: Niemand hatte die Oper nach der förmlich massakrierten Inszenierung von 1989 in Bielefeld so je live gesehen und gehört.