Don Carlo – die Matinee

Willkommen in der Verdi-Stadt Bonn – so verlieh Uwe Schweikert der Beethoven-Stadt einen neuen Titel. Warum? Nirgends sonst sind in letzten Jahren so zahlreiche Repertoire-Renner wie auch weniger bekannte (Früh-) Werke von Giuseppe Verdi aufgeführt worden wie hier am Rhein. Darunter I due Foscari, Jérusalem, Giovanna d’Arco, La traviata, Les vêpres siciliennes, Aida und Attila. Nun steht Don Carlo auf dem Programm, am 12. Dezember 2021 findet die Premiere statt.

Nahezu akademisch detailliert erläuterte der Verdi-Kenner par excellence Uwe Schweikert die Genese dieser Oper nach dem dramatischen Gedicht von Friedrich Schiller mit ihren sieben Fassungen. Je nach den nationalen oder historischen Bedingungen erforderten die Spielbarkeit und das Publikumsinteresse Streichungen, Umstellungen, Ergänzungen. Perfekt gelungen waren auch nach Verdis eigener Einschätzung von Anfang an nur das Autodafé (die Ketzer werden öffentlich verbrannt) und die Szene mit dem nahezu theatralischen Dialog zwischen König Philipp und dem Großinquisitor.

1867 wurde Don Carlo in Paris uraufgeführt. Anlass für die Komposition war die Weltausstellung in Paris; die Stadt verstand sich auch als kultureller Mittelpunkt der Welt und so sollte Giacomo Meyerbeer eine Oper beitragen, wenn tout le monde in die französische Hauptstadt pilgern würde. Meyerbeer starb 1864 und so fiel die Wahl auf Verdi. Vermutlich gab das stattliche Honorar von 60.000 Goldgulden den Ausschlag, auch wenn der italienische Star ansonsten auf die Pariser Oper verächtlich als grande boutique oder „die Bruchbude“ herabblickte.

Bonn bringt die Modena-Fassung auf die Bühne, ohne das Ballett der französischen grand opéra (hätten die Italiener kaum gutgeheißen), aber in fünf Akten und in italienischer Sprache. Don Carlo integriert auch die Vorgeschichte zu Schillers Drama, das Verdi „nicht mit Haut und Haaren veropert hat“, so Schweikert. Philipp II, der spanische König, wollte Elisabeth selbst als seine Frau heimführen, obwohl sie seinem Sohn Don Carlo versprochen war. Der wiederum stand zwischen Elisabeth und der Hofdame Eboli, während der Vater ein intimes Verhältnis mit letzterer unterhielt.

Drei Verdi-Experten auf dem Podium
Mark Daniel Hirsch, Regie, Dr. Uwe Schweikert, Moderation, Hermes Helfricht, musikalische Leitung

Wenn in dieser persönlichen Gemengelage dann politische und religiöse Konflikte hinzukommen, liegt der Stoff für die große Tragödie bereit. Folgerichtig entstand ein Konglomerat, komplex an großen Ideen und Musik. Das verdeutlichen Dshamilja Kaiser als Eboli und Sarah Vautour als ihr Page Tebaldo im „Schleierlied“. Wo doch die ganze Oper ein „Theater des Todes“ ist, gestaltet sich dieses Couplet heiter, nicht melancholisch, mit einer großen Koloratur und spanischem Einschlag, der couleur locale. Eine feine Kostprobe der Frauenstimmen: La Kaiser is back!

Die Schlussszene der Oper spielt im Kloster Saint-Just, wo ein Mönch im Ornat Karls V herumgeistert. Carlo und Elisabeth haben gerade ihr letztes Lebewohl getauscht, als die Schergen des Großinquisitors nach ihm greifen. Auf märchenhafte Weise wird Carlo gerettet oder in das Dunkle des Klosters gezogen. Don Carlo galt in Paris sowieso als die letzte grand opéra und mit diesem Kunstgriff begründet sich die neue Tradition der opéra féerie, deren Stoffe auf Märchen zurückgehen. Wie der Regisseur Mark Daniel Hirsch diese knifflige Situation dramaturgisch ausarbeitet, verriet er, ebenfalls auf dem Podium vertreten, noch nicht.

Auf dezidierte Nachfrage aus dem Publikum schilderte er das Bühnenbild als Gruft, dem Todesthema angemessen. Er erzähle seine Geschichte klar, poetisch und vor allem den Kleidertausch von Elisabeth und der Eboli zeige er ganz deutlich, damit die Handlung nachvollziehbar wird.

Der Tod ist in dieser Oper allgegenwärtig. Das demonstrierte der Dirigent Hermes Helfricht selbst am Flügel. Das Stück beginnt mit Todesmotiven, den beklemmenden Jagdhörnern, den „lebensmüden“ Moll-Tonarten. Dem Tenor (Don Carlo) zugeordnet die einsame Klarinette, auf das schwierige Verhältnis zum Vater hinweisend. Die tinta musicale, die Klangfarbe, hier immer dunkel und dem Totengebet nahe.

Die große musikalische und melodiöse Klammer bilden Reminiszenzen an frühere Hoffnungen und freudige Erwartungen; Anfang und Ende fügen sich so zu einem Ganzen. Die großen Themen handeln von der religiösen Diktatur, von den Idealen der Freiheit und Brüderlichkeit: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“ Die Zweifel, die daran geknüpft sind, kommen im wunderbaren Bass-Duett zwischen Philipp und dem Großinquisitor zum Ausdruck, unterstützt von den tiefen Streichern Bratschen, Celli, Bässe. Hier boten Pavel Kudinov und Tobias Schabel ein so nachdrückliches Schauspieldrama in Tönen – das Publikum der Matinee zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Gekrönt wurden die musikalischen amuse-gueules von Philipps tief bewegender Arie „Ella giammai m‘ amò!“, interpretiert von Pavel Kudinov.

Von Gräbern umzingelt also die dramatis personae dieses Stücks. Vielleicht hat das Sujet auch dazu beigetragen, dass dieses „Prunkstück“ für die Expo 1867 sich zu Verdis „Schmerzenskind“ entwickelte. 20 Jahre lang hat er sich damit geplagt. Das (italienische) Ergebnis mit den großartigen Sängerinnen und Sängern des Bonner Ensembles und dem Verdi-erprobten Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Hermes Helfricht ist in genau vier Wochen zu erleben.

Informationen zum Stück und zur Besetzung sowie zum Kartenverkauf hier bei Theater Bonn.

Kurze Video-Clips zum Schiller Drama und zur Verdi Oper gibt es im Blogpost Don Carlo – Von Schiller zu Verdi

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