Marco Arturo Marelli – der Schweizer Regisseur im Gespräch

Der Ring sticht sofort ins Auge. Am rechten Ringfinger trägt Marco Arturo Marelli den Ehrenring der Wiener Staatsoper, der ihm 2010 verliehen wurde. Der massive Goldring hat seinen Namen eingraviert an der Außenseite und weist ihn als Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper aus. Marelli nimmt den Ring ab und erläutert die kunsthandwerkliche Gestaltung: „Innen sind rund die Logen der Staatsoper abgebildet, und der rotleuchtende Karneol stellt den Vorhang dar. Von außen ziert den Stein die Fassade der Wiener Staatsoper, wie eine Gemme gearbeitet.“ 2004 wurde dem Regisseur nach 12 Inszenierungen dort, gleich nach der Uraufführung der Medea von Aribert Reimann, die Auszeichnung verliehen. Den Ring trägt Marelli immer bei der Arbeit.

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Nun inszeniert er an der Oper Bonn Arabella, Richard Strauss‘ und Hugo von Hofmannsthals letztes gemeinsames Werk. Allerdings ist Marelli hier seit langem an der ehemaligen „Scala am Rhein“, ein höchst willkommener Gast. Vor genau drei Jahren begeisterte sein Lohengrin das Publikum mit kluger Personenführung, fein arrangierten großen Chorszenen und einem eindrücklichen Bühnenbild. Aber – die Älteren erinnern sich vielleicht – er gab sein Bonner Regiedebüt unter der Intendanz von Jean-Claude Riber, der 2017 verstarb, mit Mozarts Così fan tutte. „Ach ja, das waren die fetten Jahre,“ erinnert sich Marelli.

Die Sparzwänge der letzten Jahre haben den großen Entwürfen doch enge Grenzen gesetzt. Durch Corona, kurzfristige Änderungen des Spielplans, aber auch in der Besetzung, und ein knappes Budget habe sich die Lage noch verschärft. „Aber so ist das in meinem Beruf: Ich muss arbeiten mit dem, was mir zur Verfügung steht. Außerdem mag ich dieses Haus hier und die Leute sehr. Darum komme ich auch immer wieder gerne zurück.“ Arabella hat Marelli bereits in Paris (2012) und Graz (2008) inszeniert; einige Ideen hat er für Bonn übernehmen können, das Meiste aber ganz neu konzipiert. Das erforderten auch die beschränkten technischen Möglichkeiten des Bonner Opernhauses. Umso glücklicher ist Marelli über den Ideenreichtum und das Geschick der Werkstätten wie die der Bühnenbildner oder die Gewandmeistereien.

Was reizt einen so vielseitigen Regisseur eigentlich mehr? Die Uraufführung eines zeitgenössischen Werks von György Ligeti oder ein Repertoire-Renner wie Madame Butterfly? Wo fühlt er sich wohler? In der Welt eines Johann Christian Bach oder der von Arnold Schönberg?  Er versuche, ein Medium für das jeweilige Werk zu sein, durch ihn und seine Bildersprache auf der Bühne wolle er zwischen dem Komponisten und Librettisten auf der einen Seite und dem Publikum auf der anderen Seite vermitteln, was durch Musik, Gesang und Schauspielerei das Werk ausmacht.

Vor welche Herausforderungen stellt ihn denn Arabella? Marelli sieht die größte Frage an die Regie darin, wie das dramaturgisch unfertige Stück szenisch gut zu spielen sei. Auf jeden Fall holt er die Oper aus ihrer historischen Zeit (1860) und zeigt ein Salonstück mit Türen, die mit den zahlreichen Auf- und Abgängen für Dynamik sorgen. Das Ambiente kein plüschiges Wiener Hotel und statt eines rosengeschmückten Ballsaals nur der nüchterne Vorraum. Dekonstruieren eines solchen Stücks sei seine Sache nicht. Das Märchenhafte der Oper müsse seinen Raum erhalten.

Aber Marelli, ein überaus höflicher und beredter Gesprächspartner, packt die Gelegenheit beim Schopfe, dreht die Interviewsituation um und stellt mir die „Gretchenfrage“: Was fühle ich als selbstbewusste und selbstständige Frau bei Arabellas unterwürfigen Treuebekundungen? Und wie finde ich sie? „Und du wirst mein Gebieter sein und ich dir untertan. Dein Haus wird mein Haus sein, in deinem Grab will ich mit dir begraben sein – so gebe ich mich dir auf Zeit und Ewigkeit.“ Selbstverständlich regen sich große Widerstände, aus der patriarchalischen Unterdrückung hat meine Frauengeneration sich ja erfolgreich gelöst. Und selbstredend muss man die Zeilen im historischen Kontext lesen.

Marelli nickt und ergänzt: „Strauss und Hofmannsthal schaffen hier eine Welt, die es so schon während der Schaffenszeit nicht mehr gibt. Sie drücken eine große Sehnsucht aus nach längst vergangenen Zeiten und hängen ihren ehemaligen Erfolgen nach. Der Rosenkavalier war die letzte erfolgreiche Oper vor dem 1. Weltkrieg; tout le monde pilgerte nach Dresden, um dieses wunderbare Stück zu erleben. Aber diese Zeit ist unwiederbringlich vorbei. Arthur Schnitzler hat mit Fräulein Else zum selben Thema Hofmannsthal den Rang abgelaufen; Stefan Zweig in Die Welt von gestern exakt diese verlorene Gesellschaft beschrieben.“

„Aber der Richtige – wenn’s einen gibt für mich auf dieser Welt – der wird einmal dastehn, da vor mir, und wird mich anschaun und ich ihn, und keine Zweifel werden sein und keine Fragen, und selig wird‘ ich sein wie ein gehorsam Kind.“ Teenagerträume, ein romantisiertes Ideal der erfüllten Liebe, die imaginierte Welt der Arabella. Wie kommt das beim Publikum an? Erwachsene erkennen möglicherweise den fast 100 Jahre alten Vorläufer von Tinder und anderen dating apps. Wer der Schablone von der/dem Richtigen nicht entspricht, wird einfach weggewischt, wie die drei Verehrer der schönen Arabella. Passgenauigkeit eine Illusion? Vielleicht gibt es unterschiedliche Richtige für verschiedene Zeiten im Leben, resümiert Marelli. „Insgesamt geht es nicht um den Richtigen oder die Richtige, es geht um das Richtige, das Richtige im Leben, und das muss ein jeder für sich selbst finden, wenn es zu zweit geschieht, ist es etwas Besonderes.“

Marco Arturo Marelli, der Mann mit den zahlreichen künstlerischen Begabungen, drängt zur Eile. Das Foto würde er am liebsten selbst machen, mit meinen Ideen freundet er sich nur schwer an. Denn Fotograf wäre er fast auch geworden … und für die anderen Talente bleibt (heute) keine Zeit. Er müsse noch etwas einholen, um am Abend nach der Probe nicht zu hungern. Ein hübscher Schweizer Ausdruck, wo sonst kaum ein sprachlicher Einschlag zu hören ist. Jenseits des Röschtigrabens sei er in Zürich aufgewachsen als Kind eines Schweizers und einer Kölnerin. Marellis Affinität zu Bonn vielleicht auch eine kleine rheinisch-romantische Nostalgie?

Arabella feiert am 2. Oktober 2021 Premiere. Karten in allen Preisgruppen noch zu haben. Details und Infos dazu hier.

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Aktuelle Texte für die eigene Website oder einen anspruchsvollen Brief formulieren – das mach‘ ich für euch. mechthildtillmann.de

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  1. ARABELLA – Der, die, das Richtige – live in der oper

    […] Marco Arturo Marelli inszeniert mit erfahrener Hand diese Arabella. Bereits als 16-Jähriger wirkte er als Statist in seiner Heimatstadt Zürich in dieser Oper mit. In Wien gab der dem Drängen eines befreundeten Paares nach, Arabella auf die Bühne zu bringen, obwohl er es wegen der dramaturgischen Ungereimtheiten im zweiten und dritten Akt für fast nicht spielbar hielt. 2008 führte er bei Arabella in Graz Regie, 2012 in Paris. In Bonn war die Strauss-Oper 1973 das letzte Mal zu erleben. […]

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