Mirko Roschkowski – der Tenor zwischen Samt und Drama

DSC_0147Wir finden uns zwischen Buchhandlung und Reisezentrum im Baustellenchaos am Bonner Bahnhof und begrüßen uns wie alte Freunde. Mirko Roschkowski macht es einem leicht, ihn spontan zu mögen. Und nicht nur ich bin ein bisschen verknallt in den Tenor, der am Theater Bonn Kultstatus genießt. Was macht ihn so beliebt?

Momentan bejubelt ihn das Publikum für seinen Lohengrin in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli, dem Perfektionisten unter den Regisseuren, der am liebsten alles selbst macht. Mirko schildert die erste Konzeptpräsentation, in der Marelli die Protagonisten mit Figurinen aus der Kostümwerkstatt darstellt und das Bühnenbild erläutert. „Im Stuhlkreis?“ frage ich ihn und wir prusten beide los, in Reminiszenz an unsere (sozial-)pädagogischen Herkunftsberufe. „Ja, so kannst du dir das vorstellen.“ 

Marelli machte keinen Hehl daraus, dass er sich einen Wagner-look-alike als Lohengrin-Interpreten gewünscht hatte, positioniert er doch das Alter Ego des Komponisten groß am Klavier im Hintergrund der Bühne. Aber je mehr Mirko sich die Figur zu eigen machte, umso mehr signalisierte Marelli, dass er ihm einen großen Erfolg zutraute – was mittlerweile ein paar Tausend Besucher und sensationelle Kritiken bestätigten. Seine Gesangslehrerin hatte ihm prophezeit: „Sie werden Wagner singen, den Lohengrin!“ Und klug ließ Mirko diese Idee reifen. Wagner wollte er definitiv erst singen, wenn er die 40 überschritten hatte.

DSC_0138Der 43-jährige Roschkowski betrachtet sein Wagner-Debüt als Krönung seiner bisherigen Karriere. Zielstrebig hat er darauf hin gearbeitet und ganz bewusst über Mozart-Opern wie die Rolle des Don Ottavio (absolut hinreißend im Bonner Don Giovanni) oder den Alfredo in La traviata zur französischen Oper übergeleitet. „Die Titelpartie in Benvenuto Cellini war die größte Herausforderung, die ich sängerisch je zu bewältigen hatte.“ bekennt Mirko. Das Werk war zu seiner Zeit ein absolutes Novum – und von zarten lyrischen Passagen über dämonische Dramatik bis hin zu leidenschaftlichen Duetten ist alles drin, viele Höhen, schnelle Tempi (-wechsel) ebenfalls. In Bonn führte Laura Scozzi Regie und bewirkte mit ihrer quirligen Inszenierung vor allem auch eins: „Wir mussten soviel tanzen, hüpfen und springen, dass ein Verkrampfen aus Respekt vor der anspruchsvollen Partie nicht in Frage kam. Sie hat Anna (Princeva) und mich die Sache locker angehen lassen, im wahrsten Sinne des Wortes.“

Was in dieser Produktion ins Auge stach, war Mirkos physische Präsenz. Der Mann kann spielen (den Verführer gibt er so nebenbei, sagt er augenzwinkernd) und vor allem tanzen! Seit er 14 Jahre alt war, führte ihn sein Weg  in der Regel an fünf Tagen die Woche in seine Tanzschule. 13 Jahre lang. Standard, Latein, Formationstanz … alles im Repertoire! Und sein ganz persönlicher Bonus: Dort lernte vor 21 Jahren seinen Mann Dirk kennen, der heute als HNO-Arzt in einer Klinik in Bremerhaven arbeitet, wo die beiden ihren Lebensmittelpunkt haben. „Hoffentlich muss er nie bei mir sein Skalpell anlegen“, beschwört Mirko die gute Belastbarkeit seiner Stimme. 

Beim Erzählen vom Tanzen flackert sofort seine Leidenschaft auf: Stepptanz steht auf seinem persönlichen Fortbildungsprogramm für dieses Jahr, genauso wie er sich mehr dem Malen und dem Lesen widmen will. Insbesondere der Lyrik, für die er seit Studententagen ein Faible hat. Die kleine Dichterin Hilde Domin mit der großen Ausdruckskraft hat er gerade wieder für sich entdeckt.

DSC_0145Schwupps, ein eleganter Schwenker zur Winterreise, die am 16. Februar 2019 in Bonn im wunderschönen Ambiente des Kammermusiksaals auf dem Programm steht. Ob Franz Schubert ihm mit dieser eher düsteren Musik nahesteht? Da wird auch Mirko, der die Sonne gepachtet zu haben scheint, melancholisch. „Wo viel Licht, da auch viel Schatten“, sagt er. „Als Künstler im Rampenlicht gebe ich immer alles. Ich bin ein Herz- und Bauchmensch, betrachte intellektuelle Überhöhung eher kritisch. Und natürlich wird auch mein Blick mal eng, verdichtet sich alles auf existentielle Fragen, fühle ich mich ein bisschen depressiv.“ Mit Schuberts Schöner Müllerin stand er schon mehrfach auf der Bühne, auch mit der Winterreise, die er vor sechs Jahren zum ersten Mal sang.

Am Vorabend zu unserer Verabredung im Fassbender (er bestellt Café crème und Mineralwasser, ich nehme dazu ein Stück Torte) hat er in einem intimen Familienrahmen die Winterreise zu Klavierbegleitung gesungen. Er schaut zufrieden aus, als er davon berichtet. „Weißt du, bei einem solchen Stück geht es um Empathie. Ich nehme die Zuhörer mit auf eine Seelenreise. Bis auf den zweijährigen Enkel der Gastgeberin hatten alle etwas von dem Abend. Das macht mich glücklich.“

Die Menschen erreichen, Verbindung herstellen, sich öffnen – das wünscht er sich von allen Künstlern. Er bedauert, dass oft nach Aussehen gecastet wird und nicht in ersten Linie nach Musikalität und Ausstrahlung. Ihm sei es viel lieber, wenn ein Sänger mal einen schrägen Ton raushaut und im Opernschmerz alles rausschreit, als wenn die Töne klinisch rein und ästhetisch perfekt kommen. „Das berührt mich nicht“, berichtet er von einem kürzlichen Besuch in einer Generalprobe in der Wiener Staatsoper. 

Nach Wien treibt es ihn immer wieder zu seiner Gesangslehrerin Irina Gavrilovici, einer Pianistin, die alle Tenorarien draufhat und ihn dabei unterstützt, seine Phrasierungen, den Atem, die kleinen Modulationen weiter zu verfeinern.  Dran arbeiten – diese Maxime hat er sich im Moment auch für seine Erscheinung auferlegt. Reduce to the max,  „weniger ist mehr“ für sein Gewicht. „Ich bin ein großer Fan von belegten Brötchen“, lacht er. Für die zukünftigen Lohengrin-Vorstellungen will er auch wieder verstärkt auf die Zufuhr von Kohlehydraten achten statt der gesünderen Rohkostschnitze, sonst droht bei der vierstündigen Show ein Konzentrationsmangel. Und wo wir schon mal beim Thema sind: „Mir fehlen die dicken Frauen. Es ist schon was dran, dass Umfang auch Volumen bringt. Wer kann schon einer Montserrat Caballé das Wasser reichen?“

Er ahnt meinen fragenden Blick und bricht gleich mehrere Lanzen für seine Partnerinnen im Lohengrin:  Anna Princeva als Elsa und Dshamilja Kaiser als „das fürchterliche Weib“ Ortrud. Fantastische Sängerinnen, von ausgesprochener Musikalität und kaum zu bändigender Spielfreude, dabei so gefühlsmäßig ins Geschehen involviert, dass alle Emotionen ungefiltert beim Publikum ankommen. 

Ob er die Inszenierung und insbesondere auch sein Kostüm mochte, frage ich ihn. Da lacht er laut heraus. „Aber selbstverständlich. Wie wahnsinnig bequem, den ganzen Abend im Pyjama zu singen. Und den Hausmantel nähme ich am liebsten mit nach Hause. Riesenkompliment an die Gewandmeisterei, die diese Teile anfertigt.“

Wie geht denn seine berufliche Reise weiter? „Ich bin die Könige und der Prinz,“ fasst er in einem Satz die nächsten Projekte zusammen, immer mit seinen lachenden Augen der Selbstironie. Im Kölner Staatenhaus steht am 10. März 2019 die Premiere von Antonin Dvoraks Rusalka auf dem Spielplan, Mirko singt als Prinz die Titelrolle. Nur sieben Wochen später, am 30. April und am 1. Mai 2019 singt er zwei Premieren hintereinander am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden: jeweils den König in Mozarts Idomeneo und La clemenza di Tito.  Der Regisseur Uwe Eric Laufenberg setzt auf den Tenor Mirko Roschkowski für dieses Experiment der Doppelinszenierung. Da hat er sich aber etwas Großes vorgenommen!

 Umso mehr bin ich ihm zu Dank verpflichtet, dass er sich in seinem strammen Probenplan zwei Stunden Zeit für unser Gespräch genommen hat. Wie kriegt er denn alle Texte (auch die Winterreise auswendig!) und die Partien einstudiert? „Ich lerne meine Partien mit Fleiß und Hingabe und mit guten Pianisten. Außerdem studiere ich Aufnahmen unterschiedlichster Sänger und ihrer Interpretationen.“ sagt Mirko. Die Lohengrin-Partie hat er sich von 20 Tenören angehört, seine Idole dabei der Kanadier Ben Heppner, Peter Seiffert, James King und Jess Thomas. „Dieses Strahlen begeistert mich so, da möchte ich auch hin. Im Moment bin ich ja nur ein Strählchen.“ Da stellt aber ein grandioser, ausdrucksstarker Tenor mit einer großen Bandbreite vom lyrischen Schmelz bis zur dramatischen Zuspitzung in den hohen Lagen sehr deutlich sein Licht unter den Scheffel und stapelt tief, sehr tief. 

Zwei Stunden vergehen wie im Fluge und wir haben uns blendend unterhalten. Der Mann hat Humor und Tiefe, engagiert sich für soziale Projekte und versteht sich auf die Kunst des guten Lebens. Einfach großartig! Ganz oben auf der Agenda stehen jetzt die Proben für die Winterreise in Bonn. Die gestalten sich als Herausforderung, weil sein Streichquartett sich aus Musikern der Bochumer Symphoniker zusammensetzt. Da heißt es, Probenpläne zu koordinieren und konzentriert in die Saiten zu greifen oder zu streichen. 

Winterreise.jpg„Lieder sang ich nun lange, lange Jahre. Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe.“ (Franz Schubert, Mein Traum, 1822)  Auf diese Gratwanderung der Gefühle mit „meinem“ Mirko freue ich mich außerordentlich. Wir sehen uns – diesmal nicht in der Oper, sondern im Kammermusiksaal. 

Karten für die kommenden Vorstellungen des Lohengrin gibt es hier, für die Winterreise hier.

Eine wunderbare Einstimmung und persönliche Erkundung bietet das Buch von Ian Bostridge Schuberts Winterreise,  Lieder von Liebe und Schmerz. Sehr zu empfehlen!

Einen Blick auf Mirkos „Glanz und Wonne“ im Bonner Lohengrin findet ihr hier.

 

 

 

 

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