Am Ende führt Maria ein schönes, neunjähriges Mädchen mit langen schwarzen Zöpfen an der Hand. Auch nach ihrem Tod lebt die Idee dieser vielschichtigen Marienfigur bildlich weiter. Mit Maria de Buenos Aires haben Astor Piazzolla und sein Textdichter Horacio Ferrer einen Mythos geschaffen, der seine künstlerische Form – musikalisch und dichterisch – in dieser „Tango Operita“, also einer kleinen Tango-Oper, findet. 1968 feierte das schwer durchdringliche, surreale Stück in Buenos Aires Premiere, am Schauplatz des Geschehens. Damit begann der weltweite Aufstieg des „tango nuevo“ als Ausdrucksform für Leid und Leidenschaft, Melancholie und Lebenslust. Als stimmtragendes Instrument steht das Bandoneon im Mittelpunkt, das der Krefelder Musiker Heinrich Band in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfand.
La Passion de Simone – Ein Kreuzweg in Musik
Eine Oper? Ein Passionsspiel? Ein Oratorium? La Passion de Simone, das Werk der hochgeschätzten finnischen Komponistin Kaija Saariaho mit einem Libretto von Amin Malouf, feierte in Wien 2006 seine Weltpremiere. Zur Oper fehlt dem Bühnenwerk die dramatische Handlung, der Konflikt. Im Passionsspiel werden die Leidensstationen von Jesus Christus nachgezeichnet und im Oratorium stehen biblische Ereignisse oder Evangelisten im Mittelpunkt der Handlung. Beide Einordnungen in die christliche Musikliteratur schlagen fehl. Die Oper Köln zeigt nun das zeitgenössische Stück – vier Jahre nach der hier begeistert aufgenommenen Oper L’amour de loin und zwei Jahre nach dem Tod von Kaija Saariaho – als die Leidensgeschichte oder den musikalischen Weg einer realen Person in 15 Etappen, das kurze Leben und Sterben der Französin Simone Weil.
Oper Bonn – Programm der Spielzeit 2025/26
Ironie kann er, der Generalintendant des Theaters Bonn, auch augenzwinkernde Selbstironie. Eine „digitale Revolution“ verkündete Dr. Bernhard Helmich: In der neuen Spielzeit sei es möglich, auch die Abos online zu buchen. Aber im Ernst. Was steckt denn drin im neuen, wie immer sehr schlicht – wenn nicht minimalistisch – und sachlich gehaltenen Printprogramm des Theater Bonn für die Spielzeit 2025/26?
Vespertine – Am Abend
Im Opernführer lässt sich nichts zu Vespertine nachlesen. Diese Oper nach einem hochgelobten Pop-Album der isländischen Künstlerin Björk erregte zu ihrer Weltpremiere 2018 am Nationaltheater Mannheim ein solches Aufsehen, dass sogar die Tagesschau berichtete. Ein Novum der Musikgeschichte also, die knapp 60 Minuten einer intimen Seelenerkundung mit sphärischen Klängen von Synthesizer und digital erzeugten Tönen auf der Bühne spiel- und sichtbar zu machen. Dieser Herausforderung hat sich am Theater Bonn das Künstlerkollektiv Kommando Himmelfahrt gestellt – gewagt und gewonnen!
Oper Köln – neue Spielzeit, neues Team, alte Spielstätte
Nun endlich, aber wirklich und definitiv … soll der Umzug der Oper Köln von der langjährigen Interimsspielstätte im Staatenhaus ins angestammte Haus am Offenbachplatz stattfinden. Rechtzeitig für die Spielzeit 2026/27 wohlgemerkt. Im August 2025 bricht also die letzte Spielzeit op d’r Schäl Sick an. Da aber ab Sommer bereits die Umbauten für die zukünftige Nutzung der ehemaligen Messegebäude beginnen, wird die Oper für räumliche Engpässe Kompromisse finden müssen. Höchste Ansprüche also an Technik & Team, um den Wandel möglichst geräuscharm zu vollziehen.
Carmen in Köln – Fünf Jahre später
Ausverkauftes Haus, wenn die Oper Köln auf der großen Bühne des Staatenhauses die Wiederaufnahme von Carmen feiert. Georges Bizet hat den Weltruhm seiner Oper nicht mehr erlebt. Er starb nur Monate nach der Uraufführung, die leider beim Publikum durchfiel. An gebrochenem Herzen ob des Misserfolgs, wird kolportiert. Im November 2019 inszenierte die amerikanische Opernregisseurin Lydia Steier eine erste „feministische“ Version dieses Repertoire-Renners und erregte prompt begeistertes bis empörtes Echo.
Der Liebestrank – Augenschmaus und Ohrenweide
Amor tritt persönlich auf, zupft einen Federkiel aus seinen weißen Flügeln und kündigt eine große Liebesgeschichte an. Was es dazu braucht? Poesie, Hoffnung und Naivität und ab und zu, im richtigen Moment, einen gut platzierten Schuss mit einem seiner spitzen Pfeile. Die Liebe zu Zeiten der Tinder Profile präsentiert die Oper Bonn nun in einer hinreißenden Cartoon Oper mit L’elisir d’amore, dem Liebestrank, von Gaetano Donizetti.
Don Giovanni – Einsam im Zentrum seines eigenen Universums
Düstere erste Takte der Musik, graue meterhohe Wände, ein Überfall, ein Mord – wie der Auftakt zu einem Tatort-Krimi hebt die Suche nach dem Schuldigen in diesem Drama ab. Im Kölner Staatenhaus feiert Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart Premiere. Die „Oper aller Opern“, wie es oft heißt. Das Stück enthält einfach alles, was ein fantastisches Bühnenspektakel ausmacht: eine enorme musikalische Bandbreite mit Wurzeln im Barock und prospektiven Elementen der Belcanto-Oper, deutungstiefe Dramatis personae, die sich seit 238 Jahren immer wieder aktuell interpretieren lassen, ein kontrastierendes Mit- und Nebeneinander der Ständegesellschaft des 18. Jahrhunderts, darüber hinaus eine rasante Mischung von Opera seria und buffa, aber ohne das Lieto fine, das glückselige Ende, das die Ordnung von vor dem Wirbelsturm wiederherstellt.
Die Macht des Schicksals – Ein Welttheater
Die Schauplätze liegen in Spanien und Italien, die Handlung schlingert über einen Zeitraum von zehn Jahren, die dramatis personae rekrutieren sich aus zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen, das Bruchstückhafte gilt als Strukturprinzip. Mit La Forza del destino blättert Giuseppe Verdi ein Panoptikum der Zeit der österreichischen Erbfolgekriege in der Mitte des 18. Jahrhunderts auf. Von dieser historischen Verortung löst sich der englische Regisseur Sir David Pountney völlig und abstrahiert die Themen um Schicksal und Glaube, Krieg und Frieden, Rache und Gnade, Barmherzigkeit und Zynismus, Liebe und Tod überzeugend auf eine non-naturalistische Ebene. Ein geschickter Schachzug: Weite Interpretationsspielräume öffnen sich.
Nabucco
Kurz vor Weihnachten zwei Repertoire Renner! Der 1. Dezember beschert der Opernregion Köln-Bonn in der Bundesstadt Puccinis Tosca, fast pünktlich zum 100. Todestag des Maestro, und der Domstadt am selben Tag Verdis Nabucco, mit dem der der junge Komponist 1842 seinen ersten großen Triumph feierte. Stehend bejubelte das Kölner Publikum die eigenwillige Inszenierung dieser wuchtigen Choroper – und das will im Staatenhaus etwas heißen!