Debüt für alle! Vor 56 Jahren fand nämlich die letzte szenische Aufführung von Peter Ronnefelds Oper Die Ameise am Landestheater Linz/Österreich statt. Nun hat die Oper Bonn dieses schubladisierte Stück im Rahmen der Reihe Fokus |’33| neu auf die Bühne gebracht. Das Publikum feierte die Premiere mit lautem Jubel und stehenden Ovationen. Was fasziniert an dem filigranen Tierchen, das es titeltauglich fürs Musiktheater macht?
Die Faszination liegt darin, dass wir Formica, so der Name der Ameise, nicht wirklich sehen. Weder als winziges Tierchen auf dem Zeigefinger seines Ziehvaters, noch in der Gestalt der Gesangsschülerin. Als solche erscheint sie tatsächlich nur posthum, als geisterhafter Flashback einzelner Situationen, dann aber eine stimmliche Meisterin ihres (Sopran-)Fachs. Denn ihr Gesangslehrer soll seine beste Schülerin ermordet haben. Der Fall wird vor Gericht verhandelt, Zeugen werden vernommen, das Publikum spielt sich zur kundigen Jury auf, der Mord ist nicht zu beweisen. Kein Urteil! Trotzdem verbüßt Salvatore absurderweise eine Gefängnisstrafe, in der er auf allerlei komische Typen trifft. Freigelassen stolpert er in die farbenprächtige Revue einer Music Hall, wo nun allerdings Formica mit einer denkbar banalen Geste ums Leben kommt. Weggewischt. Wie Geziefer halt!

Worum handelt sich denn nun? Eine kafkaeske „Verwandlung“, in der ein Mensch plötzlich morgens als Käfer aufwacht? Eine Kriminalgeschichte, in der sexuelle Übergriffe in der Künstlerszene thematisiert werden? Eine Farce, in der lustige Verkleidungen und komische Situationen für Unterhaltung sorgen? Eine Posse mit den derben Balladen der Mitgefangenen? Ein chaplineskes Melodram um einen etwas lebensuntauglichen Professor, der schließlich am Gefängnistor hangelt, um doch nicht zurück ins richtige Leben gehen zu müssen? Eine Tragödie um einen in tiefer Seele einsamen Mann, ohne Freunde und Familie, der ein Insekt als Lebensgefährtin dressiert? Ein surreales psychologisches Traumspiel, in der eine Obsession zum Lebensinhalt wird?
Der Komponist Peter Ronnefeld, Jahrgang 1935, genoss früh den Ruf eines Wunderkinds, darin und in seinem Aussehen Mozart nicht unähnlich. Seine musikalischen Mentoren waren Herbert von Karajan und Nikolaus Harnoncourt. Bereits 1961 wurde er als Chefdirigent der Oper Bonn (noch nicht in der heutigen Spielstätte!) berufen und dann 1963 zum jüngsten GMD in Deutschland an der Oper Kiel gewählt, wo er zwei Jahre später starb. Bereits im Studium arbeitete er mit dem Theaterdichter und Juristen (!) Richard Bletschacher zusammen. Das junge Kreativduo wollte sich mit der Ameise möglicherweise auf Nestroy Art „einen Jux machen“, bevor das Leben allzu ernst würde. Daher mögen die fröhlich-dynamischen Elemente der Handlung rühren. Mit leichter Hand hebelten sie auch die Konventionen der traditionellen Oper aus und packten ihren Plot in vier italienisch bezeichnete Akte, die so (eigentlich) keinen Sinn ergeben: Atto drammatico, Atto lirico, Atto commediante, Atto tragico.

So bunt und unkonventionell wie die einzelnen Szenen der nur knapp zwei Stunden langen Oper entfaltet sich im Graben ein rasantes Tempo unterschiedlichster musikalischer Richtungen des 20. Jahrhunderts. Anklänge an Strauss und Zimmermann, Stravinsky, Schönberg und Carl Orff sorgen für Überraschungen. Eigenwillige Kombinationen vom Walzer zu jazzigen Bassläufen, vom Duett zwischen Tischkastagnette und Basstuba, fantastischen Soli von Geige, Cello, Klarinette, Saxophon und Percussion bis hin zum Zwischenspiel mit Gemüse- und Einweckkochtöpfen zeugen von der spitzfindigen Instrumentierung des gelernten Kapellmeisters. Diese Raffinesse lässt das Herz des Bonner Kapellmeisters höher schlagen. Bereits in der Matinee hatte Daniel Johannes Mayr aus seiner Begeisterung für das Stück keinen Hehl gemacht – und dieser Funke sprang im Graben nicht nur über, sondern im Beethoven Orchester Bonn mit großer Präzision und Leidenschaft hin und her.
Keine aufgezeichnete Bühnenversion, nur eine einzige Audio-Aufnahme existiert von Die Ameise. Für die Bonner Produktion ein echter Segen! Keine Blaupause, kein Vergleich möglich. So hält sich die Regisseurin Kateryna Sokolova bis auf wenige Ausnahmen eng an das Libretto und seine dezidierten Regieanweisungen. Es gelingt ihr gut, die surreale Ebene mit dem Hier und Jetzt verständlich in Szene zu setzen. Dazu tragen das Bühnenbild von Nikolaus Webern und die farbenprächtigen, sinngebenden Kostüme von Constanza Meza-Lopehandia sowie die Lichtregie von Boris Kahnert in hohem Maße bei. Klare Strukturen im Gerichtssaal, Minimalismus in der Gefängniszelle, Lichtgirlanden und Glitterflitter auf der Showbühne der 1930er Jahre in der Music Hall. Warum allerdings das Studierzimmer einen Marmorkamin und eine Säule aus Papier vom Schnürboden herab erhalten, bleibt rätselhaft.
Die Titelrolle singt und spielt Nicole Wacker und macht ihrem Ruf als Spitzen(!)Sopran alle Ehre. Ihre Formica gibt sie als Rosenresli mit Sex-Appeal, als Lolita mit Unschuldsmiene. Gut getroffen, sehr passend ausstaffiert in den Kostümen! Und ausgezeichnet gesungen sowieso. Wenn eine Sängerin die leicht anbiedernde, halbseidene Mutter überzeugend auf die Bühne bringt, dann Susanne Blattert. Ihre Kostüme eine Augenweide – der Rolle und der Darstellerin auf den Leib geschneidert.

Neben Mutter und Tochter finden sich sonst nur Männer ein. Allen voran Dietrich Henschel, dem Bonner Publikum noch aus Moses und Aron in lebhafter Erinnerung. Maestro Salvatore erscheint als stereotyper, weltfremder Professor, der insbesondere in der pantomimischen Liebe zu Formica und in der glaubwürdigen Entsagung ihrer erotischen Attraktivität gegenüber glänzt. Im Parlando entfaltet sich sein warmer Bariton ganz fabelhaft. Die Bonner Publikumslieblinge Bariton Carl Rumstadt und Tenor Tae Hwan Yun präsentierten ihre zotigen Moritaten mit großer Stimme und ebensolcher Spielfreude. Hübsch, die zwei im gestreiften Sträflingsanzug. Ralf Rachbauer bildet als Salvatores Diener das bodenständige, pragmatische Pendant zum Chef – vom Kostüm bis zu seinen Tenorkoloraturen. Tolle Rolle für ihn. Mark Morouse überzeichnet gekonnt den schmierigen, anzüglichen Kollegen des angeklagten Salvatore, dessen Qualitäten in einer abfallenden Tonfolge desavouierend. Ebenso hinterhältig der Gefängnisdiener Melter, gesungen und gespielt vom Tenor Ján Rusko.
Als Extras gibt es Roland Silbernagel und Svenja Wasser als schauspielernde Darsteller sowie die stummen Mimen Marina Rosenstein und Julius Westheide mit temperamentvollen Auftritten und zauberhaften Schattenspielen. Eine besondere Rolle nimmt der Chor der Oper Bonn ein. Die zungenbrecherische Litanei der lateinischen Namen für Ameise bis hin zur Auflösung in Dada-Silben bildet ein Kabinettstückchen des Chorgesangs. Wie in der italienischen Oper tritt er am Anfang und am Ende auf und skandiert ohrenbetäubend die eigene Legitimität: Wer oft Prozessen beiwohnt, kann sich ein Urteil erlauben, und wer oft ins Theater geht, kann das eben auch! (Da feixten wohl Komponist und Librettist:-) André Kellinghaus hat den Chor toll vorbereitet, der Choreograf Sebastian Eilers ihre kollektiven Bewegungen und Auftritte einstudiert.
Viel Spaß also in Ronnefelds Ameise. Aber auch eine Hymne an die Musik in ihrem freien Arrangement und den Gesang. Eine Stimme zu formen und diese dann auf Lateinisch-italienisch Formica zu nennen, zeugt von der spielerischen Leichtigkeit im Umgang mit dem Sujet. Salvatore auf der anderen Seite ist ihr Retter: „Und deine Stimme tut sich auf, und steigt ins unermeßlich Blaue: losgetrennt, befreit, errettet, selig, selig!“ Wovon sie allerdings erlöst wird, verweht im nebulösen Dunst der Schimäre. Dem Lobgesang fehlt der Schuldkomplex der Tragödie von Goethes Faust. It`s not that deep! Denn dieses Geschöpf lebt als „weiße Blume des Gesangs.“
Fazit: Ob Die Ameise nach dieser Reanimation nun einen Siegeszug durch das Opernrepertoire antritt, darf man bezweifeln. Auf jeden Fall empfehlenswert ist diese musikalisch und szenisch sprühende Produktion schon wegen ihres Seltenheitswerts.
Das Theater Bonn spielt Die Ameise noch sechsmal bis zum 6. Februar 2026. Infos und Karten hier.
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Jetzt habe ich die hintergründige Handlung viel besser verstanden…Dankeschön…
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