Ausverkauftes Haus, wenn die Oper Köln auf der großen Bühne des Staatenhauses die Wiederaufnahme von Carmen feiert. Georges Bizet hat den Weltruhm seiner Oper nicht mehr erlebt. Er starb nur Monate nach der Uraufführung, die leider beim Publikum durchfiel. An gebrochenem Herzen ob des Misserfolgs, wird kolportiert. Im November 2019 inszenierte die amerikanische Opernregisseurin Lydia Steier eine erste „feministische“ Version dieses Repertoire-Renners und erregte prompt begeistertes bis empörtes Echo.
Die Details von Steiers Regie sind nahezu unverändert. Dazu finden sich hier* meine damaligen Eindrücke. Allerdings hat sich die Besetzung so geändert, dass sich neue Interpretationsräume öffnen. Noch glaubwürdiger, noch differenzierter, noch feiner sängerisch gestaltet Adriana Bastidas-Gamboa ihre Carmen im Kampfanzug. Ihre Ängste vor dem eigenen Schicksal erfahren mehr Ausdruck, ihre Ahnungen eine schillernde Tiefe und ihre Wut noch heftigere Ausbrüche – eine enorme Bandbreite der Stimme dieser fantastischen Mezzosopranistin.

Die damalige Zweitbesetzung glänzt nun als Carmens Gegenspieler. Tenor Young Woo Kim** verfügt über eine übermächtige Stimm- und Körperkraft, die nicht nur seine Hörigkeit dieser Frau gegenüber, seinen Zwiespalt zwischen gehorsamem Sohn, Jugendliebe von Micaëla und abtrünnigem Soldaten stimmlich großartig zum Ausdruck bringt, sondern auch das abgrundtiefe Leid der gequälten Kreatur. Zwischen Furor und Wimmern in leisen Tönen spannt sich sein Gesang. Animalisch das Stimmgefecht zwischen den beiden Protagonisten am Ende, bevor Carmen sich entstellt und ersticht und Don José zusammenbricht.
Mit dem samtigen Bariton von Insik Choi gewinnt Escamillo, dem umschwärmten Star der Stierkampfarena, eine ganz neue Facette. Den Womanizer sucht man bei ihm vergeblich; edel gestaltet er seine Torero-Arie, als kultivierter Gentleman, der zu seinen Fans Distanz hält. Je weniger Leidenschaft er zeigt, umso mehr schaukelt der nunmehr herabgewirtschaftete Don José seine unerfüllte Liebe hoch, paradoxerweise ganz nah am Abgrund. So schafft diese Besetzung der Carmen die subtilere Konstellation einer breiter gespannten Gefühlspalette.
Die Oper Köln fährt in dieser Produktion alles auf, was eine grandiose Show ausmacht: tadellose Solisten, die nicht nur durch ihre Stimmqualitäten überzeugen, sondern auch durch ihr Spiel begeistern, den Chor, von Rustam Samedov toll einstudiert, die Choreografie, die Kostüme und das Gürzenich Orchester, das unter dem Dirigat von Andrés Orozco-Estrada eine mitreißende musikalische Reise sowohl durch die Ohrwurm-Hits als auch die zauberhaften instrumentalen entr’actes wie das mit Harfe und Flöte vor dem 3. Akt darbot. Der Kolumbianer gab mit der Wiederaufnahme von Carmen seinen Einstand an der Oper Köln. Ab der Spielzeit 2025/26 wird er die Geschicke der Oper Köln als Generalmusikdirektor leiten.
Die Oper Köln spielt Carmen noch 10 mal bis einschließlich 13. April 2025. Infos und Tickets gibt es hier.