CARMEN in Köln – ein Bilderrausch unter andalusischer Sonne

Die Musik unsterblich, die großen Hits immer ganz oben gelistet bei Wunschkonzerten, die alten Rollenklischees vom verführerischen Weib und mehr oder weniger testosterongesteuerten Kerlen? Von wegen! Die Oper Köln trumpft auf mit einem Feuerwerk an Regieeinfällen, die die andalusische Sommerhitze in spannungsgeladene Erotik packen. In Bizets Carmen steht la liberté im Mittelpunkt – und da scheint es nur folgerichtig, dass die Titelfigur sich am Ende selbst tötet. Niemand ist Herr über diese Freiheitsikone – weder der orgiastisch gefeierte Toreador noch der seltsam asexuelle Don José.

Die Zigarrenfabrik ist ein Schlachthof. Überall Blut auf nackten Kacheln. Das mind frame ist gesetzt. Hier wird noch mehr Blut fließen. Wir sehen Carmen am Tor rütteln, es ist mit Ketten verschlossen. Die will definitiv hier raus. Denn bei den ersten Takten der Ouvertüre sieht sie sich mit ihrem alter ego konfrontiert, einem look-alike als ebenfalls junger Frau, der die ersten Speere der picadores in der Schulter stecken. Der Schmerz des Tieres identisch mit Carmens Pein – über die vier Akte steigert sich die Zahl der Speere, dehnen sich die Blutspuren aus und wächst Carmens Leid. Die Botschaft kommt an: Wenn am Ende hinter der Szene der Stier in der Arena sein Leben lässt, vollzieht sich für Carmen ihr selbstgewähltes und selbstbestimmtes Schicksal.

Diese Inszenierung ist nichts für Vegetarier. Gar nichts für Veganer. Im Innenhof des Schlachthauses arrangieren sich drei Verkaufswagen wie in einer großen Markthalle. Le Bistec, Charcuteria und Carniceria, wo man Fleisch vom toro de Lidia verkauft. Die Metzger sind grobe Kerlen mit großen Messern, die in slow-motion unentwegt an Fleischstücken säbeln. Würste, Schinken, halbe Tiere hängen und liegen rum und die Schlachter tragen Wehrmachtshelme. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland?

Carmen trägt mittlerweile den combat suit einer Sandinista, einer Guerillera, einer Freiheitskämpferin. Oder ist es schlicht die Einheitskleidung der Fabrikarbeiterinnen? Auf jeden Fall sticht sie heraus aus der MengCARMEN_KHP_1223.jpge der bunten Spanierinnen beim Einkauf. Was dann passiert, ist allgemein bekannt. Ein Streit unter den chicas, Carmen die Aggressive. Don José verknallt sich in sie und lässt sie laufen, statt sie ins Gefängnis zu bringen. Nun tritt zum ersten Mal Micaëla auf den Plan. Sie bringt Grüße von der Mutter und die Figur dient traditionell als mädchenhafter Gegenentwurf zur autonomen Carmen, die sich gegen die Männer auch mit einem gezielten Tritt zwischen die Beine wehrt.

Aber was wird aus dieser Begegnung? Die Ü-50 Party in einer Dorfdisko in Immekeppel? Mit rotierender Glitzerkugel an der Decke? Micaëla hat null Sex-Appeal, sondern den mütterlichen Charme einer unverheirateten Grundschullehrerin (es lebe das Klischee!). Und Don José ist so linkisch, dass er nicht einen einzigen Kuss platzieren kann. Schlechte Karten (zu diesem Thema später mehr) im Spiel mit Frauen. Er meint es wohl gut, aber wir wissen, das ist der kleine Bruder von wirklich schlecht.

Der zweite Akt spielt in der Kneipe von Lillas Pastia außerhalb des Ortes. Was für eine Lotterhöhle! Zwei bischöfliche Adjutanten kleiden Carmen als nahrungsspendene heilige Mutter ein, der nach und nach mehr Brüste wachsen. Kaum vollzieht sich diese Wandlung auf dem Altar unter dem Baldachin, vor dem Madonnenbild und beleuchtet von einem Meer von Kerzen, rollen die Gäste dieser Bar auf Kirchenbänken herein. Und dann geht die Party richtig los. Die Girls strippen, der Geistliche legt bei der Lektüre des Heiligen Buches Hand an sich selbst, die Leute springen aus der Klamotte und fallen übereinander her. Nackte Brüste und Männer in Feinripp mit Seiteneingriff gibt es zu sehen – ein Swingerclub mit einer Koksbar liegt wohl als Assoziation am nächsten. So viel Blasphemie im hillije Kölle!

Da passt natürlich das Testosteron auf zwei Beinen: Escamillo tritt auf und die Damen fallen erst schmachtend, dann orgiastisch zu Boden. Selbst die nonnenhaften Chordamen reiben sich beim Rosenkranzbeten am Geländer. Und Carmen? Geblendet von der Virilität des Glamour-Toreadors reiht sie sich in den Fanclub ein, aber geht nicht erfüllt zu Boden.

Wenn Harfe und Flöte den dritten Akt einleiten, erlebt Carmen erneut den Todeskampf des Stieres „am eigenen Leib“. CARMEN_KHP_0858Dann rollen die ollen Wohnwagen der 70er Jahre auf die riesige Bühne. Der Tannhäuser in Bayreuth und  Almodóvar lassen bildlich grüßen. Da baut die „Zigeunerin“ ihr Wahrsagerstudio neben dem Wagen des Transvestiten auf, da kassieren die Prostituierten die Freier ab. Allerlei Schräges tritt ans Tageslicht, ein bisschen Sado-Maso, ein bisschen Kettenspiele, die im Blutrausch enden. Ein Parkplatz mit roten Laternchen und Girlanden, ein Puff auf Rädern. Pralles Leben, das an manchen Stellen am guten Geschmack vorbeigeht.

Schließlich der Stierkampf. Die Ränge der Arena mit reservierten Plätzen für die Picadores, die Veterinarios, die Geschäftsleute und die Caballeros rollen herein und ein Riesenspektakel setzt ein. Marienfiguren mit goldenen Monstranzen, Feuerartisten auf Stelzen, die Matadores auf Riesenpferden – und dann und wann ein Gabelstapler mit einem toten Carmen-Double oder schließlich dem toten Stier, dem die Zunge aus dem Maul hängt.

CARMEN_KHP_2209.jpgAnti-Klimax. Carmen und Don José allein. Nein, sie liebt ihn nicht mehr und wirft ihm den Ring vor die Füße (als Gegenspiel natürlich zu Josés party piece „La fleur que tu m’avais jetée ..“ ). Sie stirbt, konvulsivisch zuckend, zu seinen Füßen liegend. La mort, den die Karten vorausgesagt hatten, führt sie selbst herbei.

Atemberaubend, diese Carmen. Und blendend. So viele schrille Details, so sensationell ausdifferenzierte Kostüme, so überwältigend hinreißend arrangierte Chorszenen. Hier geben Chor und Extrachor wirklich alles, erfrischend ergänzt durch den Kinderchor mit einer Solopartie. Bravissimi!

Adriana Bastidas-Gamboa debütiert mit der Hauptrolle – und gewinnt auf der ganzen Linie. Ein Mezzosopran, der mühelos in lyrische Höhen steigt und flexibel die Tiefen auslotet. Tolle Bühnenpräsenz, vom Phänotyp ganz ohne Maske eine Idealbesetzung. Brava, la nueva! Don José und Micaëla liegen in den Kehlen der Kölner Lieblinge Martin Muehle und Claudia Rohrbach: Der donnernde Applaus spricht Bände. Schön und eindrucksvoll gesungen und – von Muehle ganz besonders – die große Partie auch überzeugend gespielt. Seine Hilflosigkeit und seine verzweifelte Liebe kommen an. 

Und dennoch – hier hätte Köln noch mehr riskieren können. Oliver Zwarg debütierte als Escamillo, Matthias Hoffmann, der herrliche Bass-Bariton, als Zuniga und Lukáš Bařák als Morales. Also neu und frisch. Darüber hinaus gaben zwei Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Oper Köln ihr Rollendebüt als Frasquita und Mercédès. Fabelhafte neue Stimmen und große Talente als Sängerdarstellerinnen von Alina Wunderlin und Arnheidur Eiríksdóttir. Die Rollen sind drei- und vierfach besetzt, da darf man auf weitere Entdeckungen gespannt sein. Insbesondere, wenn Young Woo Kim demnächst als Don José eine neue Tenor-Klangfarbe ins Spiel bringt. 

Ganz anders als bei der tristen, blutleeren (!) und gefühlsarmen Bonner Carmen vor zwei Jahren schwelgen hier Bühne und Kostüme in überbordender Ausstattung.CARMEN_KHP_2122 Ein Fest für die Augen, bisweilen an die Grenze der Reizüberflutung, vielleicht den Sehgewohnheiten der bunten, digitalen Welt mit schnellen Bildwechseln abgeschaut. Riesenapplaus für Lydia Steier und ihre Regie, Momme Hinrichs und Bühne und Video, Gianluca Falaschi und die Kostüme, Andreas Grüter und die Lichtregie sowie Rustam Samedov und den Chor, der durch Mädchen und Knaben des Kölner Domchors ergänzt wurde. Freundlich beklatscht Claude Spitzer, der dem Gürzenich-Orchester nicht ganz die Verve abverlangte, die die pralle Inszenierung vertragen hätte. Schließlich ein Sonderapplaus für die guten Geister: ein Dutzend Männer, dunkel gekleidet, mit Kappe und Mikro, die von Gabelstaplerfahren bis Kulissenschieben für die perfekten Abläufe sorgen. 

Ein hervorragendes Begleitbuch (das Programm) wartet mit Details zu den Künstlerinnen und Künstlern auf. Darüber hinaus gibt es Aufschluss über die historischen und sozial-kulturellen Hintergründe des Stier-Mythos und der Herrschaft von Matriarchat und Patriarchat. Ob diese eine erste feministische Carmen begründen?

Wer die ganze Bandbreite dieser bombastischen Inszenierung erfassen möchte, fährt einfach öfter nach Köln. Die Oper steht bis zum 7. Januar 2020 auf dem Spielplan, die nächste Aufführung bereits am Donnerstag, den 14. November 2019, Karten gibt es hier.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Oper Köln  © Hans-Jörg Michel 

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