L’Amour de Loin – Die Liebe aus der Ferne

Ganz sachte klingt die Musik aus, ganz behutsam erlischt das Licht, ganz innig versunken lässt Clemence die Asche aus ihrem Schatzkästchen rinnen. Eine unmögliche Liebe vergeht. L’Amour de Loin endet mit leisem Abschied. Die Oper Köln zeigt zum ersten Mal dieses Werk der finnischen Komponistin Kaija Saariaho und dem libanesischen Librettisten Amin Maalouf, das 2000 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde. Ein opulentes Bild- und Klangerlebnis, vom Kölner Premierenpublikum mit großem Beifall und Jubel bedacht.

Die Geschichte vom Prinz und Poeten, dem Troubadour Jaufré Rudel, und seiner fernen Geliebten Clemence beruht auf einer Erzählung des 12. Jahrhunderts, am Höhepunkt des höfischen Minnesangs. In der Tradition dichtet der Minnesänger eine hohe frouwe an, schmachtet ihr seine Verehrung und Bewunderung entgegen, wohlwissend, dass diese Dame für ihn vollkommen unerreichbar ist. Eine höfische Tradition, in der die Troubadoure ihre Kunstfertigkeit bewiesen. Die Liebe aus der Ferne hebt dieses Kunstform auf die nächste Ebene.

Jaufré erlebt sich selbst in einer Sinn- und Schaffenskrise. Und so imaginiert er eine Dame, von der er sich neue Inspirationen erhofft. Er kleidet sie mit charakterlichen Attributen genauso aus wie mit körperlicher Schönheit. Wohlgemerkt – all‘ dies in seiner Fantasie. In mystischer Trance kommt er dieser Angebeteten nahe, bis ihn die Realität überwältigt. Der Pilger bringt die Kunde, dass in Tripoli eine Gräfin aus Aquitanien, Clemence, genau dieses Bild der besungenen Eigenschaften erfüllt. Zu Zeiten der Kreuzzüge war eine Schifffahrt über das Mittelmeer zwar bereits möglich, aber mit großer Gefahr verbunden.

Adriana Bastidas-Gamboa, Holger Falk
Foto mit freundlicher Genehmigung der Oper Köln,
© Paul Leclaire

Nicht nur die reale Bedrohung durch das unberechenbare Element Wasser lässt Jaufré zögern, diese Reise zur wahren Liebe zu unternehmen. Vor allem spürt der sensible Dichter, dass ein Kennenlernen Auge in Auge, Hand in Hand, Körper an Körper seine Illusion des Perfekten zerstören könnte. Er quält sich mit Zweifeln und findet schließlich am Ende der Liebesreise den Liebestod. Zahlt er den Preis dafür, dass sein Leben und seine Liebe im Konjunktiv stattfinden?

Im Gegensatz dazu erweist sich Clemence zwar auch als Schwärmerin, aber mit deutlich mehr Bodenhaftung. Ihre Gefühle reichen von Neugier, Wut, Misstrauen und Gottesfürchtigkeit, aber sie allein ist in der Lage, dem Sterbenden je t’aime zuzuflüstern. Nach Jaufrés Tod wendet sie sich vom Leben ab, webt sich ein weißes Gewand, das ihr Hochzeitskleid hätte werden sollen. Alle Freier wehrt sie ab und geht ins Kloster – nie wirklich einem Mann nahegekommen.

Die Oper lebt von der konsequenten Konstruktion von Gegensätzen und Spiegelungen. Osten und Westen, Mann und Frau, Wasser und Himmel, Wellen und Raum, oben und unten, fluide und konkret. Die fünf Akte sind klassisch aufgebaut, das antike Drama wirkt fort. Selbstredend führt Saariaho dieses Gestaltungsprinzip in den Personen weiter. Die weibliche Rolle der Clemence verlangt einen hohen Sopran, die männliche des Jaufré einen Bariton. Als namenloser Pilger ein Mezzosopran, der in einer Hosenrolle sowohl die Geschlechter als auch die Tonlagen verknüpft. Und hier als Mittler zwischen den Welten der beiden Liebenden fungiert.

Die Oper Köln hat perfekt besetzt: Emily Hindrichs, Adriana Bastidas-Gamboa und Holger Falk debütierten alle in ihren Rollen und glänzten in ihren äußerst herausfordernden Partien. Emily Hindrichs ist eine gefragte Königin der Nacht: Sie beherrscht die höchsten Höhen sicher, während sie gleichzeitig die Nuancen moduliert. Der Jubel des Publikums erfreute sie sichtlich. Adriana Bastidas-Gamboa überzeugte in Köln zuletzt als fein ausdifferenzierte Carmen. Ihr variabler Mezzosopran macht den Pilger zu einem pragmatischen Ratgeber für den taumelnden Dichter. Lyrisch singt sie am Dreh- und Angelpunkt der Oper Jaufrés Lied – wunderschön und zart anrührend. Holger Falk bewährt sich wieder als Künstler voller Selbstzweifel und als perfekter Sänger-Darsteller für zeitgenössische Kompositionen. In Bonn überzeugte er stimmlich und darstellerisch in Manfred Trojahns Komposition Ein Brief, viel komplexer noch sein Part in L’Amour de Loin.

Allen dreien gelingt das grandiose Kunststück, ihre Partien in der zweistündigen Oper auf, mit und vor dieser Musik ganz fabelhaft darzubieten. Saariaho komponiert Musikwellen, Lagen und Schichten, abrupte Wechsel zwischen gewaltigem Crescendo im Tutti und Harfen- und Pianoklängen in den lyrischen Passagen. Ein nie gesehenes (gehörtes) Schlagwerk krönt den Aufbau des Orchesters – im wahrsten Sinne des Wortes. Von exotischen orientalischen Instrumenten bis zum gängigen Streicher- und Bläserensemble breitete das Orchester einen farbigen Klangteppich aus, der manchmal seidenglatt, dann wieder sturmflut-ruppig anmutet. Ein Wechselbad der (Musik-)Gefühle, das natürlich mit den Ängsten und Hoffnungen der Sängerinnen und Sänger korrespondiert.

Saariahos Komposition bietet dem Publikum wenig Anhaltspunkte zum „Andocken“. Keine musikalischen Zitate oder historischen Referenzen, kein Rhythmus, der an Bekanntes anknüpft. Alles ist im flow. Absolutes Neuland auch für Constantin Trinks, der das Gürzenich Orchester sicher durch diese tiefe See navigiert. Er war von der Leistung der Musikerinnen und Musik selber so begeistert, dass er ihnen gelöst und glücklich applaudierte. Genauso wie später das Publikum, dass diese fantastische Leistung mit großem Beifall beklatscht.

Das Orchester und der große Damen- und Herrenchor umfließen förmlich einen der Schauplätze vor einer gigantischen schwarzen Spiegelwellenfläche. Hier befindet sich die Zitadelle in Tripoli, der Wohnsitz von Clemence, deren Dach wie halbierte Walzen ein Auf und Ab wie auf hoher See ermöglicht. Das Ganze dreht sich – langsam, aber unaufhörlich. Am Rand sitzt eine der Assistentinnen des Dirigenten, eine Souffleuse, die Silbe für Silbe, Note für Note der Partitur folgt und Emily Hindrichs den nächsten Einsatz signalisiert. Eine Hilfskonstruktion, ohne die die Sängerin im Meer der Musik vermutlich unterginge.

Diese Assistenz von Elisa Quarello setzt sich auf der linken Bühnenhälfte mit Beate Lenzen fort. Hier hat der Regisseur Johannes Erath einen fünf mal fünf Meter großen Spiegel mit einem Lichtrahmen gebaut, durch den Jaufré und der Pilger „hindurchgehen“. Dieser Rahmen der Transzendenz, auch zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen, bietet ein Schauspiel für sich. Hier begegnet der Troubadour Clemence quasi leibhaftig in Form eines Doubles, einfach „elle“. Auf der anderen Seite erfüllt ein „lui“ die körperliche Nähe bei Clemence. Erath überzeugt mit seinem ästhetischen Konzept und der poetisch-tänzerischen Umsetzung. Ob Jaufré wie wahnsinnig seinen Raum wie eine Zelle in der Psychiatrie endlos durchmisst oder Clemence sinnbildlich Jaufré im Sterben begleitet – da entstehen eindrückliche Bilder.

Die Oper verlangt einen großen Chor: Wie im antiken Drama treten sie in Dialog mit den Protagonisten und bewerten dessen oder deren Gedanken und Gefühle. Zunächst strikt getrennt die Damen für Clemence und die Herren für Jaufré, am Ende vereint im traurigen Abgesang. Auch der Chor verdankt seinem Leiter Rustam Samedov die präzisen Einsätze, sodass gleichermaßen vier Menschen dirigieren, ohne einander zu sehen. Insgesamt eine eine fantastische Leistung, all‘ diese kompositorischen Details zu so einem makellosen Opernabend umzusetzen.

Viele diskutieren in der Opernwelt, wie man und frau im 21. Jahrhundert eine Oper komponieren kann. Kaija Saariaho und Amin Malouf haben die Antwort auf diese Frage gegeben. So!

Die Oper Köln spielt L’Amour de Loin noch sechs Mal bis zum 13. November 2021. Infos und Karten gibt es hier.

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