Brundibár – vom Prager Ghetto und Theresienstadt in die Oper Bonn

Montagmorgen 11:00 Uhr am 28. Januar 2020. Rund um die doppelt U-förmig angelegte Garderobe der Oper Bonn tummeln sich 200 Schülerinnen und Schüler. Ihre Anoraks und 20200128_104029 stapeln sich auf den Ablagen, die Kinder quatschen munter durcheinander, albern, lachen und stellen sich vor den beiden Treppen auf. Eine Stunde später ist allen ausnahmslos das Lachen vergangen. Eine Stunde Kinderoper, die auch jeden Erwachsenen sprachlos zurücklässt. Ergriffen wischen Jüngere und Ältere die Tränen weg oder schlucken sie tapfer runter. Brundibár lässt niemanden unberührt. Hans Krása als Komponist und Adolf Hoffmeister als Librettist haben mit ihrer Oper, die zunächst in Prag, später im KZ Theresienstadt aufgeführt wurde, ein Kleinod der Erinnerungskultur geschaffen.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Das Geschwisterpaar Pepíček und Aninka braucht dringend Geld, um Milch für die kranke Mutter zu kaufen. Beide glänzen mit ihren schönen Stimmen und so beschließen sie, auf dem Marktplatz mit ihrem Gesang ein paar Münzen zu verdienen. Die macht ihnen aber der Leierkastenmann Brundibár streitig. Nun treten als gute Geister ein Spatz, ein Hund und eine Katze auf, die den Kindern die große Wirkkraft der Solidarität vermitteln. gruppe2„Der Gedanke verleiht uns große Kraft, wenn wir alle gemeinsam schreiten gegen den Diktator Brundibár.“ Und „wenn du deine Eltern liebst und auch dein Heimatland, dann nehmt euch bei der Hand und knüpft das Freundschaftsband.“ Wie im Märchen erlösen die Tiere die Kinder von der Schreckensherrschaft und es kommt – zumindest im Opernplot – alles an ein gutes Ende. 

Ein heiter-besinnlicher musikalischer Unterricht? Ja, wenn … Wenn da nicht der Monolog wäre. Lisa Sommerfeldt bettet die gut 70 Jahre alte Oper in einen zwanzigminütigen Prolog und einen Epilog von 10 Minuten ein. Die Schauspielerin Barbara Teuber wandelt in grellem Orange, von den Haaren bis zum Pulli und der Kette, über die 48 Kinder und Jugendlichen, die über- und untereinander auf der schlichten Bretterbühne liegen. Völlig natürlich gibt sie die Vera Wilhelmine Goldstein, die Schrecken der Deportation und des Lagers wie auf einem Stadtspaziergang berichtet. Gleich gegenüber am Rhein war die herrliche Synagoge, im Hofgarten das Plakat „Die Juden sind unser Unglück“, das Schild „Ich bin ein Rassenschänder“ am Haus der Eltern. Nachdem die Nazis in der Kinderarztpraxis der Mutter gewütet hatten, „lagen Scherben, Pillen, Pflaster auf dem Boden, das Mittagessen klebte an der Tapete.“ So anschaulich im Detail genau auf junge Zuschauer zugeschnitten.

Erzählte Wirklichkeit wird zum Kino im Kopf – und spätestens ab hier hat die alte, erwachsene Minni die jungen Menschen in ihren Bann gezogen. Zweifellos das überzeugendste Element des Textes: Er hält konsequent die Kinderperspektive ein. Mit all den Fragen, der Ungläubigkeit, dem Hoffen und der Trauer. Juden ist es verboten, Haustiere zu halten, Parkbänke stehen nur für Arier da, deine beste Freundin darf dich plötzlich nicht mehr zum Geburtstag einladen. Das berührt die Lebenswirklichkeit des jungen Publikums und lädt zum historisch-sozialen Transfer ein. 

Cybermobbing, fake news, othering – die Aktualität (und die Gefahr) dieser a-sozialen Medien(p)lage verdeutlicht Lisa Sommerfeldt sehr plastisch. Als das Komitee vom Internationalen Roten Kreuz das Vorzeigelager Theresienstadt auf Einladung der Nazis besucht, wird schnellstens die Fassade poliert. Die Vorzeigeräume sind sauber, ohne Wanzen und Läuse, es gibt Blumenschmuck, sogar eine Schule. Wenn es nicht so bitter wäre, gäbe es hier sicher Lacher. Offiziell war Schule für Judenkinder verboten (die Leute schön dumm halten, so die Erzählerin), aber für den hohen Besuch wurde ein Klassenzimmer eingerichtet. Wie nun ohne Lehrer? Flugs ein Schild an die Tür gehängt: FERIEN!

Kann man sich vorstellen, das Verdis Requiem im KZ gespielt wird. Libera me – während Hunderte Leichen wie Bauschutt gestapelt verfrachtet werden? Die heilende, trostspendende Kraft der Musik, das Seelenfutter. Singen war erlaubt im KZ Theresienstadt, Instrumente wurden ins Lager geschmuggelt und Brundibár kam zur Aufführung. Gruppe1Ab 1943 wurde die Oper 55 mal aufgeführt und beim Musizieren durften die Kinder den gelben Stern ablegen. Einen Ausschnitt brachten die Nazis sogar in dem Film unter, der der Weltöffentlichkeit zeigen sollte, wie gut es die Bewohner dieses Lagers hatten (ein wahres Paradies). Fast alle Inhaftierten wurden in den Osten transportiert, in die Massenvernichtungslager und die Gaskammern von Auschwitz. 

Selbstredend stand Brundibár für Hitler. Beschwichtigt die Mutter ihre kleine Minni am Anfang noch, dass man nur abwarten müsse, „solche Schreihälse halten sich nicht lange.“, so nehmen die Kinder (im Spiel) ihr Schicksal selbst in die Hand. „Brundibár ist weg gerannt und jeder hat es gleich erkannt: Weil ein böser Leierkastenmann uns Kindern nichts befehlen kann.“ Die Kinder singen für die Wahrheit und die ganze Welt und das Stück bringt mit der verschränkten Oper-Erzählung ein kleines Wunder zustande. Es hält die spielerisch-eindringliche Balance zwischen Entsetzen und Trost, zwischen Mut und Tod, zwischen Historischem und Aktuellem, zwischen Anklage und Versöhnlichem. 

Die alte Vera Wilhelmine Goldstein kam zurück. Sie gab dem Leben eine Chance und brachte drei Kinder zur Welt. Und ein Hund gehörte dann auch wieder zur Familie, ein neuer Fiffi Goldstein. gruppe3Fast wie ein Therapiehund kommt stellvertretend Cora auf die Bühne. Sie ist ein Australian Shepherd und strahlt lauter Gutmütigkeit aus. 

Alles an diesem Stück überzeugt. Ekaterina Klewitz dirigiert das kleine Orchester mit dem typischen Ghetto-Sound von Geigen, Gitarre, Klavier, Flöte, Klarinette und Cello und lächelt stolz zu IHREN Sängerinnen und Sängern rüber, die ihre Einsätze vom Monitor ablesen müssen. Schwierige Partien gilt es zu meistern – und alle jungen Sängerinnen und Sänger machen das einfach prima. Allen voran Susanna Karolina Kilian, die die Rolle der Aninka wunderbar intoniert. Mark Daniel Hirsch arrangierte die große Gruppe (am Aufführungstag nur 48 von sonst 60 Kindern und Jugendlichen) sehr symbolträchtig: im Zeichen der Solidarität. Alle Grauschattierungen zeichneten sich in der Kostümen ab, nur wenige RAL-Schritte vom gestreiften Auschwitzanzug entfernt. Und dennoch: bei aller farblichen Tristesse drückt sich hier die Liebe zum Detail aus – die Kostüme so unterschiedlich wie die Menschen, die sie trugen. 

Der Verein MusiKi hat diese Produktion mit erheblichen Mitteln gefördert, vor allem für die Musiker, aber auch für die Kostüme und die Bühne. Am 11. und 15. Februar 2020 steht Brundibár zum letzten Mal auf dem Programm. Mein Anliegen: Hingehen, für ein gemeinsames, lebendiges NIE WIEDER. Und einen Schein in den Pott werfen. Die Oper braucht den Chor. Bonn braucht eine Oper. Auch morgen und für künftige Generationen.

Die drei Fotos der Aufführung mit freundlicher Genehmigung © Volker Essler

Besetzung

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