Pure Magie, wenn sich alles zum Guten wendet! Wolfgang Amadeus Mozarts große Oper Die Zauberflöte von 1791 versprüht auch aktuell am Theater Bonn ihren Charme. Bei den ersten Takten der Ouvertüre schließen viele, Jung und Alt, ihre Augen und sinken tiefer in die Polster. Jetzt kommt die Abend- und Vorlesestunde und das Publikum darf sich auf eine kindliche Freude einlassen. Wenn …
… ja wenn das französische Künstlerduo Cécile Roussat und Julien Lubek Mozarts Singspiel mit den teils witzigen, teils tiefsinnigen Texten von Emanuel Schikaneder in Szene setzt. Mit Mitteln der Akrobatik, des Tanzes, der Pantomime und übertrieben großer Requisiten schaffen sie Bilder wie aus dem Cirque du Soleil oder dem deutschen Zirkus Roncalli. Der Ast eines Baums fungiert als Taminos Zauberflöte und eine clownesk große Weckuhr als Papagenos Glockenspiel. Dessen klirrend klaren Klang der so charakteristischen Töne verdankt man übrigens einem speziell für diese Produktion angeschafften Instrument, einem echten Glockenspiel, das die sonst übliche Celesta ersetzt.
Die Welt mit Kinderaugen sehen und das naive Staunen über eine Zauberwelt (erneut) zu wecken, ist das erklärte Ziel des Regieteams, das die fantastische Geschichte von Taminos Weg ins Erwachsensein bereits 2010 an der Opéra Royal de Wallonie-Liège in Französisch* auf die Bühne brachte. In Bonn singt und spricht man wieder auf Deutsch, was bedeutend organischer mit der Musik harmoniert und – da fast durchweg mit Muttersprachlern besetzt – für eine großartige Textverständlichkeit sorgt.

Die Geschichte vom Prinzen Tamino, dem die Königin der Nacht den Auftrag erteilt, ihre Tochter Pamina aus der Gewalt von Sarastro zu befreien, kleidet die Regie in eine Rahmenhandlung, einen nächtlichen Traum, ähnlich wie in Tschaikowskys Ballett Der Nussknacker. Im gestreiften Pyjama steigt Tamino ins Bett, wo er nach überstandenen Abenteuern und absolvierten Proben als kleiner Junge wieder aufwacht, von „Onkel“ Sarastro mit einer Gute-Nacht-Geschichte bedacht. Hier reichen der oberste Priester der Weisheit und die Königin der Nacht einander die Hand, der Friedensschluss verzuckert durch herabrieselnden Glitter-Flitter. Ein Märchen findet sein Happy End, das Schicksal hat sich für alle gewendet.
Tatsächlich für alle. Tamino, vom Blitz der ersten Liebe getroffen, rettet Pamina aus der Bewachung des zotteligen Monostatos, der lüstern nach einem Kuss der Schönen lechzt. Dem Prinzen haben Mozart und Schikaneder einen liebenswürdig, intellektuell etwas unterbelichteten Vogelfänger zur Seite gestellt. Wie Sancho Panza gibt er sich mit der Erfüllung von Essen, Trinken und Schlafen zufrieden. Und naja, ein Weibchen wäre auch ganz nett. Die bekommt er, dem Selbstmord nahe, dann auch. Dem Hohepriester Sarastro gelingt es, seinen Schützling durch die Proben der Verschwiegenheit, des Feuers und des Wassers zu einem wahren Menschen mit Weisheit, Würde und Verantwortung zu führen. Die Königin der Nacht wird durch die Liebe ihrer Tochter zu Tamino geläutert und schwört ihren Mord- und Racheplänen ab.
Selbstredend stellen Roussat und Lubek nur eine Ebene dieses hochkomplexen Werks dar und wählen dabei eine flamboyante Welt voller hübsch anzusehender Szenen, kindgerecht inszeniert und kostümiert. Alle wirklichen Grausamkeiten wie der Beinahe-Selbstmord Papagenos, die lebensgefährlichen Proben durch Feuer und Wasser, die Brutalität Monostatos und die Attacke der Schlange verpacken sie niedlich: mit Scherenschnitten, Akrobatik, Rosenlaube und heldenhaften Damen. Die Werte der Freimaurer wie Humanität, Toleranz, Moral, Selbsterziehung, Standhaftigkeit und Verschwiegenheit verkörpert Sarastro als die Güte in Person. Über die Macht solcher Geheimbünde kein Wort, eine Analogie zu zeitgenössischen deep states unterbleibt.
Die revolutionären Ideen der Aufklärung zu Zeiten des absoluten Kaisers Leopold II thematisieren sie nur indirekt oder bildlich. Das Finale der Eingeweihten „Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht, zernichten der Heuchler erschlichene Macht.“ birgt eine eindeutige Botschaft, aber die Regie setzt das – gemäß der eigenen Intention – nicht interpretatorisch um. Es genügt ihnen, kleine Hilfsgesellen erleuchtete Laternen durchs Publikum auf die Bühne tragen zu lassen. Der überwältigende Applaus und die stehenden Ovationen zeugen davon, dass das Publikum sich mit großem Vergnügen dieser unterhaltsamen Inszenierung anvertraut und gern auf die Wirren und Verfremdungen manchen Regie-Theaters verzichtet.

Das Spannungsfeld der beiden großen Kontrahenten besetzt die Oper Bonn mit Nicole Wacker und Tobias Schabel. Als Königin der Nacht mit ihren schärfstens konturierten Spitzentönen der Koloratur-Extraklasse bietet die Schweizer Sopranistin den energiegeladenen Gegenpol zum satten, würdevoll artikulierten Bass von Tobias Schabel. Der Tenor Ralf Rachbauer verleiht dem Unsympath Monostatos mit seinem eher dunkel gefärbten Tenor die Figur eines behänden Waldschrats. Er ist aus Unterdrückung böse geworden, wird aber auch in die Gnaden Tempel-Menschlichkeit aufgenommen. Das Publikum feiert die sibirisch-amerikanische Sopranistin Maria Vasilevskaya, die eine große Herausforderung meistert. Als Pamina ist sie im ersten Akt eine Puppe im widerstreitenden Geflecht der Begehrlichkeiten, eine süße Mischung aus der Olympia in Hoffmanns Erzählungen und einem japanischen Manga-Mädchen. Als Nicht-Muttersprachlerin gelingt es ihr, in den Texpassagen verständlich Deutsch zu sprechen und das im eckig-piepsenden Ton der Puppe.

Das „niedere Paar“ stellen Johannes Mertes und Valerie Haunz dar, der eine ein langjähriges, die andere ein neues Mitglied im Ensemble. Mertes legt die Partie des Papageno mit seinen Baritontenor als Buffo-Rolle an, die er ganz mit komödiantischem Leben füllt. Und sein Weibchen Papagena ist völlig die junge, lebensfrohe Soubrette, die mit dem neu gefundenen Partner in eine pinke Zukunft hüpft. Mit jungenhaftem Staunen und überzeugendem Spiel fasziniert Mirko Roschkowski. Seine Diktion ist vorbildlich, sein Spinto-Tenor hält in allen Szenen die fein austarierte Balance zwischen den lyrischen und dramatischen Anteilen der Rolle des Prinzen Tamino. Roschkowskis silbrig-samtige Stimme trägt den willkommenen Liebesschmelz in diese Zauberflöte.
Daniel Johannes Mayr wählt einen nahezu zärtlichen Ansatz zu seiner Interpretation von Mozarts unsterblicher Musik: Leichtfüßig und mit lang ausgekosteten Phrasen tönt sie aus dem Graben, gleichermaßen tänzerisch und elegant für die heiteren Passagen wie scharf und kantig für den feurigen Furor der Königin der Nacht. Das Volumen tariert er so aus, dass alle Sängerinnen und Sänger leicht über das mit 40 Instrumentalisten eher klein besetzte Beethoven Orchester Bonn hinwegkommen. Im Graben ist ebenfalls der Chor platziert, dessen Klang dadurch dumpfer, aber voller wirkt.
Fazit: Initiationsriten, Komödie, Alptraum und das Ideal der Liebe, in eine farbenfrohe Inszenierung gepackt und sowohl musikalisch als auch sängerisch sehr mozärtlich dargeboten, bereiten ein kurzweiliges Opernerlebnis. Für Einsteiger – groß oder klein – trotz der Länge von dreieinviertel Stunden bestens geeignet.
Die Oper Bonn spielt Die Zauberflöte noch zwölfmal bis zum 12. Juni 2027. Karten und Informationen hier.
*Auf YouTube findet sich hier die gesamte Oper, in guter Ton- und Bildqualität aufgezeichnet in der Opéra Royal du Château de Versailles.