Zum Erfolg verdammt! Diese Oper musste ein Riesenerfolg werden. Man nehme den Superstar der zeitgenössischen italienischen Komponisten, den berühmtesten neapolitanischen Tenor und den bedeutendsten Dirigenten – Giacomo Puccini, Enrico Caruso und Arturo Toscanini – und vertraue ihnen die grandiose Metropolitan Opera in New York zur Uraufführung der Western-Oper La fanciulla del West an und …
… erntet 55 Vorhänge und nicht enden wollenden Applaus. Ein italienischer Coup in Amerika, den der langjährige Operndirektor der Met, Giulio Gatti-Casazza, eingefädelt hatte. Dieses Künstlernetzwerk traf mit einer ureigenen amerikanischen Erzählung den Nerv des Publikums. Eine Goldgräbergeschichte aus dem Wilden Westen, die bei der Uraufführung am 10. Dezember 1910 zehn Pferde auf der Bühne präsentierte. Schnell allerdings verblasste der Ruhm dieses Stücks, sodass heute nur wenige Häuser die Oper aus ihrem Nischendasein auf die Bühne befördern.

Der Plot ist (fast) ein Opernklischee. Zwei Männer, Tenor und Bariton, rivalisieren um die Liebe der Sopranistin. Was passiert? Um 1850, während der ersten Welle des Gold Rush, bricht eine couragierte Frau in eine absolute Männerdomäne ein: Minnie führt in Eigenregie einen Saloon, wo Gold, Staub, Poker, Whiskey, Pistolen und große Gefühle herrschen. Der hartgesottene Sheriff des Camps, Jack Rance, stellt ihr nach, obwohl er an der Ostküste verheiratet ist. Auf der Flucht vor dem Gesetz taucht Ramerrez alias Dick Johnson auf mit der Absicht, die Gold Nuggets der Männer zu rauben. Mit der Liebe auf den ersten – eigentlich zweiten – Blick zeigt er sich spontan geläutert und verabredet sich mit Minnie in ihrer Hütte in den Bergen.
Beim zärtlichen Tête-à-Tête dort treffen nun Rance und seine Männer ein und im zweiten Anlauf gelingt es ihnen, Johnson, schwer von einer Kugel verletzt, zu verhaften. Minnie kann sich nur mit vorgehaltener Waffe gegen den Vergewaltigungsversuch von Rance wehren und fädelt einen Deal ein. Wer von beiden eine Pokerpartie gewinnt, dem soll Johnson gehören. Für Minnie heißt das gleichzeitig, auch ihre Freiheit zu gewinnen und mit ihrer Liebe ein neues Leben zu beginnen. Mit gezinkten Karten übertölpelt sie Rance und bricht in einen Freudentaumel aus.

Irgendwie nun entkommt Johnson und wird erneut gefangen. Die Szene spielt auf einer offenen Straße, wohin die Häscher den gefesselten Johnson schleppen. Rance beansprucht die Macht des Sterns auf seiner Weste und will kurzen Prozess machen – nämlich den Bandenchef wegen Mordes ohne faire Verhandlung hängen. Wie eine Dea ex machina erscheint nun Minnie und rettet ihren Geliebten, als ihm schon die Schlinge um den Hals liegt. Es gelingt ihr, die rohen Goldgräber zu Milde zu bewegen und die blutrünstige Rachsucht des Sheriffs auszuschalten. Sie appelliert an das Gewissen der Männer, ihr jetzt zu vergelten, was sie ihnen alles Gutes getan hat: getröstet, gepflegt, zum Glauben erzogen, ihre Zivilität bewahrt. Sie rekurriert auf die Moral der Bibelstunde aus dem Psalm Davids: „Das heißt, Jungs, dass es auf der ganzen Welt keinen Sünder gibt, dem sich nicht ein Weg zur Erlösung öffnet. Möge jeder von euch diese höchste Wahrheit der Liebe in sich bewahren.“* Puccinis Musik glänzt hier mit einer gloriosen Friedensbotschaft: Die Waffen nieder! Der zum Lynchen bereite Mob zeigt sich besänftigt, einsichtig und bereit zu verzeihen. Nur Sheriff Rance nicht … Er hat auf der ganzen Linie verloren, nämlich sein Ansehen und seine Liebe.
Auf 55 Vorhänge kommt die Oper Bonn zur Premiere von La fanciulla del West nicht – aber zu begeistertem Applaus und stehenden Ovationen! Yannick-Muriel Noah glänzt wie selten zuvor. Sie hat ihre Rolle gefunden und spielt mit einer enormen emotionalen Bandbreite alle Facetten der Titelfigur: liebevoll, mütterlich, tröstend, verständnisvoll, ausgleichend, demütig, unschuldig, mädchenhaft, kokett, verführerisch, entschlossen, verschlagen, gewaltbereit. Das langjährige Ensemblemitglied besticht mit einem phänomenalen Wechsel zwischen Parlando, Kopf- und Bruststimme und zwischen lyrisch-sanften und dynamisch-dramatischen Phrasen im schnellen Wechsel.
Als Liebespaar kennen die Bonner Yannick-Muriel Noah und den Tenor George Oniani bereits aus Ernani und Siberia, aber in der aktuellen Produktion übertrumpfen sie ihren bisherigen vertrauensvollen, harmonischen Rapport. Oniani schmettert die Höhen mit Stahl in der Stimme und gestaltet auf der anderen Seite das Intime im Pianissimo überzeugend. Mit der einzigen wirklichen Arie der Komposition „Ch’ella mi creda“ im 3. Akt weiß er zu rühren und das Publikum mitzunehmen auf seinem Weg des Bereuens und Verzeihens. Ein emotionaler Höhepunkt der Oper.
Das Solo-Trio komplettiert der italienische Bariton Devid Cecconi. Er gibt einen breitbeinigen Cowboy, dem feine Gefühlsabstufungen fehlen. Mit seiner volltönenden Stimme verleiht er dem gewaltbereiten, mit Macht ausgestatteten Sheriff eine starke männliche Präsenz; Gesang und Darstellung verbindet er zu einem überzeugenden Charakter. Außerordentlich schönen, fein differenzierten Gesang gestaltet der Herrenchor, fast untypisch begleitet von Celesta oder Röhrenglocken und von den Solisten verstärkt, der mit den mehrstimmigen Stücken das Drama in ein veristisches Bild einbettet. Chorleiter André Kellinghaus hat mit den Sängern die Partie zur wunderbaren Präsentation einstudiert, die facettenreiche Choreografie von Rosana Ribeiro entwickelt eindrucksvolle, stimmige Bilder. Andrea Schmidt-Futterer hat den Chor als homogene Gruppe mit sehr schönen monochromen taupe-beige-ocker Kostümen ausgestattet, Ramerrez und seinen Kumpel in schwarzes Leder gewandet und Minnie vom einfachen, stillen Mädchen zur verführerischen Frau in Satin und Kimono und schließlich – warum auch immer – zur Lady in Red gemacht.

Daniela Kerck hat die Inszenierung von Puccinis am seltensten aufgeführter Oper vorgenommen. Das Setting zeigt sich als wohltuend regie-unverdorben. Zeit und Ort bleiben wie im Original, auch wenn die Bar im Westen der USA zu Zeiten des Goldrauschs eher aus zwei Ölfässern mit darübergelegten Planken als in der schicken Holztäfelung einer eleganten Hotelbar bestanden hätte. Diese Anachronie weist wie die Skyline von Manhattan im Hintergrund, die transkontinentale Eisenbahn oder der Ölförderturm auf die rasante Entwicklung um die Vorherrschaft von Geld & Gold hin. Die Bühne funktioniert am besten als die Bar Polka.
Weniger geglückt ist der 2. Akt in Minnies Hütte. Als gesamte Innenausstattung dient ein überdimensionaler Schrank, auf dem sich auch Johnson versteckt. Wie Rance allerdings die Blutspur des angeschossenen Johnson auffindet, bleibt ein ungelöstes dramaturgisches Rätsel. Die Straßenszene des 3. Akts bedarf außer des Galgens und des Hockers keiner Requisite. Hier geht es um alles oder nichts, das nackte Leben und den moralischen Kompass aller Beteiligten. Im Happy End nehmen Johnson und Minnie sich an der Hand und gehen dem Sonnenuntergang entgegen. Sie folgen dem uramerikanischen Prinzip des Pursuit of Happiness, aufzubrechen und sein Glück woanders zu finden.
Die Spielfläche wird vorn und hinten von Gaze Vorhängen eingerahmt, auf denen die immerwährenden Niederschläge (Regen, Schnee, Regen) mit Videos projiziert und die Wolkenbildung am Horizont sinnfällig abgebildet werden – von orange und rostbraun bis zu schweflig-gelb und dunkelgrau. Je nachdem, was sich da zusammenbraut, von der Lichtregie so gestaltet, dass die emotionalen und dramatischen Elemente offensichtlich werden, parallel zur Tonmalerei im Graben. Das Orchester entfacht einen bedrohlichen Schneesturm, dumpfes Basstrommeln als Gegenpol zur Windmaschine, Celesta und Harfen für das zart sich anbahnende Liebesspiel. Nahezu filmische Musik veranschaulicht Naturgeräusche, Hufgetrappel und eine Verfolgungsjagd. Aber beim dramatischen Höhepunkt des Plot, dem Pokerspiel als Entscheidung über Happy End oder Katastrophe, hat das Orchester Pause. Dirk Kaftan und das Beethoven Orchester Bonn zeigen hier die onomatopoetische Kraft der Musik Puccinis.
Fazit: La fanciulla del West zieht das Publikum in der durchkomponierten Form ohne Unterlass in ihren Bann. Keine Belcanto-Arien mit ihren Verzierungen, sondern ein rascher Wechsel von Parlando und Arioso, der die Spannung über die zwei Stunden der Spielzeit hält. Puccinis Dramaturgie mutet filmisch an, obwohl die Bilder erst in den Tagen der Uraufführung laufen lernten. Visionär, diese Komposition, die nachweislich immensen Einfluss auf die Filmmusiken der aufkommenden Hollywood-Produktionen nahm. Unbedingt anschauen!
Das Theater Bonn zeigt das Stück noch achtmal bis zum 4. Dezember 2026. Infos und Tickets hier.
*Ciò vuol dire, ragazzi, che non v’è,
al mondo, peccatore cui non s’apra una via dl redenzione…
Sappia ognuno di voi chiudere in sé
questa suprema verità d’amore.