Zurück an ihrem angestammten Platz nimmt die Oper Köln nun ihren Spielbetrieb wieder auf. Lange Jahre, desaströse Fehlentscheidungen, Unsummen verballert – nun aber läuft die Premiere aller Premieren. Der Rosenkavalier von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal steht auf dem Programm und Köln stellt sich der Herausforderung, ein 115 Jahre altes Stück, von dem kongenialen Duo zu Zeiten Maria Theresias angesiedelt und in einer Kunstsprache verfasst, ohne Rokoko-Kostüme und gestelzte Honneurs in die urbane Mitte einer äußerst liberalen und toleranten Stadtgesellschaft zu transportieren. Die Oper wagt … Ob sie gewinnt?
Nach den seelentiefen, abgründigen Werken Salome und Elektra schwebte Strauss eine Mozartoper vor, ein heiteres Stück Musiktheater mit Tiefgang. Den lieferte selbstredend der hochgebildete Hugo von Hofmannsthal, indem er der Feldmarschallin Fürstin Maria Theresia Werdenberg zwei philosophische Monologe über das Wesen der Zeit und der Vergänglichkeit in die Partie schreibt. Vanitas-Motive aus dem Barock mit Rückgriff auf die Worte des weisen Predigers Salomon bekommen hier mit der Strauss’schen Musik eine tief berührende Intensität, einzigartig in einem Opernlibretto.
Der Rosenkavalier folgt den strengen Parametern des klassischen Dramas: Einheit von Ort, Zeit und Raum, also der Morgen im Boudoir der Fürstin, der Nachmittag im Palais Faninal und der Abend im Beisl. Ein Kammerstück, das ein Panoptikum der Ständegesellschaft ausbreitet. Der uralte hohe Adel, der niedere, verarmte Landadel, der wohlhabende Bagatelladel, Künstler und Handwerker, Bedienstete, Schankwirte, Halunken und sogar Tiere finden alle ihren Platz in diesem Sittenbild.
Was der Librettist frei erfunden hat, ist die Rose des abgesandten Brautwerbers – eine „Tradition“, die bis heute im Trash-TV des Bachelor seine Blüten treibt. Aus dem Auftrag des Rosenkavaliers entwickelt sich die ganze Komödie. Der 17-jährige Adelsspross Graf Rofrano, genannt Octavian, unterhält ein Liebesverhältnis mit der 32-jährigen, „alten“ Fürstin Werdenberg. Es taucht auf der grobe Baron Ochs auf Lerchenau, der wegen seiner pekuniären Kalamitäten beabsichtigt, die 15-jährige Sophie, Klosterschülerin und Tochter des Herrn von Faninal zu heiraten.
Octavian übernimmt den Auftrag, überreicht Sophie die Rose, und die Liebe schlägt bei den beiden ein wie ein Blitz. Teenagers in love. Nun gilt es, den ambitionierten Vater zu überzeugen, den übergriffigen Ochs aus dem Spiel zu drängen und den Segen der verlassenen Geliebten zu erlangen. Dem niederösterreichischen Grobian spielen dann alle tatsächlich so übel mit, dass er schließlich unter blasierter Gesichtswahrung das verkommene Wien verlässt und die Geschichte ein vor allem musikalisch überglückliches Ende nimmt.
Die französische Regisseurin Marie-Ève Signeyrole bringt dieses Juwel der deutschsprachigen Opernliteratur nun unter einem feministischen Blickwinkel auf die Bühne, garniert mit lesbischen Softporno-Livevideos. Sie verleiht der Marschallin die Rolle einer Filmregisseurin, im richtigen Leben oft genug ihre eigene. Das Publikum erlebt quasi die Shootings für die Szenen durch das Kameraauge mit. Dabei tummelt sich die ganze Filmcrew mit Scriptgirl, Beleuchter, Dramaturg, Maskenbildnerin, Kostümbildner und persönlicher Assistenz auf dem Set. Gleichzeitig spielt und singt sie in ihrem eigenen Film mit, beim Rollenwechsel setzt sie ihre Brille auf oder ab. Dieses Vorgehen zerstört die Illusion einer schönen Welt und die Identifikation mit einer Figur; es dokumentiert vielmehr das Werden eines Films.

Diese Frau hält also die Fäden in der Hand. Sie ist es, die die Intrige schmiedet, den Ochs vollständig bloßzustellen. Und das im wörtlichen Sinn! Die Regie entlarvt nicht nur seine gewalttätige Dauergeilheit, sondern entblößt ihn vollständig. Da steht der Mann, gepeinigt von seinen Sado-Maso Obsessionen, bis auf einen fleischfarbenen String-Tanga nackt da. Chapeau an Patrick Zielke, der beim Schlussapplaus mit seiner Blöße sogar kokettiert.
Mit Kamerafahrten, Nahaufnahmen, Kostümauswahl und der tumultösen Wuseligkeit auf der Bühne will die Regisseurin wohl ausdrücken, dass Oper und Film ein hartes Stück Arbeit bedeuten, an der eine Vielzahl der unterschiedlichsten Menschen beteiligt sind. Keine Intimität möglich! Dabei verhindern die von der Handkamera gezeigten, zigfach vergrößerten Einblicke, dass die traumhafte Musik das Publikum verzückt.
Das jungfräuliche Mädchen soll nun um gesellschaftlicher Ambitionen wegen verschachert werden. Das war gang und gebe (tu felix Austria nube), Frauen waren und sind Verhandlungsobjekte und sexuellen Übergriffen nahezu schutzlos ausgeliefert. Diese skandalösen Zustände hat #MeToo öffentlich gemacht und zur Gegenwehr aufgerufen. Mit dem Finger – oder der Kamera – darauf zu zeigen, tut Not, die mehrfachen Nahaufnahmen einer brutalen Vergewaltigung verstören.
Demgegenüber stehen die Szenen in Spitzenhemd und Batist. Die androgyne Konzeption der Figur von Octavian/Mariandel setzt die aktuelle Diskussion um Trans- und Intersexualität in Szene, auch in den explizit hautnahen zart-lesbischen Liebesspielen. Das Ende spiegelt das Spiel während der Ouvertüre.* Nun bietet Octavian seiner Sophie die roten Rosen dar, während die Marschallin/Regisseurin in einem zweiten Bett daneben die Zeit verstreichen lässt. Wer weiß, ob aus dem verliebten Jüngling nicht auch bald ein testosterongesteuerter Wüstling wird? Also heißt es – feministisch gesehen – wachsam sein gegenüber der rigorosen Männerdominanz. Nicht umsonst trägt die bräsige Selbstgefälligkeit des Ochs durchaus Züge von Donald Trump: in seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung, in seinen kantigen Tanzschritten und dem kompromisslosen Egoismus.
Weitere Hinweise auf aktuelle Auswüchse finden sich zuhauf. Ständig sprechen die Protagonisten/Stars in Mikrofone der Klatschkolumnisten, ohne Unterlass wird fotografiert und damit Material produziert für Instagram und TikTok oder für die Gala der älteren Generation, wie einst die Wiener „swarze Zeitung“, angepriesen vom Intriganten Valzacchi. Selbstredend wird der Film prämiert und mit der Silbernen Rose wie bei einer Oscar-Gala ausgezeichnet. No business like show business!
Der Walzer hält das ganze Stück zusammen, zieht sich durch dreieinviertel Stunden reine Spielzeit. Aber von Seligkeit keine Spur. Strauss und Hofmannsthal sahen klar das Ende der Donaumonarchie und den Untergang des alten Europas heraufziehen. Die Länder hatten alle aufgerüstet (so machte Faninal sein Vermögen) und ein Krieg war unausweichlich. Deshalb stoppt der Walzer immer, die Protagonisten stolpern über das abrupte Ende der Phrase. Kein Heile-Welt Szenario auf der Bühne, sondern der Musik und die Anlage der dramatis personae zeigen die moralische Brüchigkeit des fin de siècle.

Tosenden Applaus gab es am Ende für das Gürzenich-Orchester unter Andrés Orozco-Estrada. Die riesige Besetzung wusste im ständigen Wechselspiel von Bläsern und Streichern mit der engelsgleichen Celesta und den Piccoloflöten in der ausgezeichneten Akustik im neuen, alten Haus zu begeistern. Ähnlich gefeiert wurde Patrick Zielke als Ochs. Er bewältigte die extrem umfangreiche Partie souverän und hielt das tiefe E in seinem Bravour-Walzer „mit mir… keine Nacht dir zu lang.“ über vier Takte. Aber der Applaus zollte auch seiner Chuzpe, quasi nackt zu singen und zu spielen, Respekt. Giulia Montanari debütierte als Sophie und erntete für ihre Darstellung und ihren feinen Sopran Riesenzuspruch.
Ebenfalls zum ersten Mal in dieser Rolle zu erleben Magdalena Hinterdobler als Marschallin und als Filmregisseurin. Darstellerisch verlangte ihr das einen ständigen Wechsel in Haltung und Ausdruck ab, sängerisch erlaubte ihr großer Sopran auch die Führung in den Duetten und im Schlussterzett. Eine echte Entdeckung war Bianca Andrew in der Titelrolle, wie geschaffen für die Hosenrolle (Frau spielt Mann, die eine Frau spielt) mit ihrer androgynen Physis. Ein eher dunkel gefärbter Mezzosopran, der besonders im zweiten Akt an Ausdruckskraft gewann. Von den insgesamt 19 Solistinnen und Solisten stach Young Woo Kim hervor, der mit der Arie des italienischen Tenors das Lyrische des Belcanto mit Grandezza und Augenzwinkern präsentierte. Herzlicher Applaus für den Kölner Publikumsliebling!
Fazit: Die Oper Köln wagt … und gewinnt leider nicht auf der ganzen Linie. Ideologisch feministisch engt die Inszenierung diese Oper auf eine Perspektive ein und vernachlässigt dabei die zahlreichen fein ziselierten Aspekte des Rosenkavaliers. Grandios enttäuschend. Heftige Buhrufe mischten sich in den Applaus. Die Komödie wird hier für eine Idee instrumentalisiert, schade. Und eine Verfolgungsjagd mit einem Hund ist nicht komisch, sondern Slapstick.
Die Oper Köln spielt Der Rosenkavalier noch neunmal bis zum 20. Dezember 2026. Info und Tickets hier.
*Eine Unsitte des Regietheaters, während grandioser Ouvertüren oder in den musikalischen entr’actes die Bühne zu bevölkern und dort betriebsam agieren zu lassen. Bitte Vorhang zu und ungestörtes Zuhören ermöglichen!