In Bhutan misst man das Bruttonationalglück, in der Verfassung der Vereinigten Staaten sind „Life, liberty and the pursuit of happiness“ als unveräußerliche Rechte festgeschrieben. Was Philosophen seit Jahrtausenden beschäftigt, was meterweise Regalbretter der Ratgeberliteratur füllt, ist die Suche nach dem Glück. Köln präsentiert mit der zeitgenössischen Oper Picture A Day Like This des Komponisten George Benjamin und des Librettisten Martin Crimp eine aufwühlende Analyse dieser universellen Frage. Wie findet eine Frau im größten Leid einen schimmernden Hauch Glück?
Das Ergebnis vorweg. Am Ende spricht Zabelle, eine Figur, die in einem der Fantasie entsprungenen, üppig blühenden Garten Eden lebt, die ernüchternde Wahrheit aus: „I am happy only because I don’t exist.“ Die Erfüllung im existenziellen Glück entpuppt sich als Schimäre. Was führt „the woman“, die namenlose Protagonistin, in diese extrem schmerzliche Lage? Sie erleidet das Schlimmste, was einer Mutter widerfahren kann. Ihr kleiner Sohn ist gestorben und nun hofft sie beharrlich auf einen Zauber, der ihn wieder zum Leben erweckt. Die Lösung scheint simpel und sie benötigt dazu nur eine banale Kleinigkeit: den Knopf von der Kleidung einer Person, die wahrhaftig glücklich ist. Wie einen mittelalterlichen Ritter schickt eine ominöse Eminenz sie auf eine „Âventiure“, wie einen Gamer auf eine Quest, das heißt auf die Suche nach einer essenziellen Wahrheit.
Nun steuert sie – wie im Märchen – verschiedene Stationen an, die prima vista das Glück verheißen. Zunächst ein Liebespaar, das in der ekstatischen sexuellen Vereinigung das Glück zu finden scheint. Als sich herausstellt, dass der smarte Lover Affairen mit anderen Frauen und Männern und schließlich auch mit der besten Freundin seiner aktuellen Partnerin unterhält, zerbirst das Glück: Zügellosigkeit und Eifersucht enthüllen die Fragilität dieses polyamourösen Konstrukts.

The button man – der Knopfmann – scheint danach der ideale Ansprechpartner zu sein. Farbenfrohe Knöpfe aller Art befinden sich auch seinem Anzug, in der Hand hält er einen bunten Blumenstrauß. Ein „extr-e-e-e-me -ly happy man“ sei er, in (ironischen) Koloraturen singend, ein Kunsthandwerker, den man aber in seiner Fabrik durch eine Maschine ersetzt habe. Man habe ihm Verstand und Heimat geraubt, er habe versucht, sich umzubringen. Die Frau ergreift die Flucht: Das fröhlich anmutende Outfit, die äußere Hülle hat sie verleitet. Kein Knopf von einem potenziellen Selbstmörder!
Rastlos bewegt sich nun ein Erfolgsduo auf dem Laufband. Eine erfolgreiche Komponistin, begleitet von ihrem persönliche Assistenten, jettet mit ihren Werken um die Welt. Rio, Tokyo, Bilbao, Chicago … Die Städte reimen sich alle auf dem letzten Vokal. Als Zeichen für die Beliebigkeit der Erfolgsszenarien in der grandiosen Karriere? Auch hier geht die Frau-auf-der-Suche nach einem wirklich glücklichen Menschen auf Distanz. Die professionelle äußere Hülle verbrämt eine schreiende innere Leere. In dieser Seele wohnt keine Erfüllung, hier herrschen Angst und Selbstzweifel.
Wo Sex, Flower-Power und kosmopolitischer Glamour sich als Fehlanzeigen für wahre Zufriedenheit entpuppen, hält da die Kunst die Quelle für reines Glück bereit? Die Frau trifft auf den Sammler, der alle Gemeinsamkeiten ihrer beider Existenzen beschwört und ihre Begierde – ganz platonisch – mit der Aufzählung erlesenster und teuerster Gemälde wecken will. Fast, aber nur fast erliegt sie dieser Illusion. Denn all‘ die Klees, Warhols, Frans Hals, Degas sind Symbole für ein innerlich totes Leben des Besitzes, ein goldener Käfig.
Verzweifelt findet sich die Frau im blühenden Paradies von Zabelle wieder. Hier wohnt doch ganz offensichtlich das Glück! Nach der Kälte des Schneefalls wachsen Fantasiegeschöpfe wie Stalagmiten dem Licht entgegen, das die Szene in das rotorangene Gold der Morgenröte taucht. – Aber die liebliche Zabelle ist eben eine Illusion, eine Wunsch- und Traumprojektion! Am Ende präsentiert die Frau einen glitzernden Knopf auf der Handfläche. Sie trug ihr persönliches Glück stets bei und in sich. Zurück in Tasche ihres Kleides wird es weiter ihr Begleiter sein.
Tatsächlich handelt es sich bei dem Stück in sieben Bildern um eine Parabel, um ein Lehrstück zu den großen Fragen der Menschheit. Bekannt seit 2.500 Jahren, seit den Lehren des Buddha, der ebenfalls eine trauernde Mutter in die Welt schickte, um ihm eine Schüssel mit weißen Senfsamen zu bringen aus einem Haus, wo noch nie ein Sohn oder eine Tochter gestorben war.* In der zeitgenössischen Literatur, den Fiabe italiane (italienische Märchen) erzählt der Autor Italo Calvino Geschichten mit derselben Aussage.
Die Bühne im Staatenhaus Köln spiegelt den Topos des Suchens und sich-selbst-Findens wider. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Szenen spielen sich in einem metallischen Spiegelkabinett ab, das die Reflektionen der Sängerinnen und Sänger abbildet. Gleichzeitig fallen die Erkenntnisse der sieben Situationen auf das Publikum zurück. Jeder und jede fragt sich, was er oder sie zum individuellen Glück benötigt. Picture A Day Like This konfrontiert die Menschen mit dem Appell: „Stell dir mal so einen Tag vor!“ In exakt einer Stunde Spielzeit öffnen Benjamin und Crimp einen psychologischen Kosmos von ubiquitärer Relevanz: Wir alle kommen darin vor.
Dieses kompakte Musikdrama – Auftragswerk und Koproduktion mit dem Festival d’Aix-en-Province – wurde 2023 in Südfrankreich uraufgeführt. Es trägt surreale Elemente aus seiner, unserer Zeit, in der Werte unaufhörlich infrage gestellt werden: trotz glänzender Oberfläche ethische Orientierungslosigkeit. In Köln gelingt es dem ausgezeichneten Cast und dem Gürzenich Orchester sehr plastisch, diese innere Zerrissenheit in Musik und Gesang auszudrücken. Allen voran die großartige Vielseitigkeit der Mezzosopranistin Adriana Bastidas-Gamboa! Sie verleiht mit ihrer wunderbaren Stimme allen emotionalen Extremen dieser Partie eine reife Tiefe genauso wie eine jugendliche, fast-verliebte Leichtigkeit, vom Parlando bis hin zu den Koloraturen.

Bei der Uraufführung in Aix-en-Province war der Countertenor Cameron Shahbazi bereits in den Rollen des Liebhabers und des Assistenten der Komponistin zu sehen. Er lebt seine Auftritte. Da stimmt jeder Ton mit der Geste überein, da singt er halbnackt in freizügigem Liebesspiel genauso überzeugend wie im Designeranzug. Seine Partnerin auf dem Liebeslager und im Jetset-Tempo singt und spielt die amerikanische Sopranistin Elizabeth Reiter. Muttersprachliche Intonation, überzeugendes Spiel und eine sichere Stimmführung präsentierten ein feines Haus- und Rollendebüt.
Dem britischen Bariton George Clark war die Freude an der Gestaltung der beiden Rollen des Knopfmanns und des Kunstsammlers anzumerken. Edel und distinguiert in der zweiten Rolle, verzweifelt und selbstironisch als sehr, sehr trauriger, abgehalfterter Mitarbeiter im Clownskostüm. Die Figur „aus einer anderen Welt“ sang das Ensemblemitglieder der Oper Köln, Emily Hinrichs. Zabelle und ihr lyrischer Sopran – besonders auch im Duett mit Adriana Bastidas-Gamboas Mezzo – verliehen dem flüchtigen Charakter dieser Traumfee eine federleichte Präsenz.
Das kontinuierliche Wechselspiel der Gefühle zwischen erneuter Hoffnung und abrupter Ernüchterung zeigt sich – selbstverständlich – als der Musik inhärent. Krasse, dissonante, schrille Blechbläser mit der Piccolo wechseln kreischend mit lyrischen Passagen, in denen Bassfagott und Cello eine ruhige Grundlage gestalten. Harfe und gezupfte Geigen lassen neues Leben aufkeimen. Christian Karlsen beweist mit dem klein besetzten Gürzenich Orchester, dass dieser kontemporären Komposition eine packende Leidenschaft innewohnt.
Fazit: Short performance, high impact!
Die Oper Köln präsentiert Picture A Day Like This noch dreimal bis zum 24. Mai 2026. Infos und Tickets hier.
*In der Spielzeit 2025/26 eindrücklich auf die Bühne gebracht der Oper Bonn in Awakening von Param Vir und David Rudkin.