Drei Männer buhlen um die Gunst der schönen Elvira. Drei Blumensträuße genügen, um die höchst unterschiedlichen Anwärter auf die Liebe der Herzdame zu charakterisieren. Drei Anträge enden im Nichts. Der junge, ungestüme Bandit Ernani überreicht ihr einen Feldblumenstrauß, so schlicht und echt wie seine Liebe. Auf der gesellschaftlichen Leiter weit über ihm steht (vermeintlich) Don Silva, der als alter Mann sein Mündel Elvira mit einem Gebinde von Lilien gewinnen will. Schließlich versucht König Carlo, seine beiden Konkurrenten zu übertrumpfen, indem er mit einem üppigen Strauß roter Rosen aufwartet.
Mikro-Requisite, aber Makro-Emotionen! Die Oper Köln spielt Ernani von Giuseppe Verdi in einer konzertanten Aufführung: das Stück, das mit seiner Uraufführung 1844 den Weltruhm des erst 31-jährigen Komponisten begründete. Außer ein paar Plastikblumen, den rasch durchlaufenden Übertiteln und fast völlig ohne Szene und Regie erhält das Publikum wenig Hilfe zum Verständnis dieses ohnehin verworrenen Plots. Nur wer schon vorher mit der Oper vertraut war, kann diesem Thriller folgen. Verdi und sein Librettist Piave bedienen sich eines Bühnenstücks von Victor Hugo, das den tragischen Titelhelden einbettet in die großen Themen von Ehre und Treue, Liebe und Tod, Gnade und Rache, Macht und Rebellion. Die Handlung in aller Kürze:

*Ernanis Vater wurde vom Vater des jetzigen Königs im Machtkampf um den Thron ermordet. All seiner Güter und Titel beraubt, zieht Ernani nun als Geächteter mit einer Räuberbande umher. Er ist unsterblich in Elvira verliebt und um sie zu entführen, begibt er sich in das Schloss ihres Onkels Silva, der die Hochzeit mit seinem Mündel plant. Dort trifft nun König Carlo ein, der Elvira ebenfalls begehrt. Er befiehlt, Ernani auszuliefern. Aber Silva fühlt sich an das heilige Gastrecht gebunden. Er bietet also dem König die Stirn – allerdings nicht ohne Hintergedanken. Mit Ernanis Hilfe will er den König meucheln, der gute Chancen hat, zum Kaiser gewählt zu werden. Hand drauf, die beiden Rivalen schwören auf diesen Pakt.
Wir schreiben das Jahr 1519, seit der Krönung Karls des Großen sind gut 700 Jahre vergangen. Die Kurfürsten und Granden versammeln sich in Aachen; Ernani, Silva und die Aufrührer sind auch mit von der Partie. Carlo steigt in die Gruft hinab, um sich mit seinem großen Namensvetter und Vorgänger auf dem Kaiserthron im Geiste zu verbinden. Salutschüsse, die Wahl ist vollzogen. Die Rebellen werden entlarvt und Kaiser Carlo V verkündet die Strafe für seine Widersacher: Die Adligen sollen geköpft und das gemeine Volk ins Gefängnis geworfen werden. Ernani gibt sich zu erkennen und fordert, als rechtmäßiger Herzog auch enthauptet zu werden.
Auf Elviras Bitte hin lässt Kaiser Carlo Milde walten, begnadigt alle und stiftet die Ehe zwischen Ernani und Elvira, die er noch als Geisel mit sich führte. Zurück in Spanien blicken die beiden nun ihrem Eheglück entgegen. Allerdings wird das Happy End vereitelt. Der doppelt düpierte Silva entpuppt sich als Racheengel. Zu tief sitzt der Schmerz, dass er Carlo nicht persönlich töten durfte, dieser dann Kaiser wurde, und nun dieser „hergelaufene“ Ernani mit seinem Objekt der Begierde verbunden ist. Er zieht die Karte des zweiten Schwurs. Wann immer es ihm beliebe, lasse er das Horn erklingen und Ernani müsse sich selbst töten. So geschieht es und Elvira bleibt nur das einsame Hadern mit dem Himmel.*
Wie in einem Oratorium haben Svenja Gottsmann und Cora Hannen die Akteure auf der Spielfläche angeordnet. Die 65 Damen und Herren des Chors sitzen – in edle Abendgarderobe gekleidet – stufig ansteigend hinter dem üppig besetzten Gürzenich Orchester. (Allerdings zum großen Teil in Zweit- und Gastbesetzung, da der GMD Andrés Orozco-Estrada gleichzeitig mit seinen Musikern ein Konzert in Luzern gab.) Die Sängerinnen und Sänger erscheinen direkt an der Brüstung auf einem nur leicht erhöhten Podest. Die Crux dabei: Alle im Cast sind es gewohnt, hinter dem Orchester und mit dem Chor gemeinsam zu singen, meist mit Blickkontakt (auch über Monitor) zum Dirigenten. Daraus entsteht im besten Fall eine Klangsymbiose, die im Kölner Ernani fehlt. Akustisch ist das Stück so – bei allen bekannten Mängeln im Staatenhaus – nicht ausbalanciert. Umso mehr darf das Publikum sich freuen, wenn Ernani hoffentlich in einer der nächsten Spielzeiten am Offenbachplatz auf die Opernbühne kommt.

Denn …
Der Cast dieser Produktion beweist den hohen Anspruch und die Qualität der Oper Köln. Einfach fabelhaft! Dem Publikum ganz nah präsentieren sich Ensemblemitglieder und Gäste – ungefiltert durch Maske und Kostüm. Und überzeugen auf der ganzen Linie! Allen voran Publikumsliebling Young Woo Kim. Der Spinto-Tenor bringt seine große Virtuosität für die agilità der italienischen Oper mit. Mit müheloser Kraft und scheinbar grenzenlosem Volumen gestaltet er die dramatischen Passagen mit strahlenden Höhen, während er die lyrischen Anteile in mezza voce oder im Piano singt. Geduckt als Pilger legt er allen – auch stimmlichen – Glanz ab, um dann im dramatischen Höhepunkt der Krönungsszene sein ganzes tenorales Vermögen zu entfalten. Als einziger durchspielt er alle Szenen: Seine Mimik steht für die enormen Variationen an Emotionen. Faszinierend sein schauspielerisches Talent, wenn er einen solchen Hass in seine Züge legt, dass frau sich tatsächlich fürchtet.
Als dramatischen Sopran hat das Kölner Publikum Marta Torbidoni bereits in Nabucco kennengelernt. Stimmgewaltig entwickelt sie sich zu Ernanis ebenbürtiger Partnerin, mühelos würde sie auch jedes Orchester übertönen. Ihr eher dunkel gefärbter Sopran hat die Energie für diese anspruchsvolle Verdi-Partie und ihre emotionale Intensität. Zu wünschen wären einige leichtfüßige Verzierungen und Koloraturen jeweils im zweiten Teil ihrer Arien, die den Charakter der Elvira noch plastischer zur Geltung brächte.

Insik Choi verkörpert den baritonalen Gentleman in diesem Cast. Anders als sein Landsmann Young Woo Kim (beide Südkoreaner) verzichtet er auf emotionale Ausbrüche und gestaltet seine Partie ausschließlich mit seinem kultivierten, makellosen Gesang. Zeigt er im zweiten Akt seine Vormachtstellung als König und sein Begehren für Elvira mit der wunderbar melodiösen Arie „Sol de rose“ noch eher verhalten, aber mit wunderbar klaren Bögen, trumpft er im Krönungsakt machtvoll auf. Melancholisch in Begleitung des Solo-Cellos geht er mit Gott ins Zwiegespräch in der Arie „Gran Dio“. Sehr schön!
Die mit großer emotionaler Tiefe gestaltete Rolle des Don Silva bringt der rumänische Bass Adrian Sâmpetrean aufs Podest. Hatte er bereits 2025 als Leporello im Kölner Don Giovanni überzeugt, verleiht er nun der Bosheit, aber auch der Verzweiflung des alten Silva Ausdruck. Erstaunlich, mit welchen stimmlichen und gestalterischen Finessen er der Partie und dem Charakter seiner Figur zarte Nuancen verleiht. Sehr zurecht bedachte ihn das Publikum mit herzlichem Applaus.
In den kleineren Rollen sind zu erleben als Riccardo John Heuzenroeder – der zuverlässig untadelige Tenor, die Sopranistin Alina König Rannenberg (kürzlich erst die zauberhafte Susanna in Nozze di Figaro) als Giovanna und der türkische Bass Ferhat Baday als Jago (momentan Mitglied des Internationalen Opernstudios).
Den Chor hat Rustam Samedov wie immer glänzend vorbereitet. Die Damen und Herren singen als Banditen und Verschwörer, als Hofgesellschaft und als Grande und Adlige mit überzeugender italianità. Ihre sonst so großartige Spielfreude müssen sie natürlich in der konzertanten Aufführung unter dem Deckel halten. Aber der gloriose Jubelchor anlässlich der Kaiserwahl und der Generalamnestie im dritten Akt verleihen dem Anlass die überbordende stimmliche Kraft der Freude.
Die couleur locale steuert die Banda von der seitlichen Hinterbühne bei. Formidabel meistert Rainer Mühlbach die riesige Herausforderung, die Blechbläser aus dem Off mit dem Chor zu synchronisieren. Aller Ehren wert! Das Gleiche gilt für den italienischen Dirigenten Giuliano Carella, der souverän mit dem Gürzenich Orchester den typischen Verdi-Sound der abrupten Tempi- und Rhythmuswechsel erzielt. Dabei besonders stimmig die Skalierung der einfühlsamen Solo-Instrumente: Harfe und Flöte, Basspauke, Bassfagott und zu Carlos Abstieg in die Krypta das herrliche Cello.
Die Oper Köln spielt Ernani noch zweimal am 26. April und am 2. Mai 2026. Tickets und Infos hier.
*Diese Zusammenfassung stammt im Wesentlichen aus meinem Bericht über die Produktion von Ernani an der Oper Bonn 2022. Komplett nachzulesen hier.