Wenn die Nord-Süd-Fahrt gesperrt wird und die ganze Stadt Köln ein riesiges Fest feiert, dann hat man nicht den Karneval in den September verlegt, sondern die Oper Köln kehrt nach rund 14 Jahren Bauzeit zu ihrer angestammten Spielstätte am Offenbachplatz zurück. Das verspreche einen kulturellen Neubeginn, mit dem Wendepunkt werde eine neue Ära eingeläutet, so der Beigeordnete für Kunst und Kultur Stefan Charles in der Pressekonferenz am 26. März 2026. Was genau steht auf dem Programm?
Mit dem denkwürdigen Namen des Platzes verbindet man natürlich Jacques Offenbach, der in Köln als Jakob geboren, von seinem Vater bereits mit 14 Jahren nach Paris geschickt wurde und dort seinen französischen Vornamen erhielt. Aus der Feder des „Operettenkönigs“ präsentiert Köln die fantastische Oper Les contes d’Hoffmann mit einem Cast aus dem großartigen Ensemble: Young Woo Kim in der Titelrolle, Giulia Montanari, Insik Choi, Martin Koch, Emily Hinrichs, Lucas Singer, ergänzt durch internationale Gastsänger. Diese Produktion (Premiere am 28. November 2026) und ihre „ambitionierte technische Show“ mit Videos von fettFilm ist eine Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen und mit Det Kongelige Teater Kopenhagen, so Opernintendant Hein Mulders.

Vorher allerdings steigt in Köln eine gigantische Sause. Am 19. und 20. September wird die ganze Stadt zum Kulturtempel. Die Bühnen laden ein zum Tag der Offenen Tür, präsentieren Technikshows, und Musik in allen Gassen schafft den Soundtrack zum Straßenfest. Das Highlight bildet ein Crossover Konzert mit dem Gürzenich Orchester, dem Opernensemble und der populären Kölschrock-Band Kasalla.
Was der Stadtgesellschaft die Party, wird für die Gäste der Festakt zur Wiedereröffnung der Bühnen für Schauspiel und Oper. Das „künstlerische Herz“ kehrt zurück in das in neuem Glanz erstrahlende Opernhaus; für die musikalische Strahlkraft sorgen das Gürzenich Orchester unter GMD Andrés Orozco -Estrada und die First Lady der deutschen Sopranistinnen, Diana Damrau, am 24. September.
Der Rosenkavalier von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal kommt als „neue Ausgabe“ auf die Bühne, so der GMD. Regie führt die Video-Künstlerin Marie-Ève Signeyrole, deren Konzept Film und Theater „amalgamiert“. Premiere eine Woche nach den Festlichkeiten am 27. September. Ein Altmeister (sicher ohne Video) hat ursprünglich für das Aalto Theater in Essen das Barock-Oratorium Kain und Abel von Alessandro Scarlatti inszeniert. Dietrich Hilsdorf zeigt als Psychodrama ein Kammerspiel für sechs Personen: Kain und sein Bruder Abel, Adam und Eva sowie Gott und der Teufel sind in den ersten Mord der Menschheit verwickelt. Anders als sonst oft üblich singen nicht Countertenöre das Geschwisterpaar, sondern die Mezzosopranistin Adriana Bastidas-Gamboa und die Sopranistin Alina König Rannenberg verkörpern Kain und Abel. Premiere am 1. November 2026.
Zum 100. Geburtstag ehrt die Oper Köln den Komponisten Hans Werner Henze mit seinem „Vaudeville in fünf Tableaus“ La Piccola Cubana oder ein Leben für die Kunst. Henze reiste selbst nach Kuba und kehrte völlig desillusioniert zurück: Durch die Augen einer Varietékünstlerin blickt er in diesem Kammerspiel mit Texten von Hans Magnus Enzensberger auf die Folgen der Revolution. Regie führt Cecilia Ligorio, die mit La Cenerentola und Don Giovanni in vorangegangenen Spielzeiten große Erfolge erzielt. Ab 24. Januar 2027 im Saal der Kinderoper, die – einzigartig in Deutschland – nun einen eigenen Standort bezieht.
Für genau vier Wochen heißt es dann wieder Bühne frei für die Cecilia Wolkenburg im Kölner Männer-Gesang-Verein. Vom 10. Januar bis zum 9. Februar gedenken die Herren mit dem Divertissimentchen aus der Feder von Lajos Wenzel der urkölschen, einzigartigen Trude Herr zum 100. Geburtstag. Kult das Zillche in reiner Männerbesetzung und Kult dat kölsche Hätz der Titelfigur aus dem Vringsveedel!
Ein Wiedersehen und -hören gibt es mit den Sopranistin Selene Zanetti, die als Gräfin in Le Nozze di Figaro die Herzen bewegte. Diesmal als Marie in Die Verkaufte Braut des tschechischen Komponisten Bedřich Smetana. Diese komische Oper wurde 1866 in Prag uraufgeführt, trat ihren Siegeszug aber erst nach der Aufführung in Wien auf Deutsch im Jahr 1892 an, acht Jahre nach Smetanas Tod. Er erlebte den Welterfolg seines Werks nicht mehr. Die Produktion wird als erstes im April 2026 am Teatro Real Madrid gezeigt, dann ebenfalls in La Monnaie in Brüssel und an der Opéra National de Lyon. Premiere in Köln am 28. Februar 2027.
In Zusammenarbeit mit der Akademie für Theater und Digitalität, Dortmund, entsteht die Szenografie für Siegfried, im Bühnenfestspiel „Der Ring des Nibelungen“ der zweite Teil. Richard Wagner als Komponist und Librettist in Personalunion dürfte mit kritischen Augen auf diese Inszenierung blicken, wird sie doch im Milieu des Computer-Gaming angesiedelt. Premiere am 4. April 2027.
Mit der flippig-farbenfrohen Inszenierung von L’Elisir d’amore gab der italienische Regisseur Damiano Michieletto an der Oper Köln seine Visitenkarte ab. Nun übernimmt Köln seine Umsetzung von Giuseppe Verdis Macbeth von La Fenice in Venedig. Das Melodram um den König und die skrupellose Lady Macbeth liegt in den Dirigentenhänden des Verdi-Experten Giuliano Carella. Die Ensemblemitglieder Insik Choi als Bariton und Adriana Bastidas-Gamboa als Mezzo stellen sich großen Herausforderungen. In ein- und derselben Spielzeit umspannt die gebürtige Kolumbianerin dann Scarlatti und Verdi, Barock und dramatisches Musiktheater. Premiere am 2. Mai 2027.
40 Jahre nach dem blutrünstigen Macbeth wurde Madama Butterfly 1904 uraufgeführt. Giacomo Puccini war um 1900 der Weltstar der Oper, mit der Darstellung der Liebe einer exotischen Schönheit und eines oberflächlichen amerikanischen Offiziers schuf er eine tragische Heldin, deren Schicksal niemanden kalt lässt. Die „japanische Tragödie“ mit der koreanischen Sopranistin Sua Jo feiert am 6. Juni 2027 Premiere.
Als krönenden Abschluss der neuen Spielzeit im alten Haus zeigt die Oper Köln Dido und Aeneas als choreografische Oper. Mit der Barockmusik von Henry Purcell und der Tanzkunst von Sasha Waltz erhält das Stück eine neue ästhetische Dimension: In einem riesigen Aquarium zelebriert das Tanzensemble ein Wasserballett. Es verschmelzen Symbole des Untergangs und der Liebe. Die Produktion von Sasha Waltz & Guests sowie der Akademie für Alte Musik Berlin wurde seit ihrer Uraufführung 2005 an verschiedenen Häusern gezeigt. Köln hat zwei Termine für das ungewöhnliche Spektakel reserviert: den 14. und 15. Juli 2027.
Außer den acht Premieren stehen sechs Wiederaufnahmen auf dem Programm: Rigoletto, Die Zauberflöte, My Fair Lady, Così fan tutte, Rusalka und Die Krönung der Poppea.