Keine Frage, dieser Barbier von Bonn wird zum Kassenschlager der Saison! Mehr als 200 Jahre hat das Stück auf dem Buckel und reißt nun mit einer rüschenbefreiten Show das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Platz da (Largo al factotum) für einen fantastischen Figaro, der in seinem Barber Shop die Strippen zieht und am Ende dem Liebespaar zu seinem keck erschwindelten Eheglück verhilft. Weniger Mädchen für alles und mehr Hans Dampf in allen Gassen!
Tempo heißt auch die Maxime der Regie, in der Musik von Gioachino Rossini mit seinen sich bis ins Unermessliche steigernden Crescendi sowieso. Atemlos die Verfolgungsjagden, dagegen viel Atemtechnik verlangt vom Ensemble ebenso wie brillante Präzision im Parlando und eine ausgefeilte Akribie in den Koloraturen. Als Kick-off präsentiert der südafrikanische Regisseur Matthew Wild zur fast neunminütigen Ouvertüre ein rasantes, top designtes Video (Clemens Walter). Darin macht sich Startenor Antonio Almaviva mit seiner Begleitband auf ins richtige Leben in der Bonner Südstadt, die Jungs im Tourbus, er selbst auf dem E-Roller. Seine Starallüren kann er sich abschminken! Das Publikum hat Vergnügen daran und spendet begeisterten Applaus. Das Eis ist gebrochen, die Stimmung großartig.
Nun entfaltet sich ein Straßenleben mit einem Kiosk, einem Schlüssel-Quickdienst, einer Noodle Bar, einem Barber Shop und einer Zahnarztpraxis mit den darüber liegenden Wohnräumen von Dottore Bartolo und seiner Nichte Rosina. Der alte, griesgrämige Onkel ist erpicht auf eine Heirat mit seinem Mündel, vor allem der Mitgift wegen. Rosinas Leben spielt sich in Rosa ab und als Gesangsstudentin träumt sie von einer Opernkarriere. Ein paar Töne von draußen, Erinnerungen an eine kurze Begegnung – und schon verliebt sich das Mädel unsterblich in den Fremden. Der Bühnenstar wiederum will um seiner selbst willen und nicht wegen seines Reichtums und seiner Berühmtheit geliebt werden. Deshalb wirbt er inkognito als „Lindoro“, als mittelloser romantischer Schwärmer.
Dann ziehen Rossini und sein Librettist Cesare Sterbini alle Register einer Opera buffa. Es gibt Verleumdungen, Verwechslungen, Verkleidungen, Verdächtigungen, Versteckspiele – insbesondere von Briefchen und heimlichen Treffen und Berührungen. Alle Mitspieler sind käuflich, vom Soldaten über den Priester und den Notar. Die dramatis personae umfassen die komische Alte (die stets niesende Berta), den misanthropischen Zahnarzt Bartolo, die träumerische, aber widerspenstig-gewitzte Rosina, den knallverliebten, etwas linkischen Lindoro/Almaviva, den perfiden Don Basilio, der Almaviva mit einer Verleumdungskampagne aus dem Weg räumen will. Und natürlich den Sonnyboy Figaro, der alles weiß, alles durchblickt, alles mit Humor zurechtrückt und Dottore Bartolo austrickst.

In der Titelpartie glänzt Grisha Martirosyan – ein Hipster aus dem Bilderbuch, also der Insta-Story. Oh, what a man! And all that ink! (Allerdings nur auf einem Tattoo-Shirt!) Da stimmt vom Haar über den Bart, das Outfit, die moves, die coole Pose und das Lächeln einfach alles. Martirosyan verbindet sein komisches Talent mit einem agilen, souveränen Bariton, der sowohl in den Koloraturen als auch im Parlando fantastisch klingt. Seine Partie: ein virtuoses Meisterstück!
Mit Figaros Wunschprogrammnummer „Largo al factotum“ und Rosinas Auftrittsarie „Una voce poco fa“ haut Rossini gleich zu Beginn des Stücks die Nummer-eins-Hits des Barbier de Sevilla raus. Charlotte Quadt legt mit ihrem Mezzosopran die Bandbreite für diese Partie mit den ersten Noten an. Von den leichten Koloraturhöhen des verliebten Girlies bis hin zu den entschlossenen Tiefen der Kämpferin für die eigene Freiheit. Schön präsentiert sie das. Aber erst zum Schluss-Ensemble trägt sie eine exquisite Robe in pinkem Satin und einen emanzipierten Bob – wobei man ihr, respektive dem Kostümteam (Raphaela Rose), schon vorher mehr Mut zur Farbe gewünscht hätte.
Die Partie des Almaviva singt und spielt Anton Rositskii. Seine hohen Tenorkoloraturen, leichtfüßig dargeboten, in Verbindung mit seiner Spielfreude machen ihn als etwas täppisch Verliebten zu einem gelehrigen Schüler des Meister Figaro. Eine Freude wie immer, den Bass Pavel Kudinov als verschlagenen Don Basilio zu erleben. Tolles Kostüm, großartige Arien! Enrico Marabelli hat bereits 15 Rossini-Rollen gesungen. Souverän verleiht er daher seinen Buffobass dem herrschsüchtigen Egoisten Bartolo, der sich auch am Ende nicht von der überschäumenden Lebensfreude anstecken lässt.

Eine ganz neue Facette gibt es zu entdecken an der Koloratursopranistin Nicole Wacker. Ob als Königin der Nacht, als Forscherin im arktischen Eis oder als Ameise – sie besticht und fasziniert durch ihre extrem klaren, non-forcierten Spitzentöne. Als Berta gibt sie nun zum ersten Mal „die komische Alte“ im 50-er Jahre Kostüm. Köstlich, wie sie ihre Liebe beim Nudelessen mit dem Schlüssel-Quick-Mann findet. Sie hat nur eine Arie, aber die singt sie frech und selbstbewusst – eben in höchsten Tönen.
Ihr komödiantisches Talent beweisen wieder einmal die Herren vom Chor, besonders im Einspieler zu Beginn mit einer Persiflage auf den Opernbetrieb. Bei Rossini laufen sie zu Höchstform auf, wie die Bonner spätestens sei La Cenerentola wissen. Allerdings ist ihre starre Anordnung als Polizisten im Kettenfinale des 1. Akts eine verschenkte Chance, dem Ganzen noch mehr Drall zu verpassen. Schade! Der Graben aber hält, was der Dirigent Matteo Beltrami und das Beethoven Orchester Bonn versprechen. Die können Rossini! Die machen Dampf, die beherrschen den rasanten Wechsel von Crescendo und Diminuendo und bereiten die instrumentale Grundlage für den entzückenden Belcanto auf der Bühne. Bravissimi!
Als Extras führt Matthew Wild vier junge Hiphop-Tänzer ein, zwei Frauen und zwei Männer. Der ebenfalls aus Südafrika stammende Choreograf Rudi Smit hat die Tanzeinlagen einstudiert, die die street gang mit viel Ausdruckskraft und teilweise sehr witzig ins Geschehen einflicht. Vertiefen sie das Verständnis für das Bühnengeschehen? Oder sind sie add-ons als Anknüpfungspunkte für ein hippes, junges Publikum, die ebenso wie E-Roller oder Tätowierungen einen urbanen Lifestyle widerspiegeln? Einen Nerv trifft zweifellos die Visualisierung von Don Basilios Verleumdungsarie mit einer Social-Media Kampagne zu angeblichen sexuellen Übergriffen des Startenors jungen Violinistinnen des Orchesters gegenüber. Der kalkulierte Shitstorm entlädt sich wie geplant und vorverurteilt Almaviva als übergrifffigen weißen alten Mann. Clever gemacht, Chapeau, einschließlich der herabregnenden Wut-Emojis.
Max Karbe zeichnet für die Lichtregie verantwortlich und sorgt für den besten Durchblick für drinnen und draußen, oben und unten. Die Bühne hat Dirk Hofacker entworfen. In den fest installierten Läden sowie den rotierenden Boxen des Hauptgeschehens ist ständig action. Immerzu dreht sich etwas, immerzu geht’s treppauf und treppab, durch Schwingtüren und auf Litfaßsäulen – manchmal allzu turbulent, bisweilen klamaukig. Es gibt viel zu erfassen an gleichzeitigen visuellen Eindrücken – auch das ein Angebot an die Sehgewohnheiten junger Menschen, die am Laptop immer simultan mehrere Fenster geöffnet haben oder mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne schnell zum nächsten Bild weiterklicken.
Worin liegt Rossinis Magie, die das Bonner Premierenpublikum von den Stühlen riss? Die Musik, die einfach zeitlos glücklich macht? Das rasante Tempo, das alle in seinen Bann zieht und für zweieinhalb Stunden die Schrecken im richtigen Leben draußen vergessen lässt? Oder dass Der Barbier nach einem Drama von Beaumarchais (1775!) in der aktuellen Bonner Fassung einen herrlich unvoreingenommenen Blick auf das Stadtbild vermittelt? Hier tummeln sich nämlich High Society und hippe Gang, Studis und alte aus-dem-Fenster-Gucker, betuliche Damen, ein introvertierter Schlüsseldienstmann und ein intellektueller Kioskbesitzer, der in flauen Zeiten ein Reclamheft liest, ein Zahnarzt und eine asiatische Nudelbar. Und natürlich der Friseur!
Das Theater Bonn spielt die Oper Der Barbier von Sevilla noch 11 Mal bis zum 17. Juni 2026. Weitere Infos und Karten gibt es hier.
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