Will Humburg hat sein Versprechen eingelöst. Giuseppe Verdis Nabucco (1842) und das vermeintlich ständige Hmtata hat er an der Oper Bonn mit frischen, nie gehörten Akzenten versehen. Aus dem Rohdiamanten von Verdis erstem erfolgreichen Frühwerk schleift er mit dem Beethoven Orchester Bonn ein fein ziseliertes, facettenreiches Juwel. Seine Phrasierungen, der Wechsel zwischen forte und piano, Fermate und die Einsätze der Soloinstrumente machen sein Dirigat dieses Repertoirerenners zu einem Ereignis. Das Publikum feiert ihn und das BOB mit frenetischem Applaus.
Der Jubel der stehenden Ovationen galt aber ebenfalls allen Beteiligten an dieser Produktion. Ein wundervoller Cast mit Aluda Todua in der Titelrolle, Erika Grimaldi als seine illegitime Tochter Abigaille, der Hohepriester der Hebräer Derrick Ballard, als Liebespaar Ismaele und Fenena Ioan Hotea und Charlotte Quadt sowie Marie Heeschen, Ralf Rachbauer und Christopher Jähnig als Anna, Abdallo und Hohepriester des Baal boten sängerisch und darstellerisch eine beeindruckende Performance. Über Strecken bevölkerten knapp 100 Sängerinnen und Sänger des Chors und Extrachors die Bühne, ergänzt durch die Statisterie des Schauspiels Bonn.
Den Chor – eigentlich die Chöre – hat Chordirektor André Kellinghaus in seiner Gesamt- und Besonderheit dieser Inszenierung von Roland Schwab perfekt vorbereitet. Als heimliche Hauptdarsteller stehen sich in der konventionellen Oper die Hebräer und die Babylonier gegenüber als zwei verfeindete Völker mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen: hier Jehova und dort Baal. Wie allerdings inszeniert man in der heutigen Zeit mit abscheulichen Kriegshandlungen aus vordergründig religiösen Motiven eine Geschichte, bei der es nahezu unmöglich wäre, eindeutig Partei zu ergreifen?

Die Regie konzentriert sich auf das Hauptthema des Stücks: die menschliche Hybris, den unstillbaren Machthunger, den Sturz von Potentaten, die sich selbst zum Gott erheben. Die beiden Völker vereint Schwab in eins als einen Chor; Unterschiede eliminiert er auch in den Kostümen, sei es in den Non-Farben der meisten Auftritte oder in der Glitzerrobe zur Selbstinthronisierung von Abigaille. Vor allem wird die Vereinheitlichung der conditio humana im „Va pensiero“ augen- und ohrenfällig: Dieses Chorstück entwickelt in der großen Menschenzahl eine Potenzierung seiner unnachahmlichen Wirkung von Leid und Sehnsucht, von der Nostalgie eines elysischen Zustands. Vor allem, wenn es so zum Niederknien schön intoniert wird wie auf der Bonner Opernbühne.
Verdi und sein Librettist Temistocle Solera verlegen die Handlung in das 6. vorchristliche Jahrhundert und verwenden dazu Elemente aus dem Alten Testament. Ein biblischer Stoff, die Ähnlichkeit zu einem eher statischen Oratorium und die Anklänge an eine Saulus-Paulus Geschichte besänftigten die ansonsten strenge katholische Zensur. Worum geht’s? Die Hebräer oder Israeliten leiden in babylonischer Gefangenschaft. Babels Herrscher Nabucco befindet sich auf einem Vernichtungsfeldzug gegen seine Feinde: die Tempel niederbrennen und die Menschen morden. Hier thront er im Maßanzug und mit einer Cohiba-Zigarre weit über dem Geschehen, völlig abgehoben im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Georgier Aluda Todua bringt für diese Rolle einen warmen, volltönenden Bariton sowie eine große darstellerische Vielfalt mit. Gibt er zu Beginn den machtstrotzenden Paten, der sich mit bewaffneten Bodyguards Respekt verschafft, überzeugt er winselnd in seinem Irrsinn noch viel mehr. Ausdrucksstark gestaltet er die Läuterung und die Hinwendung zu Jehova sowie die Übertrumpfung von Abigaille, seiner außerehelichen Tochter mit einer Sklavin.
Diese wiederum ist von einem monströsen Machtwillen getrieben: Sie wringt ein blutgetränktes Gewand aus und schreit förmlich nach mehr Gewalt. Die Italienerin Erika Grimaldi debütiert in dieser Rolle, mit der sie den „Sopran-Mount-Everest“ bezwingt. Eine wahre Herausforderung, was Verdi für die Primadonna hier komponiert hat: Sprünge über zwei Oktaven, Koloraturen in den höchsten Höhen und abwärts, lyrische Passagen und Rezitative, mit denen sie ihre Schergen auf Linie bringt. Als Abigaille schreit sie ihre Wut darüber raus, dass ein Dokument ihre wahre Herkunft belegt und sich ihr Anspruch auf den Thron als null und nichtig erweist.

Ihre sanfte Halbschwester Fenena wird den Thron ihres Vaters besteigen und äußert in ihrer Abschiedsarie Ruhe und Zuversicht. Charlotte Quadt personifiziert eine friedliche Oase in dieser gewalttätigen Welt mit ihrem fein geführten Mezzosopran. Fenenas Liebesgeschichte mit Ismaele, dem zuliebe sie zum Judentum konvertiert, zeigt sich auf den ersten Blick, indem sie beide die gleiche, helle Kostümfarbe tragen. Den Tenor Ioan Hotea haben die Bonner als Duca di Mantova in Verdis Rigoletto schätzen gelernt. Seine Rolle als Ismaele bereitet ihm gemessen an seinem Profil als lyrischer Tenor wenig Gelegenheit, seine sängerischen Qualitäten voll zu entfalten. Die spektakulärste Szene erlebt Ismaele, als der Mob ihn lynchen will, weil sie ihn für einen Kollaborateur mit den Babyloniern halten. Das Liebespaar kriegt sich, aber die Romanze bleibt in Nabucco nur eine Randnotiz.
Als Religionsführer und Hohepriester fällt dem Anführer der Hebräer die Aufgabe zu, seinem Volk, das geknechtet und eingekerkert am Boden liegt, Hoffnung, Zuversicht und vor allem Handlungswillen zu vermitteln. Der amerikanische Bass Derrick Ballard gibt die Figur des Zaccaria mit der nötigen Ernsthaftigkeit und dem tiefen g, die beeindruckenderen Führungsqualitäten haben allerdings Nabucco und Abigaille.
Giuseppe Verdi hat mit „Va pensiero“ die heimliche Nationalhymne Italiens komponiert, knapp 20 Jahre vor der Staatsgründung und der Vereinigung des Landes unter König Vittorio Emanuele im Jahre 1861. Mehr als die Hälfte der Italiener sind auch heute davon überzeugt, dass dieser Chor tatsächlich die offizielle Nationalhymne ist. Allerdings war zur Uraufführung von Nabucco noch keine Rede von Risorgimento, von Garibaldi und seinen Plänen, die Herrschaft der verhassten Habsburger zu vertreiben. Erst ab 1860 eigneten sich politische Führer von den Freiheitskämpfern über Mussolini hin zur neofaschistischen Lega Nord das „Va pensiero“ als einendes nationales Pathos an.
Die politische Dimension der Oper versinnbildlicht die Regie im ungebremsten Machtstreben, im brutalen Ausräumen von Feinden, im Einsetzen von Schlägertrupps, in hybrisumrankter Selbstherrlichkeit, belegt durch „die üblichen Verdächtigen“ der Geschichte und der aktuellen politischen Herrscherkaste. Im flackernden Stroboskoplicht leuchten die Schreckensherrscher auf, dokumentiert in verschiedenen Sprachen bis hin zu Koreanisch. Als Nabucco in Zwangsjacke im Irrenhaus wieder zu Sinnen kommt, hängen von den Neonschriften nur noch die Kabel schlaff herab: das einst legendär schöne Babel nur noch Ruine.
Fazit: Ein beglückendes Opernfest! Intelligente Regie mit einem durchgängigen Bühnenbild, das mit der Rampe im Hintergrund spektakuläre Aktionen der Vielen ermöglicht. Musikalische Raffinesse wie Solo-Cello (auch auf der Bühne) und Flötensoli. Die italienische Banda aus dem Off für die couleur locale nicht am Euphrat, sondern am Po. Unbedingt anschauen und sich durch Musik und Gesang begeistern und durch die Inszenierung zur politischen Reflektion anregen lassen.
Die Oper Bonn spielt Nabucco noch elfmal bis zum 5. April 2026. Infos und Karten hier.
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