Les Troyens – Und Troja lebt in Rom weiter

Ein elegantes Pferd mit grazil ausschreitenden Hufen bahnt sich auf einer riesigen semi-transparenten Leinwand den Weg: Aus der temporären Opernspielstätte im Staatenhaus in Köln zieht es stolz hinaus in die Herbstnacht. Wie anders das mythologische trojanische Pferd, grob und ungeschlacht gezimmert, das mit waffenklirrenden Kämpfern im Bauch den Untergang Trojas einläutet. Für das Ungetüm reißen die Trojaner Mauern ein und ziehen mit eigenen Kräften das Danaergeschenk in die Festung ihrer zehn Jahre lang uneinnehmbaren Stadt.

Der Fall Trojas bildet den einen Handlungsstrang der Oper Les Troyens von Hector (!) Berlioz; der zweite erzählt die Geschichte von Dido und Aeneas, einem der berühmtesten Liebespaare der griechischen Mythologie. Beide Ereignisse – das monumentale und das intime – gestaltet Berlioz als Grand opéra, in fünf Akten, ohne gesprochene Dialoge, mit Ballett im vierten Akt. 1856 beginnt er mit der Komposition, stellt sie aber erst Jahre später fertig und sieht zu Lebzeiten nur einmal die Akte drei bis fünf auf der Bühne, nie das gesamte Werk. 1890 erfolgt die Uraufführung in Karlsruhe, allerdings an zwei Abenden. Die Oper Köln hat Les Troyens unter der musikalischen Leitung von François Xavier Roth als tatsächlich groß(artige)e erste Premiere der Spielzeit 2022/23 gewählt. Gewagt – gewonnen! Mit begeistertem Applaus und stehenden Ovationen honorierte das Publikum ein Opernerlebnis der Spitzenklasse.

Die Heldinnen und Helden unserer Latein- und Geschichtsbücher begegnen uns hier wieder wie alte Bekannte. Der bereits tote und geschundene Hektor, seine trauernde Witwe Andromache, sein Vater Priamos und die Mutter Hekuba sowie seine Schwester Kassandra. Letztere weist den werbenden Gott Apoll zurück und erhält eine schreckliche Gabe: die Vorhersagen des Schicksals, denen niemand Glauben schenkt. Laokoon und seine Söhne werden von zwei Schlangen gewürgt und getötet, als sie die Gefahr erkennen und das unheilvolle Pferd verbrennen wollen.

Nur der trojanische Held Aeneas, Sohn der Venus, nimmt Kassandras Vorhersagen ernst und beugt sich dem Auftrag der Götter. Er schafft den Schatz des Priamos aus der Stadt und segelt mit seinem Sohn Ascanius nach Westen über das Mittelmeer. Seine Mission lautet, in Rom eine neue Herrschaft aufzubauen. Kassandra begeht mit den stolzen Troerinnen kollektiven Selbstmord und verbindet sich damit am Ende mit der vor Wut und Enttäuschung rasenden Dido. Nicht zu sisters in arms (nach den Waffen rufen die männlichen Heerführer allenthalben), sondern zu sœurs de l’autodétermination – sie entscheiden ihr Schicksal selbst.

Isabelle Druet als Kassandra, ©Matthias Jung

Hier ist dieser Teil der Oper auserzählt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf der Bühne passiert ja nicht viel. Vom Schlachtengetümmel über das Verschwinden der Griechen hin zum Tode Hektors und Laokoons erfährt der Zuschauer die Details als Mauerschau und dabei verkörpert die wunderbare französische Mezzosopranistin Isabelle Druet die Kassandra. Im Mittelpunkt dieser Trojaner allerdings steht oder besser sitzt das Gürzenich Orchester auf einer eigens für diese Produktion gebauten riesigen Drehscheibe. Die enorme Dimension der ursprünglichen Messehalle erlaubt dem Regisseur Johannes Erath die maximale Ausnutzung eines Raums, den ein gängiges Opernhaus nie zur Verfügung hat. Um das mittlere Rund legt er einen gläsernen, von unten beleuchteten Ring, auf dem sich die Sängerinnen und Sänger mal mehr oder weniger schnell bewegen, davontragen lassen oder statisch verharren. Transparente Stellwände mit leuchtenden Rahmen gliedern diesen Ring und erzeugen im eigentlich leeren Raum eine sinnfällige Struktur.

Die Ringform spiegelt das Kreisrund des antiken Amphitheaters, dessen Stufen Platz bieten für den mit 80 Sängerinnen und Sängern reich besetzten Chor – wobei Berlioz im Originalprogramm seines Poème Lyrique noch üppige 200 bis 300 Chormitglieder veranschlagte. Für die Akustik übrigens ein Segen, das gesamte Bühnenrund mit Wänden zu versehen. Links vom musikalischen Kreis eine kleine Nebenbühne für den Palast der Dido in Karthago – mit vielfältigem filigranen Blumenschmuck als Symbol für die Erdverbundenheit der Karthager und ihrer Verehrung für Ceres, die Göttin des Ackerbaus. Das Pendant auf der rechten Seite bildet das Podest für sechs Harfen, die nicht nur prächtig aussehen, sondern der Liebesszene auch den zärtlich-süßen Schmelz verleihen.

ITALIE! Auf dem Höhepunkt seines Liebesglücks mit Dido erinnern die Rufe der Götter an seinen Auftrag. Er muss sich lösen und im bis dato insignifikanten Rom ein neues Herrscherreich errichten. Hier entsteht eine bewährte Mischung aus Historie, Mythologie und Geschichtsklitterung. Kaiser Augustus, der sich später als Sohn der Götter bezeichnet, beauftragte Vergil, so etwas wie ein Nationalepos zu schreiben. Der bediente sich bei Homer und dessen Ilias und schuf so die „direkte genealogische Verbindung“ zwischen den edlen trojanischen Helden und den Ursprüngen Roms. Der Krieg also – wie auch hier – aller Dinge Vater (nach Heraklit)? Dann lohnt sich ein Blick zurück und in Analogie zu formulieren „Die Liebe ist aller Kriege Mutter“. Der trojanische Krieg war durch den Raub der Helena initiiert; die geschichtlich verbürgten punischen Kriege und Catos legendärer Satz „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ als Folge von Didos Flüchen und Verwünschungen, die sie dem heimlich abreisenden Aeneas hinterherschleuderte. Diese Kriege wiederum zementierten Roms Anspruch als caput mundi und urbs aeterna, als ewige Hauptstadt der Welt.

Chorszene, © Matthias Jung

Les Troyens beginnt nach wenigen Takten statt mit einer Ouvertüre mit dem Chor der Trojaner, die sich nach dem vermeintlichen Abzug der Griechen endlich wieder frei fühlen. Der Auftakt für eine Reihe von fantastischen Chorszenen, die dieser Oper so viel Plastizität verleihen. Bombastisch glorifiziert er die Königin Dido, ausgelassen feiert er das Fest des Volkes. Die Sängerinnen und Sänger verkörpern ganze Völker, Seeleute, Party girls und Bauern und den jeweiligen Hofstaat in Troja und Karthago. Chorleiter Rustam Samedov lässt seine Chordamen und -herren immer strahlender auftreten und musikalisch glänzen. Dazu gesellen sich die symbolträchtigen Kostüme – von der schwarzen Trauerkleidung über die schwarz-weiße Melange der ungewissen Phase bis hin zum Weiß im liebestrunkenen vierten Akt – und die sehr gelungene Choreografie auf den Stufen, dem Glasring oder hinter dem Publikum auf der Tribüne.

François Xavier Roth sieht (und hört) man an, dass er bei Berlioz einen Seelenverwandten aufgespürt hat. Nur ein einziges Mal in vier Stunden gönnt er seinen Musikerinnen und Musikern eine kleine Verschnaufpause – nach Aeneas‘ endgültigem Abschied von Dido. Ansonsten dirigiert er den abrupten Wechsel zwischen elegischen, lyrischen Passagen und imperialen Hymnen. Walzern und Trauermärschen, ohne Luft zu holen. Er breitet Klangräume aus, die die Geschichte „ohne Worte“ erzählen. Dazu gehören die rein musikalischen Ballette ohne den ursprünglich obligatorischen Tanz der nubischen und äyptischen Sklavinnen – das wäre heute zurecht nicht aufführbar. Rufe zu den Waffen begleiten krasse, donnernde Perkussionen. Trompeten und Posaunen aus dem Off kündigen Königliches und Heldenhaftes an, mitunter auch von oben über der Tribüne oder von rechts und links aus der Halle. Ein dolby-surround Effekt, der sich so effektvoll im Interim des Staatenhauses erzielen lässt.

Das Libretto zu Les Troyens hat Berlioz weitgehend selbst verfasst, basierend auf den Versen Vergils. Die Süße trieft (textlich), wenn Aeneas Didos letzte Zweifel ausräumen will und singt: „Kommt, liebe Dido, atmet die Seufzer dieses schmeichelnden Windes.“ Wer dann beim Liebesduett zur „Nacht der Trunkenheit und unendlicher Entrücktheit (nuit d’ivresse) nicht weint, hat kein (Opern-)Herz. Der eigentliche Akt der Vereinigung findet dann nur als musikalischer Höhepunkt statt, das glückliche Paar zieht sich diskret zurück und das Orchester dreht sich zum Flötensolo der entrückten Nacht. Enea Scala als Aeneas und Veronica Simeoni als Dido ernten hier sehr zu recht überschäumenden Applaus. Der italienische Tenor verfügt über eine breite Skala von samtigem Schmelz bis hin zu den scharfen Tönen des Heldentenors, die er als Aeneas voll ausspielt. Die Mezzosopranistin Veronica Simeoni überzeugt am stärksten, wenn sie am Ende, nachdem sie ihre Vorbehalte über Bord geworfen und mit dem trojanischen Helden eine Liebesnacht verbracht hat, in wahnsinnige Rage verfällt. Das spielt sie gut, das singt sie toll. Im Tod tröstet sie die Vision, dass ein Karthager namens Hannibal sie einst rächen wird.

Enea Scala als Aeneas und Veronica Simeoni als Dido, © Matthias Jung

Didos Schwester Anna gibt die kolumbianische Mezzosopranistin Adriana Bastidas-Gamboa. Das Kölner Publikum liebt sie wegen ihres vielseitigen Gesangs und ihres starken Ausdrucks. Als Anna verkörpert sie die Stimme der Vernunft: Ihrer königlichen Schwester redet sie gut zu, wieder eine neue Bindung einzugehen, und genehmigt sich en passant auch ein kleines Liebesglück. War es ihre Schuld, dass sie Aeneas für bindungsfähig und ehetauglich hielt? Hatte sie die Macht der Götter unterschätzt, bei denen eben Jupiter und Mars das Sagen haben?

30 Sängerinnen und Sänger listet die Besetzung auf, bis auf die genannten Gastsängerinnen und -sänger alle Mitglieder des Ensembles. Die überzeugende musikalische Ästhetik basiert auf deren künstlerischer Kompetenz in ihrer Gesamtheit. Herausragend dabei die Arien von Young Woo Kim als Hylas und Dimitri Invanchey als Iopas, die eingerahmt von Flöten und Harfen, die Sehnsucht nach der vertrauten Heimat und einen Lobgesang auf die fruchtbare Göttin Ceres singen. Sehr, sehr schön!

Und die Götter dieser antiken Welten? Sie, die ganze Völker vernichten und Einzelschicksale zu ihrer Sache machen, hängen am Ende schlapp, macht- und kraftlos in den Seilen. Glänzten sie anfangs noch in einer Promi-Parade und arrangiert für ein Instagram-Foto, verlieren sie zunehmend an göttlichem Glanz. Ihrer Attribute und ihrer Kleidung beraubt, schrumpfen sie auf ein Normalmaß. Was will Johannes Erath damit vermitteln? Die Menschen müssen sich von den Göttern emanzipieren und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen – so wie die starken Frauen, die diese Oper tragen?

Wie Odysseus muss sich Aeneas auf einer ungewissen Fahrt beweisen. Der eine verlässt alle Stationen seiner Reise mit dem innigen Wunsch, nach Hause zu kommen, zu seiner geliebten Penelope und seinem Volk in Ithaka. Er verlässt die Insel der Circe, weil er und seine Männer dort Sex und andere Annehmlichkeiten finden. Der andere hat einen göttlichen Auftrag und lässt dafür seine große Liebe im Stich. So singt Didos Schwester Anna „Eine Stimme sagt ihm: Geh! Eine andere ruft ihm zu: Bleib! Amor ist der größte aller Götter.“ Sie irrt. Es ist Mars; sein nach oben gerichteter Pfeil im Kreis gilt auch heute noch als Symbol der Männlichkeit.

Die Oper Köln spielt Les Troyens bis zum 15. Oktober 2022 noch neun Mal. Infos und Karten gibt es hier.

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