Il Barbiere di Siviglia

Zunächst Avantgarde, dann Legende, heute Kult – was haben Otto Schenks Rosenkavalier, Ruth Berghaus‘ Il barbiere di Siviglia und die Rolling Stones gemeinsam? Die Strauss-Inszenierung aus Wien, Rossinis Top-Seller aus der Staatsoper Unter den Linden und die weltweiten Touren von Mick Jagger und seiner Band sind Bühnengiganten, die auch nach Jahren und Jahrzehnten mit Spitzenqualität aufwarten. Die Oper Köln gönnt sich und dem Publikum nun als glänzenden Abschluss für eine gleichermaßen faszinierende wie aufregende Spielzeit Gioacchino Rossinis Opera buffa Il barbiere di Siviglia ossia L’inutile precauzione, die seit ihrer Premiere 1816 zu den echten Repertoire-Rennern zählt.

Knapp 20 Jahre lang wurde Il barbiere zu DDR-Zeiten in Ostberlin aufgeführt, danach über mehr als 30 Jahre in der wiedervereinten, mauerbefreiten, gesamtdeutschen Hauptstadt. Ruth Berghaus landete nach ihrer ersten Opernregie (Elektra) mit Il barbiere di Siviglia einen Bühnencoup, wie ihn das deutsche Musiktheater kein zweites Mal erlebte. 1968 feierte das Stück mit dem Bühnenbild ihres kongenialen Partners Achim Freyer in der Lindenoper Premiere. Was so vollkommen ist, dass es Jahrzehnte und Staatsformen überdauert, genießt Denkmalschutz und darf nur – wie jetzt in Köln – absolut unverändert aufgeführt werden.

Altbacken? Langweilig? Retro-Charme? Weit gefehlt! Die Oper lebt vom exquisiten Gesang und vom lustvollen Spiel. Und da trumpfen in Köln Ensemble und Gäste auf! Allen voran die wunderbar vielseitige

Adriana Bastidas-Gamboa als Rosina, © Paul Leclaire

Adriana Bastidas-Gamboa, die die Rokoko-Rosina in ihrem Rollendebut einfach hinreißend verkörpert. Da perlen die Koloraturen nur so! Da gestaltet sie die zungen- und halsbrecherischen Läufe mit augenzwinkerndem Charme. Ihr Mezzosopran verfügt über eine herrliche Bandbreite von metaphysisch-lyrisch als Pilger in L’Amour de Loin, erotisch-verführerisch und selbstbewusst als Carmen oder eben jetzt jugendfrisch-neckisch verliebt als Angebetete des Grafen Almavia und reiches Mündel des Doktor Bartolo. „Maledetto vecchio“ ruft sie ihm hinterher, du verfluchter Alter.

Darin steckt schon die ganze Geschichte, die auf eine Vorlage von Beaumarchais zurückgeht. Der Alte hat vor, seine Schutzbefohlene (die reizende Rosina) am nächsten Morgen zu heiraten. Aber der bildschöne Prince Charming alias Graf Almaviva alias Lindoro kommt ihm mit Hilfe von Figaro, dem Barbiere, einfach zuvor und präsentiert ihm ein schmerzhaftes Fait accompli. All‘ seine Vorsichtsmaßnahmen haben nichts genützt (L’inutile precauzione) und der Kontrollfreak unterliegt dem Charmebolzen. Welch süßes Fingerspiel, welch Füßeln und Schmeicheln gehen dem Liebesglück voraus! Welch Seufzen geht mit der Auftrittsarie „Una voce poco fa“ einher. Aber wir wissen Bescheid: Die Soap Opera hat uns die nächste Folge bereits 30 Jahre vorher in Mozarts Le Nozze di Figaro beschert. Da hat sich Conte Almaviva mittlerweile als Schürzenjäger entpuppt und die schöne Gräfin Rosina trauert genau diesem Verliebtsein nach: Dove sono i bei momenti?

Den simplen Plot verlegt Ruth Berghaus auf eine streng reduzierte Guckkastenbühne, sie präsentiert ein Theater im Theater, den Vorhang, als wallendes Tuch vor einem Straßenzug mit aufgemalten Palazzi in weiß und grau, betätigen die Sängerinnen und Sänger selbst. Eine sehr überschaubare kleine Welt, in der ein jedes und jeder seinen festen Platz hat, streng hierarchisch organisiert. So schwingen sich Lindoro und Rosina selbstbewusst auf die Souffleurkastenmuschel, die Figaro nur heimlich erklimmt. Stattdessen dient sein Rücken den beiden Verliebten hin und wieder als Sitzgelegenheit. Klar, wer hier buckelt!

Wolfgang Stefan Schwaiger als Figaro, © Paul Leclaire

Und dennoch verfügt dieser Figaro-Filou über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Seine Arie „Largo al factotum“ (Platz da für das Faktotum), weltberühmt und ein party piece der Baritone, zeigt eindeutig: Ohne ihn läuft nichts in dieser Stadt! Ein ausgebuffter Intrigant, der seine Intelligenz für immer neue Ideen und für gute Geschäfte einsetzt. Wolfgang Stefan Schwaiger, früheres Mitglied der Internationalen Opernstudios Köln, singt und spielt sich vom ersten Ton der Auftrittsarie an in die Herzen des Publikums. Ein paar Stunden nur umfasst der klug konstruierte Intrigantenstadl, der durch Figaros immer neu erdachte Twists am (kurzatmigen) Leben bleibt. Wie ein Marionettenspieler hält der Barbiere die Fäden in der Hand und selbige gleichzeitig auf: Für ein gutes Geld verhilft er Almaviva/Lindoro zum Erfolg und zum Glück.

Ruth Berghaus platziert das Setting in der Welt der Commedia dell’Arte. So dirigiert Almavivas Diener Fiorillo (David Howes, noch Mitglied im Internationalen Opernstudio) zu Beginn das gesamte Personal der Harlekine, Pantalone, Dottore mit ihren Instrumenten. Will sagen, in der gesamten Oper geht es nicht um ausdifferenzierte Individuen, sondern um typisierte Gestalten, die Rossinis Zeitgenossen durchaus geläufig waren und noch im Verismo der Pagliacci (Der Bajazzo) von Leoncavallo verstanden wurde. Die Brüchigkeit dieser festen Gesellschaftsordnung zeigt sie in einem kleinen Detail. Der Baldachin über der Bühne stellt im Relief Rosina und Almaviva – umgeben von Putten – dar, die sich in zärtlicher Liebe zugewandt sind und auf Erfüllung warten. Aber eins der rundlichen Engelchen hat sich aus der Schablone gelöst und baumelt nun kopfüber in äußerst prekärer Lage. Allerdings trifft Rossini eine klare Entscheidung. Wo das Ganze als Opera seria auch tragisch hätte ausgehen können – schließlich sind Messer, Gewehre und Pistolen im Spiel -, dreht sich die Handlung nach dem obligatorischen Rossini-Gewitter zum heiteren Ausgang.

Graf Almaviva hat einfach alles, was so einen begehrten Junggesellen ausmacht. Er sieht blendend aus, macht in Reisemantel wie im Regimentsrock und erst recht im Glitzer-Justaucorps bella figura. Mit Alasdair Kent, einem ausgewiesenen Rossini-Sänger, hat die Oper Köln die Rolle fabelhaft besetzt. Er verfügt über einen ausgesprochen klaren Tenor, sicher in den Höhen und flexibel in dem wahnsinnigen Tempo mancher Passagen, der ihn, gepaart mit seiner komödiantischen Spiellust, zu einer echten Kölner Entdeckung macht.

Aber was wäre eine Opera buffa ohne die Fieslinge, die Unsympathen, kurz Bass & Bariton? Ein Erzkomödiant gibt in der Rolle des Doktor Bartolo sein Hausdebüt: Enrico Marabelli. Zu den Idiosynkrasien seiner Figur gehört die Paranoia ebenso wie exaltierte Bewegungen, die ihn zuweilen zu einer Slapstick Figur machen. Demgegenüber legt er Gravität in sein immerwährendes Misstrauen und fühlt sich allen anderen gegenüber überlegen. Tja, und dann folgt der tiefe Fall. Am Ende ist er der düpierte Depp.

Eine windige Gestalt präsentiert der an der Oper Köln beliebte Bass Bjarni Thor Kristinsson. Er gibt den Musiklehrer Don Basilio, der seinen Brötchengeber Doktor Bartolo mit einer fiesen Kampagne zum Erfolg führen will. In seiner Arie „La colunna“ erläutert er präzis die Funktionsweisen von Verleumdung und übler Nachrede, die sich von einem zarten Wehen zu einem vernichtenden Sturm ausbreiten. Ein frühes Beispiel von Mobbing, bevor es Cyber überhaupt gab! Hier paaren sich eine beeindruckende Gestalt und eine gewaltige Stimme, die auch vor Bosheit strotzen kann.

Und da waren da noch … Claudia Rohrbach als Haushälterin Berta, die sich Corona-unpassend niesend durch das Chaos des Verwandelns, Versteckens, Vertuschens singt. Als Sopranistin eine Institution an der Oper Köln! Florian Eckhardt als Ambrogio, der auf leisen Sohlen tanzend die sich aufbauschenden Stoffbahnen für den bevorstehenden Gewittersturm festzurrt. Der Herrenchor der Oper Köln glänzte als Komödiantentruppe, auch sängerisch stark als Soldaten und als Jäger. „Kleine Auftritte, aber wichtig!“, wie Chorleiter Rustam Samedov erläuterte.

Die Inszenierung beschränkt sich auf das Wesentliche, reduziert, ohne zu verfremden. Il barbiere die Siviglia lebt von der Musik. Gioacchino Rossini, Maestro del crescendo, zeigt hier ein Feuerwerk an musikalischer Lebensfreude, Lust am Spiel, temporeiche Facetten des Belcanto in zauberhafter Vokalkomposition. All das erfüllte das Gürzenich Orchester mit sommerlicher Leichtigkeit, mit wirbelnden Tutti, mit perlenden Soli (Oboe- und Fagott) und dem Gitarren-Accompagnato bei Lindoros Auftrittsarie. Am Cembalo begleitete Maestro George Petrou selbst die Rezitative, der ansonsten ein strammes Tempo vorgab, das das Gürzenich Orchester mitreißend gestaltete.

Fazit: Selten war die Spielfreude aller Beteiligten so ansteckend wie bei diesem Barbiere di Siviglia, selten hat das Publikum so laut und viel gelacht, selten hat es in Köln spontan stehende Ovationen gegeben. Ein wenig Patina haben vielleicht die Geldbörsen des Figaro und des Don Basilio angesetzt, aber die Oper selbst und gewiss diese Inszenierung von Ruth Berghaus gelten zurecht als unsterblich.

Die Oper Köln spielt Il Barbiere di Siviglia noch fünfmal bis zum 2. Juli 2022. Infos und Karten gibt es hier.

Den ersten Akt von Il Barbiere di Siviglia gibt es auf YouTube mit dem legendären Tenor Peter Schreier als Lindoro hier zu sehen.

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