Alles geplant, als wäre gar nichts – die Spielzeit 2022/23 am Theater Bonn.

In die Vollen gegriffen hat das Theater Bonn mit Oper und Schauspiel für die nächste Spielzeit. Acht Premieren und drei Wiederaufnahmen stehen auf dem Programm des Musiktheaters, ganze 14 Stücke will das Schauspiel präsentieren. Wenn, ja wenn … „Dieser Plan kann nur coronafrei realisiert werden“, so der Generalintendant Dr. Bernhard Helmich. Aber Optimismus zeichnet die Theatermacher aus: Die trotz Pandemie erfreuliche Entwicklung der Besucherzahlen gibt ihnen allen Grund dazu. Die Bonner Bürgerinnen und Bürger lieben ihre Kultureinrichtungen und zeigen in der Krise ihre Loyalität.

Einen Donizetti oder einen Wagner sucht man vergebens, stattdessen wird man fündig bei den Randstücken des Repertoires. Die Operndirektion beweist seit Jahren immer wieder eine glückliche Hand beim Heben alter Schätze. Asrael von Alberto Franchetti folgt auf Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Kurt Weill mit dem Libretto von Bertolt Brecht. Nahezu visionär habe BB mit dem Niedergang der Stadt wegen eines Taifuns die heutige geoklimatische Lage antizipiert und wegen der beklemmenden Aktualität habe man das Stück ausgewählt. „Auch wenn eine Menge Staub darüberlag“, so Helmich. Volker Lösch führt Regie und man darf gewiss sein, dass er mit Video und Zeitzeugen aktuelle Bezüge schafft.

von links:
Carmen Wolfram, Dr. Bernhard Helmich, Rose Bartmer, Jens Groß © Thilo Beu

Mahagonny fällt in die Reihe Fokus 33, die bereits in der laufenden Spielzeit in der NS-Zeit verfemte Komponisten und Autoren neu auf die Bühne brachte. Ebenso wie die Oper zum Spielzeitauftakt Asrael. Der Komponist Franchetti galt als Konkurrent Puccinis; da er aber jüdischen Glaubens war, erteilten die faschistischen Regimes in Italien und Deutschland Aufführungsverbot. Nicht nur für das Bonner Publikum wird es die erste Begegnung mit Franchetti sein. Das Werk wird nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder szenisch aufgeführt. Regie führt Christopher Alden, der Die Sache Makropulos von Leoš Janáček 2019 in Bonn inszenierte.

Einen „mittleren“ Verdi inszeniert David Pountney, Un Ballo In Maschera, (Ein Maskenball). Ursprünglich mit Die Macht des Schicksals und Die Sizilianische Vesper als Triple in demselben Bühnenbild geplant in Kooperation mit der Welsh National Opera, kommen jetzt die einzelnen Werke im Abstand von Jahren nach Bonn. Will Humburg übernimmt die musikalische Leitung.

Fertig inszeniert und geprobt war im November 2020 Händels Agrippina. Daraus wurde der einzige streaming Beitrag des Theaters Bonn, die Barockoper kommt aber Ende Januar 2023 in der entzückenden Inszenierung von Leo Muscato und mit Rubén Dubrovsky am Pult live und in Farbe auf die Opernbühne. Regisseur und Dirigent haben nach dem poppig-komischen Xerxes und der zauberhaften Cenerentola in Bonn schon fast ein Heimspiel. Das Publikum liebt diese Arbeiten dieses Duos.

Mitte März 2023 präsentiert der up-and-coming Regisseur Vasily Barkhatov die Oper Sibirien von Umberto Giordano. Außer Andrea Chenier noch nie etwas von diesem Komponisten gehört? So wird es vielen gehen und bei diesem spannenden Verismo-Stück wird das Publikum Zeuge, wie sich ein junger Komponist musikalisch gegen Verdis Übermacht im Opernbetrieb auflehnt. Sibirien kommt als Koproduktion mit den Bregenzer Festpielen auf die Bühne, aber selbstredend nicht mit dem Bühnenbild vom See, sondern einer Ausstattung für den Festspielsaal. Dabei vertrauen die österreichischen Kollegen auf die hohe Qualität bei Bühnenbild und Ausstattung aus den Bonner Werkstätten.

Ein Wiedersehen und Wiederhören mit dem Lohengrin-Traumpaar Anna Princeva und Mirko Roschkowski erwartet das Publikum im Mai 2023 mit einem nahezu völlig verschütteten Stück von Franz Schreker. Weniger musikalische Opulenz wie in Irrelohe oder Die Tote Stadt, dafür theatralischer. Auch dies eine Oper der Reihe Fokus 33, die die Gewalt der Nazis an Kulturgütern exemplarisch belegt und nun wiederbelebt wird. Sie wurde seit den 1930er Jahren nie wieder vollständig aufgeführt, zuletzt mit 25% Streichungen. Das Theater Bonn zeigt sie in ihrer Gänze.

Ein Wiedersehen mit Christoph Wagner-Trenkwitz und Aron Stiehl verspricht Die Lustige Witwe von Franz Lehár, der eine auf, der zweite als Regisseur hinter der Bühne. Evergreens, Hitparade, Schlagerreigen … man darf dieser Operette ziemlich gesichert ein ähnliches Schicksal auf der Bonner Opernbühne voraussagen wie der spektakulären Fledermaus der aktuellen Spielzeit mit denselben Akteuren: Abend für Abend ausverkauft.

Welche Wiederaufnahmen und warum? Helmich zitiert Hilsdorf: „Ausverkauft heißt es, wenn 20 Interessenten an der Abendkasse abgewiesen werden.“ So auch beim Musical Chicago, eine tolle Produktion, die das Theater Bonn öfter als jedes andere Stück leider, der Pandemie geschuldet, in der auslaufenden Spielzeit absagen musste. 10 Wiederaufnahme-Termine vom 25. August bis Silvester 2022 sind deshalb geplant. Giorgos Kanaris gibt in Figaros Hochzeit wieder den unverbesserlichen Graf Almaviva, dem ein Frauenkomplott das Verführerhandwerk legt. Aron Stiehl hat die Mozartoper bilderreich und mit viel Situationskomik inszeniert – zu erleben fünfmal zwischen dem 30. September und dem 5. November 2022. Schließlich gibt es als dritte Wiederaufnahme Turandot von Puccini, diesmal allerdings mit Aile Asszonyi, die in Bonn als Elektra die Bühne rockte und das Publikum begeisterte. Nur am 6. Januar und 5. Februar 2023.

Mit einem höchst abwechslungsreichen Programm wartet auch das Schauspiel auf. Chefdramaturgin Carmen Wolfram und Schauspieldirektor Jens Groß subsummierten die 14 geplanten Produktionen unter drei Titel: Erinnerungsräume, Räume der Gegenwart und Räume der Visionen. Dabei kommen nur wenige Repertoirestücke auf die Bühne – Peer Gynt von Henrik Ibsen, Der Sturm von William Shakespeare (für Familie und Schule) und Der Aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui von Bertolt Brecht. Daneben sieben Uraufführungen, partizipative Projekte und Mitmachtheater mit Musik. Die übergeordnete Idee bei der Programmplanung entwickelt Jens Groß mit Anerkennung für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt. „In Bonn haben wir eine lebendige kulturelle Landschaft; für uns alle überlebenswichtig ist ein funktionierender sozialer Zusammenhalt. Dazu sind wir gehalten, bisherige Perspektiven zu verlassen und den Pächtern und Wächtern von Wahrheiten zu misstrauen.“

Freudig verkündet er, dass er seinen Vertrag als Schauspieldirektor mit der Stadt Bonn bis 2028 verlängert hat. Gleichzeitig gibt es eine neu geschaffene Stelle im Direktorium (und in der Pressekonferenz auf dem Podium). Rose Bartmer, bisher als Theaterpädagogin tätig, wird nun Direktorin für Teilhabe, Vermittlung und Diversität.

© Thilo Beu

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