Der Meister und Margarita – In Köln ist der Teufel los

Ein satanischer Schabernack, eine politische Groteske, eine surreale Fantasie – der dicht gewebte und kunstvoll verzahnte Roman Der Meister und Margarita von Michail Bulgakow bietet die literarische Vorlage für die gleichnamige Oper von York Höller. Der Kölner Komponist arbeitete fünf Jahre lang an dem Werk, bevor es 1989 an der Opéra Paris im Palais Garnier in einer Inszenierung von Hans Neuenfels uraufgeführt wurde. Eine musikalische und dramaturgische Herausforderung, der sich die Oper Köln nun nach fast 30 Jahren zum zweiten Mal stellt.

Wie kommt ein opulentes episches Werk, ein russischer Kultroman der Nach-Stalin Ära, auf die Bühne? Drei ineinander verschachtelte, beziehungsreiche Erzählstränge über Jahrtausende hinweg machen das zu einem fast unmöglichen Unterfangen. Erzählt werden die letzten Tage Jesu, der sich mit dem römischen Prokurator Pontius Pilatus auseinandersetzt. Der heimat- und elternlose Wanderprediger rührt Herz und Verstand des Römers; und dennoch lässt dieser ihn aus Gründen der Staatsräson und der Opportunität exekutieren. In milden Worten erklärt ihm Jesus, die größte Sünde sei die Feigheit.

Die Liebesgeschichte zwischen dem Meister und Margarita fügte Bulgakow, bereits krank und zermürbt von Zensur und Bürokratie, erst nachträglich ein. Ein Meister, namenlos wie Jesus, gewinnt in der Lotterie eine Riesensumme und erfüllt sich einen Traum. Eine kleine eigene Wohnung, wenn auch im Souterrain, Regale voller Bücher und die Freiheit, endlich seinen eigenen Roman – nämlich den über Pontius Pilatus – zu schreiben. Rufmord, Verfemung durch das Literaturkomitee und Selbstzweifel als Künstler bringen ihn in die Psychiatrie. Ein gebrochener Mann. Margarita unterhält eine nebeneheliche Affäre mit ihm und entschließt sich, alle Opfer auf sich zu nehmen, um den geliebten Mann zu retten. Eine Frau der Tat.

Hier kommt der Teufel ins Spiel. Er beliebt, durch alle Zeiten und Orte zu reisen. Ein Frühstück mit Kant, um Freiheit und Gottesbeweis zu diskutieren? Kein Problem! Nun erscheint er in Moskau, um die starre, staatstreue Bürokratie durcheinanderzuwirbeln. Er demaskiert die Apparatschiks und entlarvt die Geldgier, das Denunziantentum, die Vorteilsnahme, die Eitelkeit und die Lügen der Moskauer. Dabei hat er ein Team an seiner Seite, das durch unerhörtes und unglaubliches Verhalten seine „Späße“ umsetzt: den frechen Kater Behemoth und die Assistenten Asassello und Korowjew. Der Teufel selbst nennt sich Voland, Professor der schwarzen Magie.

Zurück zur Frage. Eine Oper braucht eine Sprache. York Höllers Werk kreist um die Themen Liebe und Macht. Darauf konzentrierte er sich, schrieb das Libretto selbst und nutzte die weitgehend dialogische Struktur des Romans. Dennoch: 500 Seiten auf 50 „runterzudampfen“ und dabei eine verbale Bilderwelt (mit exakten Regieanweisungen) zu kreieren, war keine leichte Aufgabe. An dieser Stelle schon ein Tipp: Unbedingt den Bulgakow-Roman vor dem Besuch der Aufführung lesen!

Im Idealfall erhellt die Regie komplexe Sachverhalte und unterstützt visuell mit Bühnenbild und Kostümen. Die Inszenierung von Valentin Schwarz, dem Jungstar der deutschsprachigen Regiewelt, hat einiges zu bieten, aber sicher keine Verständnishilfe. Was ist da alles los! Die beiden Türme des Kölner Doms schieben sich separat auf die Bühne, Pontius Pilatus trägt einen Umhang mit von innen erleuchteten Gerhard-Richter-Fenstern, den so oder ähnlich später Levi Matthäus alias Iwan Besdomny umlegt. Das hört sich verwirrend an? Ist es auch. So wie Pontius Pilatus auch als Psychiater (nun mit Brille und weißem Kittel) fungiert und der Chefredakteur Berlioz auch wechselweise als der korrupte Restaurantbesitzer Archibaldowitsch auftritt.

Das Literaturkomitee, © Bernd Uhlig

Warum sind die überheblichen, linientreuen Mitglieder des Literaturkomitees Pappmaché-Köpfe berühmter Maler? Da tummeln sich Vincent van Gogh, Andy Warhol, Joseph Beuys, Pablo Picasso, Salvador Dalí in Neonfarben mit überdimensionierten Köpfen und prominenten Genitalien. Am Schluss erhängt sich diese Pimmelbande. Die graue Tristesse und die menschenverachtende Gewalt der Stalin-Diktatur erhält auf der Bühne von Andrea Cozzi ein knallbuntes poppiges Outfit. Einem giftgrüner Pudel, dem Varieté-Direktor, tun zwei der Teufel übelste sexuelle Gewalt an, die Sadomaso-Szene lässt an verschiedenen Stellen grüßen. Ebenfalls die Comic-Szene. Kleine Häschen – oder sind es Fröschchen – hüpfen munter herum und blasen in Partytröten. Kindergeburtstag?

Assoziative Elemente der performance art, wenn der Meister und Jesus sich überschneiden, ein Gottlieb Wendehals als Karikatur der Zirkuswelt, in der es Geld regnet. In der Massenhypnose erscheint ein gigantischer aufgeblasener Korpus. Als Bild für die Scheinwelt, die mit einem Pieks in sich zusammenfällt? Sind die billigen Tricks auf Kirmesniveau des Satans würdig? Ein Ballett à la grand opéra, ein Marsch, ein marche funebre für Berlioz, dem die Tram den Kopf abtrennte. Eine überbordende Farbig- und Sinnlichkeit, die auch sprachlich Lokalkolorit transportiert. Der eitle Kater Behemoth stellt die Frage in die Runde: Zum Ball ohne Schleife? Darauf erfolgt ein einhelliges kölsches Nä, nä, nä.

Andere Sprachkenntnisse sind gefragt bei der Schrift an der Wand, the writing on the wall, die in der Regel nichts Gutes verheißt. Мир steht dort zu lesen, MIR, das russische Wort für Frieden. Genau dies ist der zentrale Begriff in Margaritas Schlussapotheose. Nachdem Asassello sie und den Meister getötet hat, brechen sie in eine andere Welt, ein Jenseits auf, der Erlösung entgegen. „Horch, die Stille! Horch und genieße das, was dir im Leben nie gegeben war: Frieden.“

Überhaupt die Wand. Drei Quadrate mit je 12 x 12 Leuchten fungieren wie ein elektronisches Graffito. Sie zeichnen Botschaften, die leider nicht auf allen Plätzen zu entziffern sind und schnell wechseln. Eine Drehscheibe hält die Akteure davor auf Trab, selbst in ergreifenden Momenten turnen Teufel im Hintergrund und Jesus quält sich gen Golgatha, den „Ort des Schädels“. Den wiederum tragen verschiedene Figuren in der Hand, ein bisschen morbider Hamlet.

Frieden und Erlösung bilden zentrale Motive des Stücks. Pontius Pilatus wird zu Jesus‘ Weggefährten und ihm wird vergeben. Frida, die – ähnlich wie Gretchen im Faust – nach einer Vergewaltigung ihr Kind tötete, wird von ihrem wiederkehrenden Fluch befreit. Diese Episode ist – wenn auch per se schwer verständlich – unverzichtbar für das gesamte Stück. An ihrem echten Mitgefühl für diese Schwester erfährt Margarita ihre Emanzipation, ergreift das Wort, lernt für sich und andere und für Anliegen zu sprechen. Sie befolgt Volands Rat, niemals von einem Mächtigeren zu bitten, sondern aus eigener Kraft zu fordern. Nur so bringt sie die Erlösung für den von Selbstzweifeln geplagten Meister zustande.

Ganze dreieinhalb Stunden dauert die Oper. Getragen wird das bunte Spektakel auf der Bühne von der sensationellen Musik aus dem Graben, also im Staatenhaus neben der Bühne. André de Ridder dirigiert das Gürzenich Orchester, das in ganz großer Besetzung antritt. Riesiges Schlagwerg in allen Schattierungen, Bläser tief gestimmt, Elektro-Einspielungen, ein Ritt durch alle Stilrichtungen, vom Barock zu Jazz und Swing. Eine Klanggestalt nennt Höller diese Kompositionsform, die quasi auf geometrisch-mathematischen Formeln beruht.

Der Höhepunkt der Oper ereignet sich, als die Bühne leer bleibt. Generalpause. Der Frühlingsvollmondball ist eröffnet. Dann setzt die Percussion ein. Und die Musik breitet sich aus. Phänomenal! Gut 10 Minuten lang überrascht sie unentwegt mit Wendungen, Zitaten, Rhythmuswechseln, mit Kuhglocken und Feuerwerksmusik. Länger als jedes entr’acte spiegelt dieses Instrumentalstück die Essenz der Oper. Entspannung bringt die Oboe als nahezu menschliche Stimme im musikalischen Wirbel, in diesem teuflischen Klangfeld, das eben auch royale und imperiale Töne umfasst.

Ausnahmslos alle Solistinnen und Solisten verleihen dieser hyperaktiven Inszenierung Würde mit ihrer Professionalität. Auf das Kölner Ensemble ist Verlass, auch wenn es sich für alle um Rollendebüt handelt. Allen voran glänzt Bjarni Thor Kristinson, dessen imponierende Physis mit dem wuchtigen Kostüm des Professsors der Schwarzen Magie, Voland, noch größer erscheint. Und welch ein Bass ertönt hinter der Maske, der die überheblich-suggestive Kraft des Satans transportiert! Donnernder Applaus und zahlreiche Bravorufe für ihn.

Seine drei schillernden Gesellen Asassello, Korowjew und Behemoth singen und spielen Matthias Hoffmann, John Heuzenroeder und Dalia Schaechter. Absichtlich fallen deren Pferdefüße kleiner aus, sie scharen sich – auch stimmlich – tiefergelegt um den Boss, mit Bassbariton, Tenor und Mezzosopran. Als sie in der letzten Szene bereits das Kostüm verschwitzt ablegen, zeigt sich, was das allein ihnen abverlangt. Für diese Kölner Publikumslieblinge sehr wohlverdienter Beifall des Publikums.

Adriana Bastidas-Gamboa, © Bernd Uhlig

Adriana Bastidas-Gamboa feiert das Premierenpublikum für ihr Debut als Margarita. Diese vielseitige Mezzosopranistin gab zuletzt die äußerst anspruchsvolle Rolle des Pilgers in L’amour de loin von Kaija Saariaho und überzeugt in Höllers Oper als wagemutige Frau, die einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Mit Lockenhaupt eben kein dumpfes Blondchen, sondern eine empathische, liebende Frau. Überzeugend gespielt und ausgezeichnet gesungen. Ihr Partner Nikolay Borchev hat die parallel laufenden, sich überschneidenden Rollen als Meister und als Jeschua (Jesus) zu bewältigen. Von der Figur her bereits etwas blutleer und intellektuell-introvertiert, bildet sein Bariton diese Gefühls- und Gemengelage schön ab.

Außer Hilke Kluth als Hexe Gella debütieren auch Oliver Zwarg als Pontius Pilatus und Oberarzt, Martin Koch als der Lyriker Besdomny und Levi Matthäus, Lucas Singer als Berlioz und Restaurantbesitzer, Dustin Drosdziok als Varietédirektor, Judith Thielsen als Frau Stjopa und Oscar Musinowski als Conférencier. Allen spendet das Publikum freundlichen Beifall.

Der Applaus allerdings braust auf, als die Scheinwerfer sich ins Publikum richten. Dort sitzt York Höller persönlich und erlebt die Neuinszenierung seines großen Bühnenwerks live mit. Standing Ovation für den Pionier der elektronischen Musik, aber heftige Buh-Rufe für die Regie. Wie Valentin Schwarz diese sicher einkalkulierte Reaktion des Publikums aufnimmt? Man weiß es nicht, er ist nur per Monitor auf dem Laptop zugeschaltet.

Der Maestro gab vor Jahrzehnten seinen Berufswunsch Dirigent auf, weil sein schwaches Sehvermögen ihn schon früh stark beeinträchtigte. So mag es für York Höller ein beglückendes Ereignis gewesen sein, den Meister und Margarita nicht im Detail zu sehen, sondern vor allem zu hören.

Die Oper Köln spielt Der Meister und Margarita noch fünf Mal bis zum 22. April 2022. Es gibt an jedem Termin eine Einführung, mit deren Hilfe die Entschlüsselung des Werks deutlich leichter fällt.
Infos und Tickets hier.

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