ERNANI – die Matinee

Wenn Verdi ruft, und sei es auch nur zur Matinee, ist die Bude voll. Bis auf den letzten Platz war das Foyer der Oper Bonn besetzt – und das mögen so 150 Gäste gewesen sein. Kein Wunder, hat sich doch die Beethovenstadt Bonn unter der Ägide von Bernhard Helmich zur „Verdistadt“ entwickelt.

Maßgeblichen Anteil daran hatte und hat Will Humburg, der ein besonderes Faible für Verdi und seine frühen Werke hegt. Insgesamt hat er mehr als 30 Verdi Opern dirigiert, davon in Bonn von den frühen Werken Giovanna d’Arco, Jérusalem (I Lombardi) I due Foscari, Attila und Les vêpres siciliennes. Nun also Ernani, Verdis erste Zusammenarbeit mit dem Librettisten Francesco Maria Piave, der zudem zum ersten Mal überhaupt ein Opernlibretto verfasste.

Die literarische Vorlage Ernani bietet das Drama Hernani oder Die kastilische Ehre von Victor Hugo. Bellini hatte ebenfalls Interesse an dem Stoff, zog sich aber dann zurück: Das Thema sei politisch zu brisant und man scheue sich vor den Zugriffen der Zensur.

Diese Thematik, ihre dramaturgische und musikalische Umsetzung diskutierten der Regisseur Roland Schwab (den Bonnern mit seiner eindrücklichen Inszenierung von Oberst Chabert bekannt) und der Dirigent Will Humburg („der beste deutsche Verdi-Dirigent“), moderiert vom Verdi-Experten Uwe Schweikert, ebenfalls gern gesehener und äußerst sachkundiger Gast in Bonn.

Die kompliziert-verwickelte Handlung entschlüsselten die Experten nicht vollständig, sondern konzentrierten sich auf die Personenzeichnung und die Motive. Ungewöhnlich für eine Oper: Gleich drei Männer verlieben sich in Elvira. Da ist der Titelheld Ernani, der Bandit (Humburg erläuterte, es handle sich nicht um einen gewöhnlichen Räuber, einen masnadiero, sondern um einen messo al bando, einen Geächteten). Er liebt Elvira aufrichtig und setzt dafür alles, auch sein Leben, aufs Spiel. Elvira hat einen alten Onkel, der – wie in anderen Opern auch – das junge Mündel für sich haben will. Schließlich König Carlo, der, ähnlich wie ein Duca di Mantova im Rigoletto, als Frauenheld und Lüstling alle schönen Frauen besitzen will.

Daraus muss ja ein Irrwitz entstehen, so Roland Schwab. Er habe deshalb für die Inszenierung die Flucht nach vorn angetreten und quasi vom Rückblick aus von späteren Verdi-Opern, in denen er bereits Regie führte (Otello, Maskenball, Aida), die Preziosen dieses Frühwerks herausgearbeitet. So sei in Carlos Arie mit Cello bereits Philipps Arie aus Don Carlo zu erkennen (Ella giammai m’amò). Juwelen solcher Art seien vielfach im Stück versteckt. Verdi habe sich per aspera ad astra zu seinen reifen Werken gearbeitet, im Ernani allerdings sei er noch als dramaturgisches Raubein zugange, das typisierte Gestalten darstellt. So schicke er Chöre „raus und rein“ ohne werksinnere Bedeutung.

Roland Schwab

Was heute kaum glaubwürdig vermittelt werden kann, gibt der Oper Struktur. Das Thema der spanischen Ehre, wie im Dramentitel benannt. Ein Schwur gilt – ungeachtet der Umstände. So gewährt das heilige Gastrecht Ernani Unterschlupf, wenn er als Pilger zu Silvas (seines Todfeindes) Hochzeit erscheint. Dann ein Umschwenken in die entgegengesetzte Richtung. Ernani und Silva machen gemeinsame Sache, um „den König zu erledigen“. Darauf dann der zweite Schwur, da Ernani nun in Silvas Hand ist. Wenn das Horn ertönt, ersteche ich mich.

Dazu Roland Schwab: Wir befinden uns hier in einem Land der bizarren moralischen Regeln, die heute obsolet sind. Diese Art Schwur gibt es nur im vollkommen korrupten Mafia-Mileu, in der „ehrenwerten Gesellschaft“, wie Will Humburg ergänzt. Aber – da diese Schwüre so überpathetisch angelegt seien, eröffnen sie für uns Heutige Deutungsfelder, so der Regisseur.

Will Humburg hält Ernani für Verdis erstes Meisterwerk, uraufgeführt am 9.3.1844 am Teatro la Fenice in Venedig. Rund 50 Jahre lang war die Oper das am häufigsten aufgeführte Werk des frühen Verdi. „Das Stück brummt vor Explosivität, es brennt an allen Ecken und Enden, es rast und tobt.“ Leicht daran zu erkennen, dass im Allgemeinen 5 Takte vor dem Ende das Tempo deutlich Fahrt aufnimmt, hier allerdings schon 50 Takte vor dem letzten Ton es immer schneller, immer schneller wird.

Verdi geht in Ernani über den Effektstil hinaus, führt Schritt für Schritt Neuerungen ein. Das hatte behutsam zu geschehen, denn anders als Wagner hatte er keinen Gönner, sondern war auf die Gunst des Publikums angewiesen. Er muss ein beinharter Verhandler gewesen sein, so Humburg, und bereits für Ernani eine für die Zeit unerhörte Traumgage rausgeschlagen haben.

Der Dirigent fügt dann einen kleinen Exkurs über den Aufbau einer Arie ein. Zumeist bereitet der Chor den Auftritt des Helden vor. Es folgt das Rezitativ als Einleitung, dann die lyrische Cavatina, in der Regel ein tempo di messo (der gefühlsmäßige Umschwung) und schließlich die Cabaletta (oder Stretta) in schnellem Tempo. Moderne Inszenierungen streichen häufig die Wiederholung der Stretta, nicht so Humburg in Bonn. Das Publikum dürfe sich sehr auf die Sopranistin Muriel Yannick Noah freuen, die zeitliche Verrückungen und Koloraturen an der Stelle gestalten wird.

Will Humburg

Musikalische Kostproben gab es nur aus der Konserve, dafür aber Traumstimmen wie die von Mario di Monaco und Maria Callas. Die Rolle der Elvira sei äußerst schwierig zu besetzen, so Humburg. Die Stimme müsse mit der Kraft einer Tosca und der agilità für die Koloraturen ausgestattet sein. Elvira ist die wärmste Figur der Oper und macht – anders als Ernani, den von Anfang an auch musikalisch eine Todessehnsucht prägt – eine deutliche Entwicklung durch.

Leider währt ihr Glück am Ende nur gerade eine Minute. Nachdem sie den alten Silva überlistet und sich den König vom Leib geschafft hat, gerät das Happy End nur allzu kurz. Deshalb scheint ihr Stich ins Herz, nachdem Ernani seinen Schwur eingelöst hat und sich getötet hat, nur folgerichtig.

Das Aufeinandertreffen der drei Männer nennt Schweikert ein „vokales scontro“. Schwab meint, es „crasht“ überall. Wie kann er diese Gegensätze nun dennoch auf der Bühne glaubhaft machen? Für ihn sei das Stück „ein Exzess der Rache“, wo die Frage der dauerhaften Gnade im Raum steht.

Beispielhaft dafür die Wahl zum Kaiser im Aachener Dom, schon für Hugo ein kurzer Sprung von Spanien nach Aachen, der Stadt Karls des Großen. Dort fährt sein nachgeborener Namensvetter hinab in die Gruft, um sich mit seinem Geist zu verbinden und sein Charisma aufzusaugen. Anschließend eine „Himmelfahrt“ wie zum Jüngsten Gericht. Gleichzeitig sind ja alle Verschwörer vor Ort, die Schwab ausleuchten lässt. Ist für den Sadisten Carlo – trotz der Vergänglichkeitsarie (Vanitas-Motiv aus dem Barock und Cello-Solo wie im Don Carlo) – clemenza möglich?

Die Aufrührer werden entlarvt, die Adligen sollen geköpft, die Bürger in Haft genommen werden. Und was macht Ernani? Bekennt sich zu seiner wahren Identität (Sohn des Granden und Rivalen von Carlo) und will auch geköpft werden. In der Triumpfszene werden alle begnadigt und es folgt ein typischer Risorgimento-Jubelchor, der mit der Harfe beginnt. Ist das tatsächlich die „dümmste Stelle des Stücks“? Macht Verdi das mit Absicht so banal, beinahe kitschig? Natürlich, schlägt Schweikert eine Bresche für den Maestro, das sei bewusst so banal komponiert. Verdi – wie Wagner – komponiere eben nie „Leierkastenmusik“.

Die Premiere der Oper Ernani von Giuseppe Verdi findet am 10. April 2022 in der Oper Bonn statt.

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