Die Vögel – Politparabel im Federkleid

Da tummeln sie sich auf verbrannter Erde … alle Vögel, alle. Ja, eine Vogelhochzeit gibt es auch zu feiern, aber fernab von Folklore. Und die Vogelschar so bunt gewürfelt an Arten wie ihr Gefieder in der Natur. Hier allerdings in mattem Grau, blassem Flieder und lehmigem Braun, obwohl Flamingos, Adler, Störche und Meisen mitspielen. Dabei auch der kluge Rabe und der faule Kuckuck. Seit der griechischen Antike tragen die charakterlichen Zuschreibungen der Tiere typisch menschliche Züge. Auch so in der Oper Die Vögel von Walter Braunfels, die vor 101 Jahren in München uraufgeführt und in Köln in jüngerer Zeit 1991 und 1999 gespielt wurde.

Die Stadt Köln pflegt ein besonderes Verhältnis zu Walter Braunfels, den Konrad Adenauer 1925 mit der Leitung der Hochschule für Musik betraute. Als Halbjude erhielt er allerdings 1933 Berufsverbot – wohl auch eine späte Rache der Nazis, weil er sich 1923 in München geweigert hatte, für die aufkommende nationalsozialistische Bewegung eine Hymne zu komponieren. Nach dem zweiten Weltkrieg erhielt er sein Amt zurück und blieb anschließend bis zu seinem Tod 1954 Präsident der Hochschule. Seine Musik galt als entartet. Heute kaum vorstellbar, erinnert sie doch in ihren spätromantischen Zügen an Wagner und Strauss.

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Wolfgang Stefan Schwaiger und Joshua Bloom
Foto mit freundlicher Genehmigung der Oper Köln,
© Paul Leclaire

Das Libretto für Die Vögel schrieb Walter Braunfels selbst – wie weiland Wagner für seine Werke. Und er präsentiert ein lyrisch-phantastisches Spiel nach Aristophanes, dem griechischen Dramatiker, der den Menschen so gern den Spiegel vorhielt. Nach dem „Goldenen Zeitalter“, als Kronos herrschte und die Welt sich in einem idealen Urzustand der Zivilisation befand, schwang sich einer auf, der Zeus die Stirn bot und den Göttern das Feuer stahl: Prometheus. Zeus‘ Rache war fürchterlich. Er ließ den Rebellen ans Kaukasusgebirge ketten, wo ihm ein Adler täglich die Leber aus dem Körper fraß. Aber er ist ein gütiger, nahezu katholischer Gott: „Zeus kann verzeih’n“, so der geschundene Prometheus des Braunfels-Spiels.

Inhaltlich bedeuten diese Zeilen (fast) das Ende der Oper. Was geschieht? Ratefreund und Hoffegut, zwei Männer mittleren Alters, brechen aus ihrer Stadt auf, um sich Abwechslung zu verschaffen. Vordergründig sucht der eine den Ort der wahren Kunst, der andere die Erfüllung einer brennenden Sehnsucht: nach der Enttäuschung mit mehreren Frauen sucht er die wahre Liebe. Ratefreund kommt wie ein schmieriger Anwalt daher einschließlich dem welligen Grauhaar, der Pelerine, den Gamaschen und zwei Adlaten, die ihm willfährig dienen und die er sadistisch misshandelt. Redegewandt verführt er die Vögel dazu, den Göttern den Kampf anzusagen und die Weltherrschaft anzustreben. Warum? Weil es ihn amüsiert! Er versichert ihnen glaubhaft, sie seien allen anderen überlegen, und kreiert einen Chauvinismus, wie ihn Deutschland 1914 den ersten Weltkrieg anzetteln ließ, das Kaiserreich stürzte und in einer nie geschehenen Brutalität der Materialschlacht unzählige Menschenleben kostete. Mit Begeisterung singend und Veilchensträußchen am Gewehr zogen die jungen Männer in den Krieg. So auch die Vögel mit bombastischem Chorgesang.

Der Komponist Braunfels wurde eingezogen, als die Oper bereits in Arbeit war. Er trug eine Kriegsverletzung davon und konnte erst 1919 das Stück zu Ende bringen. Mit Braunfels‘ Kriegserlebnissen führt die Regisseurin Nadja Loschky ins Geschehen ein. Ödnis, Schützengräben, tote Natur, ein Angriff, Tod und Sterben. Und nun überredet Ratefreund – übrigens ungefragt – die Vögel zum Krieg gegen die Götter. Allerdings hatte er ihnen zunächst aufgetragen, ihre Domäne mit einer großen Mauer zu sichern, quasi ein Wolkenkuckucksheim zu bauen. Was kümmern die Götter (oder Gott, wenn wir vom Glanz des Auges hören) der Aufruhr der Vögel? Mit einem orchestral tosenden Gewitter rufen sie die Vögel zur Ordnung. Zerrupft und zerrissen zeigen sie einen raschen Sinneswandel: „Groß ist Zeus. Mächtig ist er. (…)Lob ihm, ewig Preis und Dank sei ihm.“ skandieren sie.

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Ana Durlovsky, Foto mit freundlicher Genehmigung der Oper Köln,
© Paul Leclaire

Was macht der Demagoge angesichts der Katastrophe? Bejammert seine nassen Füße, belächelt die Dummheit der Vögel und zieht sich ins Private zurück, an den warmen Ofen. Das wäre eine Geschichte, die sich wiederholt. Seit Menschengedenken, übrigens auch heuer in Nachbarländern. Aber Braunfels installiert als Gegenpart zum aalglatten Populisten den hochsensiblen Hoffegut. Ein Mann mit echten Gefühlen, der sein Leben lang auf die „Eine“ wartet und nun in der Nachtigall eine Liebe findet, die ihm den einen Moment der Seligkeit beschert. Irrational? Auf jeden Fall – denn er kann nicht zu ihr in die Lüfte aufsteigen. Und so vollzieht sich der Liebesakt in einer Traumsequenz, zu sphärischen Harfenklängen werden beide entkleidet und verschmelzen in einem blühenden Garten Eden und zu den himmlischen Gesängen der Blumendüfte zu einer Einheit. Ein Märchen …

Die Oper spielt in einem Beziehungsdreieck zwischen Menschen, Göttern und den Vögeln. Zwei Individuen tragen die Handlung, ein Titan rückt die Ordnung wieder zurecht, aber die Vögel sind die Vielen, das Volk. Sie bilden die wichtigste Komponente für das Funktionieren der Parabel, so verführbar, wendehälsisch, ängstlich, manipulierbar wie sie sind. Der einzelgängerische, schwärmerische Träumer bleibt am Ende, schwer verletzt an Leib und Seele, allein zurück und stirbt. Er versteht mit der Ratio die Vorkommnisse und seinen Part darin nicht, drückt aber sein Empfinden aus: „Hinab denn, ach, ich hab gelebt!“

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Die Legebatterie; Foto mit freundlicher Genehmigung der Oper Köln, © Paul Leclaire

Ein Spektakel – und absolut spektakulär! So beurteilte eine Besucherin diese Premiere. Wie wahr! Nadja Loschky inszeniert ein rasantes Spiel mit unendlicher Liebe zum Detail auf dieser riesigen Bühne im Kölner Staatenhaus. Großartige Szenen mit Chor und Statisterie, die alle in raffiniert designten Vogelkostümen den pickenden, trippelnden Habitus der gefiederten Freunde gekonnt darbieten. Ein Zuchtlabor für reinrassige Eier, die den überlegenen Nachwuchs produzieren. Das Publikum wird Zeuge einer dramatischen Eiergeburt, während das Gürzenich Orchester, links abseits platziert, ein sinfonisches Zwischenspiel intoniert. In den tollen Kostümen und zahlreichen witzigen szenischen Einfällen sprüht der Esprit dieser Inszenierung. Dabei wecken Frakturschrift und das fabrikmäßige Erschaffen des „Herren-Eis“ eindeutige Erinnerungen, der Krallengruß mit der linken Hand und dem vogelgemäßen „Gru“ als identitätsstiftende Geste ebenfalls. Der Parabel inhärent ist eben die Allgemeingültigkeit, über Zeiten, Menschen und Tiere hinweg.

Gabriel Feltz führte das Gürzenich Orchester – wie zuletzt in Korngolds Die Tote Stadt – mit flotten Tempi und sichtlicher Freude an dieser oft rauschhaften Musik, eine der letzten Opern à la mode, bevor der Kompositionsstil sich grundlegend änderte. Zu Begeisterungsstürmen hingerissen fühlte sich das Publikum zu den erstklassigen Gesangsleistungen des Chors wie der Solistinnen und Solisten. Allen voran Burkhard Fritz, dem Heldentenor mit der lyrischen Note (oder Seele?), der als Hoffegut schwierige Koloraturen zu meistern und die Liebesszene bereits vor der Pause zu absolvieren hatte. Nicht nur die Bühnenfigur Hoffegut verfiel dem verführerischen Gesang der Nachtigall, den Ana Durlovski als Königin der Koloraturen (und als Königin der Nacht an großen Häusern) „tiriliert“. Auch das Publikum ließ sich verzaubern! Entrückt und doch präsent, eine Circe zwischen Tag und Traum, eine Hoffnungsträgerin, die am Ende ohne Illusion bleibt. Beide gaben ihr Rollendebüt ebenso wie Joshua Bloom, der australische Bass, der im rezitativischen Parlando glänzte. Kürzlich erst als Mephisto in Gounods Faust zu hören, war Samuel Youn hier eine Idealbesetzung des Prometheus. So viel Textverständlichkeit! Wie man an Krücken und in einem beschwerlichen Kostüm eine wunderbare Bariton-Partie gestaltet, zeigte Wolfgang Stefan Schwaiger als Wiedehopf eindrücklich. Entzückend als Zaunschlüpfer die sehr spielfreudige Anna Malesza-Kutny, Mitglied des Internationalen Opernstudios an der Oper Köln, die ebenfalls in der Rolle debütierte.

Wie beglückend, endlich wieder einen Chor in voller Stärke und Präsenz zu erleben! Zu Zeiten bewegten sich mehr als 100 Menschen auf der Bühne und erzeugten ein überwältigendes optisches und akustisches (Klang-)Bild. So spricht Oper den Kopf an und rührt das Herz!

Hat diese Fabel auch genregerecht eine Sentenz, eine Moral? Ist die Lehre zu ziehen, dass kritikloses Mitläufertum und chauvinistische Hybris unweigerlich ins Unheil führen? Gibt es Rettung oder Gnade? Ist Braunfels so didaktisch-moralisch? Oder öffnet er auch die Himmelsweiten, wenn er der Nachtigall im Prolog eine Mahnung in den Mund legt? „Alle Sorge ist leicht, folgt ihr unserer Weise; tut von euch die trübe Beschwer, die an der Erde zäh euch hält; das schaffet nur Pein, nur Weh, nur Hass allein.“ Daher rührt wohl die Faszination des Fliegens. Aber das ist eine andere mythologische Geschichte …

Im Wechsel mit den bewährten Erstbesetzungen übernimmt nun die junge Garde. In kommenden Aufführungen werden auch Young Woo Kim, Bjarni Thor Kristinsson, Insik Choi und Gloria Rehm zu sehen und zu hören sein. Die Oper Köln im Staatenhaus spielt das Stück bis zum 13. Januar 2022 noch zehnmal. Informationen und Karten finden Sie hier.

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