Der Klang der Wälder

Landschaften aus Tönen und Klängen malt Natsu Miyashita in ihrem kleinen, feinen Roman Der Klang der Wälder. Tomura wächst in einem Bergdorf auf, und erst in der Oberschule stößt er zufällig auf einen Flügel und einen Klavierstimmer, der das Instrument für ein anstehendes Konzert präpariert. An Ort und Stelle, ohne musikalische Ausbildung, entscheidet er, ebenfalls diese Berufslaufbahn einzuschlagen. Wie der junge Erzähler nun sein Wachsen und Werden schildert, entwickelt sich zu einer Hymne an die Musik und an das Leben.

Von der Aufnahmeprüfung, dem Fachschulabschluss, der ersten Stelle in einem renommierten Klavierhaus, von den strengen Hierarchien und dem jahrelangen Beobachten, von den ersten Erfolgen und den beschämenden Misserfolgen – der Erzählfluss allein vermittelt eine Ruhe, ein entspanntes Mitgehen, eine wohlwollende Leserrolle. „Man sollte nie versuchen zu rennen, bevor man gehen kann.“, lautet denn auch die Devise seines Meisters.

Miyashitas Roman lebt kaum von seinem Plot. Der deckt Banales und Rituale, Autofahrten und das penible Säubern der Werkzeuge ab. Es ist die Sprache, die überbordende Metaphorik, die Simplizität, die tiefgreifenden philosophischen Fragen Ausdruck verleiht, die Leserinnen und Leser so völlig in den Bann zieht.

Der Deckel des Flügels erhebt sich wie „eine Vogelschwinge“, „wie ein mächtiger Drache“. Ein ehemals schlaffer Ton erhält mehr Spannung – wie ein praller Wassertropfen. „Wie ein Juwel“ glänzt für Tomura das Spiel seiner angebeteten Kazune, „wie Licht in einem Wald“. Für die Konsistenz Frühstückseis hält er „die Weichheit einer sanften Frühlingsbrise oder die des Flügelschlags eines Eichelhähers“ bereit.

Diese Bildlichkeit zieht sich wie ein farbenprächtiges Kaleidoskop durch die gesamte Erzählung. Und geht so weit, dass die Autorin ihren Protagonisten darüber ironisch äußern lässt: „Oje, nicht schon wieder … Ich machte mich darauf gefasst, dass Yanagi-san mir eine Kostprobe aus seiner Sammlung skurriler Vergleiche auftischte, von denen die meisten mit Essen zu tun hatten.“

Tomura entpuppt sich als hochsensibler Beobachter. Alle seine Sinne befinden sich ständig im Wachmodus. Geschult hat er sie bei seinen langen, einsamen Gängen durch die heimischen Wälder. Immer wieder tauchen Erinnerungen daran beim Klavierstimmen auf; wahrhaft poetisch die akustischen Impressionen: „Schmelzender Schnee, der von Zweigen rutscht, eher ein Schleifen als ein Tröpfeln.“

Warum die Wälder? In der japanischen Kultur und Lebenswirklichkeit bilden sie die intakte Antipode zu den gigantischen Metropolen. Die urbanen Zentren befinden sich ausschließlich an den Küsten, im Landesinneren gelten die Wälder als unantastbar; sie zu roden würde zu lebensbedrohlicher Bodenerosion führen. Den Wald gilt es zu schützen, denn …

… in den Bergwäldern leben die Schafe, deren gesunde, strapazierfähige Wolle elementar zum Klavier gehören. „Schafswolle an den Köpfen der Hämmer schlägt auf Saiten aus Stahl. Und das wird zu Musik.“ Und aus den Wäldern stammt das Holz für die empfindlichen Instrumente. Sie dienen als Sinnbild für das Ursprüngliche, als Symbol der Freiheit für den Jungen vom Land.

Symbolhaft sind auch die vielen Gegensätze, Paare und Doppelungen zu betrachten, die Natsu Miyashita wie nach dem Prinzip des Yin und Yang anordnet. Die Alten bilden die Jungen aus, die Welt der Bergwälder als locus amoenus im Gegensatz zur Hast und zur Rastlosigkeit der Städte, die Zwillinge, von denen eine ihr Pianistentalent einbüßt und fortan ihrer Schwester als Stimmerin zum bestmöglichen Musizieren verhelfen will.

Verblüffende neue Erkenntnisse prägen den jungen Klavierstimmer. 88 Sternbilder hatten die alten Griechen ans Firmament gezeichnet, indem sie Linien miteinander verbanden. 88 Tasten befinden sich auf dem Klavier. Stimmt es also, dass „Astronomie und Musik als Matrix der Welt“ gelten? Was berühmte Naturwissenschaftler verbindet, ist auch heute ihre Affinität und Virtuosität in der Musik: Albert Einstein war ein ausgezeichneter Violinist, Albert Schweitzer ein brillanter Pianist.

Die zahlreichen Sprachbilder dienen allerdings nicht nur der erzählerischen Ästhetik. Sie porträtieren aus der Monoperspektive des jungen Mannes ein Bild der japanischen Gesellschaftsstrukturen: Rituale, Umgangsformen, Arbeitsleben, Unterordnung, Bildungschancen, Tugenden, Brüche, Gesetzmäßigkeiten. Wagemut, Ausdauer, Kampfgeist und Disziplin, vereint mit einem on-the-job Lernen von 10.000 Stunden, einen Schritt nach dem anderen – das führt uns der bescheidene, aber ehrgeizige Tomura vor Augen.

Und da wäre ja noch – das Klavierstimmen. Die fachlichen Aspekte der 440 Hertz, der Kammerton a‘, den der Erzähler mit „dem Schrei eines Neugeborenen“ vergleicht, die Entwicklung des Instruments vor und nach Beethoven … das klingt für den Fachmann banal, aber für den interessierten Laien sehr interessant. Wer kennt schon die riskante Technik des Nadelns? Oder wer hätte gedacht, dass die Stellung der arretierten Kupferrollen des Flügels eine signifikante Auswirkung auf den Klang haben?

Wer sich dem sanften Sprachfluss und dem Klang der Wälder nicht nur anvertraut, sondern hingibt, erhascht Momente des Guten und Schönen. Tomura fühlte sich wie „ein verirrtes Kind auf der Suche nach dem Göttlichen“. Er findet die Musik.

Natsu Miyashita, Der Klang der Wälder, Insel Verlag 2021 (Aus dem Japanischen von Sabine Mangold)
Natsu Miyashita, Hitsuji to Hagane no Mori, Tokio 2015

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