Mozart In The Jungle

Die New Yorker Philharmoniker treten eine Konzertreise nach Südamerika an und landen auf dem abgelegenen Flughafen der Wasserfälle von Iguassú. Allerdings ohne Cello, Kontrabass und Konzertkleidung, die in großen Koffern am Flughafen von Sao Paolo blieben. Schubert, Villa-Lobos und Mozart stehen auf dem Programm – und nur mit acht Bläsern gerät Mozarts Serenade zu einem Spektakel. Stehende Ovationen inbegriffen.

Dieses Missgeschick mit überraschend gutem Ende schildert Blair Tindall in ihrer – im Boulevard würde es heißen schonungslosen – Autobiografie Mozart In The Jungle (2005). Den Untertitel „sex, drugs and classical music“ verbucht man am besten unter der Rubrik sex sells; auf jeden Fall führt er in die Irre, wenn der Verlag damit auf die Lifestyle Formel der Rockmusiker anspielt.

Ihre Lebensstellung mit Pensionskasse, Krankenversicherung und dem Platz der ersten Oboe hat sie im wahrsten Sinne des Wortes verspielt. Bei zwei auditions gelingt es ihr nicht, hinter einem dichten Vorhang verborgen, den richtigen Ton zu treffen. Und das, obwohl sie einigermaßen wohlwollend protegiert wird. Das wiederum hängt – aus ihren subjektiven Erfahrungen abgeleitet – davon ab, mit wem in welchem Bett Jobs vergeben werden. Dieses System nutzt sie aktiv und datet bis zu drei Männer gleichzeitig, um für sich die bestmöglichen Chancen herauszuholen.

Gleichzeitig schildert sie das Divenhafte der Oboe, insbesondere die Beschaffenheit des Rohrblatts. Kaum vorstellbar, wie viel Zeit und Expertise in das filigrane Schneiden der Blätter geht. Wie empfindlich das Blatt auf Raumtemperatur, Luftfeuchtigkeit und Aufbewahrung reagiert. Die Oboe und ihr Blatt sind unberechenbar, manchmal will auch dem Profi kein richtiger, geschweige denn ein guter Ton gelingen.

Selbstredend verlangt es ein hohes Maß an Professionalität, um überhaut zum Vorspielen bei der altehrwürdigsten der musikalischen Institutionen der USA eingeladen zu werden. Hier nimmt Blair Tindall den Leser an die Hand durch – für eine deutsche Leserschaft – schier undurchdringlichen Dschungel an Colleges, Arts and Music Schools bis hin zur berühmten Juilliard in New York. Wie viele zigtausend Dollar Schulden die Studierenden anhäufen … Denn öffentliche Hochschulen mit einer nahezu symbolhaften Selbstbeteiligung finden sich in den USA ebenso selten oder gar nicht wie öffentlich finanzierte Orchester, die an die jeweilige Kommune angebunden und abgesichert sind.

Faszinierend die Einblicke in die Finanzierung durch Sponsoren, die sich durch immense Zuwendungen an kulturelle Einrichtungen Steuererleichterungen in derselben Höhe verschaffen. Hier geht es also oft genug nicht um die Musik, sondern um gesellschaftliche Events, um Macht und Einfluss. Erstaunlich zu lesen, wie demütig Musikmanager bei board members antichambrieren, um die Besetzung einer Dirigentenstelle oder um das Budget für die nächste Spielzeit sicherzustellen. Bei den New York Philharmonics führte der Dissens in Versorgungsfragen so weit, dass das Orchester für mehr als sechs Wochen in den Streit trat. Mit Erfolg!

Tindall lässt die Leser teilhaben an den abgeranzten Wohnverhältnissen, dem New Yorker Allendale, wo die Kakerlakenplage noch das kleinste Problem ist. Sie schildert bitch fights und tiefe, freundschaftliche Anteilnahme, alternde Stars, die aus Kalkül eine Versorgungsehe eingehen, im Sterben alleingelassene Menschen, die auf der Bühne passé sind. Und daran, wie sie ein bread & butter Engagement im Musicalgraben (Miss Saigon und Les Misérables) annimmt, trotz der unsäglichen Verhältnisse und der „Degradierung“ von der Bühne ins dunkle Nichts.

Mit Mitte dreißig stellt sie fest, dass sie außer Musik über zero skills verfügt. In Mathematik reicht es kaum bis zum Dreisatz und zur Prozentrechnung, sodass sie nicht einmal die Zugangserfordernisse für ein College erfüllt. Aber mit teuer erkauftem Coaching, viel Geld für Kurse und einem konsequenten Ehrgeiz deckt sie verborgene Talente auf. Marketing & Journalismus seien vielversprechende Gebiete, auf denen sie ein normales Leben aufbauen könne. „I was in a narcissitic society that was stuck in the 19th century. At that moment, I gave myself permission to escape.“

Tagsüber im College, abends im Graben – so bereitet sie sich auf ihr neues Leben vor. Als Journalistin erfolgreich, verfasst sie sich ihre Autobiografie. In der Tat bleiben am Ende viele Fragen, die sich ein junger Mensch, beseelt von seinem Traumberuf, stellen sollte. Und: Deutsche Leser gleichen vermutlich ständig wie auf einer Folie Parallelen und gravierende Unterschiede zu den amerikanischen Verhältnissen ab.

Blair Tindalls Mozart In The Jungle liest sich gut und leicht; sie beherrscht ihr neues Metier souverän. Aber leider liegt es nur auf Englisch vor. Mir fiel es in die Hände, weil ich seit gut einem Jahr viel mehr TV schaue. Dort verleiten selbst mich zum binge watching die fünf Staffeln von Mozart In The Jungle (2014 – 2018). Die gute Nachricht? Die insgesamt 40 Episoden gibt es auch auf Deutsch bei amazon prime und auf DVD. Glänzend besetzt, preisgekrönt und sehr unterhaltsam überspitzt das visuelle Format die Buchvorlage.

Gänzlich neu hinzugefügt begeistert darin der Machtkampf zwischen dem alten Platzhirschen als Musikdirektor und Dirigent der New Yorker Philharmoniker (ein Brite!) und dem exaltierten, unkonventionellen, jungen mexikanischen Nachfolger, der sich wie ein moderner Eulenspiegel immer wieder selbst aus dem Schlamassel zieht. Hohes Tempo, schöne Schauplätze, eine sich sehr langsam entwickelnde Romanze … Stoff für gute Unterhaltung mit wunderbarer Musik.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist fu_3869-3.jpg.

Ich schreibe auch für andere. Alle Details zu den Angeboten in meiner Schreibwerkstatt findet ihr auf mechthildtillmann.de. Schaut gern mal rein!

2 comments

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  1. Nemorino

    When I went to high school in the USA there was a joke that we all found hilarious at the time: „An oboe is an ill wind that nobody blows good.“ (Based on a line from one of Shakespeare’s plays, I think.)

    Gefällt mir

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