Das Phantom der Oper – Die Opéra Garnier als Schauplatz des Schauerromans

Jeder kennt es, aber die wenigstens haben den Roman gelesen. Andrew Lloyd Webber hat ihm 1986 ein musikalisches Denkmal gesetzt und seit dem Musical Film von 2004 kennt die ganze Welt die Geschichte. Das Phantom geistert durch die prächtige Opéra Garnier in Paris, hat die Fantasie vieler Menschen beflügelt und deren Herzen berührt. Erfunden hat dieses Wesen der Schein- und Unterwelt Gaston Leroux, der 1910 mit seinen Roman Das Phantom der Oper den Boden für den sensationellen Erfolg des musikalischen Stücks bereitete.

Nahezu elektrisiert hat mich vor zwei Wochen eine Dokumentation auf arte.tv „Des Kaisers neue Oper“. Mit rasanten Kamerafahrten, die Einblick in die tiefsten Tiefen der fünf Untergeschosse gewähren, mit den Höhen und dem Fall Napoléon III, der das Werk in Auftrag gab, mit den Unbilden des Bauplatzes, mit den gesellschaftlichen und politischen Hintergründen, mit den Details zu Bautechnik und Finanzierung und mit den prunkvollen Treppen, Sälen und Durchgängen – da wurde TV Schauen zum Augen- und Hirnschmaus.

Warum siedelte nun Gaston Leroux seine Geschichte um das gefürchtete Phantom in diesem Prachtbau an, 35 Jahre nach seiner Fertigstellung? Vordergründig eine Liebesgeschichte um den verunstalteten Erik, der sich nie zeigt, aber als Strippenzieher in „seiner“ Oper wirkt. Er sorgt dafür, dass seine angebetete Christine die Hauptrolle in Gounods Faust singt, indem er Carlotta, der aktuellen Primadonna, ein Gurgelwasser servieren lässt, das sie wie eine Kröte quaken lässt. Desaster! Er erpresst die neuen Opernchefs, ihm die Loge Nr. 5 immer freizuhalten und ihm obendrein eine sehr üppige Apanage zu zahlen. Dazu wendet er durchaus Gewalt an und nimmt Tote in Kauf.

Die Loge Nr. 5 hat sich zum Touristenmagneten entwickelt – wer das Garnier besichtigt, kommt an einem Blick hinter diese Tür nicht vorbei. Und Faust als Projektionsfläche für die Ereignisse erweist sich als gekonnter Schachzug. Erik, das Phantom, lebt ungesehen in der Unterwelt, in die er auch Christine entführt. Er ist ein Meister der Falltüren und der Spiegelkabinette, ein Experte der Vexierspiele. Und das Gretchen findet sich nach Fehltritt und Kindsmord ebenfalls im dunklen Verließ wieder. Aber wir kennen den Engelschor: „Sie ist gerichtet! Ist gerettet!

Gibt es für Christine, das Mädchen mit einer Stimme so rein wie sein Herz, eine Rettung? Gewiss, sie naht in Gestalt des Jugendfreundes Vicomte Raoul de Chagny, mit dem sie sich zu heißen Liebesschwüren auf den Dächern der Opéra Garnier trifft. Klare Rollen- und Ortsteilung, ließe sich vermuten. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Denn Erik hat Christine quasi als voice coach und als „Engel der Musik“ zu ihrem professionellen Erfolg geführt. Er verfügt über eine überirdische Verführungskraft, denn in der Engelsmusik lebt Christines Vater weiter, den sie über alles liebte.

Nun, die Geschichte geht gut aus. Aber wie gesagt – die Geschichte macht nur einen Teil des Romans aus. Minutiös hält sich Leroux an die tatsächlichen baulichen Gegebenheiten. Die Leser folgen ihm den Pferdestall, aus dem ein Schimmel gestohlen wurde. Die ganze tierische Menagerie findet ihren Platz in einem der fünf Untergeschosse. Erik paddelt über seinen See auf dem Grund des Bauwerks – fünf Etagen und viele Meter tief. Auch das verbürgt, denn Garnier, der geniale Architekt der Oper, setzte die gesamte Konstruktion in eine Betonwanne und hielt mit einer meterdicken Doppelwand das Gebäude stabil und vor weiterem Wassereinfall geschützt.

Ein Mord auf dem Schnürboden, der tödliche Absturz des gigantischen Kristalllüsters, Garniers Abneigung gegen Stahl und die ästhetische Verkleidung allen Metalls mit Marmor und Stein – all das findet sich im Roman wieder. Ein hübsches nice-to-know: In der Zeit entwickelt sich der Begriff „Kulisse“. Das französische Wort coulisse bedeutet Rinne oder Schiebetür. Also wurden die Bühnen“bilder“ auf verschiedenen Ebenen nach rechts und links bei Bedarf verschoben, was Garnier natürlich in der Planung vorgesehen hatte. Dafür braucht man Platz!

Imposant die Anordnung der Säle, am interessanten sicher die Schilderung des Foyer de la Danse. Dort fanden sich in den Pausen wie zufällig die Ballettratten ein und brachten sich in Pose. Häufig waren es die Mütter, die dann als Kupplerin für die adligen Herren fungierten. In den meisten Fällen wurde nach dem Ende der Tanzkarriere daraus für die Mädchen ein Beruf: die Prostitution. Die hemdsärmelige Inkompetenz der Theaterleitung und die Bestechlichkeit der Logenschließerinnen, die Intrigen und die Amouren der adlig-großbürgerlichen Gesellschaft bilden liebevoll entwickelte Details des Theaterlebens.

Aber Leroux ist ein Kind und ein Autor seiner Zeit. Gut 10 Jahre nach Arthur Connan Doyles erstem Sherlock-Holmes-Roman schreibt er mit ähnlichen Elementen. Als Ich-Erzähler fügt er wissenschaftliche Untersuchungen bei, ebenso wie Briefe, Dokumente, Zeugenaussagen und Wahrheitsbekundungen, sodass er in der Einleitung beteuert: „Das Phantom hat wirklich existiert.“ Gleichzeitig lässt er das Phantom immer wieder durch Spiegel gehen, an mehreren Orten gleichzeitig sein, verweist ihn in die Welt der Schatten, des Unheimlichen. Ein literarischer Spagat, indem er also die Elemente des Schauerromans, der gut 70 Jahre früher mit Edgar Allen Poe populär war, mit den wissenschaftlichen Methoden der eigenen Zeit kombiniert. Gut gelungen!

Mein Corona-Cross-Culture Tipp, der die Oper in unterschiedlichen Genres beleuchtet. Zuerst hier auf arte.tv die hervorragende Doku über die Opéra Garnier anschauen. Dann den Roman von Gaston Leroux Das Phantom der Oper lesen. Stoff für ein paar schöne Stunden im Lesesessel. Dann den Musical Film anschauen. Ein bisschen Kitsch tut manchmal gut. Weichzeichner und Filter verleihen dem Ganzen einen Engelshauch, neben dem alle Sisi-Filme wie sozialkritische Studien nach August Sander wirken. Und ja, Webbers Orgelcrescendo in dramatischen Szenen ist legendär. Da schließt der Opernenthusiast für ein paar Takte die Ohren.

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