Sibiriens vergessene Klaviere – eine Reise ans Ende der Welt

Als sie in London ihr russisches Visum beantragte, gab sie im Konsulat wahrheitsgemäß Auskunft über den Grund ihrer Reise: „Ich suche Klaviere in Sibirien.“ Man hielt sie für verrückt, aber es erfolgte dennoch der Eintrag im Pass. Und so begann die zweijährige Reise der britischen Journalistin und Reisereporterin Sophy Roberts in das Land hinter dem Ural. Sie erforschte diese terra incognita bis zum finis mundi – wie sie es selbst nennt. Ein Abenteuer, ein road movie in Worten, in dem sie das unbekannte Land von Sankt Petersburg bis zum Ende der Welt bereist – auf der Suche nach Sibiriens „lost pianos“.

Unendliche Weiten, tausende Kilometer Tundra und Taiga, Baikalsee und Altaigebirge, Ochotskisches Meer und arktischer Ozean durchmisst Sophy Roberts, getrieben und beseelt von der Idee, Klaviere in den entlegensten Winkeln Sibiriens aufzuspüren. Das tatarische Wort sibir liegt vermutlich etymologisch dem Namen dieses unermesslichen großen Landes auf der Nordhalbkugel zugrunde: schlafendes Land.

Sowohl Katharina die Große als auch Lenin – zwei Antipoden der russischen Geschichte – förderten die kulturelle Bildung in den unzugänglichen Gebieten des Riesenreichs. Den Rahmen für die Schatzsuche bildet Roberts‘ Wunsch, für die außerordentlich talentierte Pianistin Odgerel Sampilnorov im Norden der Mongolei einen Konzertflügel zu organisieren. Auch inspiriert von Daniel Mansons Roman Der Klavierstimmer ihrer Majestät formuliert sie ihr Ziel: Wir müssen für Odgerel eins von Sibiriens vergessenen Klaviere finden.

Weil es nicht zum Spannendsten in diesem großartigen Reise- und Forschungsbericht gehört, hier gleich das Ende vorweggenommen. Mit der Hilfe einiger wunderbarer Menschen gelingt es, ein aufgestöbertes „baby grand piano“, einen Stutzflügel der Marke Grotrian-Steinweg, mit deutschen Ersatzteilen zu überarbeiten. Die junge Mongolin spielt darauf ihr erstes Konzert. „Dies war Musik in Vollendung: intim, rein, wahrhaftig. Russisch, deutsch, mongolisch … die Musik floss so leicht, als ob sie eine edle Wahrheit entdeckte, an die wir alle glaubten. (…) Die ganze Suche vollendete sich in diesem Augenblick: Dass die Menschen eine tiefe Sehnsucht nach dem Selben spüren: Harmonie, Schönheit, Werte – eine wirklich mächtige Weltanschauung.“

Sophy Roberts verfügt über ein bemerkenswertes Geschick, ihr Reisejournal mit einer unglaublichen, aber unaufdringlichen Fülle an historischen, sozialen und handwerklichen Details zu bereichern. Die Vorzüge der Klaviere vom Pianoforte des Medici-Musikers Bartolomeo Cristofori bis zu den klangmächtigsten Konzertflügel der Firmen Bechstein, Blüthner, Becker, Clementi, Broadwood, Ibach, Mühlbach, Stürzwage, Steinway, Steinweg-Grotrian, Tompkinson und Zumpe erläutert sie en passant. Vom metallenen Rahmen über die Filzhämmer, die Signatur und das Spalten des Klangbretts stellt sie mit leichter Hand das Handwerk, die Tricks und Kniffe und die Pflege der empfindlichen Instrumente dar.

Sophy Roberts
Photo courtesy © Michael Turek

Gleichzeitig wird die russische Geschichten in ihrer feudalen Herrlichkeit genauso wie die unerbittliche Härte der Verbannung und der Leibeigenschaft lebendig. Ohne Huldigung oder Schwärmerei erzählt sie von den Zeiten, als ein Klavier ein galantes Geschenk an eine Dame war, genauso wie sie ohne Hass oder Rührseligkeit das Elend der Verurteilten in den berüchtigten Straflagern schildert. Das birgt auch Skurriles und wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf den Stellenwert von Musik, wenn die Gattin eines Dezembristen ein Klavier unter dem Fell ihres Schlittens über mehrere tausend Kilometer mit sich führt.

Sie flicht die herausragenden Komponisten und deren Affinität zu Sibirien ebenso ein wie die Literaten verschiedener Epochen. Anton Tschechov, Sviatoslav Richter, Modest Mussorgsky, Alexander Solschenizyn, Peter Tschaikowsky, Dimitri Schostakowitsch, Nikolai Rubinstein, Alexander Pushkin – ein Streifzug durch die Kulturgeschichte mit nie gelesenen und darum faszinierenden Details und Anekdoten. Die Geschichte vom grausamen Ende der Romanows findet ebenso Eingang wie die Politik nach dem Ende des 1. Weltkriegs. Von dem unendlichen Leid während der Belagerung Leningrads über die Säuberungsaktionen unter Stalin, bis zur Auflösung der UdSSR – ein Kompendium russischer Geschichte.

In diesen mitreißenden Sog fließen ganz natürlich die Begegnungen mit den außergewöhnlichsten Menschen ein. Alle Völkerstämme des sibirischen Ostens sind für ihr stille Art und Verschwiegenheit bekannt. Hinzu gesellt sich – historisch geprägt – die Skepsis gegenüber Menschen, die viel fragen. Beim Tee, beim Fischessen, beim Vodka treten dann doch Erinnerungen zutage, die die Autorin zum nächsten Kontakt führen, zu weiteren bis dato verschlossenen Türen.

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Selbstverständlich gab es Unbilden aller Art. Allen voran die Mückenplage im Sommer; von den unzähligen Stichen lief selbst Pferden das Blut am Körper hinab. Fein tariert sie die Waage zwischen emotional aufwühlenden, aufregenden Erlebnissen und lakonischen Berichten aus. Erfreulich wenig gibt Sophy Roberts über die eigenen physischen Entbehrungen preis. Ob Bergtour, Schnee-Exploration, Expedition auf dem Schiff bei eisiger, rauer See – sie hat es geschafft und das ist das Einzige, was zählt. Das halte ich für ein Hauptverdienst ihres grandiosen Schreibstils: never explain, never complain. Very British!

Sibiriens vergessenen Klavieren erweist Sophy Roberts einen großartigen Dienst. Mit ihren Schilderungen erweckt sie die Instrumente – in ihrer Fragilität genauso wie in ihrer Virtuosität – zu neuem Leben. Damit ihre westlichen Leser im Geiste „mitgehen“ können, stellt sie jedem Kapitel, je einer entlegenen Region mit ganz eigener Bevölkerung, eine Landkarte voran. So hinterlässt sie einen Kompass für ein auf den ersten Blick lebensfeindliches Land, das sich entpuppt als „eine sprudelnde Quelle der Kultur, der Menschlichkeit und des moralischen Muts.“

Michael Turek hat Sophy Roberts auf ihren Reisen in Sibirien begleitet. Hier drei Minuten Impressionen.
https://www.youtube.com/watch?v=Kd-8ZlwmzKk

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Er hat ebenfalls einen Bildband dazu gestaltet.

Während ich noch der Faszination von Sophy Roberts Reise nach Sibirien erliege, erscheint in der ZEIT vom 14. Januar 2021 die Rezension des Romans Das Verschwinden der Erde von Julia Phillips, dessen Schauplatz im sibirischen Kamtschatka angesiedelt ist. Ein „wunderreiches Debüt“ heißt es dort. Ich bin gespannt – Sibirien hat mich nun literarisch gefesselt.

Zu dem wunderbaren Buch der Reisereporterin Sophy Roberts und dem vermutlich spannenden Roman der Schriftstellerin Julia Phillips gesellt sich mein Schreibgeschick. Auf meiner Website mechthildtillmann.de finden sich alle Details zu den Angeboten aus meiner Schreibwerkstatt. Schauen Sie gern mal rein!

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