Year of Wonder – ein musikalischer Begleiter durch das Jahr

Eine Schatzkiste, ein Tresor, ein Überraschungspaket – als all‘ das und noch mehr entpuppt sich der musikalische Almanach Year of Wonder. Die britische Musikjournalistin Clemency Burton-Hill spielt selber ausgezeichnet Geige und verfügt über ein sensationelles Talent, ihre eigene Begeisterung für klassische Musik zu vermitteln. Wie schafft sie es, dass der Funke so glühend überspringt?

Die Autorin versetzt ihr Publikum in die freudige Erwartungshaltung von Kindern, die mit jedem Türchen, das sie öffnen, dem Weihnachtsfest und den Geschenken immer näher kommen. Ein literamusikalischer Adventskalender gleichermaßen. Auf 446 Seiten entfaltet die äußerst sachkundige Autorin ein Kaleidoskop an musikalischem Wissen. An jedem Tag des Jahres – oft am Geburts- oder Todestag, am Datum der Premiere oder eines Jubiläums – stellt sie einzelne Musikschaffende und deren Werke vor.

Dabei lässt sie sich von ihren Vorlieben leiten, mäandert durch alle Epochen, alle Stile, viele Instrumente. Sie stellt Bezüge her und erläutert Beziehungen – und das in einer fabelhaft anschaulichen Sprache. Bachs Gehirn vergleicht sie mit einem Supercomputer, seine Arbeit als Blaupause für alles, was kompositorisch nach ihm kam. Chopin war ihr zufolge der erste Superstar, Schuberts An die Musik „sei nichts hinzuzufügen.“

Clemency Burton-Hill hat den erklärten Plan, die Diversität im Musikgeschehen breit aufzufächern: 40 Komponistinnen stellt sie vor, Menschen mit allen Hautfarben, aus allen Facetten der LGBTQ-Community, eine große Zahl an zeitgenössischen Musikerinnen und Musikern, viel an Kirchenmusik, die aus dem Seelenhunger nach Zauber und höheren Sphären entstand – kurz das ganze menschliche Leben in Musik gekleidet. Ihr Buch nennt sie einen Klangführer durch das Jahr.

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Foto © Diogenes Verlag

Aber – hier irrt die deutsche Übersetzung des Titels – sie hat ein Buch voller Überraschungen verfasst, keines über Wunder. Sie verblüfft mit profunder Sachkenntnis und wertschätzenden Urteilen. Wem verdanken wir das concerto grosso? Wer kennt den Lautisten Johannes Hieronymus Kapsberger? Wer überhöhte das emotionale Drama seiner Opern mit der Solo-Klarinette? Was wissen wir über Morten Lauridsen, bei dem Musik und Poesie Hand in Hand gehen? Welche Frau komponierte als erste eine Oper? Was vertonte die australische Komponistin Elena Kats-Chernin, was Florence Price? Warum war es heikel, Soli für Blechbläser zu schreiben? Welche Traummusik steuerte der Waliser Giraldus Cambresis bei?

Natürlich finden alle Protagonisten des klassischen Musikkanons ihren Platz in dieser Jahresanthologie. Bach, Beethoven, Bruch, Clara, Corelli, Chopin, Mozart, Mozart, Mozart, Poulenc, Piazzola, Schubert, Schostakowitsch, Scriabin – to name but a few. Burton-Hill stellt sie in den historischen Zusammenhang ihrer Epoche, erzählt von gesellschaftlichen Verhältnissen, von den Chancen und Hindernissen ihres Musikerlebens, der Aufführungspraxis und den Instrumenten. Ein paar Minuten Musikgeschichte jeden Tag.

Wer mal reinschnuppern möchte, findet hier eine üppige Leseprobe. Aber wie wäre es mit ein wenig Snobismus? Dann gönnen Sie sich den Enthusiasmus, die ausgebildete Stimme und das feinste Queen’s English der Autorin und genießen Sie das passende Hörbuch im englischen Original. Burton-Hills Credo: Die Komponisten strecken ihre Hand aus und machen uns ihre Musik als wahren Schatz zum Geschenk. Ihre eigene Begeisterung über die Vielfalt und die Kraft der Musik to connect and to communicate kommt beim Hören einfach an, auch beim interessierten Klassik-Neuling.

Apropos hören. So gut recherchiert und so brillant geschrieben und vorgetragen die Tageshappen sind – richtig rund wird das Vergnügen erst, wenn wir uns die Stücke auch akustisch zu Gemüte führen. Auf der spotify playlist finden sich alle musikalischen Amuse-Gueules.

Fazit: Ein Buch, das einen selbst erfreut und alle, die klassische Musik lieben.

Clemency Burton-Hill, Ein Jahr voller Wunder, Diogenes Verlag 2019
Clemency Burton-Hill, Year of Wonder, Classical Music for Every Day, 2017

Ein P.S. in eigener Sache.
Vor ein paar Tagen habe ich meine Schreibwerkstatt eröffnet. Auf mechthildtillmann.de finden sich alle Informationen zu meinem Service „Ich schreibe, was Sie sagen wollen.“ Schauen Sie gern mal rein.

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